22. März 2010

Nazis, Kinderschänder und Pädagogen Schuldig durch Assoziation

Die Agitprop-Trickkiste linker Kaderschulabsolventen

Wer sich den (zweifelhaften) Spaß macht, einmal in einer typischen Antifa-Postille zu schmökern, wird darin früher oder später auf einen Artikel stoßen, der in etwa so geht: „Fritz K., dessen zwei Jahre jüngere Schwester Annika im Mai 1998 in Begleitung eines unbekannten Mannes gesehen wurde, der zuvor in einem Lokal zu Mittag gegessen hatte, in dem sich im Herbst 2003 zwei lokale NPD-Funktionäre auf ein Bier trafen, hat zudem engen Kontakt zu Mario P., der, ebenfalls im Herbst 2003, eine Wohnung gemietet hatte, in deren Nachbarschaft sich die Wohnung der Kusine des Schwagers von Thorsten M., eines mehrfach vorbestraften Neonazis, befand“.

Was damit „gezeigt“ werden soll, ist klar: Fritz K. (im Original sind die Namen natürlich nicht abgekürzt) und Mario P. sind Nazis, daran besteht angesichts der erdrückenden „Beweislage“ nun nicht mehr der geringste Zweifel. Also kann jeder, der sich dazu berufen fühlt, ohne Bedenken zur Tat schreiten (was das genau bedeutet, erwähnen besagte Postillen aus guten Gründen meistens nicht). Und während Ihnen als aufmerksamem Leser vermutlich schon aufgefallen ist, dass der tatsächliche Zusammenhang zwischen Fritz, Mario und den Nazis – vorsichtig formuliert – allenfalls als äußerst indirekt bezeichnet werden kann, zählt der typische Antifant normalerweise weder zu den aufmerksamen Lesern, noch macht er sich allzu viele Gedanken um die Qualität von Beweisen – „irgendwas wird schon dran sein“, denkt er sich stattdessen und packt sicherheitshalber schon mal ein paar Mollis zusammen.

Artikel dieser Art setzen neben der unkritischen Auffassungsgabe und geringen Hemmschwelle erlebnisorientierter Linksextremer vor allem auf ein propagandistisches Konzept, das man als „guilty by association“ („Schuldig durch Assoziation“) bezeichnet und das seinen festen Platz längst nicht nur in der Agitprop-Trickkiste linker Kaderschulabsolventen hat. Das Grundrezept, das in vielerlei Variationen immer wieder aufgetischt werden kann, lautet dabei wie folgt: Man nehme eine hinreichend fiesen Ausgangstatbestand (und was könnte schlimmer sein als das „Fa“, durch das sich der „Anti“ überhaupt erst definiert?), sowie einen mehr oder weniger unbestritten Schuldigen. Von diesem aus hangelt man sich nun so lange über Verwandtschaftsverhältnisse, Kaffeehausbesuche und sonstige Gemeinsamkeiten bis hin zu dem, den man eigentlich treffen will, wobei man in regelmäßigen Abständen das sorgfältig vorkonditionierte, emotional stark besetzte Schreckensbild aufblitzen lässt – das hält dem Rezipienten nicht nur präsent, um welche Abgründe es hier eigentlich geht, sondern sorgt, wenn man es ein wenig geschickt anstellt, überdies auch dafür, dass eventuell aufkeimende Zweifel und Nachfragen im Keim erstickt werden.

Dieser Kniff funktioniert, wie bereits erwähnt, längst nicht nur im linksradikalen Kontext, sondern fast immer und überall. Falls Sie also zum Beispiel etwas gegen Schwule haben und gegen Evangelische, aber nicht so richtig wissen, wie Sie den schwanzlutschenden Papstverleugnern argumentativ auf den Pelz rücken können, probieren Sie es doch einfach mal mit Pädophilie: Dass alle Schwulen pädophil und alle Evangelischen schwul sind, ist zwar nicht unbedingt für jeden auf den ersten Blick erkennbar, und wenn Sie das ausdrücklich hinschreiben, könnten Sie sogar erheblichen Ärger bekommen. Das macht aber nichts, denn es reicht ja schon, einen mutmaßlich schwulen Kinderschänder zu finden, der mal Direktor einer Schule war, deren früherer Direktor ebenfalls schwul ist, und der, wenn auch bedauerlicherweise kein Kinderschänder, so doch immerhin Mitglied in einem Beirat war, in dem noch andere Leute saßen, die zwar weder schwul noch Kinderschänder, dafür aber evangelisch sind. Und wenn das allein noch nicht so ganz überzeugend klingt, können Sie ja noch eine Mitgliedschaft in der NSDAP drauflegen, nur zur Sicherheit und weil Nazis sowieso immer gut kommen. Spätestens wenn Sie dann noch eine Organisation ins Spiel bringen, die mit keinem der bislang Erwähnten überhaupt irgendetwas zu tun hat und eigentlich auch gar nicht evangelisch ist, dafür aber vor Urzeiten mal einen Arbeitskreis hatte, der sich mit Pädophilie beschäftigte, schließt sich der Kreis endgültig und Sie können beruhigt zum Fazit („die Evangelen sind überhaupt viiiiel schlimmer als die Katholiken“) übergehen. Ich bin sicher, wer Ihnen so weit gefolgt ist, wird ihnen auch noch das abkaufen.

Hinweis: Um Missverständnisse zu vermeiden, weist der Autor ausdrücklich darauf hin, dass alle genannten Personen und Sachverhalte rein fiktiv sind und lediglich der Illustration einer abstrakten Argumentationsweise dienen. Fritz K. ist nicht rechtsradikal und zudem Einzelkind, während Mario P. seit über 20 Jahren in einem abbezahlten Einfamilienhaus lebt. Und selbstverständlich würde auch kein vernünftiger Mensch auf den Gedanken kommen, einen inneren Zusammenhang zwischen religiösem Bekenntnis, sexueller Orientierung und Kindesmissbrauch zu konstruieren oder nahelegen zu wollen.  


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