20. Dezember 2009

Philosophische Praxis (Vol. 45) Spontane Ordnung

Viele der größten Errungenschaften sind nicht das Ergebnis bewussten und zielgerichteten Denkens

So wie wir in biologischen Organismen oft beobachten könnten, dass die Teile sich so bewegen, als ob ihr Zweck die Erhaltung des Ganzen wäre, schreibt Friedrich August von Hayek, so könnten wir auch in spontanen sozialen Gebilden sehen, wie die selbständigen Handlungen Einzelner eine Ordnung hervorbringen, die nicht in ihren Absichten gelegen ist. Der Prozess etwa, in der in einer wilden Gegend Pfade entstehen, sei ein Fall dieser Art.

Sehr wohl also gäbe es soziale Gebilde, die weder bewusst geplant, noch in ihrer Funktion von Menschen bewusst erhalten werden, trotzdem aber zur Erreichung menschlicher Zwecke von erheblichem Nutzen sind. Viele der größten Errungenschaften, so Hayek, seien nicht das Ergebnis bewussten Denkens und noch weniger das Produkt bewusst koordinierter Bemühungen Vieler, sondern das Ergebnis eines Prozesses, in dem der Einzelne eine Rolle spielt, die er nie ganz verstehen kann. Diese Errungenschaften sind letztlich größer als die irgendeines Individuums, gerade deswegen, weil sie aus einer umfassenderen Kombination von Wissen erwachsen, als ein einzelner Verstand meistern kann.

Ein Kollektivist, der soziale Institutionen objektiv verstehen will, wird bei seinem Bemühen, deren Charakter oder deren Wirkungsweise genau zu definieren, also notwendig scheitern. Die Folge ist, dass er dazu getrieben wird, sich diese als Schöpfung eines genialen Verstandes vorzustellen, und schließlich im Politischen danach verlangt, dass alle Kräfte der Gesellschaft der Lenkung eines einzelnen Meisterverstandes unterworfen werden, während es der Individualist ist, der die Grenzen der individuellen Vernunft erkennt und daher die Freiheit als Mittel zur vollsten Entwicklung der Kräfte verteidigt.

Zur Lenkung durch die Willkür Einzelner gebe es demnach nur eine einzige Alternative: Die allgemeine Unterwerfung unter formale Regeln. Dies bedeute, dass sich Individuen in Form von tief eingewurzelten moralischen Überzeugungen freiwillig nach gewissen Grundsätzen richten. Freiheit erfordere demnach Verantwortung, schreibt Hayek, wobei aber klar sein müsse, „dass die Verantwortung des Einzelnen sich nur auf das erstreckt, was er beurteilen kann, dass er in seinen Handlungen nur das in Betracht ziehen muss, was innerhalb des Bereichs seiner Voraussicht liegt und vor allem, dass er nur für seine eigenen Handlungen (und die der seiner Fürsorge anvertrauten Personen) verantwortlich ist – aber nicht für die anderer, die ebenso frei sind“.

Da Verantwortung aber nicht von jedermann erwartet werden könne, sei Freiheit vor allem eine Freiheit unter dem Gesetz. Dieses habe jedoch eine Ordnung ohne Befehl zu sein, ein allgemeines, abstraktes und willkürfreies Regelwerk, das tief eingewurzelten moralischen Überzeugungen repräsentiert (und weder willkürliche Gesetzgebung noch politische Anordnung ist) und sich darauf beschränkt, konkurrierende Handlungssphären voneinander abzugrenzen, um den Spielraum des Einzelnen zu optimieren.

Konkrete Ziele, so Hayek, habe eine Regierung nicht vorzugeben. Denn eine spontane Ordnung beruhe nicht auf irgendwelchen gemeinsamen Zielsetzungen, sondern auf Reziprozität, das heißt auf dem Ausgleich verschiedener Interessen zum wechselseitigen Vorteil der Teilnehmer, was sowohl Freiheit erfordert als auch nach sich zieht.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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