Robert Grözinger

Robert Grözinger, Jahrgang 1965, Diplom-Ökonom, ist freier Journalist und Übersetzer.

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Geschichte: Worin Hitler, Churchill und Orwell übereinstimmten

von Robert Grözinger

Und was wir heute daraus lernen können

Dieser Tage gedenkt alle Welt des Endes des Zweiten Weltkriegs in Europa vor 65 Jahren. Fast genau fünf Jahre zuvor, am 13. Mai 1940, also vor 70 Jahren, hielt Winston Churchill im britischen Parlament seine berühmte Rede, die heute unter den Worten „Blut, Schweiß und Tränen“ zusammengefasst wird. Tatsächlich sagte der damals frisch gekürte Premierminister: „Ich habe nichts zu bieten außer Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß. Vor uns liegt eine Prüfung der schmerzlichsten Art. Uns stehen viele, viele Monate des Kampfes und des Leides bevor.“ Sein Ziel sei nichts weniger als der Sieg. „Sieg um jeden Preis, Sieg trotz aller Schrecken, Sieg, wie lang und mühsam der Weg dorthin auch sein mag, denn ohne Sieg gibt es kein Überleben.“

Die Formulierung „Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß“ habe Churchill einer Rede Theodore Roosevelts aus dem Jahr 1897 entnommen, heißt es bei Wikipedia. Doch obwohl die Worte selbst vom ehemaligen US-Präsidenten stammen mögen, ist es nicht ausgeschlossen, dass die Idee dazu und die Grundrichtung dieser und anderer kampfmoralstärkenden Reden des Engländers von einem anderen Politiker stammten – von Churchills Gegenspieler Adolf Hitler selbst. Und zwar über den Umweg eines Aufsatzes eines der scharfsinnigsten Beobachter jener Zeit, nämlich George Orwell.

Dokumentiert ist die Aussage Churchills, „1984“, Orwells berühmtestes Werk aus dem Jahr 1949, zweimal gelesen zu haben. Es ist daher wahrscheinlich, dass der Premier vor seiner ersten Rede als Premierminister von einem anderen, viel kürzeren und heute weniger bekannteren Text des damals schon berühmten Autors Kenntnis hatte: Eine Besprechung von „Mein Kampf“, die am 21. März 1940 veröffentlicht wurde, gerade 7 Wochen vor dem schicksalhaften Amtsantritt Churchills als Regierungschef. Dies ist umso wahrscheinlicher, wenn man bedenkt, dass der Mann, der im Ersten Weltkrieg eine außergewöhnliche Kriegslüsternheit offenbarte, lange Zeit allein auf weiter Flur die britische Regierungspolitik dafür kritisiert hatte, zu nachgiebig gegenüber dem Dritten Reich zu sein. Der spätere Literatur-Nobelpreisträger Churchill hatte daher eine Gewisse „Hitler-Fixiertheit“ entwickelt und wird begierig alles über ihn gelesen haben, dessen er habhaft werden konnte. Zumal er im März 1940 bereits wieder als erster Lord der Admiralität eine wichtige Führungsrolle im Kriegskabinett innehatte.

In dieser Besprechung, die Churchill also aller Wahrscheinlichkeit nach spätestens wenige Tage nach ihrem Erscheinen gelesen hat, stellt Orwell fest, dass Hitler die „Falschheit der hedonistischen Einstellung zum Leben begriffen“ habe. „Fast das gesamte westliche Denken seit dem letzten Krieg, mit Sicherheit sämtliches ‚progressives‘ Denken“, kritisiert Orwell, „ist stillschweigend davon ausgegangen, dass Menschen nichts weiter begehren als Bequemlichkeit, Sicherheit und Schmerzvermeidung.“ Aufgrund seines „eigenen freudlosen Geistes“ spüre und wisse Hitler dagegen „außergewöhnlich stark, dass Menschen nicht nur Komfort, Sicherheit, kurze Arbeitszeiten, Hygiene, Geburtenkontrolle und, ganz allgemein, Vernünftiges wollen; sie wollen auch, zumindest zeitweise, Kampf und Selbstaufopferung, ganz abgesehen von Trommeln, Fahnen und Treueparaden.“ Was immer man vom Faschismus und Nationalsozialismus in ihrer Eigenschaft als ökonomische Theorien halten möge, „psychologisch“ seien diese Ideologien „weit robuster als jede hedonistische Vorstellung vom Leben“. Während der Sozialismus und selbst, „wenn auch widerwillig“, der Kapitalismus den Leuten sagt: „Ich biete Euch gute Zeiten an“, habe Hitler ihnen etwas anderes gesagt. Die Botschaft des Mannes aus Braunau an sein Volk umschreibt Orwell so: „Ich biete Euch Kampf, Gefahr und Tod“. Das Ergebnis war, „dass sich ihm eine ganze Nation zu Füßen warf.“

Die semantische Ähnlichkeit der kurzen Orwellschen Interpretation der Hitler-Reden zu Churchills „Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß“, zu „Sieg um jeden Preis“ ist frappierend. Ist es zu weit hergeholt, zu vermuten, dass der Machtmensch Churchill diesen Aufsatz im „New English Weekly“ nicht nur las, sondern auch entsprechende Schlussfolgerungen zog? Dass er mit dem Instinkt eines politischen Überlebenskünstlers spürte, hier eine gewinnende Grundformel gefunden zu haben? Immerhin schloss Orwell seine Besprechung auch noch mit einem indirekten Appell an die politische Führung seines Landes: „Das größte Glück der größten Zahl“ sei ein guter Slogan, aber im Moment sei „Besser ein Ende mit Schrecken als ein als ein Schrecken ohne Ende“ der Gewinner. „Jetzt, wo wir gegen den Mann kämpfen, der diesen Satz geprägt hat, sollten wir die emotionale Ausstrahlung, die davon ausgeht, nicht unterschätzen.“

Dass Großbritannien bis zum offiziellen Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 gegen Hitler erfolgreich Widerstand leisten konnte und nicht aufgab, ist nicht nur der inoffiziellen materiellen Hilfe von jenseits des Atlantiks zu verdanken. Mit seinen Reden von 1940 hat Churchill ein Durchhaltevermögen im Volk geweckt, das offenbar nicht nur auf die Deutschen beschränkt war.

Der Soziologe Helmut Schoeck beschrieb in seinem Buch „Die zwölf Irrtümer unseres Jahrhunderts“ aus dem Jahr 1985, was dem Zweiten Weltkrieg seine Dauer und Gestalt gab, nämlich „in allen Nationen die Verhaltensweisen, die Verlässlichkeit, die spontane Solidarität in jeder Kleingruppe im Krisenfall“. Und weiter: „Jedes Volk, unabhängig von Ausgangsmentalität und politischem System, in einem Weltkrieg zum Kampf gezwungen, bringt dann auch bis zum Sieg oder zur Niederlage allgemeine Charakterzüge und Einstellungen zum Vorschein, die wegen der Gleichheit der Anforderungen des Krieges überall ähnlich waren.“

Die Lehre für die Gegenwart aber lautet: Keiner kann ernsthaft erwarten, dass eine vom Hedonismus geprägte Gesellschaft ihre Gegner mit überlegener Feuerkraft besiegen oder ihre finanziellen Schieflagen unter Beibehaltung ihrer Lebenseinstellung überwinden kann. Will sie überleben, wird sie den Hedonismus – zumindest zeitweise – ablegen müssen. Will sie dabei nicht in einen neuen Faschismus, Sozialismus oder, wie Großbritannien 1940 in eine andere Form des staatlichen Kollektivismus verfallen, wird sie sich, mangels Alternative, auf jene jahrtausendealte „Ideologie“ rückbesinnen müssen, die dem Westen geistige und materielle Kraft verliehen hat und aus dem allmählich individuelle Freiheit und Kapitalismus erwuchsen, und deren Ablehnung und Zurückdrängung erst den Raum für die genannten Ersatzreligionen schuf – das Christentum. Was wiederum nicht heißt, dass die alten Fehler der Kirchen wiederholt werden müssen.

Internet:

Wikipedia: „Blood, Toil, Tears and Sweat“

Abschrift der „Blut, Schweiß und Tränen“-Rede mit Link zu einer MP3-Aufnahme 

George Orwells Besprechung von „Mein Kampf“ (englisch)

09. Mai 2010

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