12. Januar 2010

Philosophische Praxis (Vol. 46) Über die „Staatskunst“

Ungebrochen ist der Glaube, dass sie die höchste aller Künste sei – warum eigentlich?

„Jedes praktische Können und jede wissenschaftliche Untersuchung, ebenso alles Handeln und Wählen strebt nach einem Gut. Daher die richtige Bestimmung von ‚Gut‘ als ‚das Ziel, zu dem alles strebt‘“, so Aristoteles zu Beginn seiner Nikomachischen Ethik. „Da es aber viele Formen des Handelns, des praktischen Könnens und des Wissens gibt“, heißt es weiter, „ergibt sich auch eine Vielzahl von Zielen: Ziel der Heilkunst ist die Gesundheit, der Schiffsbaukunst das Schiff, das Ziel der Kriegskunst: Sieg, der Wirtschaftsführung: Wohlstand“.

All die verschiedenen Formen des Handelns, Könnens und Wissens, so Aristoteles, hätten aber auch ein gemeinsames Endziel, das wir um seiner selbst willen erstreben, während wir alle übrigen Ziele nur in Richtung auf dieses Endziel wollen. Dieses Endziel sei demnach nicht bloß ein Gut, sondern das oberste Gut, dessen Kenntnis für unsere Lebensführung das entscheidende Gewicht habe. Doch was ist das Wesen dieses Gutes? Und in welchem Bereich der Wissenschaften oder der praktischen Künste ist es zu finden?

Aristoteles gibt Antwort: Das oberste Gut kann nur in jenem Bereich der Kunst liegen, welche „dies im eigentlichsten und souveränsten Sinne ist. Als solche aber erweist sich die Staatskunst. Sie nämlich setzt fest, welche Formen praktischen Könnens in den einzelnen Gemeinwesen unbedingt vertreten sein sollen; ferner, mit welchen sich der einzelne Bürger zu beschäftigen hat und bis zu welchem Grad. Wir sehen es ja, wie ihr selbst die angesehensten Künste untergeordnet sind, z.B. Kriegs-, Haushalts- und Redekunst. Da sie es also ist, die sich der übrigen praktischen Künste als Mittel bedient und dazu noch gesetzgeberisch bestimmt, was zu tun und was zu lassen sei, so umfasst ihr Endziel die Ziele aller anderen und dieses ihr Ziel ist daher für den Menschen das oberste Gut.“

Und heute? Können wir solche Worte heute noch guten Gewissens sprechen? Müssten wir heute nicht schon längst wissen, dass es gerade die „Staatskunst“ war, die so unendlich viel Leid auf diese Welt gebracht hat? Sind nicht die größten Übeltaten, die wir kennen, von Staaten begangen worden, an deren Spitze Leute standen, die meinten, dass sie „Staatskünstler“ sind? Waren Stalin, Mao und Hitler nicht Philosophen, die ausgefeilte Bücher schrieben, in denen sie darlegten, wie die „Staatskunst“ zu denken ist? Und brachten ihre „Kunstwerke“, die von gigantischen Staatsapparaten umgesetzt wurden, nicht weit über hundert Millionen Menschen den Tod? Wie kann man denn nach alledem immer noch an die „Staatskunst“ glauben? Es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis der nächste dieser Künstler Proben seiner Kunst zum Besten gibt.

Ungebrochen ist der Glaube, dass die Staatskunst die höchste aller Künste ist. Der Hauptinhalt aller Medien, die tagtäglich auf uns hereinprasseln, besteht aus Mitteilungen über diese Kunst. Offensichtlich sind die Vorhaben dieser Künstler das Interessanteste, das es gibt. Alle Augen starren auf diese Künstler hin. Alles bangt, ob sie nun böse oder gute Menschen sind. Aber jeder glaubt, dass es sie geben muss. Warum eigentlich? Liegt nicht auf der Hand, dass die Abwesenheit von Herrschaft ein derartiges Morden hätte niemals verursachen können? Kann es sein, dass wir als Menschheit einem gigantischen, ja monströsen Irrtum unterliegen?

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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