Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Einen Kulturkampf gibt es nicht: Die Kirche im Dorf lassen

von Gérard Bökenkamp

Christliche Kirchen und Kirchenkritik in der Bundesrepublik

08. April 2010

Es gibt keinen Kulturkampf um das Christentum in der Bundesrepublik – auf jeden Fall keinen, dem irgendeine soziale oder politische Relevanz zugesprochen werden könnte. Wenn man die politische Landschaft analysiert und historische Vergleiche heranzieht, lässt sich beim besten Willen in der aktuellen Lage keine Polarisierung zwischen Christen und Nichtchristen feststellen, außer in einigen Internetforen und in den Köpfen einiger kirchenkritischer Publizisten. Man vergleiche dieses leidige Mediengeplenkel der letzten Wochen mit der Auseinandersetzung während des Kulturkampfes im Deutschen Reich in den Siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, als am Ende die katholischen Bischöfe entweder im Gefängnis saßen oder im Exil waren, oder mit der Spaltung der französischen Nation zur Zeit der Dritten Republik, als sich das gesamte politische Spektrum danach ausrichtete, ob man sich dem katholischen oder dem laizistischen Frankreich zugehörig fühlte. Etwas auch nur entfernt damit Vergleichbares gibt es heute in der Bundesrepublik nicht.

Das besondere an Deutschland ist das jahrhundertelange Nebeneinander von Katholizismus und Protestantismus auf relativ engem Raum als Ergebnis von Reformation und Gegenreformation. Als sich nach den Religionskriegen gezeigt hatte, dass keine Seite die andere militärisch überwinden konnte, aber bei dieser Auseinandersetzung das ganze Land verheert wurde, beschloss man, sich auf einen Status quo zu einigen. Dieses Nebeneinander war sowohl produktiv als auch konfliktreich. Es gab kaum einen Bereich der Gesellschaft, der nicht durch diesen Gegensatz geprägt wurde. Seit einigen Jahrzehnten ist das anders. Ehen zwischen Katholiken und Protestanten sind kein Thema mehr. Es gibt eine weit verbreitete religiöse Indifferenz, die auch unter denen verbreitet ist, die noch formal einer Kirche angehören.

Einen politisch und gesellschaftlich relevanten kämpferischen Atheismus, der wirklich tabula rasa machen möchte und wie ihn Richard Dawkins vertritt, findet in Deutschland auch nur in bestimmten, engen Milieus Zuspruch. Auch wenn einige Vertreter dieser Strömung sich lautstark zu Wort melden ist ihre Bedeutung weit geringer als es den Anschein hat. Denn behäbiger und friedlicher als die Kirchen in Deutschland können sich Religionsgemeinschaften kaum verhalten. Eine politische Bedeutung wie in den Vereinigten Staaten und in den anderen Regionen, insbesondere in der islamischen Welt, hat die Religion in Europa nicht mehr. Die übergroße Mehrheit der Deutschen steht den Kirchen und dem Christentum positiv oder indifferent gegenüber. Politischer Atheismus (im Unterschied zum privaten) ist hingegen selbst auf der Linken ein Randphänomen. Große dynamische christliche und atheistische Bewegungen, die in einer gesellschaftlichen Arena aufeinanderprallen, was die Voraussetzung dafür wäre, einen Kulturkampf  zu prognostizieren, sind in Deutschland nicht existent.

In den Sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts hat auch die Sozialdemokratie ihren Frieden mit den Kirchen gemacht. Es war Herbert Wehner, der der SPD verordnete, unter keinen Umständen die politische Konfrontation mit den christlichen Kirchen zu suchen. Die SPD hatte unter Kurt Schumacher, der die katholische Kirche noch als fünfte Besatzungsmacht bezeichnet hatte, gelernt, dass diese Konfrontation der CDU half, katholische Wähler an sich zu binden, ihr selbst jedoch keinen Gewinn eintrug. Daraufhin entdeckte der Parteistratege und Altkommunist Wehner seine „christlichen Überzeugungen“, und er begann eine Charmeoffensive: Katholische Arbeiter und Sozialkatholiken sollten die SPD wählen können, ohne mit ihrem Glauben allzu sehr in Konflikt zu geraten. Das war gerade in Hinblick auf das Flächenland NRW von entscheidender Bedeutung.

Wenn man von der Familien- und Sexualmoral absieht, sind die offiziellen Positionen der Kirche heute in den meisten Feldern mit den Positionen der Sozialdemokratie vereinbar. In der Ablehnung des Irakkrieges waren sich Kanzler Schröder und der Papst einig, Papst Benedikt hat sich für einen Neuanlauf zu einem Klimaanlauf ausgesprochen und die Sozialenzyklika hat selbst den Applaus von Lafontaine und Gysi gefunden. Auch in Fragen von Familienzusammenführung und Asylrecht waren sowohl die Evangelische als auch die Katholische Kirche eher bei der SPD als bei den „Konservativen“ in der Union. Aus der Sicht der linken Parteistrategen ist es also viel nutzbringender, die bürgerlichen Parteien mit dem Hinweis auf Positionen der katholischen Kirche zu ärgern, als auf die Kirche einzuschlagen. Darum werden sich SPD und Linkspartei von Einzelpersonen abgesehen auch in Zukunft eine antikirchliche Linie verkneifen.

Die Kirchen haben ja ohnehin bis heute viel von ihrem Einfluss auf das Land und sogar auf ihre Mitglieder verloren. Man muss schon lange suchen, um irgendeine gesellschaftliche Debatte zu finden, die von den Kirchen angestoßen worden wäre. Dass ein Deutscher Papst geworden ist, hat die Deutschen in ihrer Mehrheit gefreut – auch die, die nicht katholisch oder überhaupt kirchlich gebunden sind. So wie man sich darüber freut, dass die deutsche Nationalmannschaft sich gut geschlagen hat – auch wenn man selbst kein großer Fußballfan ist. Dass das aber die Richtung des Landes auch nur um einen Zentimeter verändert hätte, wird man wohl kaum feststellen können. Die Angst der einen und die Hoffnung der anderen, dass die Wahl eines deutschen Papstes zu einer Erneuerung der Religiosität in Deutschland führen werde, haben sich nicht bestätigt.

Auch an dieser Stelle ist die historische Analogie sinnvoll. Vergleichen wir die positiven Reaktionen auf die Wahl Benedikts mit der religiösen Welle, die in den Siebziger und Achtziger Jahren die USA erfasste. In den Siebziger Jahren begannen breite Kreise der amerikanischen Christen sich zu politisieren. Sie sammelten sich hinter Ronald Reagan. In der Republikanischen Partei stellten die christlichen Aktivisten in vielen Kreisverbänden die Mehrheit oder schufen für die Partei erst vor Ort eine Massenbasis. Große christliche Massenorganisationen entstanden, konservative Radiopfarrer wurden zu Popstars. Ist davon auch nur ansatzweise etwas nach der Wahl des deutschen Papstes in der Bundesrepublik geschehen? Nein, nichts. Und auch in Amerika ist nach der Wahl von Ronald Reagan nicht die Steinigung eingeführt, die Emanzipation rückgängig gemacht, ja nicht einmal das Recht auf Abtreibung wesentlich eingeschränkt worden.

Wenn selbst eine so umfassende Politisierung und Mobilisierung von 40 bis 60 Millionen evangelikalen Christen wie damals in den USA nicht zur Errichtung eines „Gottesstaates“ – wie von den Kassandras der Linken befürchtet – oder auch nur zu einer weitgehend religiös geprägten Politik geführt hat, dann ist das für Deutschland und Europa so wahrscheinlich wie die Wahl von Alice Schwarzer zum Papst. Wer sich aus welchen Gründen auch immer vor einem Erstarken eines „christlichen Fundamentalismus“ fürchtet, den kann man beruhigen. Statt Angstzustände zu bekommen, können sich die Betreffenden gemütlich in den Sessel setzen und die Beine hoch legen. Niemand muss sich davor fürchten, dass demnächst die christliche Religionspolizei bei ihm vor der Tür steht. Wirklich: Jede andere Bedrohung für die Freiheit ist tausendmal realer. Sich den professoralen älteren Herrn in Rom als Kreuzritter vorzustellen ist ungefähr so einfallsreich wie Königin Elsabeth II. als englische Jeanne D`Arc.

Der Zirkus, den seit einiger Zeit vor allem der „Spiegel“ um den Papst aufführt, hat nichts mit Kulturkampf zu tun, sondern mit den Gesetzen der Medienbranche. Ein wichtiger Grund, warum gerade die katholische Kirche so ein dankbares Objekt für „kritische Berichterstattung“ und für Verschwörungstheorien aller Art abgibt, liegt in einem Umstand, der inhaltlich zwar zweitrangig, aber für Medienleute extrem wichtig ist: Die katholische Kirche ist extrem fotogen. Bilder vom Vatikan, vom Papst, Kardinälen, Würdenträgern, der Schweizer Garde, sie alle machen in Fernsehberichten, auf Magazin-Covern und in Zeitungen eine Menge her. Die katholische Kirche ist ein schaurig-schönes Feindbild. Wenn sich Dan Brown für seine Romane und die Verfilmungen eine andere Kulisse ausgesucht hätte, wären die Bücher nicht Bestseller und die Filme nicht Blockbuster geworden.

Diese Debatte um Missbrauch und den Zölibat gehört nicht in dieselbe Liga wie die Kulturkämpfe der Vergangenheit und die zukünftig wahrscheinlich noch an Aktualität gewinnende Auseinandersetzung mit dem politischen Islam, sie gehört in die Reihe medialer Hysterie wie Kampfhunde, Schweinegrippe und komasaufende Jugendliche. Da auch in der Presse Zeit gleich Geld ist, pressen die Redaktionen jedes Thema aus wie einer Zitrone. Wenn man schon so viele festangestellte und freie Journalisten auf ein Thema ansetzt, muss man so viele Seiten und Sendeminuten wie möglich damit füllen. So wird das Ganze durchgehechelt, bis die Zitrone endgültig ausgepresst ist, dann geht es zum nächsten Thema. Danach interessiert die Sache kaum noch jemanden. Es gibt in der Bundesrepublik eine Reihe von Konfliktlinien, die brisant werden könnten. Wirkliches Konfliktpotential zwischen der Mehrheit den kirchlich gebundenen Christen und denen, die sich religiös indifferent verhalten, gibt es hingegen kaum. Deshalb sollte man in der Diskussion im wahrsten Sinne des Wortes die Kirche im Dorf lassen.

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