01. Dezember 2009

Philosophische Praxis (Vol. 37) Über die Freiheit

Die Idee des Postamts ist den Schimpansen ein Gräuel, den Menschen nicht

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelang es Jane Goodall, einer abenteuerlustigen und romantisch veranlagten Engländerin, die These Darwins von der Abstammung des Menschen zu vertiefen. Dazu schlug Goodall ihre Zelte in Afrika auf und beäugte eine Gruppe von Schimpansen, die in saftigen, mit Büschen durchsetzten Wiesen am Waldesrand lebte. Anfangs fand die Beäugung bloß aus der Ferne, mit dem Feldstecher von einem Hügel aus statt, später dann, als sich die felligen Wesen an sie gewöhnten, aus nächster Nähe. Bald gingen berückende Bilder via National Geographic rund um die Welt.

Nach und nach lernte Goodall diese Wesen auch näher kennen, durfte gesenkten Hauptes bei ihnen sitzen, begleitete sie auf Streifzügen durch den Wald, so dass sie deren Verhalten minutiös beschreiben konnte. Die zahlreichen und bedeutsamen Details, die so über Jahrzehnte hindurch ans Licht kamen, verschafften ihr zunehmend den Eindruck, es im Grunde mit Menschen zu tun haben, die eben bloß noch keine wirklichen Menschen waren. Die unbekannte Welt, die sich tagtäglich vor ihr auftat, erschien ihr als ein magisches Fenster, durch das sich in die Urgeschichte blicken ließ.

Spektakulär war gleich eine ihrer ersten Entdeckungen, nämlich dass Schimpansen Werkzeuge benutzen, um Leckerbissen wie Termiten zu fangen. Ein paar Jahre später konnte sie dann nachweisen, dass Schimpansen auch kulturfremde Gegenstände zum eigenen Vorteil verwenden. Schockierend war dann die erste Beobachtung eines Krieges unter Schimpansengruppen, der zu zahlreichen Toten führte, die auch verspeist wurden. Goodall konnte nachweisen, dass Schimpansen monogame Kurzzeitbeziehungen führen, verwaiste Jungtiere adoptieren und dass erkrankte Tiere medizinisch wirksame Pflanzen nutzen.

Ganz erstaunlich war die Beobachtung, dass Schimpansen einander die Hand geben und sich auch gelegentlich auf die Schultern klopfen, aus ganz ähnlichen Gründen wie wir es tun. Noch erstaunlicher war, dass die gesamte Gruppe zu gewissen Zeiten einen kleinen Teich mit einem bezaubernden Wasserfall aufsuchte, obwohl Schimpansen niemals aus Teichen trinken und auch niemals schwimmen oder baden, und dass sie sich rund um diesen Teich setzten, Schulter an Schulter, mit Blick auf den Wasserfall, und dabei wiegende Bewegungen machten.

Heute meinen wir zu wissen, dass sich der genetische Unterschied zwischen uns und den Schimpansen auf etwa ein Prozent beläuft. Und worin liegt dieses Prozent? In der Beherrschung der Sprache? Die meisten Menschen beherrschen ihre Sprache nicht. In der Behaarung? Und warum ist wohl der Rasierer erfunden worden? Wahrscheinlich liegt der Unterschied darin: Schimpansen kennen das Postamt nicht. Sie haben nachweisbar niemals Postämter eröffnet. Die Idee des Postamts ist den Schimpansen ein Gräuel.

Den Menschen nicht. Sie lieben die Idee des Postamts. Sie wollen die Welt am liebsten in ein riesiges Magistrat verwandeln, um alles bis ins Detail zu regeln und bis ins Letzte zu kontrollieren. Niemand kann dann mehr spekulieren, auf was er will. Dafür haben die sozialistischen Revolutionäre seit Jahrhunderten gekämpft: Jeder wird ein nachgeordneter Handlungsgehilfe in einem Amt. Und jetzt, jetzt ist der Endsieg nah. Welch verlockende Utopie! Welch edler Grund, für den es sich zu kämpfen lohnt!

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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