28. Januar 2010

Philosophische Praxis (Vol. 49) Über Normen

Letzte Gegebenheiten oder erste Prinzipien der Ethik

Als Priamos noch ein Jüngling war, wurde Troja durch Herakles zerstört. Priamos selbst geriet in Gefangenschaft, konnte jedoch von seiner Schwester wieder freigekauft werden. Neun Jahre später gelang es ihm, Troja zu erobern und damit ein großes Reich zu gewinnen.

Als der Trojanische Krieg ausbricht, ist Priamos bereits ein Greis und nur mehr im Rat tätig. Sein Sohn Hektor führt die Verteidigung gegen die Griechen an. Im Schlachtgetümmel tötet Hektor den jungen Patroklos, der voranstürmt, um die Festung zu nehmen und der sich dazu in die Rüstung des Achill begibt, seines Herrn, engsten Gefährten und Waffenbruders. Hektor schleppt die Leiche des Patroklos mit sich fort. Um den Toten entbrennt ein heftiger Streit. In rasender Wut stürzt sich Achill in die Schlacht, um seinen Freund zu rächen. Er tötet Hektor und schleift die Leiche, so lange, bis ihn König Priamos um die Herausgabe des toten Sohnes anfleht.

In „vorweltlicher Grausamkeit“ schleift Achill mit seinem Gespann die Leiche um das Grabmal seines Freundes. Die Götter greifen nicht ein. Da erhebt sich ein Gott, Apollon, als Anwalt der Humanität und spricht: „Schrecklich seid ihr, Götter, in eurer Lust am Zerstören. Hektor hat euch immer geopfert, und ihr lasst ihn liegen in solcher Entehrung. Ihr steht zu Achilleus, in dem kein Sinn ist für Billigkeit, der starr ist, roh und wild wie ein Löwe, der sich auf die Herde stürzt. Er hat das Erbarmen von sich getan und kennt keine Scheu. Das ist gar nicht mehr Menschenart, denn die Menschen haben von der Natur (von der Moira) ein Wesen bekommen, das sich in manches fügt. Er aber schleift die Leiche Hektors. Wahrhaftig, das ist nicht schön und nicht gut; wir sollten ihn unseren Zorn fühlen lassen, auch wenn er adeligen Blutes ist, denn in seinem Wüten schändet er sogar die empfindungslose Erde“ (Ilias, 24. Gesang, Vers 33-54).

Was hier gezeigt wird, ist das klare Bewusstsein einer Norm. Die Norm ist nicht Apollon selbst. Er spricht ja zu den Göttern und misst beide, Götter und Menschen, an der Norm, die einfach da ist, wie das ungeschriebene Gesetz, von dem Sophokles sagt: „Denn dies ist nicht von heut und gestern, nein, von Ewigkeit, den Ursprung kennt kein Mensch“. Es handelt sich um keine Norm, die von den Göttern gegeben wurde, sondern sie ist eine letzte Gegebenheit oder anders gesehen: Sie gehört zu den ersten Prinzipien der Ethik.

Achilleus handelt nicht richtig, nicht „so wie es sein soll“, würde Aristoteles dazu sagen. Richtig wäre, den Zorn zu zügeln und maßvoll zu sein, nicht bloß starres Recht walten zu lassen, sondern „Billigkeit“, d.h. die Härte des geschriebenen und strikten Rechts aus Einsicht abzumildern. Richtig wäre, Ehrfurcht und Scheu zu haben und ganz generell ein „Schöner und Guter“ („kalokagathos“) zu sein. So soll es sein.

Man schleift keine Leichen, niemals. Auch keine toten GIs in Mogadischu. Man überfährt auch keine Leichen mit dem Lastwagen, wenn sie den Weg blockieren. Wer das tut, hat kein Erbarmen, kennt keine Scheu, ist roh und wild wie ein Löwe. Nie und nimmer kann so jemand „kalokagathos“ genannt werden. Das ist gar keine Frage; nicht vielleicht oder unter Umständen, sondern mit Sicherheit. Und es liegt nicht im Auge des Betrachters, dass dies so ist. Es ist die Norm. Den Ursprung kennt kein Mensch.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erschien (bis Folge 48) in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online. Diese Folge 49 wurde in der „Wiener Zeitung“ nicht mehr abgedruckt, sie erscheint hier exklusiv – und damit endet nun auch diese Serie auf ef-online.


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