11. Februar 2010

65. Jahrestag der Bombardierung Dresdens vom 13. Februar 1945 Deutschland, ein Land ohne Tränen

Totenstille noch

Ein Indianer weint nicht. Ein Indianer schluckt seine Tränen herunter. Dieses Gebot gilt seit 1945 bekanntlich auch für deutsche Indigene: wie immer man mit ihnen umgeht, sie haben es zu schlucken. Der politischen Schickeria sind die Gedenkfeiern zur Dresdner Bombennacht daher vor allem deshalb unheimlich, weil die Deutschen dort etwas tun, was sie nicht sollen: sie weinen, und wer weint, ist nicht mehr willens zu schlucken.

Seit 1945 lastet das große Schweigen über unserem Land: das Schweigen über die Hunderttausenden von Menschen, die in Feuerstürmen verbrannten, in ihren Kellern erstickten, am Tag danach verkohlt auf Leichenbergen abgefackelt wurden. Und auch das Schweigen über die Hunderttausende von  Menschen, die auf der Flucht erfroren, verhungerten, als wehrlose Zivilisten von Tieffliegern abgeknallt oder während der Vertreibung wahllos gemordet wurden und in Lagern umkamen. Seit jener Zeit lastet eine innere Totenstille über unserem Land.

Die Bundesrepublik ist ein Staat, der sich in seiner geistigen Verfassung schon früh von den Deutschen abgewandt hat. Tote Deutsche galten von Anfang an als Tote zweiter Klasse: Sie wurden nicht bestattet, sondern verscharrt. Echte Trauerarbeit hat es nie gegeben. Statt die Toten zu beweinen, hat man uns gelehrt, die Trauer zu verdrängen, die Zähne zusammenzubeißen und lächelnd so zu tun, als wäre nichts gewesen: keine „Millenium“-Nacht der Tausend Bomber über Köln, keine Gustloff, kein Massaker in Marienburg. Man hat uns gelehrt, die Tränen zu schlucken, und seitdem schlucken wir alles, ganz gleich, was man uns vorsetzt.

Aber die Toten jener Tage geistern weiter durch unser Land. Sie schwirren durch unsere Häuser, sie schauen sich um, sie sitzen mit uns am Tisch, wenn die Familien beisammen sind, sie leben selbst in den Erzählungen der heutigen Nachkriegsgenerationen weiter. Und die Zeit ist auf ihrer Seite: mit jedem Jahr, das vergeht, rufen sie sich stärker ins Gedächtnis, weil sie ein Teil der vielen unausgesprochenen Wahrheiten sind und das Verlangen nach Wahrheit in einem Staat, der sich in Lügenwelten verstrickt und daran gewöhnt hat, uns mit Halbwahrheiten abzuspeisen, von Tag zu Tag anwächst.

Aus Sicht der herrschenden Schickeria ist die Trauer in Dresden daher tatsächlich gefährlich: Wenn ein Volk anfängt, seine verschwiegenen Toten zu beklagen, wird es eines Tages auch nicht mehr bereit sein, über andere verdrängte Wahrheiten zu schweigen. Denn wer endlich angefangen hat zu weinen, hat auch angefangen seinen Mund zu öffnen.

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Der Autor schrieb zusammen mit Claudia Brot das 68er-Kochbuch


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Joschka Pfuscher

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