04. Dezember 2009

Philosophische Praxis (Vol. 39) Freiheit oder Gleichheit?

Je mehr reguliert, verordnet und für andere geplant wird, desto mehr wird Gleichheit gefördert und Frei-heit unterdrückt

Freiheit und Gleichheit werden deshalb in einem Atemzug genannt, weil man meint, dass sie auch gemeinsam zu verwirklichen sind. Die Losungsworte der Französischen Revolution „liberté“, „égalité“ und „fraternité“ sind ein prominentes Beispiel dafür. Gemeint war jene Freiheit, die sich als Gleichheit im Recht verstehen lässt und die eine Grundforderung des Liberalismus ist. Von dieser Gleichheit ist heute leider kaum mehr die Rede.

Die Rede ist heute vielmehr von einer Gleichheit, die nach der politischen Umverteilung schielt, als Forderung der Massen, vom Staat, das heißt konkret vom Geld anderer Leute leben zu wollen. In einer solchen Gleichheit hat die Freiheit des Einzelnen kaum eine Chance. Deshalb sind Freiheit und Gleichheit gerade heute als Antagonisten zu verstehen, als Gegenspieler, die sich wechselseitig verdrängen und zum überwiegenden Teil ausschließen.

Bereits die sozialistischen Regime des einstigen Ostblocks versuchten Gleichheit durch Unterdrückung herzustellen. Millionen von Menschen wurden ermordet, weil sie anders dachten und handelten. Nach dem Untergang dieser Regime zerfiel die verordnete Gleichheit auf der Stelle. Ihren Fähigkeiten und Interessen gemäß strebten die Menschen auseinander, begannen sich abzugrenzen, bildeten Nationalstaaten, bereisten die Welt und übten Berufe aus, mit denen sie auch wohlhabend wurden, was ihre Ungleichheit auch nach außen hin dokumentierte.

Die Philosophie der Aufklärung beging damit, dass sie Freiheit und Gleichheit nicht überwiegend als Antagonismus, sondern als gemeinsames Konzept und parallele Bewegung verstand, im Grunde einen schwerwiegenden Denkfehler, der in der Folge dazu führte, dass im Rahmen dieser Philosophie ein Herrschaftskonzept entworfen wurde, das Freiheit und Gleichheit in Form des modernen Staates zu verwirklichen suchte. Man dachte letztlich paradox, wollte Freiheit durch eine perfekte Form von Herrschaft generieren. Doch echte Freiheit herrscht nicht. Im Gegenteil: Sie ist nur dann der Fall, wenn sich Herrschaft durch Selbstbeherrschung ad absurdum führt.

Gleichheit hingegen muss sehr wohl herrschen, wenn sie verwirklicht werden soll. Gleichheit ergibt sich niemals von selbst. Sie ist an die Anwesenheit einer massiven Obrigkeit gebunden, welche die Freiheit des Einzelnen in allen wesentlichen Punkten beschneidet und beschränkt. Gleichheit ist innerhalb großer Gruppen stets das Ergebnis gewaltsamer Bemühungen. Unter den Bedingungen der Freiheit hingegen ergibt sich die Ungleichheit der Menschen als natürliche Ordnung gleichsam von selbst.

Je intensiver Herrschaft ausgeübt wird, je mehr reguliert, verordnet und für andere geplant wird, desto mehr wird Gleichheit gefördert und Freiheit unterdrückt. Je unbemerkter, belangloser und damit akzeptierter eine Herrschaft ist, desto eher können die Menschen ihren Vorstellungen nachkommen und desto ungleicher – und freier – werden sie in der Folge sein.

Denker wie Egon Friedell, Erik von Kuehnelt-Leddihn, Nicolás Gómez Dávila, Ludwig von Mises, Friedrich August von Hayek, Murray Rothbard und Hans-Hermann Hoppe haben dieses Problem erkannt und teilweise minutiös beschrieben. Ihr Wort in Gottes Ohr. Doch es nützt nichts: Wenn die Herde regiert, bleibt das Individuum links liegen. Und wenn sie ins Traben kommt, schielt sie ganz unverholen nach der Diktatur.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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