08. Dezember 2009

Philosophische Praxis (Vol. 41) Das Elend bürokratischer Verwaltung

Über den Austausch der Eigeninitiative gegen staatliche Kontrolle

Politische Konflikte, schreibt der aus Österreich vertriebene Ökonom Ludwig von Mises in „Bureaucracy“ (1944), werden heute als ein Krieg zwischen zwei Prinzipien betrachtet: dem Guten und dem Bösen. Das Gute verkörpere sich im Übergott „Staat“, der Materialisierung der ewigen Idee der Moralität; das Böse im „rauhbeinigen Individualismus“ selbstsüchtiger Menschen. In diesem Widerstreit habe der Staat immer recht und das Individuum immer unrecht. Der Staat sei der Vertreter der allgemeinen Wohlfahrt, der Gerechtigkeit, der Kultur und der höheren Weisheit; das Individuum ein armseliger Schuft, ein boshafter Dummkopf.

Diese zynische Einschätzung der politischen Kultur der 30er Jahre, die den ideologischen Kern des Faschismus besser beschreibt als vieles andere, passt ganz erstaunlich in unsere Zeit. Der Staat und seine bürokratische Verwaltung, so denkt man heute mehrheitlich, sind prinzipiell gut, das unternehmerisch handelnde Individuum hingegen ist die Ursache von Krisen aller Art. Würde man dem Staat mehr Macht und Freiraum geben und individuelles Handeln strengstens regulieren, wären die drängenden Probleme bald gelöst.

Doch wie, fragt Mises 1944, soll eine öffentliche Verwaltung imstande sein, Probleme zu lösen, wenn ihre Ziele nicht in Geld bemessen werden können? In der öffentlichen Verwaltung gibt es für Leistung keinen Marktpreis. Bürokratisches Wirtschaften hat keinen Geldwert auf dem Markt. Dies bedeutet nicht, so Mises, dass die erfolgreiche Handhabung öffentlicher Angelegenheiten keinen Wert besitzt, sondern dass ihr Wert nicht durch Markttransaktionen ersichtlich wird und konsequenterweise nicht in Geldbegriffen ausgedrückt werden kann.

Daraus folgt, dass es kein Maß dafür gibt, wann etwas gut verwaltet ist. Preise haben eine wichtige Informationsfunktion, insbesondere über die Wertschätzung von Gütern und Dienstleistungen. Dieser Mangel an Maßstäben, die den Erfolg oder Misserfolg bei der Ausführung öffentlicher Handlungen ermitteln, verursacht unlösbare Probleme. Er tötet den Ehrgeiz und zerstört damit die Initiative und den Anreiz, mehr als das erforderliche Mindestmaß zu tun. Er lässt den Bürokraten bloß auf Anweisungen achten, nicht auf substantiellen und wirklichen Erfolg.

Bürokratisch, so Mises, heißt jene Art der Geschäftsführung, die sich an genaue Vorschriften halten muss, welche von der Autorität einer übergeordneten Person festgelegt werden. Die Aufgabe des Bürokraten liegt in der Ausführung dessen, was diese Vorschriften ihm auftragen. Seine Freiheit, nach eigener Überzeugung zu handeln, wird durch sie bedeutend eingeschränkt. Die Ausweitung der Bürokratie sei demnach eine unvermeidbare Konsequenz der fortschreitenden Freiheitsbeschränkung des einzelnen Bürgers – bis hin zum Austausch der Eigeninitiative gegen staatliche Kontrolle.

Aktuellen Statistiken zufolge ist die Anzahl der Krankenstandstage in der öffentlichen Verwaltung höher als bei den Privatangestellten und bei diesen wiederum höher als bei den Selbständigen, Gewerbetreibenden, Freiberuflern und Unternehmern. Dies ist wahrscheinlich deshalb so, weil die öffentliche Verwaltung ihre Bediensteten in ihrer Freiheit und Kreativität derart beschränkt, dass diesen armen Leuten gar nichts anderes übrig bleibt, als krank zu feiern oder tatsächlich krank zu werden.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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