Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Murray Rothbard und Max Weber: Die Ethik der Freiheit als Verantwortungsethik

von Gérard Bökenkamp

Über den Graben zwischen Anspruch und Wirklichkeit und seine Überbrückung

11. November 2009

Murray Rothbard gelang im Rückgriff auf den Naturrechtsliberalismus von John Locke in seiner „Ethik der Freiheit“ ein großer Wurf. Er überwandt die utilitaristische Position und erneuerte die Idee der Freiheit als Naturrecht auf Selbstbesitz, Eigentum und Vertragsfreiheit. Seine intellektuelle Radikalität ist die logische Schlussfolgerung der liberalen Staatskritik. Mit dieser Konsequenz hat Rothbard aber auch ein Dilemma geschaffen. Dieses besteht in der offenen Frage, wie der hohe ethische Anspruch in die Praxis umgesetzt werden soll. Wie kann man als praktische Politik machen, wenn man auf philosophischer Ebene eigentlich das Politische an sich ablehnt. Wie kann man an die Ethik der Freiheit glauben ohne zu resignieren oder in Schizophrenie zu leben, wenn man Einsicht in die – wie ich meine – durchaus unüberwindbaren Mechanismen der Politik gewinnt?

Rothbard verwies wie Ludwig von Mises auf die Kraft der Ideen. Als politische Strategie ist dieser Ansatz nicht tragfähig. Ideen sind mächtig, aber sie sind nicht allmächtig. Wenn eine philosophische Idee mit einem politischen Interesse in Konflikt gerät, dann sieht es fast immer schlecht aus – für die philosophische Idee. Grundsätzlich stellt sich also für jeden Idealisten in der Politik die Frage, wie kann er sich politisch betätigen, ohne seinen Idealen untreu zu werden. Wie kann er seinen Idealen treu bleiben, ohne jede Chance auf politische Wirksamkeit zu verlieren. Muss man sich entweder von seinen Idealen oder der Realität verabschieden?

Im folgenden Abschnitt soll der Versuch gewagt werden, diesen Gordischen Knoten zu lockern. Es stellt sich die Frage, kann man Anhänger der konsequenten Form der Liberalismus und der liberalen Ethik sein und trotzdem Realist? Oder muss man auf Hegel zurückgreifen, der auf die Widersprüche zwischen seinem System und der Wirklichkeit hingewiesen, geantwortet haben soll: „Um so schlimmer für die Wirklichkeit“?

Murray Rothbard hat mit seiner „Ethik der Freiheit“ in gewisser Weise den Endpunkt einer logischen Entwicklung gesetzt. Jedes große System beruht auf wenigen Pfeilern. Jedes in sich geschlossene philosophische System auf wenigen Prinzipien. Dass jeder Mensch sich selbst gehört und das Recht besitzt, Eigentum zu erwerben, es für sich zu verwenden, mit anderen Verträge zu schließen und niemand das Recht besitzt gegen andere Gewalt auszuüben, ist für sich genommen ein so schlüssiges System, das dem eigentlich nichts hinzugefügt werden müsste.

Man mag mit der einen oder anderen Schlussfolgerung von Rothbard nicht übereinstimmen, aber grundsätzlich lässt sich mit diesen System fast immer eine Antwort auf die Frage finden, ob eine Handlung mit der Ethik der Freiheit vereinbar ist oder nicht. Damit hat Rothbard eine moralphilosophische Meisterleistung erbracht, aber auch ein politisches Dilemma hinterlassen. Denn gerade diese Form von Konsequenz und Logik hat den Graben zwischen dem ethischen Anspruch und der praktischen Politik sehr groß werden lassen. Denn wie müsste die Welt aussehen, die Rothbards System genügen würde?

Diesem Ideal entspricht eine Welt, in der jeder einzelne Mensch Herr seiner selbst und seines Eigentums wäre, in der Raub durch Handel, und Zwang durch Verträge ersetzt würden. Es gäbe keinen Staat und keine Staatsgrenzen, sondern nur freiwillige Zusammenschlüsse, das Antiaggressionsgebot gälte faktisch absolut und würde nicht in Frage gestellt. Zwang wäre durch Freiwilligkeit und Gewalt durch den Austausch von Gütern ersetzt. In dieser Welt wären Ethik und soziales Handeln faktisch identisch und damit jedes politische Handlungsdilemma, ja die Politik selbst aufgehoben.

Dieser Zustand wäre in der Tat das „Ende der Geschichte“, um einen Begriff von Francis Fukuyama zu gebrauchen. Aber ein Ende der Geschichte gibt es nicht. Eine solche Welt wäre nur dann möglich, wenn Ethik der Leitfaden des menschlichen Handelns wäre. Wenn alle oder die große Mehrheit der Menschen und besonders auch die Mächtigen die „Ethik der Freiheit“ anerkennen und sich danach richteten. Ein Blick in die Geschichtsbücher von Thukydides bis Leopold von Ranke oder in eine Tageszeitung von heute zeigt, dass diese Prinzipien faktisch permanent verletzt werden und wenig spricht dafür, dass das in der Zukunft anders sein wird. Das ist unendlich kritisierbar, aber nur in einem sehr begrenzten Maß zu ändern. Indem man es versucht zu ändern und mehr Freiheit erreichen will, kommt man fast zwangsläufig in die Situation, von der reinen Lehre abzufallen.

Denn die Kritik der reinen Lehre an der politischen Wirklichkeit ist fast immer berechtigt, bloß gibt es kaum eine Chance, sich erfolgversprechend für mehr Freiheit zu engagieren, ohne selbst unter diese Kritik zu fallen. Damit hat sich der Liberalismus Rothbardscher Prägung in eine Festung eingeschlossen, in die man zwar argumentativ nicht hinein kommt, aber aus der man auch praktisch nicht wieder herauskommt. Denn was hilft alle Kritik, wenn sie diejenigen, die sie erreichen soll, gar nicht hören wollen.

In einer vollkommenen Welt braucht man keine Lösungen für Probleme. In einer unvollkommenen Welt gibt es auch nur unvollkommene Lösungen. So erklärt sich auch der Streit zwischen den Anhängern der Anarchie im Sinne von Rothbard und den Anhängern des liberalen Minimalstaates, der sich auf innere und äußere Sicherheit beschränken soll. Der Gegensatz zwischen beiden Richtungen, den Anhängern der liberalen Anarchie und des liberalen Minimalstaates ist oberflächlich. Denn die Minimalstaatler sind nicht deshalb Kritiker der absoluten Freiheit, weil sie sie für nicht wünschbar, sondern weil sie sie für nicht möglich halten.

Dass eine solche absolute Freiheit, also gewissermaßen eine auf Eigentum beruhende Anarchie utopisch und nicht realistisch ist, ist völlig richtig. Aber die Vorstellung von einem Minimalstaat, der sich auf Justiz und Landesverteidigung beschränkt und darüber hinaus den Bürger in Ruhe lässt und nicht die Tendenz hat, immer mehr Kompetenzen an sich zu ziehen, ist ebenfalls utopisch. Ein Staat, der sich selbst beschränkt oder ein Zustand, in dem es keine Zwangsgewalt gibt, unterscheiden sich nicht wesentlich in ihrer utopischen Qualität. (Allerdings ist der Minimalstaat rhetorisch hierzulande besser vermittelbar).

Um sich nicht in den Grabenkämpfen dieser Konflikte zu verlieren, sollte man sich einfach Folgendes vergegenwärtigen. Es handelt sich bei der Ethik der Freiheit eben nicht um eine Geschichtsphilosophie und nicht um ein politisches Programm, sondern eben um ein ethisches System. Das unterscheidet die Ethik der Freiheit im Übrigen vom historischen Materialismus von Karl Marx, der ein klar umrissenen historischen Prozess zu einem historischen Ziel und Endpunkt umfasst.  Wenn man von dieser Feststellung, dass wir es mit einem ethischen System zu tun haben und nicht mit Geschichtsphilosophie, seinen Ausgangspunkt nimmt, lösen sich viele Gegensätze und auch Kritik am Libertarismus ob seines utopischen Gehaltes in Nichts auf. Denn der Vorwurf gegen die „Ethik der Freiheit“, in der realen Welt nicht verwirklichbar zu sein, trifft jedes ethische System.

Egal ob es sich um die Menschenrechte, die christliche Ethik, die soziale Gerechtigkeit oder den kategorischen Imperativ handelt, keines dieser ethischen Systeme hat die Chance, überall und vollkommen und für alle Zeit verwirklicht zu werden. Es hat noch nie einen Ort oder eine Zeit gegeben, in der ethischer Anspruch und soziale und politische Wirklichkeit identisch gewesen wären. Dass es aber die Einheit von Sein und Sollen in der Wirklichkeit nicht gibt, heißt nicht, dass man auf Normen verzichten kann, die die Richtung vorgeben. Ein Beispiel: Die Bergpredigt besitzt ohne Zweifel utopischen Gehalt und wann hätte im christlichen Mittelalter ein Herrscher je erfreut die andere Wange hingehalten oder seinen Feind geliebt, aber ohne Zweifel war die Bergpredigt ein prägendes Element des christlichen Abendlandes.

Wenn wir einmal zu der Erkenntnis zurückgekehrt sind, dass es sich bei den Freiheitsprinzipien im Kern um eine Ethik handelt und dass eine Ethik seine Gültigkeit nicht aus der historischen Praxis bezieht, sondern aus sich selbst heraus Gültigkeit beanspruchen kann, dann können wir – wenigstens auf philosophischer Ebene – den Widerspruch von Ideal und Praxis überwinden.

An diesem Punkt  kann man auf den Ansatz des deutschen Soziologen Max Weber zurückgreifen, der sich mit der Frage der Anwendbarkeit der Ethik unter den Zwängen des des politischen Lebens in seinem Buch „Politik als Beruf“ auseinandergesetzt hat. Er selbst hat keine Ethik begründet, aber zwei Formen des Umgangs mit Ethik herausgearbeitet. Max Weber unterscheidet zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Die Gesinnungsethik zielt auf die Regel selbst, die Verantwortungsethik zielt auf die Folgen einer Handlung.

Über den Gesinnungsethiker schreibt Weber, der Gesinnungsethiker ertrage die  ethische Irrationalität der Welt nicht. Er sei ein kosmisch-ethischer Rationalist. Er fordert die Einhaltung der Regeln, unabhängig davon, welche Konsequenzen dieses zeitigen wird. Der Verantwortungsethiker beurteilt hingegen eine Handlung auch nach ihren Konsequenzen und Weber macht keinen Hehl daraus, dass er der Verantwortungsethik aufgrund ihrer größeren Realitätsnähe den Vorzug gibt.

Die Webersche Betrachtung der Verantwortungsethik ist auch auf die Ethik der Freiheit anwendbar, was zu einer sehr fruchtbaren Synthese führen kann. Die Webersche Komponente besteht darin, eine Handlung nach ihren Folgen in einer konkreten Situation zu beurteilen. Die Rothbardsche Komponente besteht darin,  die Folgen einer Handlung nach den Prinzipien zu beurteilen, die dieser in „Ethik der Freiheit“ formuliert hat.

Auf diese Weise kann das Dilemma, vor das uns Rothbard gestellt hat, überwunden werden, ohne dass die Grundidee einer absoluten und aus dem Naturrecht begründeten Freiheit aufgegeben werden müsste. Oder wie Detmar Doering es in seinem Traktat über Freiheit ausdrückt, die „anarchistische Hypothese“ ist eine notwendige Annahme der Moralphilosophie. Die Frage lautet dann: Ist eine Handlung einer Person im Rahmen seiner Möglichkeiten unter den gegebenen historischen, politischen, sozialen, psychologischen und anderen Umständen dazu angetan, diese Prinzipen zu fördern oder nicht?

Der Ausgangspunkt bei dieser Betrachtung ist das Individuum. Viele politische Entwürfe haben den grundsätzlichen Fehler, ihre Forderung nicht an das Individuum zu richten und von den Möglichkeiten des Einzelnen auszugehen, sondern an ein imaginäres Ganzes. Handeln setzt immer Einzelpersonen voraus, die handeln, um damit etwas zu erreichen.  Bei jeder ethischen Forderung, die man an andere, aber auch an sich selbst stellt, muss man sich fragen, ob diese Forderung von dem Adressaten auch umsetzbar ist. Eine ethische Forderung kann nicht weiter gehen als die theoretisch vorhandene Möglichkeit eines Individuums oder einer Anzahl von Individuen, sie tatsächlich zu erfüllen.

Was möglich ist, lässt sich aber nur anhand der Analyse einer konkreten Situation unter der Bedingung begrenzter Handlungsoptionen ermitteln. Die Handlungsspielräume jedes Individuums sind begrenzt. Individuen handeln nicht im luftleeren Raum, sondern unter konkreten Bedingungen. Erreicht werden kann nur, was erreicht werden kann. Diese Aussage ist tautologisch und deshalb nicht bestreitbar. Die ethische Forderung an den Einzelnen muss sich also an den realen Möglichkeiten des Einzelnen ausrichten. Insoweit bedeutet die Synthese von Rothbards Ethik der Freiheit mit der Verantwortungsethik nicht die Abkehr vom Prinzip der Freiheit, sondern die Ergänzung einer individualistischen Ethik mit einer individualistischen Methodik.

Rothbard selbst hat mit seiner „Strategietheorie“ der Freiheit selbst einen Wink in diese Richtung gegeben. Er schreibt: „Der Liberale sollte eine Person sein, die einen Knopf zu unverzüglichen Abschaffung aller Verletzungen der Freiheit drücken würde, wenn dieser Knopf zur existierte.“ Rothbard räumt aber ein, dass es einen solchen Knopf nicht gibt und wohl auch niemals geben werde. Daher forderte er für die Freiheit die effizientesten Mittel zu finden, um diesem Ziel wenigstens nahe zu kommen.

Keine Situation ist so schlecht, als dass man nicht noch das Beste daraus machen könnte, keine Gesellschaft so verstockt, als dass sich nicht noch mehr Anhänger der Freiheit gewinnen ließen und keine politische Lage so verfahren, als dass nicht Reformen möglich wären, die den Menschen mehr Entfaltung und zusätzliche Entscheidungsoptionen, also mehr Freiheit ermöglichen. Eine konstruktive Handlung ist immer besser als eine destruktive Kritik, ein konkretes Projekt, das darauf abzielt, die Freiheit zu vergrößern, ist mehr als jede utopische Forderung, die nicht mit Anstrengung und Arbeit verbunden ist.

Es muss quasi eine Brücke errichtet werden zwischen dem ethischen Anspruch nach absoluter Freiheit und der politischen Realität unserer Gegenwart. Dies kann gelingen durch das von Max Weber entwickelte Konzept der Verantwortungsethik. Sie macht es möglich, entsprechend der eigenen Möglichkeiten zu handeln ohne sich von der Idee absoluter Freiheit zu lösen. Dies bedeutet für jeden Einzelnen, der sich der Freiheit verpflichtet fühlt, in jeder konkreten Situation sich so weitgehend für die Freiheit einzusetzen, wie es seine Kräfte unter den gegebenen Bedingungen zulassen und dies durch die zu erwartenden Konsequenzen gerechtfertigt erscheint. Mehr kann man nicht verlangen.

Mit der Verknüpfung der ethischen Forderung mit der praktischen Möglichkeit jedes Einzelnen im Sinne der Freiheit zu handeln, gelingt quasi die Quadratur des Kreises. Auf diese Weise kann der Weg freigemacht werden, um die individualistische Ethik in die philosophische und politische Auseinandersetzung zu tragen, ohne dabei der Gefahr des Utopismus zu erliegen.

Anmerkung

Dieser Beitrag ist eine Zusammenfassung der Rede „Der Libertarismus zwischen ethischem Anspruch und politischer Realität“, die der Autor am 31.10.2009 auf dem Bayerischen Landestreffen der Libertären Plattform in Bamberg gehalten hat..

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