05. März 2010

Rück- und Ausblick Was ist Faschismus?

Eine Antwort unter Berücksichtigung außereuropäischer Phänomene

„Die Faschismuskeule - das letzte Aufgebot der Linken“: So der Titel der 1993 veröffentlichten Studie von Prof. Hans-Helmuth Knütter. In der Tat hat die an sich konzeptionslose Linke eine „moralische“ Oberhoheit, der sich die politische „Mitte“ nicht zu widersetzen wagt, weil sie im - wirklich mutigen? - „Kampf gegen den Faschismus“ das Gute und Schöne zu vertreten scheint. Wer dem Guten, also dem Linken, entgegentritt, ist letztlich Unmensch und daher „Faschist“, ein Begriff, den die „Mitte“ mit „Rechtsextremismus“ oder gar nur mit „rechts“ übersetzt. Der sich daraus ergebende „Kampf gegen Rechts“ wird zum wesentlichen politischen Daseinszweck „gemäßigter“ Linksformationen und dies obwohl es mittlerweile eigentlich wirkliche Probleme zu lösen gäbe, welche wie die immense Staatsverschuldung allerdings von eben diesen Linksformationen verschuldet sind.

Was ist Faschismus?

Die existentielle Leere, die mit dem „Antifaschismus“ der Linken wie auch mit dem „Kampf gegen Rechts“ der sog. „Mitte“ verbunden ist, erkennt man daran, dass mit den entsprechenden Parolen etwas bekämpft wird, was nicht wirklich definiert ist. Hätten die politische Linke und die Vertreter etwa der Christlich-Sozialistischen Union (CSU) auch nur einen Hauch an Fairness (verfassungsrechtlich: Respekt vor der Menschenwürde der politischen Gegner), dann müssten sich die Kampfparolen des Antifaschismus doch auf diejenigen beschränken, welche sich selbst als „Faschisten“ einordnen. Diese Art der Unschuldsvermutung ist zumindest dann geboten, wenn „Faschismus“, anders als etwa der Kommunismus, „keine Meinung, sondern ein Verbrechen“ sein soll.

Setzt man aber diesem Fairnessgebot entsprechend bei der Analyse von politisch-ideologischen Bewegungen bei deren jeweiligen Selbstverständnis an, wird man insgesamt allerdings schon historisch wenig „Faschismus“ feststellen können: Neben dem maßgebenden italienischen Phänomen und der „British Union of Fascists“ haben sich allenfalls die spanische Falange als Bestandteil des Franco-Regimes (und dies auch nur bedingt) und einige Bewegungen in Ost-Europa der Vorkriegszeit selbst als „Faschisten“ bezeichnet. Der deutsche National-Sozialismus sah sich zwar selbst als mit dem italienischen Faschismus verwandtes Phänomen, hat sich aber trotzdem nicht selbst als „faschistisch“ eingeordnet. Diese Einordnung wurde erst vom Experten Josef Stalin vorgenommen, dessen kommunistische Kampfparole zunehmend die bundesdeutsche, von Geheimdienstorganen exekutierte Quasi-Staatsideologie bestimmt. Demgegenüber ist festzuhalten, dass ideologisch, d.h. als Ideenströmung faschistisches Gedankengut „Teil eines ideologischen Kontinuums“ darstellte, „das von liberalen und sozialistischen bis zu neokonservativen und faschistischen Vorstellungen reicht“, wie in einer jüngsten Abhandlung von Stefan Vogt über das - im Widerspruch zu deren Eigenverständnis - als „sozialdemokratische Junge Rechte“ bezeichnete Phänomen eines „Linkssozialismus mit nationalen Vorzeichen“ hervorgehoben ist. Bei der Analyse dieser mit dem klassischen Faschismus zeitgenössischen Ideenströmung kann im Übrigen festgestellt werden, dass sich - entgegen bundesdeutscher Bewältigungsprämissen - gerade „die Übergänge zwischen sozialistischen und faschistischen Ideologien“ als „fließend“ darstellten: Man musste - etwas vereinfacht ausgedrückt - lediglich die „(Arbeiter-)Klasse“ als wesentliche sozialistische Fortschrittskategorie durch die „Nation“ ersetzen, dann war man beim Faschismus (so auch Ernst Nolte, Die dritte radikale Widerstandsbewegung: Der Islamismus, 2008, S. 212 hinsichtlich der Einordnung der Ideologie der panarabischen Baath-Partei als „faschistisch“), bei Ersetzung der „Klasse“ durch die „Rasse“ beim Nationalsozialismus angelangt. Dabei waren die Fortschrittskategorien Nation und Rasse dem klassischen Sozialismus durchaus nicht fremd. Deshalb konnte man auch viel schneller von einer „linken“ Position aus Faschist oder Nationalsozialist werden als von „rechts“! Es ist also kein Zufall, dass der für den historischen Faschismus maßgebliche Mussolini prominenter Sozialist war, ähnlich wie Hitler immerhin zum Sympathisantenkreis der Sozialdemokratie gerechnet werden konnte. Beide sind auch nach der Abkehr von der klassischen sozialistischen Position Sozialisten geblieben, so dass ihre Abkehr von der Sozialdemokratie keine Konversion darstellt, sondern lediglich eine häretischen Transformation des sozialistischen Ideengutes. Mussolini störte an der sozialistischen Doktrin der zur politischen Inaktivität führende Attentismus. Er dreht daher das Verhältnis von Theorie und Praxis um: Zunächst kommt die Praxis, für die sich dann die passende Theorie schon finden würde. Der sich bei diesem Politansatz notwendigerweise sich ergebende politische Nihilismus, der lediglich durch die entscheidende Ausrichtung auf die Nation etwas eingeschränkt war, ermöglichte auch das opportunistische Aufgreifen rechter Positionen. Der Nationalismus als sozialistischer Bezugspunkt ergab sich bei Mussolini aus seiner tiefen Enttäuschung über den „Verrat“ der SPD, die im entscheidenden Moment sich doch auf die Seite der deutschen Nation schlug und nicht auf die Seite der internationalen Arbeiterklasse: Für Mussolini der Beweis, dass der Sozialismus auf die Nation ausgerichtet sein musste. Genau dies ist Faschismus (s. im Einzelnen: A. Mirgeler, Der Faschismus in der Geschichte des modernen Staates. Die Selbstdeutung Mussolinis und seiner Mitarbeiter, in: Saeculum 1955, S. 84 ff.). Die Aufgabe der sozialistischen Doktrin führte bei Mussolini zur Aufgabe des Doktrinarismus überhaupt, für ihn folgte die Doktrin der politischen Aktion nach, womit sich Mussolini gerade im Gegensatz zum sozialdemokratischen Attentismus positionierte, der politische Aktionen eigentlich unnötig machte, weil der Sozialismus danach ja ohnehin eintritt (man gründet bekanntlich auch keine Partei, um den Eintritt des Sonnenaufgangs herbeizuführen). Diese sich aus dem innersozialdemokratischen Dilemma sich ergebenden Position macht es letztlich so schwierig, den Inhalt von Faschismus zu definierten. Verstehen kann man Faschismus aber nur im Zusammenhang mit der Sozialismusproblematik, der er erwachsen ist.

Dem mit dem zentralen historischen Ausgangspunkt des Faschismus im Widerspruch stehende Konzept des „Antifaschismus“ dürfte zugute kommen, dass im Bereich des „Faschismus“ überwiegend die Eigengesetzlichkeit des Politischen nicht akzeptiert wird, wo ideologisch verwandte Richtungen zu verbitterten Feinden werden können (es kann eben jeweils nur eine Person etwa Kanzler werden), anders als im anderen Zusammenhang, wo etwa Großbritannien (zu Recht) nicht als bolschewistische Macht definiert wird, obwohl es mit der stalinistischen Sowjetunion verbündet war und dieses Bündnis schließlich auch zur erheblichen Stärkung des Stalinismus weltweit, zumindest aber in Osteuropa führen sollte. Der diesem Bündnis vorausgegangene Hitler-Stalin-Pakt wird dann trotz seiner Bedeutung für den Ausbruch des 2. Weltkrieges verschwiegen, den es ohne diesen Pakt mit all seinen verheerenden Folgen wohl nicht (zumindest nicht in der aufgetretenen Weise) gegeben hätte: Bei Negierung bestimmter Eigengesetzlichkeiten insbesondere in der Außenpolitik müsste sich dann ja die Frage ergeben, ob nicht doch die Sowjetunion als „faschistisch“ bezeichnet werden muss, wenn sie ein derartigen Bündnis mit Hitler abschließt: In der Tat waren wegen des überraschend eintretenden Hitler-Stalin-Paktes zeitgenössische linke Intellektuelle des Westens, wie George Watson detailliert nachweist, plötzlich bereit, das NS-Regime positiv zu sehen und darin einen mit der Sowjetunion verwandten Sozialismus zu erkennen.

Faschismus in Japan?

Die Fragewürdigkeit des Faschismus-Begriffs des „Antifaschismus“ und damit des „Kampfes gegen Rechts“ wird besonders deutlich, wenn man sich die Frage stellt, ob es dann nicht auch Faschismus außerhalb von Europa gegeben hat und wenn ja, wo er denn zu finden wäre. So zeige nach Hans Martin Krämer (s. Faschismus in Japan. Anmerkungen zu einem für den internationalen Vergleich tauglichen Faschismusbegriff, in: Sozial.Geschichte 2005, S. 6 ff.)  etwa „der japanische Fall“, „dass der herkömmliche Faschismusbegriff nicht ausreicht.“ Der bundesdeutschen „Bewältigung“ als Wesensbestandteil des „Antifaschismus“ der linken Mitte ist es geschuldet, dass das eher lose mit NS-Deutschland verbündete Japan, schon wegen seiner Kriegsgegnerschaft zu den „liberalen Demokratien des Westens“ (BVerfG) als „faschistisch“ eingestuft werden „muss“ (während diese Schlussfolgerung bei Stalin nicht gemacht wird) – und dies trotz den „andersrassigen“ Charakter von Japan, was doch im Widerspruch zum Rassismus des „Faschismus“ stehen müsste! In Übereinstimmung mit den in diesen Fragen maßgeblichen japanischen Marxisten kritisiert die BRD-Bewältigung deshalb einen britischen Experten, nämlich Stanley Payne, A History of Fascism 1914-1945, der in seinem 600-seitigen Überblick über die Geschichte des Faschismus dem japanischen Fall neun Seiten widmet, „die allerdings recht einseitig dazu zu dienen scheinen, das Fragezeichen in der Überschrift des Kapitels, zu dem sie gehören (`Fascism Outside Europe?´), zu betonen.“ (so Krämer). Obwohl auch eine andere eingehende Untersuchung, nämlich vonPeter Duus / Daniel I. Okimoto, Fascism and the History of Pre-War Japan. The Failure of a Concept, in: Journal of Asian Studies, 1979, S. 65 ff., den „Fehlschlag eines Konzepts“ feststellt, wollte man den Begriff „Faschismus“ insgesamt auf das Japanische Kaiserreich anwenden und auch der bundesdeutsche Experte widerwillig einräumen muss, dass dabei „das Ergebnis einer solchen Anwendung eigentlich nur negativ ausfallen kann“, lässt man nicht vom Versuch einer gleichschaltenden „Bewertung“ ab. Diese muss dann sogar soweit gehen, die (sozialdemokratische) Sozialistische Massenpartei, die sich ausdrücklich als antifaschistisch verstand, dem Faschismusverdacht zu unterstellen, weil dort „struktureller Antisemitismus“ festgestellt werden kann (dass dieser dem Marxismus mit seiner Gleichsetzung von Judentum und Kapitalismus geschuldet ist, wird dann natürlich verkannt). Diese „Faschisierung“ kann nur den Zweck haben, ein politisches Unwerturteil zu formulieren. Diese Intention mag politisch vertretbar sein, sie hat aber mit der Verpflichtung auf Wissenschaftlichkeit, die sogar für die bundesdeutsche sog. „Politikwissenschaft“ als Hilfswissenschaft des sog. „Verfassungsschutzes“ gelten müsste, kaum etwas zu tun.   

Dabei ist zu berücksichtigen, dass beim damaligen Japan durchaus etwas „Faschistisches“ festgestellt werden kann: Neben Organisationen wie der „Shōwa Kenkyūkai“ (Showa-  Forschungsgesellschaft, ein sog. Think Tank) lässt sich die offizielle japanische Argumentation in außenpolitischer Hinsicht in den faschistischen ideologischen Kontext verorten: Kanji Ishihara und Seishiro Itagaki, die führenden Militärs, die die japanische Regierung zur China-Intervention zwangen, indem sie 1931 relativ eigenmächtig den Mandschurei-Zwischenfall inszenieren, hatten sich 1928 dahingehend geäußert, dass nur japanische Kapitalisten und chinesische Kriegsherren vom zeitgenössischen Chaos in China profitierten: „Vom Standpunkt des internationalen Proletariats, der die Angleichung des nationalen Reichtums fordert, kann die grundlegende Lösung nicht innerhalb der bestehenden Grenzen des von Natur aus armen Japan gefunden werden, das den Lebensunterhalt für das Volk insgesamt sicherstellen muss,“ d.h. die Mandschurei würde, von den „feudalistischen Kriegsherren“ befreit, in eine „proletarische Kolonie“ Japans verwandelt werden, wobei diese Revolution von der japanischen Armee als Instrument des proletarischen Fortschritts herbeigeführt werden müsse. Kita Ikki (1883-1937, eigentlich: Kita Terujiro), den man als Chefideologen der radikalen politischen Rechten der Vorkriegszeit einordnet (obwohl er nach Eigeneinschätzung sich als Sozialist verstand), meinte, dass dieselben Argumente, die die Sozialisten für die Vermögensumverteilung im Inneren anführten, auch außenpolitisch angeführt werden müssten. Es könne nicht angehen, dass Großbritannien riesige Teile der Welt beherrsche und sich mittels Friedenspropaganda der internationalen Umverteilung widersetze. Wie Deutschland, mit dem Japan nach Kita schon im 1. Weltkrieg zum Zwecke der Eroberung von Sibirien hätte verbündet sein müssen, sei Japan eine proletarische Nation, die mit militärischen Mitteln gegen den Imperialismus der Westmächte die politisch-wirtschaftliche Umverteilung, also internationale soziale Gerechtigkeit erzwingen müsse. Mit Kita, der im Zusammenhang mit einem rechten Putschversuch hingerichtet worden ist, sich also innenpolitisch in Japan nicht durchgesetzt hat, wird der maßgebliche ideologische Ausgangspunkt des japanischen „Militarismus“ deutlich, der - wie die Untersuchung von Fujita Shozo belegt - zahlreiche kommunistische Konvertiten auswies. Diese wollten Japan in kongenialer Übereinstimmung mit der schon in den Kriegschriften des SPD-Abgeordneten Paul Lensch mit außenpolitischer Zielsetzung gegenüber der britischen Weltherrschaft vorgenommenen, zum „Faschismus“ führenden Transformation des Marxismus als „proletarische Nation“ begreifen, deren Aufgabe in der pan-asiatischen Befreiung vom westlichen Kolonialismus bestünde.

Strukturelle Gemeinsamkeit von Faschismus und Antikolonialismus

Der ideologische Ansatz des japanischen „Militarismus“ dürfte in der Tat den Schnittpunkt des Anliegens des Antikolonialismus mit dem Faschismus markieren und weist auf die strukturelle Gemeinsamkeit dieser historischen Phänomene hin. Da der Antikolonialismus zumindest seit dem 2. Weltkrieg, spätestens seit der errungenen Unabhängigkeit der Länder der sog. dritten Welt als äußerst legitim angesehen wird, erscheint es verständlich, weshalb die Frage als „unbequem“ (so Philip Morgan, Fascism in Europe, 1919-1945, London 2003, S. 1) angesehen wird, ob der insbesondere in der BRD bewältigungspolitisch als äußerst verdammenswert angesehene „Faschismus per definitionem zeitlich beschränkt und europäisch war.“ Vermutlich wird bewältigungspolitisch befürchtet, dass bei Erkenntnis eines Zusammenhangs doch das Anliegen des Faschismus gerade von Vertretern des bundesdeutschen Antifaschismus als irgendwie legitim angesehen werden müsste, sollte man Faschismus auch in den antikolonialen Unabhängigkeitsbewegungen der später so genannten Dritten Welt erkennen müssen.

Die historisch-genetische und teilweise auch strukturelle Gemeinsamkeit von Faschismus und Antikolonialismus erklärt sich aus dem System von direkter Kolonialherrschaft und internationaler Hegemonie, das die später so genannten liberalen Demokratien des Westens in weiten Teilen der Welt primär aus wirtschaftlichen, d.h. „kapitalistischen“ Interesse errichtet hatten. Dieses Herrschaftssystem (dessen Bewertung hier dahinstehen soll) war gekennzeichnet durch eine direkte und indirekte Fremdherrschaft, die zwar aus Gründen der wirtschaftlichen Entwicklung den Prinzipien des liberalen Fortschritts folgte (wenngleich die fiskalischen Interessen oft zu einer mehr staatswirtschaftlichen Ausrichtung der Kolonialwirtschaft führte, wobei das darin liegende Ausbeutungspotential dem „Kapitalismus“ angerechnet wurde), aber ideologisch in die politische Defensive geriet als sich in West-Europa selbst zunehmend eine Verschmelzung von Liberalismus und Demokratie ergab. Die Verschmelzung dieser unterschiedlichen Ideenansätze, die bis Ende des 19. Jahrhunderts zum Konzept der „parlamentarischen Demokratie“ führte, konnte in den Kolonialgebieten nicht ohne weiteres nachvollzogen werden, weil dies die politische Unabhängigkeit bedeutet hätte. Auch das liberale Großbritannien konnte deshalb noch im 20. Jahrhundert etwa in Indien mit seinen zahlreichen von Großbritannien „beratenen“ Fürstenherrschaften lediglich eine Regierungsweise pflegen, die dem Herrschaftsstil des russischen Zarismus des 19. Jahrhundert glich (umgekehrt kann die verfassungsrechtliche Rückständigkeit Russlands damit erklärt werden, dass aus geographischen Gründen nicht der Grundsatz praktiziert werden konnte, dass Kolonien nur außenpolitisch Inland, verfassungsrechtlich jedoch Ausland waren). Ideologisch mussten die Unabhängigkeitsbestrebungen dabei den Demokratiegedanken gegen die liberal-kapitalistische Herrschaftsbegründung ins Spiel bringen, was die Verpflichtung auf den besonderen Nationalismus als Form eines antiliberalen Demokratismus erklärt. Diesen hat Mussolini als „democrazia totalitaria“ auf den Begriff gebracht, wobei er insofern nur auf den sich noch im Gegensatz zum Liberalismus stehenden Demokratiegedanken des frühen 19. Jahrhunderts zurückgriff, den in Deutschland vor allem Ferdinand Lassalle (1825-1864) verkörpert hatte: Bei diesem hatte Demokratie den Zweck, die Diktatur der Einsicht zu verwirklichen, bei der liberale Grundrechte überflüssig würden, weil diese nur im Kapitalismus benötigt würden.   

Da sich dieser revolutionäre Nationalismus gegen eine liberal-kapitalistische Herrschaftsbegründung wandte, erschien der Nationalismus als Kehrseite des Sozialismus, bzw. der Sozialismus wurde zum wesentlichen Mittel zur Verwirklichung der Zielsetzungen des Nationalismus. Dieser bekam notwendigerweise rassistische Züge, weil die Herrschaftsbegründung der Demokratien des Westens in den Kolonialgebieten mit zunehmender Demokratisierung im „Mutterland“ zumindest einem kulturellen Rassismus folgen musste, um begründen zu können, warum etwa Australien den Dominion-Status bekam, aber Indien nicht. Dies erklärt auch das Aufgreifen rassistischer Tendenzen in den sozialistischen Unabhängigkeitsbewegungen, was etwa den seinerzeit führenden chinesischen Marxisten Li Ta-chao (1889-1927) argumentieren ließ, dass sich in weltweiter Sicht der Klassenkampf in einen Rassenkampf verwandelt habe. Auch legte die Übernahme des nicht ohne weiteres mit den außereuropäischen Verhältnissen kompatiblen europäischen Nationenbegriffs ein derartiges ausgreifendes Verständnis des Nationenbegriffs nahe. Um schließlich dem kolonialen Herrschaftsmuster von „divide et impera“ effektiv entgegentreten zu können, schien die nationale politische Einheitsbewegung notwendig, die im Zweifel auf eine maßgebliche Führerfigur ausgerichtet war. Da die Herrschaft der europäischen Demokratien des Westens letztlich doch auf der fortgeschrittenen Militärtechnologie beruhte, die eine Herrschaftsausübung mit äußerst geringem Personaleinsatz erlaubte, war die Pflege einer „militaristischen“ Haltung nahe liegend, mit der man die zahlreichen herrschaftstechnischen Vorteile des westlichen Herrschaftssystems zu kompensieren suchen konnte.        

In dieser kolonialistischen Situation fanden sich nicht nur die formellen Kolonien, sondern auch die Halbkolonien wie China und die der Interventionshegemonie unterworfenen Länder Lateinamerikas und schließlich konnten sich auch machtpolitisch unterprivilegiert angesehene Länder wie Japan und Italien in einer entsprechenden Herrschaftslage gestellt sehen und damit auch das einem nach kolonialem Herrschaftsmuster gestrickten Ausplünderungsvertrag unterworfene Deutschland nach dem 1. Weltkrieg. Bemerkenswert ist, dass Hitlerdurchaus diese strukturelle Ähnlichkeit seiner Bewegung mit den sozialistisch motivierten, auf nationale Unabhängigkeit zielenden Bewegungen in den westlichen Kolonialgebieten erkannt hatte. Er fühlte sich allerdings veranlasst, sich von diesen abzugrenzen, indem er etwa am 24.05.1930 bekundete: „Unser Freiheitskampf ist die Wiederherstellung der Freiheit eines Volkes, das rassisch und damit wertmäßig seinen heutigen Besiegern zumindest gleich, wenn nicht zum Teil sogar überlegen ist. Der Freiheitskampf des Schwarzen, Indier usw. ist der Versuch der Durchbrechung einer natürlichen Rangordnung der Rassen entsprechend ihren inneren Werten.“ Damit wird deutlich, wie nahe Hitler an eine Selbstverortung seines National-Sozialismus, und damit nach bundesdeutscher Bewältigungslesart: Radikalfaschismus mit dem sozialistischen Befreiungsnationalismus der später so genannten „Dritten Welt“ herankam, auch wenn er selbst die sich daraus sich ergebenden Folgerungen wie auch die offensichtlich in NS-Kreisen verbreitete - und im ideologischen Kontext des Nationalsozialismus eigentlich nahe liegende - „Gandhi-Verzückung“ mit Rosenberg als „rassische Perversität“ zurückwies. In dieser Frage gab es allerdings einen „grundsätzlichen Dissens zwischen dem proenglischen Rassendogmatiker Hitler und dem antiwestlichen Revolutionär Goebbels“ (so Höver), der in diesem Punkt dem sog. „NS-Linken“ Otto Strasser folgend ein antiwestliches Bündnis auf Seiten der kolonialisierten Völker anstreben wollte. Sie kämpften nämlich, so die Einsicht von Goebbels, „für ihre Freiheit nicht unter dem Rufe: es lebe die dritte Internationale!, sondern unter dem Rufe `China den Chinesen´.“ „Derselbe Kampf ist entbrannt in Indien. Es lohen die Freiheitsfeuer den Chinesen!“

Umgekehrt wurde insbesondere in der arabischen Welt die Ähnlichkeit der deutschen Situation mit ihrer Situation erkannt: Dies erklärt die Erwartung in Ägypten, dass Feldmarschall Rommel bald seine Siegesparade in Kairo durchführen würde. Die Kooperationsbereitschaft von Gamal Nasser und Anwar al-Sadat, spätere Präsidenten Ägyptens, ist dabei nicht nur aus der speziellen außenpolitischen Logik zu erklären, sondern beruht auf der Erkenntnis einer ideologischen Verwandtschaft von panarabischem Nationalismus, wie er vor allem in der syrisch-irakischen Baath-Partei (zu dieser: Horst Mahr, Die Baath-Partei. Portrait einer panarabischen Bewegung, München 1971) formuliert wurde und dem deutschen Nationalsozialismus. Michel Aflaq, der Gründer der Baath-Partei hat sich in seinen Pariser Jahren für die NS-Ideologie und Politik des damaligen Deutschlands begeistert, was sich durchaus aus den Prämissen seiner politischen Ansichten ergab. Die intensivste Kooperation mit dem deutschen NS-System aus der arabischen Welt pflegte bekanntlich der Mufti von Jerusalem, Mohammed Amin el-Husseini, dessen ihn bewundernder Neffe Jassir Arafat al Quadwa al-Husseini später die palästinensische Unabhängigkeitsbewegung Al Fatah gründen sollte.   

Durchaus in Übereinstimmung mit der Feststellung Goebbels, kann festgehalten werden: „Die sozialistische Revolution trägt überall die nationalistische Fahne!“, so zusammenfassend die zutreffende Erkenntnis von Sebastian Haffner. Dementsprechend können insbesondere die kommunistischen Strömungen und die sich im Zuge der Entkolonialisierung daraufhin etablierten Regimes in Asien als „jeweils stark geprägt vom Nationalismus“(so Jean-Louis Margolin, in: Das Schwarzbuch des Kommunismus) gekennzeichnet werden. Dies trifft natürlich erst recht für die nicht-kommunistischen, sich selbst aber als „sozialistisch“ einstufenden anderweitigen Befreiungsnationalismen der sog. Dritten Welt zu. Diese „faschistische“ Verknüpfung von Sozialismus und Nationalismus auch im Zeichen des Kommunismus geht schon auf Lenin zurück, der im Interesse seiner Machtstrategie bereit war, explizit das Kommunistische Manifest umzuschreiben: „Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker vereinigt euch!“ Bei dieser „flexiblen Auslegung und Ausweitung des Marxismus“, die auf eine faschistische Umdeutung insbesondere der pro-europäisch, von Hitler zu seinem außenpolitischen Nachteil beibehaltenen arischen Fortschrittsdoktrin des klassischen Sozialismus hinauslief (man sah die Eroberung der Indianergebiete Nordamerikas und die damit verbunden Folgen des fortschrittsbedingten Verschwindens von Völkern als unvermeidlich an), spielte für den Eintritt des Sozialismus das Industrieproletariat dann nur noch eine untergeordnete Rolle. Umgekehrt sollte der bedeutende chinesische Nationalist Sun Yat-sen (1866-1925) erkennen, dass die sowjetische Revolution nicht den von ihm abgelehnten marxistischen Prämissen entsprach, denen sich die Sowjetrevolutionäre verpflichtet sahen, sondern der russischen Realität gehorchend den Zielen diente, die er mit seinem Nationalismus für die „unterdrückte proletarische Nation“ China zu erreichen suchte. Diese Bewertung der sowjetischen Revolution deckt sich im Übrigen mit der Erkenntnis von Mussolini, der ebenfalls – wie der theoretische Kopf des Hindu-Nationalismus Golwalkar – in der sowjetischen Entwicklung die Position des revolutionären Nationalismus bestätigt sah: Die Sowjetunion war für diese wider Willen so etwas wie eine faschistische Macht!

In der Tat mussten „Marxisten in Asien höchst merkwürdige Klassen ausfindig“ machen (so zu Recht Oskar Weggel: Die Asiaten. Gesellschaftsordnungen. Wirtschaftssysteme, Denkformen. Glaubensweisen, Alltagsleben. Verhaltsensstile, 1994, S. 88 f.), um dem Marxismus Lippendienste zu erweisen. Praktisch machten sie die maßgebliche soziale, im Zweifel ethnisch bestimmbare Schicht zum Agens des Fortschritts. Als Hauptvertreter dieser faschistischen Umdeutung des Sozialismus kann insbesondere der schon aus quantitativen Gründen bedeutsame Maoismus angeführt werden. Mao Tse-tung, dem diese Variante der sozialistischen Ideologie die Bezeichnung verdankt, verstand sich von Anfang an als chinesischer Nationalist, durchaus in dem „rechtsextremistischen“ Sinne seines Ethiklehrers und ersten Schwiegervaters Yang Chang-chi, der die Nation als organische Größe analog zu einer natürlichen Person verstand. Mao war dann als Kommunist sehr aktiv in der Nationalistischen Partei - dem späteren Kuomintang - tätig, weil die chinesischen Kommunisten auf Wunsch der Sowjetunion, die den chinesischen Kommunisten nicht viel zutrauten, in dieser Partei tätig sein sollten, um sie durch Unterwanderung in den Griff zu bekommen. Als es schließlich deshalb zum Bruch zwischen chinesischen Kommunisten und Nationalisten / (Quasi-)Faschisten kam, scheint Mao lange gezögert zu haben, wem er sich eigentlich anschließen sollte, zumal er bei den Nationalisten erfolgreicher war als bei der KP, insbesondere von jenen in dieser Zeit auch mehr geschätzt wurde als von dieser. Mao hat sich schließlich hauptsächlich deshalb für die Kommunisten entschieden, weil diese zur größeren Brutalität entschlossen waren. Allerdings hat Mao auch in der Folgezeit immer ein sehr distanziertes Verhältnis zum klassischen Marxismus eingenommen, auch wenn er ihm, anders als der zeitgenössische europäische Faschismus, formal treu geblieben ist. Bei seiner ersten größeren ideologischen Kampagne im Februar 1942 unter dem Stichwort „Richtigstellung“ hat sich Mao aber gegen den „sterilen abstrakten Marxismus“ gewandt und seine Anpassung an die chinesische Geschichte gefordert. Dies hat dann 1949 zum - wohl berechtigten - Vorwurf Stalins geführt, dass Mao kein wirklicher Marxist wäre, da er die elementarsten Bestandteile der marxistischen Wahrheiten nicht begriffen hätte oder, was vielleicht eher zutreffend ist, aufgrund seines letztlich faschistischen Ansatzes nicht als maßgebend begreifen wollte.     

In einer explizierten und nicht nur strukturellen Weise trat das faschistische Potential bei der Konkurrenzorganisation Kuomintang (bzw. Guomindan nach neuerer Schreibweise) hervor. Dessen Jugendorganisation, die „Blauhemden“ (allerdings eine feindliche Bezeichnung!) hielten das Führerprinzip für wesentlich zur Durchsetzung nationalistischer Ziele und sehnten sich deshalb nach „Chinas Mussolini und Chinas Hitler“ (s. dazu Guido Mühlemann, Chinas Experimente mit westlichen Staatsideen. Eine rechtshistorische und zeitgeschichtliche Untersuchung zur chinesischen Rezeption europäischer Staatsideen, 2006, S. 264). Ideologisch führt dies auf den prä-faschistischen Nationalismus des nationalistischen Revolutionäres Sun Yat-sen zurück (s. dazu A.James Gregor / Maria Hsia Chang, Nazionalfascismo and the Revolutionary Nationalism of Sun Yat-sen, in: Journal of Asian Studies, 1979, S. 21 ff.), der für alle politischen Strömungen des modernen China maßgebenden Figur. Sun Yat-sen hielt den revolutionären Nationalismus für eine essentielle Voraussetzung des Überlebens Chinas. Dessen Niedergang führte er darauf zurück, dass China schon in der Frühzeit den nationalen Gedanken zugunsten des Kosmoplitismus aufgegeben habe und daher leichtes Opfer des europäischen Universalismus in Form der indirekten Kolonialherrschaft habe werden können. Eine ähnliche Argumentationsweise war auch zentral für die zeitgenössische indische Unabhängigkeitsbewegung: Hätte es so etwas wie einen indischen Nationalismus gegeben, dann hätten die Briten nie ihr Kolonialreich in Indien errichten können.

Ideologisch-politisch wurden die durch den revolutionären Nationalismus von Sun Yat-sen angelegten und unzweifelhaft vorhandenen faschistischen Charakteristika der Guomindan-Herrschaft im Interesse eines Bündnisses mit den USA herabgespielt, wofür man kriegsideologisch den angeblichen faschistischen Charakter des zeitgenössischen Japan hervorheben musste. In ähnlicher Weise trifft eine machtpolitische Verschleierung der ideologischen Zusammenhänge nach dem 2. Weltkrieg für zahlreiche sozialistische Regime der sog. 3. Welt zu, die sich machtpolitisch an die sich nach Abbruch des Hitler-Stalin-Paktes wieder antifaschistisch verstehende Sowjetunion anzulehnen gezwungen sahen, um vom Westen höhere Entwicklungshilfe herauszuschlagen. Die pro-sowjetische Machtpolitik verbot die offene Bezugnahme auf den Faschismus der 1930er Jahre, obwohl strukturell bedingt die aus einer die europäische Moderne nachahmenden Massenbewegung und der modernistischen Zielsetzung hervorgegangenen Einparteienregime Afrikas mit ihren Führern eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit dem europäischen Faschismus aufwiesen, auf den man sich natürlich nicht beziehen durfte (nur Idi Amin in Uganda, der einen besonderen Humor pflegte, hatte keine Hemmungen). Auch wenn dementsprechend der faschistische Charakter der sozialistischen Regimes Afrikas tabuisiert wurde, hat sie wenigstens der aus der Karibik stammende Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger W. Arthur Lewis ausgesprochen. Ideologisch lässt sich dieses faschistische Potential der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen an der Schrift von Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde, nachweisen: Das gemeinsame Klassenbewußtsein entsteht danach durch eine spontane Erhebung gegen Unterdrückung und Ausbeutung, kann sich daher im Zweifel ebenfalls nur auf so etwas wie eine Nationalbewegung beziehen. Wenn Sékou Touré aus Guinea und Kwane Nkrumah aus Ghana, um zwei maßgebliche schwarz-afrikanische Marxisten hervorzuheben (s. dazu Ernst Reibstein, Soziale und völkerrechtliche Theorien des Afro-Marxismus, in: Saeculum, 1965, S. 73 ff.), den Klassenkampf auf den Antikolonialismus reduzierten und als Diktatur des Proletariats die nationale Unabhängigkeit erkannten, dann stellte dieser „Marxismus“ nichts anderes als eine faschistische Doktrin dar. Mit den aus den Unabhängigkeitsbewegungen, häufig aufgrund demokratischer Wahlen mit erdrückenden Mehrheiten (z. B. 82% der Stimmen in Tansania oder 74% in Guinea) hervorgegangenen Einparteienregime, glaubte man Kräfte bündeln zu können, um beschleunigt die westeuropäische Entwicklung nachzuvollziehen. Mittels der Machtbefugnisse der Einparteiendiktatur wollte man im Interesse des „nation building“ die soziale Basis des Separatismus eliminieren. Dem demokratischen Anspruch, den auch der klassische Faschismus nicht aufgab, war dadurch Genüge getan, indem man das Prinzip der Volkssouveränität auf ein bloßes Gegenprinzip zur Fremdherrschaft (Kolonialismus) reduziert hat: Ein liberales Kolonialregime war dann natürlich weniger demokratisch als die antikolonialistische Führerdiktatur. Der deutsche Nationalsozialismus hat hinsichtlich der als Ausdruck des Versailler Vertrages dargestellten Weimarer Republik im Ergebnis nicht anders argumentiert.

Nähere und entferntere Verwandtschaft

Deshalb kann wohl plausibel vermutet werden: Wäre der Faschismus im 2. Weltkrieg siegreich gewesen (oder hätte es keinen derartigen Krieg gegeben), hätte sich sicherlich in der sog. Dritten Welt die Bereitschaft ergeben, sich offen zum Faschismus zu bekennen. Stattdessen blieb dann nur die Option, sich ideologie-politisch, aber auch herrschaftstechnisch an die dominierende Sowjetunion anlehnend als „sozialistisch“ zu definieren, wobei man sich teilweise auch mit Zusätzen wie „demokratisch“ davon absetzte: Das „democratic“ im Verfassungsrecht von Indien und Sri Lanka als Zusatz zu „socialist“ dürfte dabei aber eher das Synonym für „national“ bedeuten!  

Das faschistische Potential, das den Unabhängigkeitsbewegungen strukturell vorgegeben war, musste sich natürlich nicht in einer faschistischen Weise realisieren. Dies kann vor allem an der ältesten dieser Unabhängigkeitsbewegung, nämlich der indischen Kongressbewegung aufgezeigt werden, für die maßgeblich die Juristen Mahatma Gandhi (1869-1948) und Jawaharlal Nehru (1889-1964) stehen. Dieser Bewegung kann als solcher kein Faschismus vorgeworfen werden, sondern sie griff eher - vereinfacht - die für die 1900 gegründete britische Labour Party maßgebliche Ideologie der Fabian Society auf, welche 1884 ins Leben gerufen worden war. Allerdings vertraten maßgebliche „Fabianer“ wie etwa Havelock Ellis (1859-1939) oder das Ehepaar Beatrice und Sidney James Webb (1858-1943 bzw. 1859-1947) Auffassungen, die - wie J. M Winter  festgehalten hat - es nicht verwunderlich erscheinen lassen, dass Oswald Mosley, der Führer der britischen Faschisten, „emerged not from the Conservative but rather from the Labour Party!“, genauer gesagt: ihrem linken Flügel, der sog. Independent Labour Party. Auf die indische Rezeption des „Fabinismus“ kann es dann zurückgeführt werden, dass der Führer des linken Flügels der Kongresspartei und deren Vorsitzender in den Jahren 1938/39, Subhash Chandra Bose (1897-1945), dem europäischen Faschismus am meisten zugeneigt war. Die Verdienste des Netaji (Führers) Bose für die indische Unabhängigkeit als Voraussetzung eines demokratischen Indien werden als unzweifelhaft anerkannt (der Verfasser hat am 19.02.10 am Strand vom Chennai (Madras)  eine 1997 von der Landesregierung von Tamil Nadu aufgestellte Statue dieses Führers gesehen). Die aus Kriegsgefangenen indischer Abstammung mit Japans Hilfe von Bose aufgestellte National Army mag weitgehend verdrängt sein (s.dazu Amitav Ghosh, Indiens vergessene Armee, in: Lettre International, Heft 38 (Herbst 1997), S. 58 ff.): Nichts hat aber schließlich die Engländer von der Unvermeidbarkeit der indischen Unabhängigkeit so überzeugt wie die mit Meuterei einhergehende Verbrüderung dieser Armee und den Angehörigen der britischen Streitkräfte indischer Abstammung unmittelbar mit Ende des Krieges. Diese Armee konstituierte gewissermaßen die faschistische Option, die dem mainstream der Kongresspartei zum Glück für das demokratische Indien die Erlangung der Unabhängigkeit in einer relativ friedlichen Weise ermöglicht hat. Die deutsche Bewältigung schreckt trotz des Bündnisses von Bose mit NS-Deutschland und dabei der Bildung der SS-„Legion Freies Indien“ davor zurück, Bose als Faschisten einzustufen. Dies erscheint deshalb befremdlich, da der Sozialist Bose durchaus eine autoritäre Synthese aus Faschismus und Kommunismus zumindest als Übergangslösung für ein unabhängiges Indien in Auge fasste.

Die bundesdeutsche Bewältigung (zuletzt: Tobias Delfs, Hindu-Nationalismus und europäischer Faschismus: Vergleich, Transfer- und Beziehungsgeschichte, Bonn 2009) will den Faschismus nicht bei Bose, sondern beim Hindu-Nationalismus erkennen, der aber bereit war, für Großbritannien gegen den Faschismus zu kämpfen: Die Bewältigung meint aber, dass dies aus „militaristischen“ Gründen geschehen sei (Erwerb von militärischen Fähigkeiten, um später den eventuell erforderlichen Unabhängigkeitskrieg erfolgreich zu führen), womit natürlich auch die Unterstützung von Großbritannien „faschistisch“ ist (in der Tat haben die britischen Faschisten natürlich ihr Land gegen das „faschistische“ NS-Deutschland unterstützt). Das Anliegen, nicht beim indischen Unabhängigkeitskampf, sondern beim Hindu-Nationalismus „Faschismus“ zu erkennen, erklärt sich daraus, dass es zum Zwecke dieser Zuordnung notwendig ist, den modernen, d.h. demokratie-bezogenen Nationalismus als Erscheinungsweise des traditionalistischen und vormodernen Indigenismus / Nativismus einzustufen, was dann den deutschen „Faschismus“ bereits bei Hermann, den Cherusker nachzuweisen erlaubt. Wenn man Bewegungen, die man als indigen und nativistisch kennzeichnen kann, als Erscheinungsform des Faschismus ausmachen könnte, dann gewinnt umgekehrt die deutsche Bewältigung an historischer Tiefe. Gleichzeitig muss dann der Antifaschismus neue faschistische Gefahren gerade in der „Dritten Welt“ erkennen: Da die maßgebliche Partei des Hindu-Nationalismus, die Bharatiya Janata Party (BJP), zwischen 1998 und 2004 unter Premierminister Atal Bihari Vajpayee (geb. 1924) die indische Regierung gestellt hat, wäre demnach die „größte Demokratie der Welt“ zumindest proto-faschistisch regiert worden. Dabei muss auch die angeführte jüngste umfassende Abhandlung von Delfs zur Erkenntnis gelangen, dass es problematisch wäre, „den europäisch geprägten Faschismusbegriff auf den militanten Hindu-Nationalismus anzuwenden.“ Außerdem kann diese Einschätzung durch keine Selbsteinschätzung abgestützt werden, die ein Inder im freien Indien, anders als etwa ein Deutscher in der freiheitlichen Bundesrepublik durchaus vornehmen würde. Deshalb ist wohl schon von Bedeutung, dass die Hindu Mahasabha, eine wesentliche Vorläuferin der von ihren Gegnern als „faschistisch“ geschmähten Organisationen, sich nie als „faschistisch“ eingestuft hat und anders als der Sozialist Bose auch keine Fühler in Richtung europäische Faschismen ausgestreckt hatte.

Dies macht wohl auch deutlich, dass gerade die „nativistischen“ Elemente einer Durchsetzung dem Faschismus ähnlicher Strömungen im außereuropäischen Bereich entgegengestanden waren: Der Faschismus ist eben eine moderne europäische Strömung gewesen, die ohne Einordnung in den ideengeschichtlichen Kontext von Demokratie, Sozialismus, Liberalismus und Konservativismus (und dem dazu „quer“ stehenden Nationalismus), insbesondere ohne Fortschrittsdoktrin nicht verstanden werden kann. So konnte Gandhi  schon aufgrund seiner fortschrittskritischen, „reaktionären“ Ansichten (dazu: Jürgen Lütt, Mahatma Gandhis Kritik an der modernen Zivilisation, in: Saeculum 37, 1986, S. 96) kein Faschist sein. Vergleichbares gilt auch für das japanische Tenno-System, das trotz Umformulierung infolge der Rezeption europäischen verfassungsrechtlichen Denkens doch einfach in einem nichteuropäischen Sinne zu traditionalistisch gewesen ist, um in einem europäischen Sinne faschistisch sein zu können. Kennzeichnend für den Faschismus war nun einmal ein besonderer Anti-Konservativismus: Damit stand der Faschismus im Gegensatz zur amtlichen Lehre des kaiserlichen Japan (kokutai: Lehre vom Nationalwesen) wie sie anerkanntermaßen im Erziehungserlass von 1890 verkündet worden war (abgedruckt bei Klaus Antoni, Kokutai, Das „Nationalwesen“ als japanische Utopie, in: Saeculum 38, 1987, S. 266). Einige Experten meinen daher, dass es in Japan schon Faschismus gegeben haben „muss“, ehe der Begriff überhaupt erfunden war! Auch wenn dieser Erlass so schlimm gewesen ist, dass ihn die amerikanische Besatzungsdemokratie gleich aufhob, so kann man darin nichts „faschistisches“ erkennen: Es handelt sich dabei um einen konfuzianischen Text (Nation wird als Familie betrachtet), der Elemente des westlichen Verfassungsdenkens inkorporierte (Verpflichtung zur Verfassungstreue) und dabei so formuliert war, dass er dem Prinzip der weltanschaulichen Neutralität gerade noch genügt hat (sicherlich war der Subtext vorhaben, wonach die kaiserliche Dynastie durch die Abstammung von der Sonnengöttin legitimiert war).

Der Hindu-Nationalismus wiederum ist ein ähnliches Phänomen wie der Islamismus. Der Islamismus, der eine Religionsgemeinschaft zu einer nationenartigen Größe zu machen versucht, ist aus dem Fehlschlag des arabischen (Pan-)Nationalismus hervorgegangen, der insbesondere in der Variante der syrisch-irakischen Baath-Partei durchaus Faschismus, ja National-Sozialismus aufweist. Eine Ähnlichkeit des Islamismus mit Faschismus besteht in dem jüngst von Noltebeschriebenen Sinne, wonach nach Faschismus und Kommunismus der Islamismus die dritte Widerstandsbewegung gegen die internationale Herrschaftsordnung des westlichen Liberalismus darstellt. In ähnlicher Weise ist der teilweise als spezifisch indische Reaktion auf den indisch-pakistanischen Islamismus entstandene Hindu-Nationalismus, der natürlich auch Ursprünge in der gegen westliche Herrschaft gerichteten indischen Unabhängigkeitsbewegung hat, eine Antwort auf die Problematik der Übertragung des europäischen Nationenkonzepts auf Indien. Da dieses Konzept eher als Argument für einen Separatismus der nach Sprachgruppen organisierten Bundesstaaten gebraucht werden könnte, fühlt sich der gesamtindische Nationalismus veranlasst, letztlich einer Art religiösen Größe den Charakter der Nation zuzuschreiben: ähnlich wie dies die „Europäer“ zunehmend unter dem quasi-religiösen Stichwort des „Abrahamismus“ (einer politischen Zusammenfassung dreier sich widersprechender Monotheismen) mit Europa tun wollen. Mit dem historischen Faschismus weist der Komplex der Elemente, die man als „faschistisch“ einstufen kann und vielleicht auch historisch einmal von diesem inspiriert waren, allenfalls eine „entfernte Verwandtschaft“ auf, so wie man mit Wolfgang Schivelbusch sagen kann, dass ein derartiges Verhältnis von Faschismus und US-amerikanischen New Deal bestanden hatte. Ideologie und Machtausübung des amerikanischen Präsidenten Roosevelt hat man immerhin als progressiven „Fabian Fascism“ gekennzeichnet, wobei diese Bewertung von einem Anhänger des New Deal geprägt worden ist! Dabei dürfte das New Deal nicht so sehr von Gedanken aus der sozialdemokratischen britischen Labour Party, sondern vom kongenialen US-Progressismus beeinflusst sein, der im 19. Jahrhundert den demokratischen Rassismus der Fortschrittsdoktrin des Anglo-Saxonism repräsentiert hatte, was dementsprechend den Führer dieser Bewegung, Albert Beveridge, seine Landsleute hat auffordern lassen, „dem Ruf unseres Blutes zu folgen, neue Märkte und, falls notwendig, neue Länder zu erobern“, da es nun einmal „in des Allmächtigen unendlichen Weltplan“ liege, dass die „in Verfall geratenen Rassen“ dazu verurteilt seien, „der höheren Kultur einer edleren und stärkeren Rasse“ zu weichen. Falls für den „Faschismus“ vor allem der „Rassismus“ kennzeichnend gewesen sein soll - er war es für den „wirklichen“ Faschismus bei weitem weniger als für den „Radikalfaschismus“ des National-Sozialismus - dann sei hinsichtlich des Grades der „Verwandtschaft“ darauf hingewiesen, dass US-Präsident Roosevelt sich zwar über den Antisemitismus Hitlers äußerst empört zeigte, aber durchaus, in der demokratischen Tradition des amerikanischen Progressismus stehend, Rassentheorien zugänglich war und sich daher, ermutigt vom Direktor des Abteilung für Naturwissenschaftliche Anthropologie des Smithonian Instituts mit Kreuzungsideen (genetic crossbreeding) beschäftigte, da er die „Ruchlosigkeit“ (nefariousness) der Japaner von Schädelmustern ableitete, die gegenüber denen der kaukasischen Rasse um ca. 2000 Jahre unterentwickelt wären. Immerhin sprachen sich in einer bekannteren Umfrage vom Dezember 1944 über die amerikanischen Kriegsziele 13 % der befragten Amerikaner nach Dower dafür aus, „to kill all Japanese“. Diese Vorstellung erklärt die rassistische Vernichtungsrhetorik und auch Praxis der US-Kriegsführung im Krieg gegen Japan, die fast mit einer Ausrottungsmentalität einherging und dabei in der US-Presse, etwa im Wochenblatt „United States News“, dergestalt rationalisiert wurde, wonach es nicht um die Frage ginge, ob die Japaner ausgerottet werden müssten, sondern „whether in order to win unconditional surrender the Allies will have to kill Japanese millions to the last man.“

Um mit dem amerikanischen Kontinent abzuschließen: Als mit dem Faschismus allenfalls „entfernt verwandt“ sind aus anderen Gründen als beim Islamismus und Hindu-Nationalismus einerseits und beim New Deal andererseits, alle südamerikanischen Bewegungen wie Peronismus (zu diesem: Cristian R.F.J.M. Buchrucker, Nationalismus, Faschismus und Peronismus 1927-1955. Ein Beitrag zur Geschichte der politischen Ideen in Argentinien, Berlin 1982) einzustufen, denen die sozialistische Konkurrenz häufig „Faschismus“ vorgeworfen hat. Der Einordnung dieser Bewegungen als faschistisch steht entgegen, dass sie zu sehr dem vorfaschistischen Liberalismus der Unabhängigkeitszeit verhaftet blieben, eines Liberalismus, der sich schon beim El Libertador Simón Bolivar (1783-1830) gezwungen sah, zur Diktatur zu greifen, sich aber immer an den USA als Vorbild und Bezugspunkt orientierte. Von den Problemen dieses Subkontinents, insbesondere von der Tatsache des relativ artifiziellen Charakters der lateinamerikanischen „Nationen“ eingeholt, nahm der hispanische Liberalismus die Form des autoritären „Positivismus“ an, der die maßgebliche politische Ideologie von Lateinamerika darstellte (s. dazu: Nikolaus Werz, Das neuere politische und sozialwissenschaftliche Denken in Lateinamerika, Freiburg, 1992). Die in der Tat in der Regel zeitlich beschränkt ausgeübten Diktaturen (Ausnahme etwa Paraguay: 61 Jahre) begründeten sich mit der Notwendigkeit, dass die Voraussetzungen des Liberalismus erst geschaffen werden müssten, insbesondere durch die Einwanderung von Nordeuropäern, mit denen man Demokratie machen könnte. Noch die Militärdiktatur von General Augusto Pinochet (1915-2006) in Chile, das eine lange demokratische Tradition aufweist, kann selbstverständlich nicht als „faschistisch“ eingestuft werden, sondern war einer pro-kapitalistischen Reformpolitik verpflichtet. Trotz ihrer etwas längeren Dauer von 1973 bis 1990 war nicht beabsichtigt, die durch die Verfassung von 1980 bereits gemäßigte Diktatur als eine besondere Regierungsform zu perpetuieren. Sollten die latein-amerikanischen Militärdiktaturen als „faschistisch“ zu kennzeichnen sein, dann läuft man Gefahr, Herrschaftsausübung als solche, also Politik, generell unter Faschismus-Verdacht stellen zu müssen. Sollte man einschränkend lediglich die nicht-liberale Machtausübung als „faschistisch“ erfassen, wären jedoch insbesondere die kommunistischen Staaten als „faschistisch“ einzustufen!       

Der lateinamerikanische Positivismus hat allerdings, etwa über den revolutionär auch in Südamerika aktiven Giuseppe Garibaldi (1807-1882), auf den italienischen und damit den eigentlichen Faschismus eingewirkt: Mussolini verdankt nämlich seinen spanischen Vornamen, der italienisch Benedetto lautet, einem prominenten Vertreter dieser positivistischen Richtung, den Mussolinis Vater verehrt haben musste, nämlich dem mexikanischen Präsidenten Benito Juárez (1806-1872). Mussolini selbst war diesem liberalen Präfaschismus Lateinamerikas durchaus verpflichtet: So ließ er das maßgebliche Werk von Laureano Vallenilla Lanz (1870-1936) „Cesarismo democrático“unter größten Ehren ins Italienische übersetzen. Dieses Werk stellte die ideologische Grundlage der von 1908 bis 1935 währenden positivistischen Diktatur von Juan Vicente Gómez (1857-1935) in Venezuela dar. Dieses Regime versuchte eine demokratische Fassade aufrechtzuerhalten, indem für zwei Perioden jeweils eine andere Person Präsident war, die aber den dann als Oberbefehlshaber amtierenden Gómez gehorchte. Die nachfolgenden, gelegentlich ins Diktatorische ausgreifende Bewegungen Lateinamerikas, wie etwa der Peronismus, zeigten zwar dann auch Sympathien für den zeitgenössischen Faschismus, der dann allerdings meistens im Lichte des spanischen Franco-Regimes verstanden wurde. Dieses kann man allerdings ebenfalls nicht als faschistisch einstufen, wenngleich es sicherlich faschistische Elemente integriert, aber durch zwangsweise Zusammenführung der Sozialnationalisten der Falange mit den katholischen Carlisten auch neutralisiert hat. 

Ausblick: Neuer Faschismus denkbar?

Ein genuiner Faschismus zeichnet sich möglicherweise beim linken latein-amerikanischen Neo-Nationalismus ab, für den derzeit vor allem die politische Richtung des Präsidenten von Venezuela, Hugo Chávez (geb. 1954) steht, welcher sich selbst natürlich nicht so einschätzt, aber mittlerweile immerhin von der deutschen Linkszeitschrift „konkret“, trotz seiner Kooperation mit dem von dieser Zeitschrift bewunderten Fidel Castro sogar als „Nationalsozialist“ eingeordnet worden ist (s. Ausgabe vom Januar 2010, S. 36 f.). Der politische Lebensweg dieses Allende-Nachfolgers weist in der Tat eine große Ähnlichkeit mit dem von Hitler zumindest (bislang) bis 1933 auf: Putschführer, Gefängnis, Begnadigung, demokratisch gewählter Führer. Auch die Ähnlichkeit der sozialistischen Ideologie, die sich nicht mehr auf den Marxismus, sondern auf einen mythologisierten Bolivar bezieht, ist bezeichnend, die in einer Schlagzeile der FAZ zum Ausdruck kommt: „In Lateinamerika verwischt die Grenze zwischen links und rechts. Die Wahl in Venezuela kann als Reaktion auf die sozialen Probleme verstanden werden“. Sollte es sich hierbei um Faschismus handeln, dann würde dies eine bemerkenswerte Metamorphose kennzeichnen, die aber zu erwarten ist, da bestimmte politische Ideen, die zumindest machtpolitisch, gar militärisch „widerlegt“ wurden und dann in der Regel auch intellektuell als widerlegt gelten, sich nur in einer Transformation ausdrücken können. Als Besonderheit für die „Bolivarismus“ von Chávezkann die „mestizistische“ Ideologie gelten, die der Schriftsteller Carlos Fuenteswie folgt begründet hat: „Der Hauptbeitrag Lateinamerikas wird zukünftig von der Tatsache bestimmt, daß das 21. Jahrhundert eine Zeit Völkerwanderung, ein mestizisches Jahrhundert sein wird oder überhaupt keinen Bestand haben wird“. Dieser Mestizismus wird allerdings nicht als Multikulturalismus propagiert, sondern als Programm der Nationenwerdung, also als ein nationalistisches Programm. Ein nicht nur ideologisches, sondern biologie-politisches Vorbild dafür kann in Paraguay gefunden werden. Dort wurde unter der von 1814 bis 1840 währenden Diktatur des Jakobiners José Gaspar Tomás Rodríguez de Francia (1766-1840) den Angehörigen der weißen Oberschicht verboten, untereinander zu heiraten und diese waren stattdessen von Staatswegen bei Sanktion Landesverweisung gehalten, sich Ehegatten unter Indios, Mulatten und Schwarzen zu suchen. Dies hat in mehrfacher Hinsicht einen Sonderweg Paraguay kreiert, in dem das indianische Guaraní auch von der weißen Bevölkerung beherrscht wird.

Vielleicht ist mit dem Stichwort „Sonderweg“ das angedeutet, was den legitimen Kern des Faschismus ausmacht, der nicht mehr als solcher ausgedrückt werden kann: Trotz weltweiter Angleichung der materiellen Lebensverhältnisse, die auch die parallelen Bewegungen Kommunismus und Islamismus zugunsten der zurückgebliebenen Gebiete erstreben, wird im Unterschied zu diesen Konkurrenzbewegungen eine kollektive Sonderidentität im Sinne eines kulturellen Pluralismus eingefordert. Dieses Anliegen war im klassischen Sozialismus am besten vom Austro-Marxisten Otto Bauer formuliert worden. Dieser ging nämlich davon aus, dass die Nationalität mit dem Eintritt des Sozialismus nicht nur nicht verschwinden würde, sondern im Gegenteil die Völker aufgrund des Erblühens der Nationalkultur, die durch die Emanzipation der Arbeiterklasse herbeigeführt würde, sich noch schärfer abgrenzten als im Kapitalismus: „Die Tatsache, dass der Sozialismus die Nation autonom ihr Geschick zum Ergebnis ihres bewußten Willens macht, bewirkt nun aber steigende Differenzierung der Nationenin der sozialistischen Gesellschaft, schärfere Ausprägung ihrer Eigenart, schärfere Scheidung ihrer Charaktere voneinander“ (Hervorhebung im Original). Die bereits im Kapitalismus herbeigeführte Angleichung der Lebensverhältnisse, die im Sozialismus fortgeführt würde, sei rein materiell zu verstehen, würde sich aber nicht auf den entscheidenden geistigen Gehalt beziehen, d.h. „trotz der Angleichung der materiellen Kulturinhalte, doch steigernde Differenzierung der geistigen Kultur der Nationen.“

Die Tatsache, dass sich eine derartige Position in der klassischen Sozialdemokratie nicht wirklich durchzusetzen vermochte, dürfte ein wesentlicher Grund für die Entwicklung eines National-Sozialismus, also des (Radikal-)Faschismus gewesen sein. Dass sie diese Tendenz zumindest insoweit bemerkbar gemacht hat, als die deutsche Sozialdemokratie schließlich den Krieg des Kaiserreichs unterstützt hat, war für Mussolini allerdings - wie bereits ausgeführt - der wesentliche Grund, den Faschismus zu begründen. Der legitime Kern seines Anliegens, das letztlich schon der Austro-Marxist und spätere Antifaschist Bauer formuliert hat, lässt sich dann doch wohl eher im Zusammenhang mit dem Liberalismus verwirklichen. Dieser muss dabei allerdings erkennen, dass der Staaten- und Völkerpluralismus mit entsprechenden Grenzziehungen in Analogie zu rechtsstaatlichen Grenzziehungen (etwa zwischen Legislative und Judikative) die maßgebliche Garantie der Freiheit im Weltsystem darstellt und nicht ein eventuell „liberal“ definierte Weltstaat, der nur auf eine neue Form des Kolonialismus hinausliefe, gegen den der Antikolonialismus und Faschismus gerichtet war. Ein „liberales System“ mit einem Übermaß an internationalen Organisationen und „Einbindungen“, das diesen Zusammenhang unter Berufung auf einen Individualismus verkennt, der den Einzelnen nur zur Menschheit, also zu einer biologischen oder theologischen Bezugsgröße ins Verhältnis setzt, dürfte einem neuen Faschismus als „Gegenbewegung“ die Grundlage bereiten, mag dieser auch nicht als solcher in Erscheinung treten, sondern sich wie die „Globalisierungskritiker“ von „attac“ sogar als „Antifaschismus“ verstehen. Immerhin zeigt dies das erhebliche Faschismus-Potential auf, das im „Antifaschismus“ enthalten ist. Damit wäre auch die Frage nach dem Faschismus beantwortet.   

 

Redaktionelle Hinweise

Der vorstehende Beitrag stellt eine überarbeitete Fassung eines Vortrags dar, den der Verfasser auf der 10. Winterakademie des Instituts für Staatspolitik am 30.1.2010 gehalten hat: http://www.staatspolitik.de/

Eine zusammenfassende Darstellung ist im Februar-Heft der Monatszeitschrift „Sezession“ veröffentlicht worden: http://www.sezession.de/heftseiten/heft-34-februar-2010

Soweit im vorstehenden Text keine Nachweise gebracht sind, können diese gefunden werden im Werk des Verfassers: Roter, brauner und grüner Sozialismus: Bewältigung ideologischer Übergänge von SPD bis NSDAP und darüber hinaus, Lichtschlag Medien und Werbung KG, Grevenbroich, 2008 http://lichtschlag-buchverlag.de/programm/JosefSchuesslburner/RoterbraunerundgruenerSozialismus


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