02. Februar 2010

Von der rot-grünen Gefahr zur rot-rot-grünen Wenn Deutschland rot wird

Blick in eine 30 Jahre alte Streitschrift

Das schwarz-gelbe Projekt hat an Strahlkraft verloren. Der Ruf nach einer geistig-politischen Wende wird lauter. Bei Einzelnen bricht sich die Einsicht Bahn, dass wir eine geistige Währungsreform benötigen. Doch bei aller Kritik an den Protagonisten auf der Regierungsbank in Berlin vergessen wir, wie wenig anheimelnd die Alternative aussähe. Gemeint ist damit das rot-grüne Projekt, ergänzt durch tiefes Dunkelrot vielleicht. Frau Kraft würde ihm in NRW bei den Landtagswahlen im Mai gern zum Durchbruch verhelfen. Es ist Zeit, kurz inne zu halten und fast 30 Jahre zurückzuschauen. Damals warnte der Publizist Matthias Walden davor, dass Deutschland rot wird. Zum Glück blieb es gelb-schwarz. Doch eine Garantie, dass es diesmal wieder so ausgeht, haben wir nicht. „Das rot-rot-grüne Lager bedroht vielleicht nicht gleich das christliche Abendland, wohl aber das christlich-liberale Bündnis“, schreibt der „Focus“. Vielleicht lassen sich ja bei der Neulektüre von Waldens schlanker Streitschrift Lehren für die Gegenwart ziehen.

Bei dem Buch „Wenn Deutschland rot wird“ handelt es sich um eine politische Standortbestimmung aus dem Jahr 1983. Matthias Walden appelliert in diesem Werk an die Deutschen, an die alten Tugenden wieder anzuknüpfen, welche die Bundesrepublik nach 1949 stark gemacht hätten, und Rot-Grün eine Absage zu erteilen.

Der Autor beginnt seine Ausführungen damit, dass er eine unterschiedliche Beurteilung von Links- und Rechtsextremismus kategorisch ablehnt: „Rot und braun sind mir in der Politik zuwider.“ Denn wo die Gleichbewertung und Gleichbehandlung „beider freiheitszerstörender Extreme versäumt oder willentlich verdrängt wird, geschieht unweigerlich eine Schwerbeschädigung der Demokratie.“ Hier hat sich nichts geändert. Die Bekämpfung der „rechten“ Gefahr rangiert noch immer weiter vor der linken oder der neuen Gefahr, die sich aus dem Islam beziehungsweise seiner gewalttätigen Interpretation speist.

Dem rot-grünen Projekt kann Walden jedenfalls nicht viel abgewinnen, denn es würde sich gemeinsam auf eine verhängnisvolle Reise begeben: „Eine durch Misserfolge und ideologische Haltungsschäden geschwächte SPD, die im deutschen Bundestag auf die Gunst der Grünen, der Alternativen, der Aussteiger, der militanten Pazifisten und der Schwarmgeister angewiesen wäre und sich ihnen opportunistisch, nur um der Rückgewinnung der Macht willen, anpasste, würde rot wie der Sonnenuntergang und grün wie die Unreife werden.“

Der Realist Walden argumentiert in diesem schmalen Büchlein gegen die Phantasten, denn er ist sich bewusst, dass die arbeitenden Menschen die Verlierer eines konturlosen „Wunschbild-Sozialismus“ sein würden. Dies werde jedoch von einem „primitiven Pro-Kommunismus“ völlig anders dargestellt. Walden bemängelt: „Antifaschistisch darf man sein, antikommunistisch nicht.“ Heute – so darf man ergänzen – darf man zwar immer noch antifaschistisch, aber nicht mehr anti-islamistisch sein.

Nachdem der Autor dargelegt hat, was seiner Meinung nach droht, „wenn Deutschland rot wird“, gelangt er zu der Schilderung der Lage der Nation. Der Satz „Ein Staat und sein Volk haben über ihre Verhältnisse gelebt“ kommt einem auch in der heutigen Zeit sehr vertraut vor. Das „Anspruchsdenken“ sei inflationär gewachsen. Walden kritisiert, dass die alternative Lebensweise und die „Aussteigerei“ von der Gesellschaft alimentiert würden: „Was da als ‚einfaches Leben’ und als trotzige Askese posierte und sich verweigerte, wurde von der verpönten ‚Gesellschaft’ bezahlt, subventioniert, sozial abgesichert und kostspielig dem Risiko weitgehend entzogen. Ein Arbeitsloser bei uns bekommt mehr auf die Hand als ein Schwerarbeiter im Sozialismus.“ Kommen uns diese Töne in Zeiten von HartzIV so unbekannt vor, in denen eine Familie mit zwei Kindern, die von staatlicher Stütze lebt, mehr in der Kasse hat als mancher Geringverdiener-Haushalt?

Der Autor gibt selbstkritisch zu, dass die ältere Generation mit daran Schuld trage, dass eine permissive Gesellschaft entstanden sei. Nun gelte es, die rot-grüne Gefahr zu erkennen und zu bekämpfen, denn dieses Farbgemisch stelle eine gefährliche Mischung dar: „Das Rot der Ideologie ist inbegriffen, blauäugige Naivität spielt mit, das Schwarz eines rabiaten Zivilisationspessimismus, das Weiß einer kapitulantenhaften Haltung gegenüber dem hochmilitarisierten Osten und das Gelb des Neides in klassenkämpferischem Sinne. Das macht die Sache reichlich bunt, zu bunt für den Geschmack der neuen Koalition, aber auch zu schillernd für die bewahrenden Kräfte in der SPD.“

Ganz konservativer Zeitkritiker, mahnt Walden zur Wiederentdeckung alter Tugenden wie Ehre, Liebe, Treue oder Vaterlandsliebe. Die Deutschen sollten die zeitlosen Werte neu achten und wieder den Elan der Nachkriegsgeneration an den Tag legen. Dazu bedürfe es einer „geistigen Währungsreform“.

Die letzten Seiten der Streitschrift sind gefüllt mit Zitaten bekannter Sozialdemokraten wie Ernst Reuter, Kurt Schumacher, Georg Leber, Fritz Erler, Herbert Wehner, Willy Brandt etc. Hierbei handelt es sich um verlorene Ansichten und Einsichten: „Diese Beispiele sozialdemokratischer Gesinnung und geistiger Sicherheit, die heute nur noch wenige aufrechte Sozialdemokraten auszeichnen, ergeben ein Kontrastbild zur Gegenwart, das den Niedergang der SPD-Politik erschreckend vor Augen führt.“ Ein Schelm, wer jetzt an Sigmar Gabriel denkt und daran, mit welcher Chuzpe er manches Positive aus der Ära Schröder-Clement auf den Müllhaufen der Geschichte werfen will.

An der Seite der Grünen und der Alternativen – da ist sich Walden sicher – könne die Rückkehr zu diesen Einsichten nicht gelingen: „Der Verfall ging schnell, die Genesung wird lange brauchen. Sie ist überhaupt nur denkbar in der regenerativen Luft der Opposition.“

Alles in allem liest sich Waldens letzte Buchveröffentlichung wie ein besorgter Appell an die deutsche Sozialdemokratie, nicht immer weiter nach links zu rücken. Die Bundesrepublik insgesamt habe sich bewährt und dürfe jetzt nicht für rot-grüne Experimente missbraucht werden: „Konservativ zu sein, gilt aus linker Sicht seit langem als ‚out’, obwohl doch die Bewahrung des Bewährten einst auch in der deutschen Sozialdemokratie eine prägende, vorteilhafte Rolle spielte.“

Es ist nur bedauerlich, dass heute selbst in der Union niemand mehr konservativ sein will. Also haben sich die Zeiten doch geändert. Das Land insgesamt ist nach links gerückt. Wen schreckt es überhaupt noch, dass Deutschland rot werden könnte?


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