02. Mai 2010

Unsere Jungs beim Bund Dulce et decorum est pro patria mori

Neuer Mega-Trend aus den USA findet immer mehr Nachahmer in Deutschland

Nicht nur die Lateiner unter der Leserschaft, nein auch die alten Römer wussten es bereits: „Süß und ehrenvoll ist es, fürs Vaterland zu sterben!“ Was der FDP-Chef unlängst für den bundesrepublikanischen Sozialstaat diagnostizierte, scheint nunmehr auch für die Außen- und Verteidigungspolitik zu gelten: Spätrömische Dekadenz!

Bislang war diese Mode noch großenteils auf die USA beschränkt. Doch verhält es sich wie bei allen Megatrends, die über den großen Teich schwappen. Penetrante Berichterstattung im Staatsfernsehen führt über kurz oder lang zu Nachahmungstätern. So war es bei Schulmassakern, so ist es bei fahnen- und stahlhelmgeschmückten Särgen. Logische Folge dieses Hypes ist, dass es mittlerweile für 43 unserer Jungs vorzeitig hieß: Return to sender!

Glück im Unglück, dass stets ein Bundesminister mit Regierungs-Airbus in der Nähe war, um die Bodybags medienwirksam in Empfang zu nehmen und – quasi per Anhalter – heimzubringen.

Nun ist es vernünftigerweise nicht zu kritisieren, wenn sich der deutsche Staat als Reiseveranstalter betätigt und es gewalttätig veranlagten Menschen in Afghanistan ermöglicht, nach eigener Façon glücklich zu werden. Schlimm wäre vielmehr, wenn diese Leute bei irgendeiner Einsatzhundertschaft enden würden. Wenn Menschen nach einem Prozess intensiver Rückverdummung – sprich Selbsterkenntnis – sagen: „Ja, ich erkenne: Ich bin Gewalttäter und möchte mit meinesgleichen im Gewalt-Erlebnis-Park (GEP) ein ausschweifendes Leben in ekstatischen Gewaltorgien feiern!“, so gehen selbst Pogo-Anarchisten damit völlig d'accord.

Was aber gar nicht geht, ist dieser Pro-Moria-Dulce-Quatsch! Das ist Verblödung in Reinkultur! Die Kriegsereignisse der letzten Wochen führten denn auch bei ersten Bundeswehrangehörigen zur Erkenntnis, dass der Fun-Faktor des Abenteuertrips recht beschränkt ist. Daran ändern 110 Euro Auslandszulage pro Tag nur wenig. Dies liegt zum einen sicherlich an der in den vergangenen Tagen ausführlich diskutierten Ausrüstung mit hinreichend gepanzerten Fahrzeugen. Zwar setzen Dänen und Kanadier seit Jahren Leopard-2-Kampfpanzer in Afghanistan mit besten Erfahrungen ein. Kanzler und Kriegsminister weisen derartige Forderungen auch für Deutschland jedoch als unsinnig oder Zeichen von Inkompetenz zurück. Stattdessen sollen nun für zig-Millionen Euro hunderte neue Autos gekauft werden. Währenddessen vermodern die für gigantische Summen beschafften Leopard 2 regimentsweise auf hiesigen Panzerhalden.

Die Gegenargumente unserer obersten Heerführer sind dabei mehr als ein Offenbarungseid. So sollen die örtlichen Brücken angeblich nicht der Belastung eines 62-Tonnen-Kolosses standhalten. Dabei wird der deutschen Öffentlichkeit doch seit Jahren vorgegaukelt, Provisional Recreation Teams (PRT) zögen brunnenbohrend und brückenbauend durchs Land. Wo früher deutscher Pioniergeist Viadukte schuf, über die Tiger-Abteilungen in Kolonne wahlweise vor- oder zurückpreschen konnten, sind die heute entsandten Herren Diplom-Bauingenieure nicht in der Lage, Brücken mit einfachsten statischen Anforderungen zu bauen. Deutschlands Bildungsmisere scheint längst an den technischen Hochschulen angekommen zu sein.

Es bleibt hier nur zu hoffen, dass wenigstens an den Einbau von Sprengkammern gedacht wurde, damit unsere Feuerwerker zumindest beim Rückzug einen sauberen Job machen können!

Auch ein zweites wird momentan mehr als augenfällig: Die grundsätzliche Unterlegenheit hierarchischer Militärorganisation mit ihrem Prinzip „Befehl und Gehorsam“ gegenüber dem evolutionären Konzept des „führerlosen Widerstands“ von Gruppen wie Al Qaida und Taliban. Dass dieses Konzept geeignet ist, westliche Nationen aus einer Kriegsallianz herauszubrechen, haben die Anschläge auf spanische Pendlerzüge gezeigt, die zum vollständigen Rückzug des spanischen Kontingents aus dem Irak führten.

Allein weil der handelsübliche Politiker und seine Handlanger aus der Generalität unfähig sind, die strukturelle Unterlegenheit ihres traditionellen Denkmodells zu erkennen, und auch weil der Blutzoll, den sie bereit sind zu zahlen, nicht von ihnen selbst gezahlt werden muss, ist es unausweichlich, dass immer mehr deutsche Vaterlandsverteidiger das Land am Hindukusch mit den Füßen voran verlassen.

Der deutschen Öffentlichkeit werden diese Hintergründe natürlich verheimlicht. Stattdessen wird sie mit großem Tamtam aus Regierungserklärungen, Staatsbegräbnissen und Ehrenmalen eingelullt. Die Journaille ist weitgehend gleichgeschaltet, alte Reflexe funktionieren. Schließlich muss die Nation jetzt zusammenstehen, blablabla...

Objektive, aussagefähige Informationen sind deshalb nur äußerst schwer zu erlangen. Statt der angeblichen vierten Gewalt namens „Presse“ ist es ausgerechnet eine urkapitalistische Entdeckung, die uns den wahren Kriegsverlauf in hochdestillierter Form offenbart: der freie Markt!

Zur Erinnerung: Gemäß neoklassischer Preistheorie bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis. Bei gegebener Nachfrage und steigendem Angebot sinkt der Preis. Wer bislang die Wahrheit über Erfolg und Misserfolg des Afghanistankrieges erfahren wollte, musste lediglich auf pakistanischen Basaren den Preis amerikanischer Nachtsichtgeräte beobachten.

Das ist zugegebenermaßen sehr umständlich! Unsere Bundesregierung hat hier aber vor kurzem mit der Stiftung eines „Ehrenkreuzes der Bundeswehr für Tapferkeit“ dankenswerterweise Abhilfe geschaffen. Statt Shopping in Peshawar können Interessierte die militärische Lage zukünftig einfach und zuverlässig anhand der Ebay-Angebote checken. Wenn Tapferkeitsmedaillen für’n Zwanni über die Theke gehen, sollte auch dem verblödetsten „Patrioten“ langsam aufgehen, was die Stunde geschlagen hat.


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Helge Frick

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