Ralph Janik

Studierte Rechtswissenschaften in Wien und Madrid. Mitarbeiter am Institut für Wertewirtschaft; seine Beiträge geben jedoch nicht unbedingt die Meinung des Instituts wieder.

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Über begabte Mädchen, schwierige Jungs und den wahren Unterschied zwischen Männern und Frauen: Vom Feminismus abgewandt

von Ralph Janik

Rezension: Das Geschlechter-Paradox von Susan Pinker

Susan Pinker hat ein gutes und wichtiges Buch geschrieben – zu einem der emotionalsten und folglich auch am unsachlichsten diskutierten Themen unserer Zeit; den Geschlechtern, ihren Unterschieden, Gemeinsamkeiten und wie sich diese im Leben von Männern und Frauen auswirken. Pinker verwirft entsprechend sämtlichen neurologischen Erkenntnissen die bis heute im Bereich der Sozialwissenschaften Bestand habende Irrlehre von Simone de Beauvoir, nach der das Geschlecht eine soziale Konstruktion sei. Sie skizziert ein Bild der Geschlechter, das frei von Vorurteilen positiver oder negativer Art ist. Es ist keine Kampfschrift zu Gunsten oder zu Ungunsten positiver Diskriminierung, gezielter Frauenförderung oder wie auch immer gearteten Formen der Gleichstellung – denn Pinker erkennt natürliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern an und kritisiert vielmehr, dass vom Mann als Ideal ausgegangen wird, das Frauen über Gleichstellungsmaßnahmen zu erreichen hätten.

Pinkers Buch ist ein Konvolut aus persönlichen Porträts von Menschen, mit denen die kanadische Psychologin im Laufe ihrer beruflichen Tätigkeit zu tun hatte und wissenschaftlichen Erkenntnissen aus den Bereichen der Psychologie und Neurologie; die Menschen, die Pinker beschreibt, kannte sie im Kinderalter, um deren Werdegang zu verfolgen, oder sie lernte sie in einer entscheidenden Phase in deren Leben kennen –  etwa, wenn Frauen, die die Spitze der Karriereleiter in ihren jeweiligen Berufen erklommen hatten oder im Inbegriff waren, es zu tun, plötzlich aussteigen oder derartige Angebote zu Gunsten des Status Quo aufgeben. So führt das Buch durch viele interessante, teils wenig, teils weit verbreitete Erkenntnisse, wie etwa, dass der Mann das eigentliche schwache Geschlecht sei, was gegen das Bild vom Mann als zu erreichendes Ideal spricht. Etwa, weil Männer vor allem in jüngeren Jahren größere Schwierigkeiten mit Sprache, Lernen, Sozialkompetenz oder dem Umgang mit Stress haben als Frauen. Auch sind Männer wesentlich anfälliger für das Leben oftmals erschwerende Lerndefizite wie Dyslexie oder Verhaltensstörungen wie dem Asperger-Syndrom oder dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Dies, weil das männliche Gehirn von seinem Aufbau her schwerer von diesen zerebralen Defiziten betroffen ist als das weibliche, das hier besser auszugleichen vermag. Daraus zieht Pinker den Schluss, dass man sich eher um die Männer Sorgen müsse als um die Frauen und verweist etwa auf die ungleich höhere Zahl an (vor allem jungen) Männern, die man bei (Schul-) Psychologen, Sozialarbeitern oder im Strafvollzug vorfinde. 

Eine der vielen Erkenntnisse ist beispielsweise auch die zentrale, gleich zu Beginn genannte, dass Männer und Frauen im Durchschnitt zwar gleich intelligent im Sinne des IQ sind, bei Männern jedoch viel extremere Schwankungen vorliegen – nach oben ebenso wie nach unten, was erklärt, wieso es mehr extrem intelligente und zugleich auch extrem dumme Männer gibt, während bei Frauen ein gesundes Mittelmaß vorherrscht (ohne damit zu sagen, dass Frauen nicht in das positive oder negative Extrem fallen könnten) . Bezeichnend für die höheren Schwankungen bei Männern zitiert sie Camille Paglia mit dem Ausspruch, dass ein weiblicher Mozart fehle, weil es auch keinen weiblichen Jack the Ripper gibt.

Daraus folgt, dass männliche Gehirne zwar oft unvergleichliche Spitzenleistungen in einem Bereich vollbringen können, dafür aber in anderen, alltäglichen Bereichen (wie bloßem Small talk) versagen oder zumindest benachteiligt sind – quasi als Preis für die Begabung. Dieses für das Asperger-Syndrom (beziehungsweise auch bei Personen, die es nicht haben, jedoch nahe dran sind) typische Phänomen beschreibt Pinker anhand des Sprachen-Genies Daniel Temmet, der innerhalb von zehn Tagen eine Sprache erlernen kann, jedoch in einfachsten Alltagssituationen, die unvorhersehbar sind, Probleme hat. Ein hoher Preis, um den Frauen diese hochbegabten Männer, die die Spitze einer männlichen Tendenz zu „Fachidiotie“ (die eine von mehreren Erklärungen für den hohen Anteil von Männern im wissenschaftlichen Spitzenfeld ist) darstellen, nicht zu beneiden brauchen.

Pinker nennt die für viele überraschende Feststellung, dass die Unterschiede in der Berufswahl zwischen Männern und Frauen umso ausgeprägter sind, je breitere Möglichkeiten Frauen haben, ihre Berufe zu wählen – da sich gerade in den als in Bezug auf Geschlechtergleichstellung am fortschrittlichsten angesehenen Ländern, wie etwa Schweden oder Norwegen, aller Maßnahmen der Frauenförderung zum Trotz die größten Unterschiede hinsichtlich der Berufswahl ergeben. Dies liegt laut Pinker etwa daran, dass Frauen ein von Natur aus empathischeres Verhalten an den Tag legen als Angehörige des anderen Geschlechts; womit der hohe Anteil von Frauen in Lehr-, Erziehungs- oder Pflegeberufen keineswegs mit sozialer Konstruktion und strukturell geschaffenen Geschlechterrollen erklärt werden kann, sondern einer natürlichen Tendenz zu sozialerem Verhalten zuzuschreiben ist.

All dies tut sie in einem abwechslungsreichen Stil, der gekonnt Biographisches der einzelnen Charaktere mit Erkenntnissen aus der Evolution, psychologischen Experimenten oder Ergebnissen aus Gehirnscans kombiniert. Angenehm ist, dass sie dabei keine vorab festgelegte Haltung einnimmt oder Empfehlungen abgibt, was zu tun sei, um Missstände zu verändern – vielmehr sucht sie nach Erklärungen für Gegebenes (etwa für die unterschiedliche Berufswahl oder weshalb so überproportional viele Männer in Führungspositionen sind) und wird dabei zumeist auch fündig – mit Ergebnissen, die für viele Vertreter aus dem Feld der „Gender-Studies“ wenig erfreulich sein dürften; so etwa, dass viele Frauen sich aufgrund der bereits genannten veranlagten höheren Empathieneigung am wohlsten fühlen, wenn sie Beruf und Familie am besten miteinander kombinieren können, weshalb sie Spitzenpositionen oft nicht annehmen wollen, weil diese mit einem Zeitaufwand verbunden sind, die dieses Gleichgewicht aus sozialem Umfeld und Beruf ins Wanken bringen würden. So schätzt sie, dass circa 60 Prozent der berufstätigen Frauen Beförderungen ablehnen oder einen schlechter bezahlten Job annehmen, um beruflich ausgefüllter oder zeitlich flexibler zu sein. Wenn man dies, wie viele Feministinnen, als schlecht darstellt, dann weil man vom Mann als Ideal ausgeht, das es zu erreichen gilt. Pinker betont dagegen die natürlichen Geschlechterdifferenzen und sieht es für viele Frauen als wenig erfüllend an, einen zeitintensiven Beruf zu haben, der zwar Geld und Prestige bringt, dabei jedoch Familie und soziales Umfeld außen vor lässt. Frauen finden ihr gemäß in Dingen Erfüllung, die von vielen Feministinnen als „androzentristisch“ verpönt und sozial konstruiert dargestellt werden, weil Familie und dergleichen als „typisch weiblich“ gelten sollen, ohne dass es etwas Geschlechtertypisches gäbe.

So stellt sie fest, dass viele höchst erfolgreiche Frauen an einem gewissen Punkt merken, sich in ihrem Berufsfeld nicht wohl zu fühlen – vor allem, wenn sie in abstrakten, wissenschaftlich-technischen Berufen tätig sind, in denen sie wenig direkten Kontakt mit Menschen haben. Viele der von Pinker porträtierten Frauen merkten später, dass nicht sie es waren, die dies unbedingt wollten, sondern dass sie von außen dazu, wenn auch sanft, gedrängt wurden, um den Mangel an Frauen (vor allem im technischen Bereich) entgegenzuwirken.

Es ist fraglich, wie viel heftiger die Reaktionen ausgefallen wären, wenn Susan Pinkers Bruder (ebenfalls ein renommierter Psychologe) dieses Buch geschrieben hätte; vermutlich wäre ein ähnlicher Aufschrei erfolgt wie beim ehemaligen Präsidenten der US-Eliteuniversität Harvard, dessen Schicksal als exemplarisch für die emotionale Aufgeladenheit des Themas Geschlechterunterschiede in Gehalt und Erfolg kurz dargestellt wird – Pinker zieht den bei vielen wohl Empörung erregenden Schluss, dass Summers mit seinen strittigen Aussagen, dass die Unterschiede in Gehalt und beruflichen Positionen auch (aber nicht nur!) in der Veranlagung begründet sein könnten, in gewisser Hinsicht recht gehabt habe. Daraufhin wurde er aus dem feministischen Lager mit aus dem Zusammenhang gerissenen Sätze als Symbol für die männliche Denkweise von der per se inferioren Frau angeprangert. Gewiss gilt Pinker als Frau in den Augen vieler als „Nestbeschmutzerin“, zumal sie in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ angab, früher selbst einmal Teil der Frauenbewegung gewesen zu sein und gedacht zu haben: „Wenn wir alle gesellschaftlichen Barrieren einreißen, sind Männer und Frauen gleich. Aber ich musste lernen, dass das falsch ist. Das hat mich anfangs verwirrt. Irgendwann ist daraus die Idee zu meinem Buch entstanden.”

„Das Geschlechter-Paradox: Über begabte Mädchen, schwierige Jungs und den wahren Unterschied zwischen Männern und Frauen“ ist ein lesenswertes, gut fundiertes und stets sachlich gehaltenes Buch, das trotz des komplexen Themas nicht langweilig wird und eine erfreuliche Ausnahme zu dem vielen emotional allzu aufgeladenen Material aus diesem Themenbereich darstellt.

Internet

Das Geschlechter-Paradox: Über begabte Mädchen, schwierige Jungs und den wahren Unterschied zwischen Männern und Frauen

11. Februar 2010

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