23. April 2010

25 Jahre Weizsäcker-Rede zum 8. Mai 1945 Geschichtsbewältigung im Namen der Staatsräson

Was übrigbleibt sind Betroffenheitsrituale und karrierefördernde Lippenbekenntnisse

Am 15. April dieses Jahres feierte Altpräsident Richard von Weizsäcker seinen 90. Geburtstag. Politik und Medien überhäufen den Jubilar aus diesem Anlass mit manchmal fast schon peinlichen Elogen, die sich nach meinem Eindruck aus zwei Quellen speisen: Erstens sind Politiker mit untadeligen Auftreten und rhetorischer Brillanz heute so rar geworden, dass man sich angesichts von Zumutungen wie Frau Merkel oder gar Herrn Westerwelle natürlich eine gestandene Persönlichkeit wie Herrn von Weizsäcker zurückwünscht. Der zweite Grund ist ein politischer und der Hinweis darauf fehlt in keinem Glückwunsch-Kommentar: Richard von Weizsäckers berühmte Rede zum 40. Jahrestag der deutschen Kapitulation, die angeblich vielen Deutschen Richtung und Ziel gab mit der Kernthese, der 8. Mai 1945 sei für alle Deutschen (oder was sollte „für uns alle“ sonst bedeuten?) ein Tag der Befreiung.

Nun weiß ich nicht, welcher bundesdeutsche Bürger vierzig Jahre nach Kriegsende noch so halt- und orientierungslos durchs Leben taumelte, dass er dringend bundespräsidialer Belehrung und Wegweisung bedurfte, aber diese Zweifel seien dahingestellt. Wichtiger erscheint mir die Betrachtung des Realitätsgehaltes dieser These, die seither von der politisch-medialen Klasse dieses Landes in den Status eines Axioms erhoben wurde – als eine jener universellen Wahrheiten, die allenfalls von Ewiggestrigen oder Schlimmeren in Zweifel gezogen werden. Noch ist es zwar nicht offiziell verboten, der Befreiungsthese zu widersprechen, aber wer es öffentlich tut, sollte vorher mit seiner beruflichen oder gar politischen Karriere abgeschlossen haben. Außerdem dürfte die nächste Änderung des Paragraphen 130 StGB bereits in Arbeit sein, die derlei Ketzereien endgültig den Garaus macht.

Interessant ist, dass sich der damalige Bundespräsident mit seiner Befreiungsthese im Grunde selbst widersprach, denn gleich zu Beginn seiner Rede räumte er ein: „Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern. Die Menschen, die ihn bewusst erlebt haben, denken an ganz persönliche und damit ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück. Der eine kehrte heim, der andere wurde heimatlos. Dieser wurde befreit, für jenen begann die Gefangenschaft. Viele waren einfach nur dafür dankbar, dass Bombennächte und Angst vorüber und sie mit dem Leben davongekommen waren. Andere empfanden Schmerz über die vollständige Niederlage des eigenen Vaterlandes.“

Abgesehen davon, dass der zweite Satz an Trivialität kaum zu überbieten ist, dürften die Aussagen der damaligen Realität recht nahe kommen. Dass Hunderttausenden Deutscher, insbesondere in den deutschen Ostgebieten, am 8. Mai 1945 allerdings nicht nur Gefangenschaft, sondern ein gewaltsamer und oft qualvoller Tod bevorstand, dass Hunderttausende Frauen ihren Vergewaltigern hilflos ausgeliefert waren, verschwieg Herr von Weizsäcker seinem Publikum an dieser Stelle allerdings vornehm. Es wäre ja auch ein wenig taktlos „dem Ausland“ gegenüber gewesen, diese geschichtlichen Nebensächlichkeiten zu thematisieren. 

Dennoch lassen die Ausführungen an dieser Stelle kaum die rhetorische Wendung vermuten, mit denen von Weizsäcker nur wenige Sätze später seine Zuhörer überraschte: „Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“

Abgesehen von der sprachlich unschönen Doppelung stellt sich zunächst die Frage: Wer ist mit „uns alle“ gemeint? Diejenigen, die das Kriegsende selbst miterlebt haben oder die Nachgeborenen? Meines Erachtens kann jemand, der 1945 noch gar nicht gelebt hat, auch nicht befreit worden sein. Dieser Teil der bundesdeutschen Bevölkerung dürfte sich also von dem Weizsäckerchen „uns alle“ kaum angesprochen fühlen. Bleiben die Zeitzeugen. Dass die zwölf Millionen Opfer der Vertreibung, deren Martyrium Herr von Weizsäcker an späterer Stelle als „erzwungene Wanderung“ zu bezeichnen beliebte, befreit wurden (außer von Heimat, Eigentum, ihren Angehörigen und ihrer sexuellen Selbstbestimmung) darf  bezweifelt werden. Befreit in einem ganz anderen Sinne wurden jedoch die mehr als zwei Millionen Opfer dieser ethnischen Säuberung – von ihrem Leben. Aber die dürfte Herr von Weizsäcker kaum gemeint haben, auch wenn ihm deren Schicksal nicht mehr als ein paar vage Andeutungen in seinem Redemanuskript wert war. Die Beurteilung, ob die Millionen kriegsgefangenen deutschen Soldaten ihre Befreiung im Rückblick so recht zu würdigen wissen (sofern sie nicht in Sibirien oder auf den Rheinwiesen eines jämmerlichen Todes starben), sei der Beurteilung des Lesers anheimgestellt. Wer also ist „wir alle“? Die Frauen, die schutzlos jedweder Willkür der Besatzer ausgeliefert waren? Nach seriösen Schätzungen wurden bis zu zwei Millionen deutscher Frauen vornehmlich von Rotarmisten vergewaltigt. Auch darüber schwieg der ehemalige Bundespräsident in seiner „epochalen“ Rede. Aber vermutlich war sie ja auch weniger für die Betroffenen bestimmt, sondern für das Ausland und seine westdeutschen Landsleute, von denen die meisten wohl auch damals schon in einer moralingeschwängerten Wohlstands-Scheinwelt lebten.

Im Blick auf die deutsche Teilung zitiert Herr von Weizsäcker dann einen Kirchenvertreter: „In seiner Predigt zum 8. Mai sagt Kardinal Meißner in Ostberlin: „Das trostlose Ergebnis der Sünde ist immer die Trennung. Die Willkür der Zerstörung wirkte in der willkürlichen Verteilung der Lasten nach.“

Was er zu erwähnen vergaß, war und ist, dass sich die politische Klasse im Westen von einigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen mit dieser „willkürlichen Verteilung der Lasten“ bereits recht gut arrangiert hatte. Die „Sünde“ hatten ja andere auszubaden, was es umso leichter machte, die Teilung als die gerechte Straße für die NS-Verbrechen zu akzeptieren. Die arrogante Kaltherzigkeit, die diesem Weltbild zugrunde liegt, ist vielen Mitbürgern West bis heute nicht bewusst geworden. Für die Menschen in der sowjetisch besetzten Zone bedeutete die vorgebliche „Befreiung“ jahrzehntelange kommunistische Willkürherrschaft, Deportationen, Deindustrialisierung und Hunger bis in die späten Fünfziger hinein. Das wird, insbesondere im Westen unseres Heimatlandes, zu gern vergessen oder verdrängt.

Zur Begründung für seine Befreiungsthese verweist Richard von Weizsäcker im folgenden auf die Verbrechen des NS-Regimes, an deren Dimension und Abscheulichkeit kein Zweifel bestehen kann. Bei der Frage nach den historischen Ursachen des Aufstiegs der Nationalsozialisten bleibt er jedoch merkwürdig vage und weicht auf Floskeln aus wie: „Am Ende des Ersten Weltkrieges war es zu Friedensverträgen gekommen. Aber ihnen hatte die Kraft gefehlt, Frieden zu stiften.“ Dabei ist es doch wohl unstrittig, dass die ungefestigte Weimarer Demokratie auch und vor allem an den demütigenden und ruinösen Bedingungen des Versailler Vertrags (und den Folgen der Weltwirtschaftskrise) gescheitert ist. Der frühere Bundespräsident Theodor Heuss sagte sogar: „Der Ausgangspunkt der nationalsozialistischen Bewegung ist nicht München, sondern Versailles“ An zerstörerischer „Kraft“ fehlte es diesem Diktat der Siegermächte des Ersten Weltkrieges also gewiss nicht ...

Ähnlich eindimensional sind von Weizsäckers Erklärungsmuster für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, den er ausschließlich mit der Machtergreifung der Nazis 1933 verbindet, um die deutsche Alleinschuldthese zu untermauern. Jeder historisch auch nur einigermaßen bewanderte Mensch weiß jedoch, dass die Lunte für den Zweiten Weltkrieg nicht erst 1933, sondern bereits 1918 mit besagtem Vertragswerk gelegt wurde, das Thomas Mann seinerzeit mit den Worten kritisierte, es sei „ein Instrument, die Lebenskraft eines europäischen Hauptvolkes auf die Dauer der Geschichte niederzuhalten.“

Hier hätte Richard von Weizsäcker durchaus die Möglichkeit gehabt, NS-Gewaltherrschaft und Krieg in einen größeren historischen Kontext einzubetten, ohne konkrete deutsche Schuld dabei zu verharmlosen. Aber diese Chance wurde zugunsten einer zeitgeistkompatiblen Simplifizierung vertan.

Von Weizsäcker sagte weiter: „Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Sie lässt sich ja nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.“ Das ist durchaus richtig, aber der Blick auf die Vergangenheit darf nicht der eines Einäugigen sein, der Ereignisse, die nicht in sein Welt- und Geschichtsbild passen – sofern es überhaupt das eigene ist –, einfach ausblendet. Es ist wichtig und richtig, dass junge Menschen im Geschichtsunterricht zum Beispiel über das von der SS verübte Massaker von Lidice aufgeklärt werden, das auch Herr von Weizsäcker in seiner Rede thematisiert. Aber ist es auch richtig, die an Deutschen begangene Massaker in Postelberg und vielen anderen Orten schamhaft oder aus politischem Kalkül zu verschweigen, wie es der Bundespräsident tat? Ich meine: Nein. Geschichte ist unteilbar. So wie wir Deutschen uns unserer Vergangenheit stellen, müssen es auch andere tun, deren Vorfahren schuldig geworden sind. Verschweigen und tapferes Herunterrechnen der Opferzahlen des eigenen Volkes, wie es heutzutage gängige Praxis in diesem Land ist, befördert nicht die Aussöhnung, sondern verhindert die Heilung der Wunden.

Im Bezug auf jüngere Generationen führte von Weizsäcker weiter aus: „Wir wollen ihnen helfen, sich auf die geschichtliche Wahrheit nüchtern und ohne Einseitigkeit einzulassen, ohne Flucht in utopische Heilslehren, aber auch ohne moralische Überheblichkeit.“ Das bleibt jedoch ein frommer Wunsch, solange junge Menschen mit einem aus der Reeducation geborenen Schwarz-Weiß-Geschichtsbild indoktriniert werden, das oft genug in krassen Widerspruch zu den persönlichen Erfahrungen der Kriegsgenerationen steht.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Keiner der hier thematisierten Gewaltexzesse der Sieger (und jener, die sich selbst dazu ernannten) relativiert die Verbrechen des NS-Regimes gegen die europäischen Juden und andere Völker. Aber wer keinerlei Empathie gegenüber den Opfern des eigenen Volkes aufzubringen vermag, der ist meines Erachtens auch unfähig, aufrichtiges Bedauern für andere aufzubringen. Was übrigbleibt, sind Betroffenheitsrituale, karrierefördernde Lippenbekenntnisse und die gebetsmühlenhafte Wiederholung staatlich verordneter Wahrheiten. Die angebliche Befreiung der Deutschen am 8. Mai 1945 gehört eindeutig in diese Kategorie – eine Behauptung, die vor allem jene, deren Leiden danach erst begann, als einen Schlag ins Gesicht empfinden müssen. Allein deshalb war Richard von Weizsäckers Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes aus meiner Sicht eben keine politische Sternstunde, sondern eine medien- und auslandskompatible Verbeugung vor dem Zeitgeist.


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