Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Unternehmer und Politik: Gefesselter Prometheus

von Gérard Bökenkamp

Über das Missverhältnis von ökonomischer Bedeutung und gesellschaftlichem Einfluss

16. März 2010

Ohne Unternehmer würde der größte Teil der Menschheit verhungern. Der Unternehmer ist der Motor des ökonomischen Wachstums und der Innovation. Die unternehmerische Kreativität überwindet natürliche Hindernisse und umspannt die Welt mit Produktions- und Handelsnetzwerken, die einen Wohlstand hervorgebracht haben, der in vergangenen Zeiten unvorstellbar war. Die ökonomische Bedeutung und der gesellschaftliche und politische Einfluss des Unternehmers stehen in einem krassen Missverhältnis zueinander. Wenn man bedenkt, wieviele Millionen und Abermillionen Euro von Unternehmensverbänden in die Beeinflussung der Politik gesteckt werden, mit dem Ergebnis, dass hier eine Einzelsteuer ein wenig gesenkt, da eine Subvention ein wenig erhöht, dort die Einführung des Mindestlohns ein wenig verzögert wird, kann man zu dem Ergebnis kommen, dass der politische und erst recht der ideologische Einfluss der Unternehmer als sozialer Gruppe als sehr begrenzt einzuschätzen ist.

Die Gruppen, die das Denken in der Gesellschaft am stärksten beeinflussen, sind nicht die Maschinenbauer, Bauerunternehmer, Fabrikanten und Kaufleute, sondern Lehrer, Journalisten, Professoren, Pfarrer, Künstler und Schriftsteller. Denn der Radius, auf den ein Angehöriger dieser Berufsgruppen auf die Ansichten und Befindlichkeiten ihrer Mitbürger, ja allzu oft der Unternehmer selbst, einwirken, ist direkter und weiter. Das Bild vom Unternehmer im positiven wie im negativen Sinne (meistens eher im negativen) prägen daher Personengruppen, die selbst keine Unternehmer sind.

Ein engagierter Deutsch-, Geschichts- oder Erdkundelehrer kann Bilder in die Köpfe seiner Schüler setzen, die viele ihrer Ansichten ein Leben lang bestimmen. Ein Lehrer unterrichtet mitunter über hundert Schüler in verschiedenen Klassen, und das Jahr für Jahr. Ein Journalist kann mit einem Artikel hunderttausend Menschen erreichen. Ein Hochschullehrer hat mit seinen Vorlesungen und Seminaren Einfluss auf das Denken von Hunderten von Studenten, von denen wiederum ein größerer Teil Lehrer, Journalisten und Wissenschaftler wird. Das, was der durchschnittliche Bürger heute etwa über die Industrialisierung und über die Unternehmer des 19. Jahrhundert weiß, ist wenig. Das was er weiß, sieht er durch die Brille von Karl Marx und Charles Dickens. Nicht zufällig sind auch die großen Ikonen des Liberalismus in der Regel Gelehrte. Hayek, Mises und Co haben Bücher geschrieben, keine Unternehmen geführt, aber sie haben unsere Perspektive auf die Wirtschaft ohne Zweifel stärker beeinflusst als die in der Wirtschaft Tätigen selbst.

Dieses Missverhältnis zwischen der zentralen ökonomischen Bedeutung der Unternehmer und ihrer relativen Einflusslosigkeit auf das Denken der Menschen ist nicht allein ein Phänomen der heutigen Zeitumstände, es ergibt sich vielmehr aus der Zweckbestimmung der unternehmerischen Tätigkeit. Gerade die ökonomische Funktion des Unternehmers steht einer ideologischen Rolle entgegen. Damit Unternehmer ihre Rolle ausfüllen können, dürfen sie eben keine Ideologen sein – auf jeden Fall nicht in der Zeit ihrer Geschäftstätigkeit. Ein Unternehmer liefert den Menschen die Güter, die sie begehren, aber er bestimmt nicht ihre politischen Vorstellungen oder ihre religiösen und sinnstiftenden Überzeugungen. Er kann sie zum Kaufen bewegen, aber eben nur, indem er ihre Wünsche erahnt und anspricht.

Anders als Professoren, Lehrer oder auch Priester können Unternehmer ihre Zielgruppe nicht „erziehen“ oder „aufklären“, sondern müssen sie so nehmen wie sie ist. Während der Lehrer dem ideologisch abweichenden Schüler schlechte Noten geben kann, muss der Unternehmer sein Produkt so anbieten, dass es am Ende über den Verkaufstisch geht, mag seine Zielgruppe auch noch so sehr von seinen Ansichten und seiner Lebenseinstellung entfernt sein. Um Einfluss auf das Denken einer Epoche und damit auf die politische Agenda zu gewinnen, muss man sich aber am „Kampf der Ideen“ beteiligen können. Man muss in der Lage sein, andere von seinem Standpunkt zu überzeugen und Verbündete gewinnen. Das setzt voraus, dass man seine Überzeugung in den Ring wirft. Das ist weder von ihrer wirtschaftlichen Funktion noch von ihrem persönlichen Instinkt her die Sache der Unternehmer. Ein Unternehmer kann sich politische Sympathien, Ressentiments und ideologische Vorlieben als Privatmann leisten, aber nicht als Produzent und Verkäufer von Gütern und Dienstleistungen.

Die Unternehmen sind wie die Heinzelmännchen. Wir finden die Geschäfte gut gefüllt, unsere Bestellungen erreichen uns nach einem Mausklick, was auch immer wir benötigen, irgendwo ist es zu irgendeinem Preis zu erwerben. Hinter jedem x-beliebigen Produkt stehen Produktionsketten, die zum Teil den ganzen Erdball umziehen und das Ergebnis enormer physischer und psychischer Anstrengungen sind. Aber die Verbraucher sehen die Anstrengungen nicht. Der Kunde soll es gar nicht merken, welche Organisation, Stress, Kopfzerbrechen hinter dem Endprodukt stehen. Wenn er es merkt, dann ist in der Kette schon etwas falsch gelaufen.

Mag auch der eine oder andere Unternehmer sich selbst als Werbeikone ins Bild setzten, in der großen Mehrzahl der Fälle wissen wir nicht, wer produziert hat, was wir nutzen. Im Grunde interessiert es den Verbraucher auch herzlich wenig. Schriftsteller, Publizisten, Künstler, Politiker, sie alle leben davon, dass man sie kennt. Unternehmer leben davon, dass man ihre Marke kennt, aber sie selbst bleiben in den meisten Fällen unsichtbar. Als „Unsichtbarer“ ist der Unternehmer auf der sicheren Seite. Denn vielleicht würde sich der eine oder andere Konsument seinen Kauf noch einmal überlegen, wenn er wüsste, welche Einstellung der Hersteller zum Nahostkonflikt, zur Bundesregierung oder zur Abtreibung hat. In der Regel kann ein Unternehmer durch öffentliche politische Bekenntnisse wenig gewinnen, aber einiges verlieren. Und er kann Verluste vor seinen Kreditgebern und Anteilseignern nicht mit dem Argument rechtfertigen, dass es gesellschaftspolitisch geboten sei.

Pauschal wird oft der Einfluss „der Wirtschaft“ auf die Politik kritisiert, aber in kaum einem System ist der Unternehmer ökonomisch so effizient und gesellschaftspolitisch so machtlos wie in einer freien Wettbewerbswirtschaft. Der Weg, sich über seine unternehmerische Tätigkeit politischen Anhang zu schaffen, ist dem Unternehmer in einer freien Wirtschaft weitgehend verbaut. In der Politik und im Öffentlichen Dienst lässt sich Personalpolitik betreiben, in der freien Wirtschaft nur Personalmanagement. Wenn es eine soziale Gruppe gibt, die von Berufswegen kaum in der Lage ist, andere aus ideologischen Gründen zu diskriminieren oder zu fördern, dann sind es die Unternehmer. Bei einem Überangebot von Arbeitkräften hat der Unternehmer noch einen gewissen Ermessensspielraum, sich nach persönlichen Sympathien zu entscheiden,. J vollkommener der Wettbewerb, umso weniger ist er aber letztlich wirklich „Herr im eigenen Haus“. Ein Unternehmer, der händeringend einen guten Ingenieur sucht, kann sich nicht leisten, auf den besten Bewerber zu verzichten, nur weil ihm dessen private politische Ansichten, seine Konfession oder seine sexuelle Orientierung nicht behagt.

Noch viel weniger wird der Unternehmer in der Regel bei der Wahl seiner Kunden oder der Gestaltung seines Produktangebotes gegen den kulturellen Mainstream schwimmen können. Wenn sich ein Produkt besser verkauft, wenn „Öko“ draufsteht, dann wird ein Unternehmer in den meisten Fällen „Öko“ auf die Verpackung schreiben, auch wenn er das selbst für Mumpitz hält. Wenn sich Produkte mit nackten Schönheiten nachweislich (oder weil es die zuständigen Werbespezialisten behaupten) besser verkauft, dann wird sich durchsetzen, dass sich selbst in der Margarinewerbung nackte Schönheiten rekeln. In einem religiös geprägten Land sind es vielleicht Zitate von Heiligen, die dem Käufer das Produkt schmackhaft machen sollen. Letztlich diktiert die vorherrschende Kultur dem Unternehmer seine Produktgestaltung und sein angestrebtes Markenimage.

Selbst und gerade diejenigen, deren Geschäft eng mit der politischen Sphäre verbunden ist, weil sie am Subventionstropf hängen oder auf andere politische Privilegien angewiesen sind, können sich politische Voreingenommenheit nur in sehr begrenztem Maße erlauben, denn Regierungen können wechseln, politische Programme können sich verändern. Wer aufs falsche politische Pferd setzt, ist am Ende der Gelackmeierte. Das ist der Grund, warum bei politischen Spenden in der Regel alle Parteien, die eine mehr, die andere weniger großzügig, bedacht werden. Neben der etwas größeren Spende für die bürgerlichen Parteien ist gemeinhin auch eine etwas kleinere für die Sozialdemokraten dabei, um auf Nummer Sicher zu gehen. Parteipolitische Einseitigkeit ist zu riskant.  

Die meisten Unternehmer entwickeln dann ein aktives Interesse an der Politik, wenn es um die Grundlage ihres Geschäfts geht. Im Mittelpunkt des Interesses stehen die Regelungen, die das eigene Geschäftsmodell betreffen. Unternehmer, die darüber hinaus politisches Sendungsbewusstsein entwickeln und etwas verändern wollen, werden früher oder später vor die Frage gestellt, ob sie die Leitung ihres Unternehmens nicht lieber abgeben sollten. Eine Siebzigstundenwoche im Betrieb verträgt sich schlecht mit aktivem politischem Engagement. Und die Folgen aktiven Engagements, vor allem wenn es ein sehr kontroverses Engagement ist, können unberechenbar sein.  

Der Prototyp eines politischen Unternehmers war zum Beispiel Joseph Coors. Coors unterstützte Ronald Reagan, legte sich mit den Gewerkschaften an und gewann auch einen gewissen Einfluss auf Teile der politischen Agenda der Reagan-Administration, etwa bei der Umweltgesetzgebung. Ob sich dieser Einfluss auf die Politik aber betriebswirtschaftlich für das Unternehmen gelohnt hat, ist wohl mehr als fraglich, denn die Wut seiner politischen Widersacher richtete sich nicht nur gegen Coors als Person, sondern auch gegen sein Produkt. „Die Welt“ schrieb 2003 zum Tode von Joseph Coors: „20 Monate Streik überstand Coors bestens. Den zehnjährigen Kaufboykott dagegen nur leidlich.“ Seiner Überzeugung hat Coors vermutlich einen großen Dienst getan, seinem Unternehmen eher weniger.

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