30. Januar 2010

Deutsche Außenpolitik Kein Kuchen in Afghanistan

Dumm, dümmer, Krieg am Hindukusch

Ich habe in den letzten Tagen überlegt, ob ich nicht zu den Taliban wechseln sollte. Ein paar Wochen Ausbildung in einem Terrorcamp – das wäre doch mal was Neues! Abenteuerurlaub der besonderen Art. Danach gehe ich zum Auswärtigen Amt und bitte um Unterstützung für Aussteiger. Wenn der deutsche Staat genug springen lässt, dann lohnt es sich vielleicht nicht mehr, arbeiten zu gehen. In Berlin-Neukölln denken schon Tausende so – nur dass ihre Aussteigerprämie Hartz IV heißt und nicht primär für Taliban gedacht ist.

Spaß beiseite. Das Thema ist im Grunde gar nicht lustig, auch wenn ich nicht weiß, ob ich über Guido Westerwelles Vorschlag mit finanzieller Unterstützung für ehemalige Taliban lachen oder weinen soll. 50 Millionen Euro sollen in einen Fonds für Taliban-Aussteiger fließen. So wie in Neukölln glaubt der deutsche Wohlfahrtsstaat, ein Problem mit aufmüpfigen Jugendlichen dadurch zu beseitigen, dass er sie mit Geld bewirft. Dabei liegt die einfachste und kostengünstigste Variante zur Konfliktbeilegung auf der Hand: der sofortige Abzug aller deutschen Truppen aus Zentralasien.

Seit acht Jahren sind wir in einen Krieg mit einem Land verstrickt, das uns nicht angegriffen hat und von dem noch nicht mal eine reale Bedrohung für uns ausgegangen ist. Was also haben unsere Soldaten dort zu suchen? Acht Jahre lang. Das ist inzwischen zweimal so lange wie der Erste Weltkrieg. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Die Deutschen sind mehrheitlich gegen diesen Krieg, und dennoch ist der Kriegseinsatz in unserer politischen Klasse fast Konsens. Nur die Linkspartei behauptet, gegen den Einsatz zu sein, weil sie sich den pazifistischen Teil der deutschen Wähler sichern will. Aber dabei darf nicht vergessen werden, dass die Vorgängerorganisation noch vor dreißig Jahren laut applaudiert hat, als die Rote Armee in Afghanistan einmarschiert ist. Mit der Friedensliebe der Roten ist es nicht weit her.

Die Führer der anderen Parteien sind sich einig, dass wir auch weiterhin mitmachen müssen, weil wir „unseren Beitrag zu leisten“ haben und „nicht aus der Verantwortung stehlen“ können. Wirklich? Müssen wir wirklich Soldaten nach Afghanistan schicken? Was würde passieren, wenn wir es nicht täten? Die Amerikaner würden kurz murren, und das wäre es. Sie selbst wissen doch, dass sie den Krieg dort niemals gewinnen können. Deswegen haben sie auf der gestrigen Afghanistankonferenz mal wieder einen Strategiewechsel verkündet, wobei niemand wirklich glaubt, dass die neue Strategie erfolgversprechend ist. Al Qaida operiert seit 2001 nicht mehr in Afghanistan und Osama Bin Laden haben sie in den letzten acht Jahren auch nicht gefunden. Stattdessen wird uns jetzt mit der Aussicht auf einen angeblichen Abzug irgendwann die Entsendung von noch mehr Truppen schmackhaft gemacht. Krieg ist Frieden, wusste schon George Orwell. Und mal ehrlich: Wenn ein Raucher behauptet, er höre 2012 oder 2014 mit dem Rauchen auf, zunächst rauche er aber noch einmal täglich eine Schachtel mehr als bislang – was antworten wir ihm da?

Pazifismus um seiner selbst willen in einer vor Waffen starrenden Welt ist ziemlich albern. Manchmal müssen Länder Kriege für ihre Interessen führen. Es kann sogar notwendig sein, als Vasall an der Seite einer starken Macht irgendwo mitzumarschieren, wenn es am Ende ein Stück vom Kuchen abzugreifen gibt. Aber wo ist der Kuchen in Afghanistan? Unterstützung für diesen völkerrechtwidrigen Krieg gegen ein Land, das uns nie angegriffen hat, haben unsere Politiker nur verdient, wenn sie die Vorteile benennen können, die dabei herausspringen. Um es gleich vorweg zu nehmen: Dass afghanische Kinder jetzt Lesen und Schreiben lernen ist kein Vorteil für uns – jedenfalls nicht gemessen an den Kosten, die dafür auf uns zukommen. Kluge Außenpolitik wäre es, sich aus den Ränkespielen fremder Nationen herauszuhalten (no entangling alliances) und nur dann einzumischen, wenn die eigenen Interessen tatsächlich berührt sind.


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