23. März 2010

Buchvorstellung Wer ist Joachim Fernau?

Zwei Bände erinnern an einen vergessenen Bestsellerautor

Mit zwei Bänden erinnert die Edition Antaios an den deutschen Schriftsteller und Journalisten Joachim Fernau. „Wer ist Fernau?“ werden sich viele Leser fragen. Denn der einstige Bestsellerautor ist aus dem Gedächtnis der Nation, über die er vorzugsweise schrieb, fast vollständig verschwunden. Zu seinem 70. Geburtstag im Jahre 1979 hatte Armin Mohler in der Tageszeitung Die Welt noch über ihn geschrieben: „Fernau ist ein Platz in der deutschen Geistes- und Seelengeschichte sicher.“ Auch wenn „die den Markt überwachende Garde unserer Literaturkritiker aus allen Rohren gegen Fernau“ geschossen habe; seinen Erfolg beim Publikum habe dies nicht verhindern können.

Gut also, dass sich auch heutige Leser, die der Ansicht sind, dass anspruchsvolle Literatur leicht lesbar sein kann, wieder Fernau nähern können. Dazu dienen zum einen die „Fragmente eines Soldatenlebens 1939 und 1940“, die unter dem Titel „Tausend Tage“ als schöner schmaler Band vorliegen. Zum anderen dient dazu die von Götz Kubitschek und Erik Lehnert besorgte Bildbiographie „Joachim Fernau. Leben und Werk in Texten und Bildern“, die unter anderem auf Material basiert, welches die Witwe Gabriele Fernau und Edith Mohler, die Witwe Armin Mohlers, zur Verfügung gestellt haben.

In „Tausend Tage“ berichtet der überzeugte Zivilist Fernau über seine Zeit als Soldat. Die Erzählung bricht April oder Mai 1940 ab. Kubitschek betont, dass Fernau zu keinem Zeitpunkt überzeugter Nationalsozialist gewesen sei. Auch dann nicht, als er – so wie er es sich gewünscht hatte – zur Kriegsberichter-Kompanie (KBK) der Waffen-SS versetzt worden sei. Der Germanist Peter Wapnewski hat mit dem einem Artikel in der Wochenzeitung Die Zeit, der am 3. Februar 1967 erschien, versucht, Fernau zum Schweigen zu bringen. Grund der moralischen Entrüstung war ein Artikel des Gescholtenen, der noch am 30. August 1944 geschrieben hatte, der Sieg im Zweiten Weltkrieg sei „wirklich ganz nahe“. Wer damals so etwas geschrieben habe, so Wapnewski, sei „entweder ein Schwachkopf von unvorstellbarem Format – oder aber ein infernalischer Lügner“. Das eine wie das andere zwinge Fernau dazu, „das Handwerk des Schreibens zu lassen, die Kunst der Prophetie aufzugeben, vor der Geschichtsdeutung zu kapitulieren, das eigne Volk mit Bestandsaufnahmen künftig zu verschonen“. Interessanterweise konnte sich eben dieser Wapnewski, der über Fernau den Stab gebrochen hatte, vor kurzem nicht mehr daran erinnern, dass er einst wohl selbst Mitglied der NSDAP gewesen ist.

Wie dem auch so. Der Angegriffene hatte damals zumindest in der Zeit die Chance, sich zu verteidigen. Und so schrieb er zu den Vorwürfen des Berliner Altgermanisten: „Das liegt nur 23 Jahre zurück. Aber wenn man jemand ‚fertig’ machen will, muss man weit ausholen, nicht wahr? Rundschreiben, anprangern, nicht wahr? Berufsverbot, Bücher verbrennen – oh pardon, jetzt bin ich aus Gründen der Ähnlichkeit in die falsche Spalte gekommen. Mein armer, mein furchterregend-deutscher Richter! Sie gestehen mit in Ihrem ‚Zeit’-Aufsatz ausdrücklich zu, dass ich wenigstens weiterleben dürfe, ‚das ist Menschenart’. Herr der Himmel, beschütze uns vor Deinen Gerechten!“

Fernau war vom ersten bis zum letzten Tag des Weltkriegs Soldat. Dass es quasi unmöglich war, diese Zeit zu überstehen, ohne in schuldhafte Zusammenhänge verstrickt zu werden, belegen unter anderem die Schilderungen seiner Tätigkeit im 103. Polizei-Bataillon in Posen. Beklommen liest man, wie Fernau polnische Familien aus ihren Häusern vertreiben muss. Demjenigen, der Befehlen gehorchen muss, schlagen weniger Wut als vielmehr nackte Verzweiflung und Trauer entgegen.

Nachdem die ersten 40 Jahre sozusagen „verloren“ und fremdbestimmt waren, bemühte sich Fernau in den folgenden Jahren bis zu seinem Tod am 24. November 1988, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und sein eigener Herr zu sein. Nach dem Zweiten Weltkrieg – Fernau war erst 1949 entnazifiziert worden – versuchte er sich zunächst als Journalist im Angestelltenverhältnis. Seine populären Geschichtswerke „Deutschland, Deutschland über alles…“, „Rosen für Apoll. Die Geschichte der Griechen“, „Disteln für Hagen. Bestandsaufnahme der deutschen Seele“, „Cäsar lässt grüßen. Die Geschichte der Römer“ oder auch „Sprechen wir über Preußen. Die Geschichte der armen Leute“ waren große Erfolge. Auch in seinen belletristischen Werken zeigte sich Fernaus Gabe, mit leichter Feder die Menschen zu unterhalten und zu belehren.

Dass Fernau noch einmal viele Leser finden wird, daran hat Herausgeber Kubitschek seine Zweifel: „Man kann konstatieren: Fernau sah den ‚Blindflug’ seiner Nation in die bildungsferne Massengesellschaft voraus, er wusste, dass er so über kurz oder lang für seine anspielungsreichen Bücher und seine subtile Art der Erziehung kaum noch Leser finden würde. Gleichzeitig war Fernau aber auch klar: Vermissen würde diese Lese- und Empathiefähigkeit am Ende nur der Autor selbst, und mit ihm eine kleine Schar, die noch einen Begriff davon hat, auf welchem Niveau Schriftsteller und Leser eigentlich ihre Fäden miteinander knüpfen könnten“.

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