05. Januar 2010

Klassisch-Liberale und Katholiken Feldzug gegen die Ketzerei

Ein Kommentar zu Mosebach und dem Anarchismus der Barmherzigkeit

Die von Mosebach getätigten Äußerungen beruhen auf den katholischen Überzeugungen und Wahrheiten, die in der heutigen Zeit der Unvernunft und des geistigen Chaos nur geringen Raum in der öffentlichen Debatte finden. Daher einige Hinweise und Anmerkungen dazu.

Als Anhänger Christi versteht es Mosebach, zwischen Solidarität und Barmherzigkeit zu trennen. Wenn er die letztlich durch den Staat erzwungene irdische Gerechtigkeit der durch Gott verheißenen Gerechtigkeit des jüngsten Gerichts gegenüberstellt, bleibt er nicht nur seinen christlichen Überzeugungen treu, er positioniert sich auch automatisch in Gegnerschaft zum derzeit dominierenden nicht-atheistischen Religionskult um Mensch, Staat und Gesellschaft.

Als wohl umfassend gebildeter, geschichtsbewusster Katholik ist ihm bekannt, dass bereits die gnostisch-chiliastisch inspirierten Sekten des zweiten und der folgenden Jahrhunderte die demagogische Rede von der Gerechtigkeit übten, sie mit Hilfe der Errichtung des Reiches Gottes auf Erden zu erreichen versuchten – dem Vorläufer der proletarischen-atheistischen Variante des irdischen Paradieses. Keineswegs dürfte für ihn die demagogische Verwendung des Wortes Gerechtigkeit erst im 20. Jahrhundert beginnen.

Was die damaligen Sekten und Gemeinschaften noch auf innig christlich-häretische Weise forderten, nämlich die Gleichheit, den Anti-Personalismus, macht ihre Verwandtschaft zu den späteren, sich stärker oder gar eindeutig auf atheistisch-rationalistisch-„wissenschaftliche“ Thesen berufende utopistischen Lehren deutlich. Das endzeitliche Reich Gottes auf Erden war nicht nur ein Generalangriff auf die personalistische Lehre Christi und seiner Kirche, es war auch gleichbedeutend mit der Forderung nach mehr Staat, mehr Kontrolle, mehr Gleichheit, nach Abschaffung von Privateigentum, Familie und Ehe, nach weniger Regionalismus und weniger Anarchismus (jeweils und je nach Gemeinschaft in unterschiedlicher Gewichtung). So weit es in der Macht der Kirche stand, was sehr oft nicht der Fall war, wurden diese Utopien als Irrlehren verfolgt und ihre Anhänger teilweise hart bestraft (oft nur die führenden Aufrührer, nicht das einfache Volk).

Der Katholik Martin Mosebach erkennt die Boshaftigkeit dieser anti-christlich inspirierten Kulte, von heute wie von gestern, mit den Hilfsmitteln, die ihm die katholische Lehre bietet, also den historischen Erfahrungen aus 2000 Jahren Amt und Würde, den Erkenntnissen und Gnadengeschenken aus der Vermählung mit Jesus Christus. Und wenn es sich auch nicht um die einzigen Herangehensweisen an das allzeitliche Phänomen von Etatismus respektive Sozialismus handelt, so kann doch in jeglicher Hinsicht keine andere Organisation dergleichen Hilfestellungen bieten.

Im „gewalttätigen“ Ringen der Ideen konnte, wollte gar der Klassisch-Liberale meist keine andere Stellung einnehmen als die des verzweifelten Zuschauers. Andere Weltanschauungen, Organisationsformen waren viel eher dazu fähig, wenigstens im Notfall mit dem Schwert zu erstreiten was zu erstreiten geboten war. Wie und durch wen Gesellschaften und Staaten geführt werden sollten, war für alle Menschen und zu allen Zeiten Grund genug, Gewalt und Zwang einzusetzen. Schwerlich ist also davon auszugehen, dass sich das jemals ändern könnte.

In dieser Hinsicht könnte der offensichtlich werdende Unterschied zwischen dem Zwang der Atheisten und der Freiwilligkeit der Christusgläubigen, zwischen der Herrschaft aller Gleichen und der Herrschaft des Einzelnen und Besten, auch dem (nicht-christlichen) Liberalen die Wahl zwischen diesen stets um Dominanz ringenden „Übeln“ erleichtern. Sie könnte ihn zu dem Gedanken verführen, dass unter rechtgläubigen Katholiken die Zahl der freiheitlich Denkenden hoch sein muss, und sie könnte in ihm die Erkenntnis hervorrufen, dass nicht jeder kirchliche Feldzug gegen Ketzerei und Häresie ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit war.


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