Frank W. Haubold

Jg. 1955, ist promovierter Informatiker und Schriftsteller

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Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald: Sebastian Jabbusch als aufklärerischer Dichter und BRD-Patriot

von Frank W. Haubold

Die posthume Denunziation als neuer Zweig der Volkspädagogik (2)

Inzwischen haben die Hüter der öffentlichen Moral und ihre nimmermüden Zuträger ein weiteres Betätigungsfeld für sich entdeckt, das ihnen beinahe unerschöpfliche Möglichkeiten bietet: die Bereinigung der Geschichte. Verdächtig ist nunmehr jede historische Person signifikanten Bekanntheitsgrades, insbesondere dann, wenn sie Schriftliches hinterlassen hat, das im Zweifel gegen sie verwendet werden kann. Dabei gibt es allerdings feine Abstufungen hinsichtlich Nationalität und politischer Wirkung der potentiellen Delinquenten. Denn nicht jeder Prominente ist auch tatsächlich „denunziationswürdig“. Entscheidend ist der volkspädagogische Effekt.

So musste es einem gewissen Sebastian Jabbusch, seines Zeichens Geschichtsstudent und (nach eigenem Bekunden) „freiberuflicher Gesellschaftskritiker“ wie ein Hauptgewinn im Lotto erschienen sein, als er in den Schriften des Namenspatrons seiner Greifswalder Universität Ernst Moritz Arndt auf eine Handvoll fragwürdiger Äußerungen stieß. Der Mann war ihm ohnehin suspekt gewesen („Patriot und Dichter“), aber jetzt hielt er endlich etwas Konkretes in den Händen. Nun musste er den verhassten Namenspatron nur noch vom Sockel stürzen, dann würde ihn selbst niemand mehr als Schwätzer oder Wichtigtuer bezeichnen (was ihm aus unerfindlichen Gründen schon häufiger widerfahren war).

Und so zögerte der wackere Aufklärer auch keinen Augenblick und gründete mit Gleichgesinnten (die in derartigen Fällen stets rasch zur Hand sind) die Initiative „Uni ohne Arndt“. Um die Unterstützung der Berufs-Anständigen dieses Landes vom Leiter des Wahrheitsministeriums (Wolfgang Benz) bis hin zu den einschlägigen Qualitätsmedien („Spiegel“ und „Zeit“ Schulter an Schulter mit dem Ex-SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“) mussten sich die Organisatoren ohnehin keine Sorgen machen, die reagierten wie erwünscht.

Die Arndt-Verteidiger schienen dagegen schwach und desorientiert, und so lief die generalstabsmäßig organisierte Diffamierungskampagne gegen den angeblichen „Rassisten und Antisemiten“ zunächst wie geplant. Eine studentische „Vollversammlung“ (die sich überwiegend aus Herrn Jabbuschs Parteigängern rekrutierte) sprach sich im Juni 2009 mit 95 Prozent gegen Arndt aus, weshalb flugs eine studentische Urabstimmung anberaumt wurde, um Druck auf den zögerlichen Senat auszuüben.

Die Artikel in den Zeitgeistmedien waren bereits geschrieben, die Arsenale öffentlichen Drucks auf die Universitätsoberen bis zum Bersten gefüllt, als bei der Urabstimmung im Januar 2010 unerwartet etwas schief ging: Von 12.000 Studenten sprachen sich gerade einmal 1.200 für eine Umbenennung aus, eine Mehrheit der Abstimmenden (49 Prozent) votierte sogar dagegen, und dem Rest ging die Kampagne einfach nur auf die Nerven. Ein herber Rückschlag, wo man doch so nah vorm Ziel war! Die „Zeit“ schäumte: „Die studentische Initiative gegen den Nazi-Namen der Uni Greifswald konnte sich in der Urabstimmung nicht durchsetzen.“ (was selbst  Zeit-Konsumenten in die Nase stieg). Der „Spiegel“ trauerte, und sogar Herrn Benz verschlug es vorübergehend die Sprache. Aber eine ganze Region atmete auf ...

Wer sich nun allerdings der trügerischen Hoffnung hingibt, damit sei die Angelegenheit vom Tisch, der sei gewarnt: So schnell geben die „Anständigen“ dieses Gemeinwesens nicht auf, wenn sie einmal Blut geleckt haben. Es geht ihnen dabei nicht um den Schriftsteller Arndt, nicht um Greifswald, schon gar nicht um das gern zitierte „internationale Ansehen“ der dortigen Universität. Es geht darum, Geschichte umzudeuten, sie um historische Persönlichkeiten und deren Werke zu „bereinigen“, die ihnen ideologisch suspekt sind. Probates Mittel hierzu ist eine unterstellte Nähe zum Nationalsozialismus, was den Protagonisten zudem erlaubt, eventuelle Kritiker als reaktionär oder gar rechtsextrem zu verunglimpfen. Dabei ist ihre (öffentliche) Empörung über rassistische oder antisemitische Äußerungen historischer Personen durchaus selektiv. Verglichen mit dem, was zum Beispiel der kommunistische Vordenker Karl Marx über die Slawen oder seinen Konkurrenten Ferdinand Lassalle niederschrieb, erscheinen selbst Ernst Moritz Arndts radikalste Polemiken noch moderat. Von einer öffentlichen Kampagne zur Umbenennung Hunderter nach Marx benannter Schulen, Straßen und Plätze ist dennoch nichts bekannt. Der volkspädagogische Effekt wäre auch nicht der erwünschte ...

Wer sich seriös und nicht nur an Hand von aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten über Leben und Werk von Ernst Moritz Arndt informieren möchte, dem sei die Webpräsenz der Arndt-Gesellschaft empfohlen.

Ich weiß, woran ich glaube,

Ich weiß, was fest besteht,

Wenn alles hier im Staube

Wie Sand und Staub verweht;

Ich weiß, was ewig bleibet,

Wo alles wankt und fällt,

Wo Wahn die Weisen treibet

Und Trug die Klugen prellt.

Ernst Moritz Arndt aus „Fels des Heils“

Frank W. Haubold

Der Autor, Jg. 1955, ist promovierter Informatiker und Schriftsteller

Internet

Uni ohne Arndt

„Spiegel“ auf Linie

„Neues Deutschland“ auf Linie

„Zeit“ auf Linie

„Zeit“-Leserkommentar

Karl Marx in der Kritik

Ernst-Moritz-Arndt-Gesellschaft

27. Januar 2010

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Kommentare

Molot, am 27. Januar 2010 um 14:42 ( Link )

"Der Gott der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte......"
B.Ullmann

Kosty, am 27. Januar 2010 um 15:25 ( Link )

Folgendes Gedicht von Arndt stand in meiner Abi-Zeitung vor über 30 Jahren. Es hat sogar der sozialistischen Zensur getrotzt:

Die Zaunranke und der Klee

Zum Klee die Zaunranke sprach:
Nachbar, komm mir doch nach!
Stiegen wir doch zugleich aus den Schollen,
Warum hast du nicht mit mir wollen?

Lächelnd erwidert der Klee:
Darfst auf die stattliche Höh
Eben so trotzig nicht pochen;
Ich stehe, du bist gekrochen.

Gutmenschentum ist die schrecklichste Erscheinung der Gegenwart.

Satanas, am 27. Januar 2010 um 17:43 ( Link )

Es ist sowieso eher seine "Rückrat"- Lyrik, die Arndt den Gutmenschen so verhaßt macht, Brecht rief schliesslich auch (und noch erheblich nachdrücklicher) zu Gewalt auf und ist doch ihre Ikone..
aber es ist einfach - Arndt war ein patriotischer Freiheitsdichter, also haut man auf den Patriotismus und meint die Freiheit.

@Molot
Wer läßt sich schon gern sagen, daß Gott ihn nicht gewollt hat..

Paoyue, am 27. Januar 2010 um 19:18 ( Link )

Man könnte ja mal einen Testballon in die Gegenrichtung steigen lassen: eine Kampagne gegen die vielen Karl-Marx-Strassen etc. ...

Stefan Sedlaczek, am 27. Januar 2010 um 20:12 ( Link )

Ach, der gute Arndt benutzte bereits um 1800 - und zwar im ef-Sinne - für die bekanntgemachten parlamentarischen Meinungen, die mit Gewalt durchgesetzt werden sollen, den schönen und bezeichnenden Ausdruck Papiergesetze. Das hat ihn mir gleich sympathisch gemacht. Wie man allerdings einen, der 1769 geboren wurde, zum "Nazi" stempeln das Ansinnen haben kann, dafür wird sich wohl kaum eine seriöse Begründung finden.

Martin Möller, am 27. Januar 2010 um 20:38 ( Link )

Die Kirchenlieder von Arndt sind ganz gut, die profanen weniger. "Was ist des deutschen Vaterland" etc. sind schon eine ziemliche Zumutung und haben sehr viel Schaden angerichtet.

Ich würde mich, gerade als vorpommerscher Landsmann Arndts, zwar nie an derartigen Kampagnen beteiligen, doch Arndt ist irgendwie schon ein Wegbereiter. Kollektivismus, Nationalismus, völkischer Chauvinismus, wohl auch Borussentum, das sind Werte, die sich destruktiv ausgewirkt haben.

Man könnte formulieren, daß Arndt den Ungeist der Französischen Revolution ins Deutsche übertragen hat. Jeder der freiheitlich denkt, wird wohl eine gesunde Abneigung gegen Arndt kultivieren.

Und einen akademischen Wert repräsentiert Arndt auch nicht. Er ist wohl nur durch Zufall als "Kaisergeburtstagsdichter" an seine Professor gekommen.

Paoyue, am 27. Januar 2010 um 22:27 ( Link )

Interessanterweiser hat Arndt als Namenspatron zu DDR-Zeiten niemanden gestört.

leewe, am 27. Januar 2010 um 22:48 ( Link )

Der "freiberufliche Gesellschaftskritiker" ist auf jeden Fall im Besitz der Wahrheit und will das Gute. Er ist ein Gutmensch.
Damit allein wird man heute nichts mehr, man muss ein besserer Gutmensch sein. So kommt auch eine gewisse Berühmtheit zustande.
Man kann die Debatte um die Bewertung des Sünders (hier Arndt) durch Anwendung des Godwinschen Gesetzes erheblich abkürzen, besser noch man fängt sofort damit an.
Wer ist der Nächste?

Konservativer, am 28. Januar 2010 um 1:58 ( Link )

Es zeigt sehr viel über den Verfall des Landes, wenn so ein Schaumschläger eine umfängliche Kampagne ins Leben rufen kann, bis in die überregionale Presse hinein beachtet (und beklatscht).

Den hier mitlesenden Fans der Piratenpartei sei auch ins Stammbuch geschrieben, dass dieser unsägliche S.J. Landesvorsitzender von MeckPom ist.

Arndt war ein patriotischer Freiheitsdichter, also haut man auf den Patriotismus und meint die Freiheit.

Sehr gut beobachtet!

Martin Möller, am 28. Januar 2010 um 15:21 ( Link )

Warum sollte in der DDR Arndt jemanden gestört haben? Er galt als fortschrittlich (bürgerlich-demokratisch) und somit war er auf der richtigen Seite. Zudem beanspruchte die DDR ja die Vertretung für ganz Deutschland und somit war ihr ein Nationalist, der das "ganze Deutschland" forderte, mehr als recht. Selbst in meiner Heimatstadt Barth gab es eine Ernst-Moritz-Arndt-Schule. Er stammte übrigens aus einem Nachbardorf.

Mit der "Freiheitlichkeit" Arndts war es übrigens nicht sehr weit her. Aber das hatten wir wohl schon.

Martin Möller, am 28. Januar 2010 um 15:32 ( Link )

Bevor wir's vergessen. Arndt war ein ausgesprochen Linker. Und in innerlinke Diskussionen sollte man sich grundsätzlich nicht einmischen.

fwh, am 28. Januar 2010 um 17:10 ( Link )

@ M. Möller
"Bevor wir's vergessen. Arndt war ein ausgesprochen Linker. Und in innerlinke Diskussionen sollte man sich grundsätzlich nicht einmischen."

Im Gegensatz zu Ihrer Wahrnehmung repräsentiert Ernst Moritz Arndt m. E. alles, was die von Selbsthaß zerfressenen pseudolinken 68er-Zöglinge hassen und fürchten: Patriotismus, Freiheitswillen, Glaubensfestigkeit und Selbstachtung. Die aus dem Zusammenhang gerissenen Zitate sind ihnen nur Mittel zum Zweck. Und dieser Zweck heißt: Auslöschung und Verächtlichmachung von allem, was an der deutschen Geschichte und Kultur identitätsstiftend sein könnte.

Martin Möller, am 28. Januar 2010 um 19:59 ( Link )

Ich würde auch das nicht unterschreiben. Die 68er und die 68er-Zöglinge sind ja ganz verschiedene Kategorien. Und in beiden Gruppen gibt es solche und solche.


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