11. April 2010

Gedanken über Open Source und freie Marktwirtschaft Sozialismus reloaded?

Warum manche Computer-Programme kostenlos angeboten werden

Verschenken Sie gerne das Produkt Ihrer Arbeit? Nein? Ich auch nicht. Wie kann es dann sein, dass man Programmpakete für Textverarbeitung und Tabellenkalkulation, Browser und sogar ganze Betriebssysteme kostenlos aus dem Internet herunterladen kann? Und wie kann es sein, dass diese Programme in einigen Bereichen sogar das leistungsfähigste Produkt sind? Ich schreibe zum Beispiel viel mit dem Textsatzsystem LaTeX. Neben wirklich schönen Textsatz ist LaTeX in der Lage, auch komplexeste Formeln zu setzen, nimmt dem Autor die Pflege des Literaturverzeichnisses, die Nummerierung von Formeln oder Sätzen ab und hat auch mit dem Satz eines 800-seitigen Buches keine Probleme (der Springer-Verlag setzt Lehrbücher mit LaTeX). Kurzum: Jeder, der viel mit Mathematik zu tun hat, kommt für wissenschaftliche Texte um LaTeX nicht herum. Und auch LaTeX kann inklusive ausführlicher Dokumentation für alle gängigen Betriebssysteme kostenlos aus dem Internet heruntergeladen werden.

Warum haben fähige Programmierer tausende Stunden in LaTeX investiert, um das Ergebnis ihrer Arbeit dann zu verschenken? Bevor diese Frage beantwortet werden kann, gilt es zunächst festzustellen, wie sich das Gut „Computerprogramm“ von materiellen Gütern und Dienstleistungen unterscheidet.

Beim Konsum: Abgesehen vom Aspekt Stromverbrauch beeinträchtigt es Sie überhaupt nicht, wenn wir beide mit dem gleichen Programm arbeiten. Dies ist, wiederum abgesehen vom Aspekt Stromverbrauch, sogar dann noch der Fall, wenn alle Menschen auf diesem Planeten mit dem Programm arbeiten. Im Gegenteil – je mehr Nutzer ein Programm hat, desto leichter finden Sie Hilfe bei Fragen. In der Regel geht es zum Beispiel bei einem Problem mit MS Office schneller, nach Problemlösungen im Internet zu suchen als die Hilfefunktion zu bemühen.

Bei der Produktion: Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen einem Programmierer und einem Bäcker: Der Bäcker braucht für jedes zusätzliche Brot Mehl und Wasser, er kann jedes Brot nur einmal verkaufen. Ein Programmierer muss einmal Zeit und Mühe in das Programm investieren und kann das Ergebnis seiner Arbeit dann zu sehr geringen variablen Kosten fast beliebig oft verkaufen, sofern er einen Schutzmechanismus eingebaut hat, der eine unkontrollierte Weitergabe des Programms zwischen seinen Kunden verhindert.

Die ökonomischen Eigenschaften des Gutes „Computerprogramm“ sind also fundamental anders als die der meisten anderen Güter. Dabei muss die Liste ungewöhnlicher Eigenschaften noch um mindestens einen Punkt erweitert werden: Stellen Sie sich vor, Sie sind Programmierer und nutzen ein Programm eines anderen Programmierers. Leider stürzt dieses Programm immer bei einer bestimmten Aufgabe ab. Haben Sie nun nicht nur die Binärdatei (*.exe bei Windows) die, ähnlich wie ein fertig zusammen geklebtes und lackiertes Modell keine Informationen über in ihre Einzelteile mehr enthält, sondern auch den Quellcode, das heißt die Struktur und alle Einzelteile des Programms in einer bestimmten Programmiersprache, können Sie den Fehler suchen und beheben. Aber im Gegensatz zu einem Techniker, der sein eigenes Auto repariert, können Sie im Anschluss allen Nutzern des Programms zu sehr geringen Kosten die verbesserte Version zur Verfügung stellen – ohne, dass Sie bei der Nutzung dadurch einen Nachteil haben (siehe oben).

Genau dies ist die Philosophie hinter Open Source (Open Source gleich offener, das heißt zugänglicher Quellcode). Jemand hat ein Problem und entwickelt ein Programm, um es zu lösen. Weil er keinen Nachteil dadurch hat, wenn Andere das Programm auch nutzen, stellt er es inklusive Quellcode ins Internet. Jemand, der ein ähnliches Problem hat, modifiziert den Quellcode, nutzt das Programm und stellt alles wieder ins Internet. Ein Dritter findet einen Fehler und so weiter …

Eric S. Raymonds vergleicht diese dezentrale, öffentliche und ohne einen zentralen Plan stattfindende Art Computerprogramme zu entwickeln mit einem Bazar. Der Gegensatz zum Bazar ist die Kathedrale. Dies sind Computerprogramme, die innerhalb des hierarchischen Systems einer Firma nach einem zentralen und bis ins Detail gehenden Plan entwickelt werden.

Dass die Programmierer der „Kathedrale“ von ihrer Arbeit leben können, ist einleuchtend. Aber wie bezahlen die Programmierer „im Bazar“ ihre Miete? Hier hilft eine ökonomische Überlegung: Wer hat die höchste geldbewehrte Zahlungsbereitschaft für ein Computerprogramm? Offensichtlich in erster Linie Unternehmen, bei denen das Programm ein wichtiger Bestandteil der Wertschöpfungskette ist. Für viele Zwecke gibt es Programme „von der Stange“, für einige Zwecke müssen Programme aber neu entwickelt werden. An dieser Stelle hat der „Bazar“ nun große Vorteile: In der Regel mussten andere Programmierer Teilprobleme der Anwendung, für die ein neues Programm entwickelt werden soll, bereits lösen. Folglich hat ein Programmierer bei einem Rückgriff auf existierende OpenSource Programme bereits eine Basis auf Teillösungen, die es ihm erlaubt, sich auf den bisher noch nicht vorgekommenen Teil des Problems zu konzentrieren. Da alle Programme im Quellcode vorliegen, kann er alle Teillösungen genau auf die Bedürfnisse seines Kunden anpassen. Er spart somit im erheblichen Umfang Zeit und Aufwand bei der Programmierung.

Er spart auch Zeit bei der Suche nach unvermeidlich auftretenden Programmierfehlern. Sofern die Teillösungen Programme sind, die schon eine Weile „im Bazar“ sind und regelmäßig genutzt und überprüft werden, kann er davon ausgehen, dass ihr Programmcode keine gravierenden Fehler mehr enthält. Falls also ein Fehler auftritt, ist die Wahrscheinlichkeit relativ groß, dass der Fehler in dem von ihm programmierten Bestandteilen liegt.

Diese Vorteile haben natürlich einen Preis: Bei dem gängigsten Lizenzmodell für OpenSource, der GPL, müssen alle Programmteile, die OpenSource-Bestandteile haben, ihrerseits wieder dem Bazar zur Verfügung gestellt werden. Das erfordert, dass der Programmierer alle Bestandteile der Anwendung, die Geschäftsgeheimnisse seines Kunden betreffen, ohne die Zuhilfenahme von solchen OpenSource-Programmen entwickelt.

Insgesamt überwiegen die Vorteile in vielen Fällen aber diesen Nachteil. Der Programmierer kann seinem Kunden eine maßgeschneiderte Lösung zu einem günstigen Preis anbieten und der Bazar profitiert von einer Anpassung bestimmter Programme an ein neues Problem.

Damit ist ein erster ökonomischer Grund für die Existenz von OpenSource gefunden: OpenSource spart Arbeit durch den Rückgriff auf erprobte Teillösungen, wenn Programme komplett neu entwickelt werden müssen.

Es stellt sich aber die Frage: Warum sollte ein Programmierer, der viel Zeit in die Verbesserung eines Programms investiert hat, das Programm am Bazar verschenken? Die Sicht des Programmierers, der mit OpenSource bestimmte Teilprobleme seiner Anwendung lösen will, macht klar, dass der Verkauf große Nachteile hat: Auf der Suche nach passenden Teillösungen müsste er viel Geld ausgeben, da er erst nach einem Studium des Quellcodes sagen kann, ob dieses OpenSource-Programm für ihn die richtige Teillösung bietet. Er wird somit Programme bevorzugen, bei denen er für ein Studium des Quellcodes kein Geld ausgeben muss, das heißt solche Projekte werden am Bazar systematisch stärker „gehandelt“ und damit schneller weiterentwickelt. Desweiteren haben sie schlicht mehr Nutzer, was neuen Nutzern (siehe MS Office) den Einstieg erleichtert. Beides verschafft kostenlosen Projekten einen „evolutionären“ Vorteil.

Die Trennung zwischen Bazar und Kathedrale ist weniger streng als es bis hierhin vielleicht den Anschein hatte. Viele OpenSource-Programmierer könne ihre Miete dadurch bezahlen, dass sie für Riesen wie Amazon und Google oder einen kommerziellen Linux-Anbieter arbeiten. Amazon und Google sind intensive Nutzer von OpenSource-Technologie. Dort wird Software aus dem Bazar genommen und innerhalb des hierarchischen Systems einer Firma verwertet. Das Ergebnis landet allerdings auch, wie bei den Programmierern im Beispiel oben, wieder auf dem Bazar.

Für Firmen kann der Einsatz von Produkten aus dem Bazar für den Bau ihrer Kathedrale aus zwei Gründen sinnvoll sein: Zum einen sparen OpenSource-Programme schlicht Geld für Kauf und Lizenzgebühren, zum anderen steht und fällt die Existenz von Google und Amazon mit ihren Computersystemen. Bei Produkten wie Windows ist der Quellcode praktisch nicht zugänglich. Google kann sich also nicht sicher sein, was „unter der Haube“ Computern, auf denen das vom Konkurrenten Microsoft gelieferte Betriebssystem läuft, wirklich passiert. Das ist unter Umständen ein erhebliches Risiko, dem nur durch OpenSource begegnet werden kann.

Es sollte nun offensichtlich sein, warum das Textsatzsystem so leistungsfähig ist und man es kostenlos herunterladen kann: Es ist so leistungsfähig, weil es seit über 20 Jahren auf dem Bazar ist und intensiv genutzt und weiterentwickelt wird. Es ist kostenlos, weil ansonsten die Weiterentwicklung verlangsamt würde.

Aus einer weiteren Perspektive legen die obigen Betrachtungen zwei Schlüsse nahe. Erstens: Wie ausgeführt, sprechen rein ökonomische Gründe für die Existenz von OpenSource-Software. Sie ist somit kein Ausdruck einer Fehlfunktion des Marktes durch Ideologie oder politische Einflussnahme. Mit Software existiert mindestens ein Gut, bei dem Eigentum im herkömmlichen Sinn (bei Software: Closed Source, Verkauf a la MS Office) in einigen Bereichen nicht zu einem effizienten Marktergebnis führt.

Zweitens: Die mangelnde Eignung des herkömmlichen Eigentumskonzeptes  für einige Bereiche hat dazu geführt, dass eine besondere Art von Markt, der Bazar, entstanden ist. Im Bazar sorgen dezentrale Entscheidungen und eine Abstimmung „mit den Fingern“, also über beigesteuerte und verbesserte Programmteile, zusammen mit Reputationsmechanismen dafür, dass OpenSource-Software in effizientem Umfang und Beschaffenheit hergestellt wird.

Diese Beobachtung sollte glücklich stimmen: Güter, bei denen Eigentum im herkömmlichen Sinn zu keiner effizienten Allokation führt, werden in Lehrbüchern der Volkswirtschaftslehre als Grund für Marktversagen aufgeführt, das nur durch einen staatlichen Eingriff zu lösen ist. Das Beispiel OpenSource zeigt, dass solche Probleme auch ohne Staat gelöst werden können...

Leider scheint die Erforschung „staatsloser“ Lösungsmechanismen aber kein relevantes Thema der akademischen Volkswirtschaftslehre zu sein.

Internet

„The Cathedral  and the Bazaar“ von Eric S. Raymonds

Google & Open Source


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