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![]() Studierte Rechtswissenschaften in Wien und Madrid. Mitarbeiter am Institut für Wertewirtschaft; seine Beiträge geben jedoch nicht unbedingt die Meinung des Instituts wieder. ef-Sucheef-EinkaufspartnerWenn Sie ef-online unterstützen möchten, starten Sie bitte Ihre Amazon-Einkäufe mit Klick auf diesen Button: ef auf FacebookBesuchen Sie uns auch auf Facebook: |
Nanny-Staat: Der Größenschluss vom kleinen Überraschungsei auf die große Spirale der Entmündigungvon Ralph Janik Beobachtungen im Supermarkt Haben Sie in letzter Zeit mal ein Überraschungsei gekauft? Wenn ja, wird ihnen gewiss aufgefallen sein (so es nicht ihr erstes Ü-Ei war), dass das kleine Spielzeug und selbst die gelbe Hülle unter der Schokolade sich verändert hat. Oft fallen gesellschaftlicher Wandel und Trends an kleinen Dingen auf. „Zu meiner Zeit“ war das Überraschungsei äußerlich dasselbe wie heute; innen befand sich jedoch eine gelbe Schale, die aus zwei separaten Teilen bestand. Heute sind die zwei Teile, die man früher noch auseinander trennen musste, zu einem geworden. Durch einen Druck in die Mitte „poppt“ der obere auf und das Spielzeug lässt sich herausnehmen. Der obere Teil bleibt jedoch mit dem unteren verbunden. Heute wie damals war und ist das Spielzeug entweder eine Figur aus einer Kollektion (die Figuren haben teilweise einen äußerst hohen Sammlerwert), die es nur in jedem dritten Ei gibt, oder etwas, das zusammengesetzt werden muss. „Damals“ freute Kind sich entweder über eine nicht mehr zu bearbeitende Figur oder über eine kleine Zusammenbau-Aufgabe. Dieses zusammenzusetzende Spielzeug ist nun einer starken Wandlung unterworfen; früher, also „zu meiner Zeit“, war das Zusammensetzen eine relativ trickreiche Aufgabe. Die Bedienungsanleitung hatte, vor allem für technisch eher minderbegabte kleine Kinder, durchaus Sinn und Zweck. Das hat sich heute geändert. Das „Zusammenbauen“ des Spielzeugs kann nicht mehr als solches bezeichnet werden und die „Bedienungsanleitung“ hat in etwa die Sinnhaftigkeit eines Lehrbuchs für korrektes Tür-Aufsperren. Das Spielzeug hat die Komplexität des Überziehens eines Handschuhs oder des Zuziehen eines Reißverschlusses. Im Prinzip steckt man heute Form A in Form B und somit hat der alte Überraschungsei-Slogan „Spiel, Spaß und Spannung“ keine Gültigkeit mehr. Er ist entsprechend auch in Vergessenheit geraten. Aus diesen zwei kleinen Veränderungen könnte man nun zwei Schlüsse ziehen: Entweder unsere Gesellschaft verdummt zusehends und die Überraschungsei-Hersteller wagen es nicht mehr, den geistig degenerierenden Kindern allzu knifflige Aufgaben zuzumuten. Dies ist freilich nicht der Fall. Kinder kommen heute mit demselben Entdeckungsgeist und -Drang zur Welt wie vor Tausenden von Jahren. Dennoch hat der Wandel des Überraschungseis nicht freiwillig stattgefunden. Es braucht nicht viel Kreativität, um sich auszumalen, dass vor allem Spielzeuge, die für kleine Kinder gedacht sind, immer strengeren Anforderungen genügen müssen. Sie müssen die totale Sicherheit erfüllen. Was für die Sicherheit der Großen gilt, gilt erst Recht und in noch viel stärkerem Ausmaß für die Kleinen. Wenn schon die Großen gewarnt werden müssen, dass Objekte im Rückspiegel größer wirken als sie wirklich sind, oder Kaffee heiß sein kann, dann müssen Kinder noch viel stärker behütet, gewarnt und angeleitet werden. Das bloße Anbringen der Warnung „nicht für Kinder unter drei Jahren geeignet, enthält Kleinteile, die verschluckt werden können“ auf der Außenseite des Eis reicht nun nicht mehr aus. Schließlich können Kinder unter drei Jahren noch nicht die Warnung lesen. Kinder über drei Jahre können Plastik nicht von Schokolade unterscheiden. Ihre sich an heißem Kaffee die Zunge verbrennenden Eltern könnten die Warnung ihrerseits überlesen und ihrem Kind das leicht verschluckbare Plastik geben. Oder gar die Warnung ignorieren. Also verändert man nun das Spielzeug selbst, um auch die letzte Gefahrenquelle zu minimieren. Dies letztlich zum Wohle der Firma Ferrero (ihres Zeichens Hersteller) und der möglichen Endabnehmer. Vor allem im US-amerikanischen Schadenersatzrecht, das im Gegensatz zum zentraleuropäischen ein strafrechtliches Element enthält, können enorme Strafsummen verhängt werden, wenn Dinge nicht den Anforderungen der Gerichte genügen. Jeder kennt den bereits angeschnittenen Fall von einer Fast-Food-Kette, zu heißem Kaffee und einer dadurch verbrannten Zunge, der letztlich eine Millionen-Einnahmequelle für den Menschen hinter der verbrannten Zunge bedeutete. In den USA ist das Überraschungsei aufgrund seiner Gefährlichkeit trotz dieser Art von Schadenersatzrecht sogar verboten, die Millionen an Schadenersatz reichen als Risiko-Minimierung nicht einmal aus. Im hiesigen Rechtskreis sieht die Sache anders aus; das Schadenersatzrecht hat hier Ausgleichsfunktion – der Geschädigte soll so gestellt werden, wie er ohne der Schadenszufügung dastünde. Das Schadenersatzrecht soll nicht strafend, sondern ausgleichend wirken. Daher braucht es zur Regulierung verstärkt des Gesetzes, weil es nicht zu exorbitanten Strafsummen im Zusammenhang mit verbrannten Zungen und dergleichen kommen kann. Wer sich in Mitteleuropa die Zunge verbrennt, bekäme dafür höchstens ein wenig Schmerzensgeld und die Krankenkassen könnten sich die Behandlungskosten zurückholen. Zurück zum Überraschungsei: Dieses ist den Hütern der Sicherheit auch für die Kleinsten schon seit Längerem ein Dorn im Auge. Man darf sich wundern, dass es in den USA verboten und hierzulande noch erhältlich ist. Ein einziges von Millionen Kindern, das ein Kleinstteil verschluckt (unabhängig von den Folgen für das Kind) reicht bereits aus, um einen Sturm der Entrüstung zu entfachen. Auch braucht es oft gar keinen konkreten Fall, um im Namen der Sicherheit der Kleinsten in unserer Gesellschaft nach dem Allheilmittel Verbot zu schreien. So geschehen in Deutschland vor einem Jahr in einer Stellungnahme der Kinderkommission des Deutschen Bundestages zum Thema „Kinder und Alltag“, in der auf die besondere Gefährlichkeit der Verbindung von Essen mit Spielzeug (in Kleinstteilen) hingewiesen wurde, weswegen diese Kommission ein Verbot von derartigen Kombinationen (und somit des Überraschungseis) forderte. Begründet wurde dies damit, dass Kindern dadurch die Unterscheidung von Essbarem und Nicht-Essbarem erschwer werde. Also ist es nur logisch, dass Ferrero sein Ei zusätzlich anpasst, um einem etwaigen Verbot dieses beliebten Produkts zu entgehen – vorauseilender Gehorsam, der aus Unternehmersicht nur allzu nachvollziehbar ist. Nun soll an dieser Stelle weniger die Debatte des Vorjahres neu andiskutiert werden, sondern vielmehr der Wandel des Zeitgeistes, der sich an kleinen Dingen wie der Veränderung des Überraschungseis zeigt. Ein Wandel hin zu immer mehr Sicherheit, egal, um welche Gefahrenquelle es geht – die Gefahr gehört ausgemerzt oder zumindest so weit wie irgend möglich minimiert. Das Kind soll erst gar nicht auf eine heiße Herdplatte greifen müssen, um zu wissen, dass sie heiß ist. Wir leben in einer „totalen Sicherheitsgesellschaft“, in der die Menschen nicht nur vor ihren Mitmenschen, sondern auch vor sich selbst geschützt werden. Der Schutz vor sich selbst, der zur Entmündigung führt, hat eine degenerative Wirkung. Eigenverantwortung verkümmert zu Lasten der Orientierung an Vorschriften. Die Vorschrift ersetzt das eigenständige Denken. Den Menschen wird die angeborene Aufgabe, selbst zu lernen, Erfahrungen auszutauschen und Verantwortung zu übernehmen, abgenommen, und sie werden durch Kampagnen, Vorschriften und Anweisungen hinsichtlich der Gestaltung durch den Dschungel Leben geführt. Nur lernen die meisten Menschen durch Anwendung und Erfahrung besser als durch irgendein Warnschild, einen Hinweis oder, wie von der zitierten Kommission gewollt, durch „Kampagnen“, die meistens denjenigen am meisten bringen, die derartige „Kampagnen“ fordern oder durchführen. Wer an die Eigenverantwortung appelliert, bekommt sogleich als Gegenargument diverse Vorschläge des Boulevardfernsehens präsentiert, die in „Reality-TV“-Shows und dergleichen demonstrieren, wie unverantwortlich und uneigenständig die Menschen sind und dass man diese vor sich selbst schützen und sie bevormunden müsse. Es stellt sich hierbei jedoch die Frage, ob diese Erscheinungen nicht gerade die Folge der Bekämpfung von Eigenverantwortung und nicht ihre Begründung sind. Anders ausgedrückt: Könnte nicht auch aus der Bevormundung und dem Schutz vor sich selbst der Bedarf erst steigen, die Menschen noch mehr zu bevormunden und zu beschützen. Es ist wenig verwunderlich, dass im Lichte dieser totalen Behütetheit Extremsportarten aller Art zusehends beliebter werden. Darf man aufgrund der allumfassenden Fürsorge nicht mehr im Alltag Herausforderungen meistern, suchen sich viele diese eben anderswo. Albert Schweitzer hat dieses Bedürfnis für sich so schön ausgedrückt: „Ich wünsche mir Chancen, nicht Sicherheiten. Ich will kein ausgehaltener Bürger sein, gedemütigt und abgestumpft, weil der Staat für mich sorgt. Ich will dem Risiko begegnen, mich nach etwas zu sehnen und es zu verwirklichen, Schiffbruch zu erleiden und Erfolg zu haben.“ Der Wandel des Überraschungsei-Spielzeugs zu einem möglichst vor Verschlucken sicherem, jedoch langweiligen Gegenstand ist nur eines von vielen Beispielen, in dem die Sicherheit den Spaß und die Lust am Entdecken vermindert. In dem die Doktrin der totalen Sicherheit eine Spirale der Bevormundung begründet. Ein Detail einer langen Liste, die sich beliebig fortsetzen ließe. Angesichts der Veränderung des Überraschungseis kann man sich fragen, wie die Millionen von Kindern, die seit der Einführung des Eis 1974 gegessen und zusammengebaut haben, nur bis heute unbeschadet überleben konnten. Aber geht es darum überhaupt? 23. Dezember 2009 Unterstützen Sie ef-onlineHat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien. Testen Sie eigentümlich freiProminente Autoren und kantige Kolumnisten wie Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Jörg Guido Hülsmann, Michael Klonovsky oder Frank Schäffler schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht. Diesen Artikel teilenAnzeigen |
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