Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Ausblick auf das Jahr 2020: Trends in der kommenden Dekade

von Gérard Bökenkamp

Demographischer Umbruch, Abgang der 68er, Staatsfinanzen, Internetrevolution

Ein Bonmot sagt, Prognosen seien besonders schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen. Damit Prognosen nicht vollkommen unseriös sind, sollte man auch einräumen, dass es immer auch ganz anders kommen kann als erwartet. Dabei sollte es nicht darum gehen, am Ende sagen zu können, es schon immer gesagt zu haben. Der Mehrwert von Prognosen liegt vor allem auch im Erkenntnisgewinn, den man erwirbt, wenn man später untersucht, warum man mit seinen Annahmen falsch lag. Leider wird das – geschuldet der menschlichen Eitelkeit – meistens versäumt. 

Grundsätzlich liegt nichts mehr im Dunkeln als die Zukunft. Aber es ist möglich, ein wenig Licht in das Dunkel zu bringen, wenn man bestimmte schon heute existierende Trends zehn Jahre in die Zukunft projiziert. Denn sich verfestigende soziale Trends sind wie große Tankschiffe, wenn sie einmal in eine Richtung schwimmen, sind sie nur schwer zu stoppen. Zu diesen Trends gehören die Politik des leichten Geldes und die Folgen der Staatsintervention, die direkte und indirekte Verschuldung, die demographische Veränderung durch Alterung und Migration, der Verlust gesellschaftlicher Relevanz von Großorganisationen wie Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, die Neujustierung der öffentlichen Meinung durch das Internet und die mit diesen Trends einhergehende stärkere Segmentierung der Gesellschaft mit ihren positiven und negativen Nebenwirkungen.

Die Finanz- und die damit verbundene Weltwirtschaftskrise werden wahrscheinlich das gesamte nächste Jahrzehnt überschatten, solange, bis der Schrott beiseite geräumt ist, der Prozess der „schöpferischen Zerstörung“ die Teile der Produktionsstruktur ins Nirwana befördert hat, die nur durch Subventionen, Protektionismus und Geldmanipulation am Leben gehalten werden. Bis dahin wird die Weltwirtschaft wohl durch eine Phase der Stagflation gehen, in der sowohl die Konjunktur nicht besonders gut läuft als auch steigende Inflationsraten am Geldwert zehren. Das ist für Deutschland besonders problematisch, da die Finanzkrise sich mit dem demographischen Umbruch überlappt. Selbst wenn sich der Staat von einem Teil seiner Schulden durch die Politik des leichten Geldes befreit, kommen auf ihn enorme Kosten für Renten und Pensionen zu.

Der Faktor Demographie schwebt zwar seit Jahrzehnten wie ein Damoklesschwert über dem deutschen Rentensystem, bis jetzt waren die Rentenkrisen aber durch die Arbeitslosigkeit und Ausgabenpolitik der Regierung verursacht. In den nächsten zehn Jahren wird sich in Folge der großen Pensionierungswelle der demographische Umbruch erstmals ganz direkt auswirken. Auf der einen Seite sind Rentner und Pensionäre dann eine viel zu wichtige Wählergruppe, als dass die Politik deren Ansprüche einfach negieren könnte, selbst wenn sie das beabsichtigte. Auf der anderen Seite macht das gute Abschneiden der FDP bei den letzten Wahlen und die hohe Zahl von Auswanderern deutlich, dass für die Nettozahler das Ende der Fahnenstange erreicht ist, was die Belastung angeht. Viel mehr geht nicht – selbst wenn eine Linksregierung an die Macht käme. Höhere Steuern werden in Zukunft kaum noch zu höheren Einnahmen führen. Vielleicht mag der Steuersatz nominal nach oben verschoben werden, am Ende wird das den Steuerfluss eher bremsen als erhöhen. Die finanziellen Handlungsspielräume der Politik werden in der nächsten Dekade sehr viel kleiner werden.

Da der Staat seine Einnahmen nicht in dem Maße erhöhen kann, in dem durch die Alterung der Gesellschaft zusätzliche Kosten anfallen, muss er in den übrigen Bereichen drastisch kürzen, um Renten, Pensionen und Zinsen bezahlen zu können. Wo der Staat immer weniger in der Lage sein wird, die öffentliche Infrastruktur in einem passablen Zustand zu halten (in Berlin erlebt man das als S-Bahnfahrer bereits jeden Tag), werden private Alternativangebote attraktiver. Diese zwei Tendenzen beobachten wir zum Beispiel heute schon im Bildungsbereich: Die Integrationsschwierigkeiten im Bildungssektor und die Kürzung staatlicher Mittel dürften dem Bildungssystem in Zukunft noch weiter zusetzen, was den Wechsel zu privaten Bildungseinrichtungen weiter beschleunigen könnte. Durch die Privatisierung des Bildungssektors dürfte sich allerdings auch ein Teil der Bildungsmisere von selbst erledigen. Das gleiche gilt für die Nachfrage nach privaten Sicherheitsdienstleistungen.

Ein anderer wichtiger Einflussfaktor, der in den nächsten Jahren wirksam wird, ist der Generationenwechsel. In der Regel bleiben Menschen nach dem Abschluss ihrer politischen Sozialisation irgendwann Mitte 20 ihren Grundhaltungen, Vorlieben, Ressentiments und Hoffnungen treu. Ergraut eine Generation, ergrauen mit ihr zugleich auch deren politische Ideale, Wertvorstellungen, die vorherrschenden wissenschaftlichen Meinungen, ihr Musik- und Kunstgeschmack, ihre Vorstellung von Gut und Böse und ihr Lebensstil. Die Generation der so genannten 68er wird in den kommenden Jahren altersbedingt abtreten. Damit wird sich das Generationsgefüge verschieben. Wenn jemand nicht mehr auf seinem Sessel sitzt, lässt das Interesse an seiner Person und auch sein Einfluss sehr schnell nach. „Opa erzählt vom Krieg“ wird endgültig von „Opa erzählt von seiner Revoluzzer-Zeit“ abgelöst (soweit Enkel vorhanden).

Wer wissen will, wie die zukünftige Führungsriege in Deutschland aussehen wird, muss sich die Alterskohorten zwischen Anfang dreißig und Anfang vierzig ansehen. Man muss sich die Leute einfach zehn Jahre älter und zwei Karrierestufen weiter vorstellen, und man kann ungefähr abschätzen, wie die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entscheidungsträger des Jahres 2020 aussehen. Und ein Stück weit auch, wie sie sich verhalten werden. Echte „Newcomer“, die aus dem Nichts auftauchen, um gesellschaftlichen Einfluss auszuüben, gibt es nämlich ganz selten.  Diese Alterskohorten sind einmal als die „Wartezimmer-Generation“ bezeichnet worden. Damit ist gemeint, dass diese Altersgruppen sich anders als die 68er nicht gegen die „Alten“ auflehnen, sondern mehr oder weniger komfortabel „überwintern“, bis diese sich von selbst auf ihren Ruhesitz in der Toskana zurückgezogen haben. Vermutlich wird es nach dem Abgang der 68er ideologisch etwas entspannter und pragmatischer zugehen.

Das wichtigste Ereignis des vergangenen Jahrzehnts ist langfristig vermutlich weder der 11. September noch die Finanzkrise, sondern der Durchbruch des Internets zum Masseninformations- und Kommunikationsmittel. Aus der Perspektive der Kommunikationsgeschichte ist das wohl die wichtigste Revolution seit der Erfindung des Fernsehens – wenn man nicht gleich zu Johannes Gutenbergs Druckmaschine zurückgehen will. Einige Aspekte der Internetöffentlichkeit sind nicht völlig neu, sondern vielmehr eine Rückkehr zur Normalität segmentierter Meinungsbildungsprozesse. Die Epoche, die wir hinter uns lassen, war nämlich in der Hinsicht einmalig, als dass noch nie zuvor eine so kleine Zahl von Menschen eine so große Zahl von Haushalten direkt und exklusiv erreichen und beeinflussen konnte und damit faktisch ein Monopol über die Definition der Wirklichkeit besaß. Niklas Luhmann sagte einmal, was wir über die Welt wüssten, das wüssten wir durch die Massenmedien. In nicht so ferner Zukunft lässt sich der Begriff „Massenmedien“ durch den Begriff „Internet“ ersetzen.

Die Zunahme der Internetnutzung geht auf Kosten von Fernsehen und Print. Die Zahl potentieller Konkurrenten im Medienbereich war lange begrenzt, heute  ist sie schier unendlich, da die Markteintrittsbarrieren noch nie so niedrig waren. Bis zum Durchbruch des Internets zum Informationsmedium war es nicht möglich, so kostengünstig so viele Menschen (theoretisch fast die ganze Menschheit) zu erreichen. Dieser Trend wird sich fortsetzen und wohl auch in Deutschland in den nächsten Jahren die Massenebene erreichen – spätestens, wenn Fernsehen und Internet noch stärker zusammenwachsen, etwa durch Video-on-Demand-Angebote. Die etablierten Medien werden nicht allesamt bankrott gehen und verschwinden (obwohl das im Einzelfall auch der Fall sein wird), sie werden aber weiter Marktanteile verlieren und ihre Deutungshoheit nur noch beschränkt ausüben können. Dasselbe gilt für die soziale Integration durch Parteien und Großorganisationen. Die Mitgliederzahlen von Gewerkschaften, Kirchen und Parteien geht zurück. Die alte Vereinsstruktur verliert an Attraktivität. Die Großorganisationen können sich dem veränderten Arbeits- und Lebensbedingungen nur sehr begrenzt anpassen. Das ganze Leben in einem Ortsverband zu verbringen kann sich kaum noch jemand erlauben. Engagement wird noch zielgerichteter und kurzlebiger.

Alle Trends weisen in dieselbe Richtung: Die Gesellschaft wird segmentierter. Dafür sprechen die Anforderungen nach Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt, die Schwächung der Großverbände und die Veränderung der Kommunikation und das veränderte Stadtbild als Folge von Einwanderung. Das, was ein Großteil der türkischen Einwanderer in der Bundesrepublik praktiziert, nämlich mit Hilfe der Satellitenschüssel aus dem hiesigen Diskurs auszusteigen, steht im Prinzip heute schon jedem Bürger offen. In Zukunft wird es möglich sein, sich seine eigene Öffentlichkeit zu schaffen. Wer will, wird sich über Internet nur bestimmte Filme und bestimmte Nachrichten ansehen, Meinungen zur Kenntnis nehmen und nur die gesellschaftlichen Debatten verfolgen, die er für sich selbst als relevant erachtet. Der US-Autor Seth Godin nannte diese Entwicklung das „Prinzip der Stämme“. Die Menschen treten nach persönlichen Interessen einem Kommunikationsnetzwerk bei und erschaffen damit ihre eigene Lebenswelt. Der Trendforscher Mark Penn kam in seinem Buch „Microtrends“ zu dem Ergebnis, dass in Zukunft ein Bevölkerungsanteil von einem Prozent der US-Bevölkerung ausreichen wird, um eine eigenständige Öffentlichkeit und Infrastruktur aufzubauen, die sich finanziell trägt. Der Spezialkonsum ersetze immer stärker den Massenkonsum.

Am Ende der kommenden Dekade wird die deutsche Gesellschaft aufgrund der Einwanderung der letzten Jahrzehnte mit den USA vergleichbare Sozialstrukturen entwickeln. Ähnlich wie dort werden Stadtteile sozial und kulturell noch abgrenzbarer sein als heute. Der „Kommunalismus“, der Hang sich primär seiner eigenen kulturell, sozial und religiös definierten Gruppe zugehörig zu fühlen, wird sich voraussichtlich verstärken. Das wird wahrscheinlich die Bereitschaft, für den Sozialstaat aufzukommen, in der Tendenz mindern, da sich „Solidarität“ in einer segmentierten Gesellschaft anders darstellt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Politik – und zwar auf beiden Seiten des politischen Spektrums – als Antwort auf die zentrifugalen Kräfte die stabilisierende Wirkung des so lange geschmähten Patriotismus wiederentdecken und die Erfahrungen der WM 2006 beschwören wird, um die Differenzen durch gemeinsame emotionale Bezugspunkte zu überbrücken.

Wie auch immer es kommen mag, es wird mit Sicherheit ein spannungsreiches, aber auch spannendes Jahrzehnt werden, das da vor uns liegt.

26. Januar 2010

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