12. Januar 2010

Der Fall Polanski Feminismus-Gebot schlägt Antisemitismus-Verbot

Der historische Kontext von Alice Schwarzer

Polanskis klaustrophobischer Hausarrest, zu dem ihn die Schweizer Justiz seit dem 4. Dezember 2009 zwingt, und mag er noch so luxuriös sein, lässt sofort an all die Filme Polanskis denken, in denen seine Figuren in einer Wohnung gefangen ihrem Schicksal entgegengehen – „Ekel“, „Rosemaries Baby“, „Der Mieter“, aber auch „Der Pianist“. Die Grenze „zwischen Phantasie und Realität“ sei für ihn schon immer „hoffnungslos verwischt“ gewesen, wie er in seiner Autobiographie schrieb – diese Konstante in Polanskis Leben setzt sich also weiter fort in einem skurrilen Drama um ein mögliches Vergehen, das 32 Jahre her ist und dessen juristische Ahndung heute nur mehr einen zweifelhaften Sinn erfüllen würde. Denn bis zu einer Verurteilung hat jeder Angeklagte als unschuldig zu gelten; eine juristisch einwandfreie Rekonstruktion der Ereignisse dürfte aber mittlerweile unmöglich sein – ein Einwand, der deshalb erlaubt ist, weil an dieser Rekonstruktion nach eigenem freien Bekunden nicht einmal das vermeintliche Opfer mehr ein Interesse hat. Und das öffentliche Interesse an der Bestrafung eines unbescholtenen Bürgers, von dem nach Ausweis eines psychiatrischen Gutachtens und mehrerer Jahrzehnte strafrechtlich völlig unauffälliger Lebenszeit keinerlei Gefahr ausgeht, müsste auch im Falle eines Vergehens, das nicht verjährt, gleich Null sein. Doch weit gefehlt.

Der von Polanski oft angeführte Surrealismus der kommunistischen Zeit in Polen kehrt für ihn auf neue Weise im globalisiert kapitalistischen Westen wieder, indem dessen fundamentale juristische Standards mit Füßen getreten werden, wenn es nur in den ideologischen Kram passt. Ein französisch-polnischer Staatsbürger wird in ein Land, das er wiederholte Male seit Erlass eines internationalen Haftbefehls unbehelligt betreten und verlassen hatte, aus Anlass einer Ehrung auf ein Filmfestival gelockt und verhaftet. „Gelockt“ ist tatsächlich der richtige Ausdruck, wenn die Spesen Polanskis vom Schweizer Staat bezahlt wurden und eine Warnung von Seiten der Schweizer Justiz unterblieb, wie dies wohl beides der Fall war. Der willkürliche Zeitpunkt der Verhaftung – gestern nein, heute ja – lässt Menschen, die sich noch des Eisernen Vorhangs erinnern oder historisches Bewusstsein haben, an Verfahren im real existierenden Sozialismus denken. Wiederkehr staatlicher Allmacht in neuem Gewand. Rache statt rechtsstaatlicher Praxis.

Damit nicht genug. Während das groteske Vorgehen der Schweizer Behörden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von wirtschaftspolitischen Erwägungen gegenüber den USA diktiert wurde, fordert jetzt „eine Koalition aus christlichen Moralaposteln und liberalen beziehungsweise linken feministischen Kreisen unverhohlen Polanskis Bestrafung“, so Alexander Bahar in der „Jungen Welt“. Bahar stellt fest, dass „diese unheilige Koalition beim Versuch, jede Äußerung von Verständnis für Polanski als unmoralisch zu diskreditieren, jedem, der gegen dessen Verhaftung, Einkerkerung und drohende Auslieferung an die USA protestiert, Gleichgültigkeit, ja Sympathie unterstellt mit der vermeintlichen Tatsache, dass Polanski 1977 eine Minderjährige vergewaltigt habe“. Während Polanski also schon Justizgeschichte schreibt als erster Untersuchungshäftling mit Fußfessel, was er sich sicherlich nie hätte träumen lassen, holt ihn die Realität einer ganz neuen ideologischen Bedrohung ein.

Bei der Medienhetze ist besonders die unrühmliche Rolle Alice Schwarzers zu benennen, die mit ihrem Beitrag über Polanski in ihrer „Emma“ womöglich einen großen Teil ihres Kredits einstiger Verdienste um die Gleichberechtigung der Frau verspielt hat. Allein die Tatsache, dass Schwarzer nur einen Auszug des Vernehmungsprotokolls von 1977 mit dem vermeintlichen Opfer Samantha Geimer abdrucken lässt, nicht aber deren heutigen Standpunkt oder irgendeine Stellungnahme Polanskis abdruckt, verstößt gegen den uralten Grundsatz „audiatur et altera pars“ – man höre auch die andere Seite. Es hätte sich ein Auszug aus den Memoiren Polanskis angeboten, in denen er seine Sicht der Dinge darstellt.

Schlimmer noch: Alice Schwarzer stellt Polanski auf die Seite der Nazis, wenn sie schreibt: „Und dann ist da noch das Argument, Polanski selber sei Opfer. In der Tat, der polnische Jude floh als Elfjähriger aus dem Warschauer  Ghetto [Selbst das ist falsch, es war das Krakauer Ghetto], seine Familie wurde im KZ ermordet. Doch auch als Opfer hat man die Wahl: Ist man auf der Seite der anderen Opfer – oder schlägt man sich auf die Seite der Täter? Polanski hat sich entschieden.“ Diese unglaubliche Diffamierung rief nicht den Sturm der Empörung hervor, der solchen antisemitischen Entgleisungen sonst folgt und folgen muss. Es ist offenbar in Zeiten des „gender mainstreaming“ nicht opportun, eine feministische Ikone anzugreifen, nicht einmal bei einem so empfindlichen Thema. Frauen-Power schlägt Antisemitismus-Verbot – die gesellschaftlichen Machtverhältnisse werden so ganz klar: Der Feminismus hat es geschafft, sich und seine Ziele so weitgehend unangreifbar zu machen, dass er sich selbst über größte Tabus hinwegsetzen kann.

Hier schließt sich für Polanski ein Kreis. Der Feminismus entpuppt sich als das, was er ist – eine gefährliche Ideologie, die ihn bedroht. Wie der Soziologe Alexander Ulfig schreibt, haben „moderne Ideologien aus dem Scheitern älterer Ideologien, wie zum Beipiel des Kommunismus und des Nationalismus, gelernt. Ihre Strategien und Vorgehensweisen sind sehr subtil und raffiniert geworden. Sie haben Mechanismen entwickelt, die es ihnen ermöglichen, ohne physische Repression ihre Ziele konsequent und ohne Widerrede durchzusetzen.“ Ulfig führt in seiner Analyse von Gemeinsamkeiten älterer und moderner Ideologien wie dem Feminismus unter anderem an: „Um politische Ziele zu erreichen, werden Frauen und Männer zu bestimmten Rollen stilisiert. Frauen sind Opfer, Männer sind Täter. Die Stilisierung von Frauen als ewige Opfer hat die Funktion, politische Forderungen zu stellen. Die permanente mediale Diskreditierung von Männern dient dieser Strategie.“ Und „Ideologien sind mehr als rein intellektuelle Systeme. Sie trachten danach, politische Macht, genauer: Kontrolle über politische Ressourcen, zum Beispiel staatliche Institutionen und politische Entscheidungen, zu erlangen.“

Unschwer ist die Brisanz im „Fall Polanski“ zu erkennen: Es geht nicht wirklich um die Frage, ob ein Mann und ein Mädchen Geschlechtsverkehr hatten. Es geht um eine Allianz von Law-and-Order-Populismus mit offenem feministischem Machtanspruch, eine Instrumentalisierung staatlicher Organe und Behörden durch den und zum Wohle des Feminismus, um ein Exempel der Rache um jeden Preis an einem Mann zu vollstrecken, der sich medial dafür bestens eignet. Polanski ist also nicht darum ein Präzendenzfall, weil er etwa bislang zu gut bei der Sache weggekommen oder jetzt viel zu lasch behandelt worden wäre, sondern ganz im Gegenteil soll an ihm durchexerziert werden, was in Zukunft auch jedem männlichen Normalbürger, der bisher schon längst nicht mehr in einer solchen Sache verfolgt worden wäre, drohen soll.

Der kleine Junge aus dem Krakauer Ghetto konnte den deutschen Faschisten aufs platte polnische Land entkommen, er konnte dem Kommunismus in den Westen entfliehen, er entkam der amerikanischen Justiz nach Europa, aber dem Internationalismus der Haftbefehle, vollstreckt von den Formaljuristen der Deutsch-Schweiz, und der globalisierten feministischen Ideologie, angeführt von ihren deutschen Kadern, kann er nicht entkommen. Wieder deutsche Laute um sein Gefängnis. Nicht das militaristische Gebrüll von damals, sondern das schwizerdütsche Gebell von heute: „So durchlauf ich des Lebens Bogen und kehre, woher ich kam.“

Wie der polnische Emigrant Trelkowski in Polanskis Film „Der Mieter“ panisch die Gardine beiseiteschiebt, um auf die Pariser Straße nach seinem imaginären Verfolger zu spähen, so schaut Polanski im wirklichen Leben durch den schmalen Spalt zwischen Gardine und Fensterrahmen auf seine echten Gstaader Bewacher und Belagerer. Dieses Trauma ist ein Albtraum. Ich will hoffen, dass es für ihn – und damit für uns alle – ein gutes Erwachen aus diesem Schlaf der Vernunft gibt, der sonst Ungeheuer gebiert.

Die beiden ähnlichen Fotos

Fiktive Szene aus „Der Mieter“

Polanski in Gstaad

Internet

Alice Schwarzer über Polanski

Aufsatz von Alexander Ulfig


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