01. April 2010

Wo und warum Wachstumsgrundlagen wirklich zerstört sind Doomsday, wir kommen!

Nach der Krise finden Skeptiker wieder Gehör

„Die Zeit“ titelte im Herbst 2009: „Aufstand gegen eine Lebenslüge“. Im linken Spektrum ist die Überzeugung älter als der Autor, doch auch in Teilen des rechten und konservativen Spektrums ist man sich einig: Die Krise hat bewiesen, dass das auf Wachstum gebaute gegenwärtige Wirtschaftssystem am Ende ist. Die Argumentation dahinter wirkt einleuchtend: Auf einer begrenzten Erde kann die Menge an Waren (damit sind des weiteren Güter und Dienstleistungen gemeint) nicht unbegrenzt wachsen. Da das kapitalistische System für seine Funktionsfähigkeit permanentes Wachstum benötigt, ist das System nicht zukunftsfähig.

Bei so simplen Argumenten und so großer Einigkeit ist Skepsis gegenüber den Skeptikern angebracht. Zunächst ist fraglich, welche Wirtschaftsordnung mit „Kapitalismus“ denn eigentlich gemeint ist. Milton Friedman und andere haben zu Recht angemerkt: Sieht man die Anhäufung von Kapital, also einen stetig wachsenden Stock an technischen Produktionsmitteln, als wesentliches Merkmal des Kapitalismus, war das Wirtschaftssystem hinter dem eisernen Vorhang auch kapitalistisch, vielleicht sogar kapitalistischer als der Westen.

Linke Zeitgenossen charakterisieren Kapitalismus lieber als die Anhäufung von Kapital aus dem Motiv, mit dem Kapital noch mehr Kapital zu generieren. Bei dieser Charakterisierung schaudert es jedoch einen gut ausgebildeten Ökonomen. Der Ertrag aus Kapital (Zinsen) fließt nämlich zu großen Teilen gar nicht dem Unternehmer, sondern den Fremdkapitalgebern – das sind in Deutschland in aller Regel die Banken – zu. Unternehmensgewinne stammen nicht aus einem, sondern aus der geschickten Kombination mehrerer Produktionsfaktoren. Dazu zählen neben Kapital mindestens noch Arbeit und Know How. Ohne ein Wachstum des Know How ist eine Erklärung des insgesamt relativ konstanten Wachstums Deutschlands oder der USA über die letzten 100 Jahre nicht ohne weiteres möglich.

Die große Bedeutung dieser diffusen Größe kann man jedoch auch ohne ein Studium der Wachstumstheorie erkennen: Niemand wird bestreiten, dass den Bürgen der Industrienationen und vielen Bürgern der Schwellenländer heute – gemessen an der Situation vor 40 oder 50 Jahren – ein Vielfaches der Waren zur Verfügung steht. Wurde deswegen der Planet mit Fabriken überzogen? Da dies offensichtlich nicht so ist, muss es heute möglich sein, mit einem gegebenen Quantum an Arbeit, Kapital und Rohstoffen mehr Waren herzustellen. Ein Wachstumsskeptiker mag nun einwenden, dass, auch wenn das Know How unbegrenzt weiter wachsen kann, doch die Rohstoffe und die Möglichkeiten, alte Waren zu entsorgen, begrenzt sind.

Schon der Club of Rome warnte in den 1970er Jahren davor, dass noch vor der Jahrtausendwende alle wichtigen Ressourcen erschöpft sein würden. Scheinbar ist das jedoch so nicht eingetreten, aus einem einfachen Grund: Die Analyse des Club of Rome und die der meisten Wachstumsskeptiker ist letztlich nur eine mehr oder weniger elegant kaschierte Fortschreibung der Gegenwart. Der heutige Mix an Waren, die heutige Technik und die heutigen Ressourcen werden einfach 20 Jahre in die Zukunft fortgeschrieben – fertig ist das Katastrophenszenario oder Paradies, je nach Weltlage. Die Paradiesszenarien der 1950/60er (fliegende Autos, Städte aus Glas) haben heute einen festen Platz in der Popkultur. Eine gleichartige Reflexion der Katastrophenszenarien der 1970/80er scheint dagegen gerade erst zu beginnen.

Das Grundproblem aller Fortschreibungen ist einerseits die unerhörte Dynamik der Welt im Allgemeinen (der Untergang des Ostblock beendete den sauren Regen und die Vergiftung der Elbe) und die einer halbwegs freien Marktwirtschaft im Besonderen. Es scheint, als seien in der Spanne einer Generation (1980 bis heute) mehr Produkte aufgetaucht und wieder verschwunden als im ganzen 19. Jahrhundert. Die Magie, die das System mit einer solchen Wucht vorantreibt, hat eine einfache Formel: Preise. Walkmans und Videorekorder, Floppy Disks, Digitaluhren, Autotelefone – sobald die Zahlungsbereitschaft der Kunden nachlässt, zu viele Wettbewerber im Markt sind oder gestiegene Kosten die Marge vernichten, suchen Unternehmen mit Hochdruck nach neuen, attraktiveren Produkten. Gleichzeitig suchen Entrepreneure nach unbefriedigten Bedürfnissen, was neue Waren und Unternehmen entstehen lässt. Wie schnell Entrepreneure (die in diesem Fall natürlich nicht so heißen dürfen) reagieren, stellt die Polizei immer wieder im Drogengeschäft fest. Die Verknappung bestimmter Drogen vergrößert die ohnehin saftigen Margen und führt zu ausgesprochen kreativen Lösungen (für Beispiele: Suche nach „Drogenplantage“ bei Google News). Das System von Marktpreisen ist ein Koordinierungsmechanismus, der es einer Marktwirtschaft erlaubt, sich innerhalb kürzester Zeit an Veränderungen anzupassen. Es ist deshalb ohne weiteres möglich, mit Hilfe des Preissystems Ressourcenknappheit und Müllproblemen zu begegnen. Kostet zum Beispiel Öl 200 Dollar pro Barrel, kann mit einer Technologie, mit der zu geringeren Kosten Plastik wieder zu Erdöl umgewandelt wird, extrem viel Geld verdient werden, dementsprechend groß sind die Anreize zur Forschung. Existiert die Technologie einmal, kann es dann sogar lohnen, den Plastikmüll der letzten Generationen wieder auszugraben...

Die implizite Vorstellung der Wachstumsskeptiker, dass Unternehmen in einem beliebigen Doomsday-Szenario still dem Untergang der Welt entgegen sehen, zeigt, dass die grundlegende Dynamik einer freien Marktwirtschaft nicht verstanden wurde. Ob man ihnen angesichts der ökonomischen Ausbildung, wie sie nicht nur in Deutschland praktiziert wird, daraus einen Vorwurf machen kann, bleibt dahin gestellt.

Der letzte Teil des Argumentes des Wachstumskritiker hat jedoch einen wahren Kern: Unser Wirtschaftssystem kann nicht stabil bleiben, wenn immer mehr Bürger arbeitslos und Transferempfänger sind. Eine alte Beobachtung aus der empirischen Makroökonomie ist Okun’s Law: Ein Wachstum der Produktion unter einer „normalen“ Wachstumsrate (für die USA historisch ca. drei Prozent) steigert die Arbeitslosigkeit. Eine steigende Arbeitslosigkeit bei hohen Sozialstandards kann ein Land in eine Abwärtsspirale ziehen: Zur Finanzierung der höheren Sozialausgaben müssen entweder die Steuern erhöht oder neue Schulden gemacht werden. Dies belastet Kaufkraft oder Unternehmen zusätzlich und führt so zu weiteren Entlassungen... 

Der bisher beschrittene (wenn auch nicht einzige) Weg, dieser Dynamik zu entgehen, heißt in der Tat: Wachstum. Nun wurde oben bereits festgestellt, dass langfristiges Wachstum durchaus möglich ist. Trotzdem ist die Gefahr eines zu geringen Wachstums durchaus realistisch. Die notwendige Bedingung für Wachstum sind neue, attraktive Güter und Dienstleistungen und damit nicht zuletzt Mut zur Initiative und die Fähigkeit, mit Wissen kreativ umzugehen. Genau diese Eigenschaften gehen aber den westlichen Industrienationen immer mehr verloren. Insbesondere produzieren vor allem die staatlichen Bildungssysteme von der Grundschule bis zur Universität Menschen, denen oft nur auf dem Papier alles Relevante beigebracht wurde. Der Stoff wird gelernt, um Test oder Klausur zu bestehen und gleich wieder zu vergessen. In meiner Arbeit als Tutor sind mir zum Beispiel Studenten begegnet, die nicht in der Lage waren, die Gleichung ax+b = y nach x umzustellen oder (trotz bestandenem Kurs) einfachste Berechnungen in Excel auszuführen. Wie sollen aber derart schlecht ausgebildete Menschen innovative Güter und Dienstleistungen ersinnen und umsetzen?

Und, auch wenn wir Deutschen nun schnell mit unserem Selbstgeißelungsreflex bei der Hand sind: Diese Probleme gibt es auch in England, den USA und anderen Ländern. Insofern ist tatsächlich Skepsis angebracht, wenn Regierungen auf Wachstum setzen. Allerdings nicht, weil die Strategie Wachstum per se falsch ist, sondern weil die Schlüsselqualifikationen, die zu einen dauerhaften Wachstum befähigen, zum Teil bereits zerstört sind.


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