10. Mai 2010

Tag der Befreiung Jan Pallach starb für die „Freizeit“

Unwissen 6.0 oder: Im EU-Geschichtsmonopoly heißt es zurück auf Start

Auch 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist die Frage offen, auf welchem historischen Fundament das „Europäische Haus“ letztlich gründet. Das heißt, eigentlich gibt es doch eine Antwort. Sie lautet: Es gibt kein gemeinschaftliches Geschichtsbild. Dies ist der dialektische Erkenntnisgewinn, dem sich die – von der ungarischen Kulturwissenschaftlerin Zsuzsa Breier gegründete – „Gesellschaft zur Förderung der Kultur im erweiterten Europa e.V.“ verschrieben hat. Demonstriert wird das durch die unter dem Titel „Doppelgedächtnis“ stehende Debattenreihe des Vereins, deren Fazit jetzt in einer Konferenz der Europäischen Akademie in Berlin-Grunewald gezogen wurde, Motto: „Europa erinnert sich für die Zukunft“. Denn tatsächlich hat Europa längst angefangen zu vergessen. Beredtes Beispiel hierfür war zunächst die Klage der Diplomatin Breier über den Tenor der deutschen Medien, die den Sieg des ungarischen Ex-Premiers Viktor Orbán und seiner konsvervativen Fidesz-Partei als „rechtspopulistisch“ denunzierten. Der „Welt“-Journalist Jacques Schuster pflichtete ihr bei: „Das kollektive Gedächtnis der Deutschen beginnt erst 1933“. Weil die Deutschen keine Ahnung mehr vom Ersten Weltkrieg und die durch den Trianon-Vertrag verursachten Territorialverluste hätten, würden sie das Wahlergebnis in Ungarn nicht verstehen.

Der Historiker Horst Möller, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte München, ergänzte diesen Befund unter Verweis auf das fatale Urteil Richard von Weizsäckers, der als Bundespräsident das Datum des 8. Mai zu einem „Tag der Befreiung“ umgedeutet habe – im Unterschied zum ersten Bundespräsidenten Theodor Heuß, demzufolge das deutsche Volk 1945 zugleich „vernichtet und erlöst“ worden war. Heute, so Möller, glaubten 95 Prozent der Deutschen das von Weizsäcker verkündete „falsche Geschichtsbild“. Zu den Paradoxien gehöre auch der Umstand, dass Mitteleuropa zur Zeit der Habsburgermonarchie vermutlich viel lebendiger gewesen sei als heute. Selbst Markus Meckel erkannte an, dass Europa von einem gemeinsamen Verständnis des Zweiten Weltkrieges „weit enfernt“ bliebe, wenn es nicht den Trianon-Vertrag und die Folgen des Ersten Weltkrieges berücksichtige. Der bulgarische Publizist Dragomir Iganov hielt hingegen auch das nicht für ausreichend: Seiner Meinung nach beginne unsere Gegenwart mit dem Zerfall des Osmanischen Reiches. Den Begriff der „Versöhnung“ hielt er angesichts dessen für eine Figur des „Wunschdenkens“, darin der rumänischen Philosophin und Securitate-Forscherin Germina Nagat ähnlich, in deren Augen es sich um einem „Terminus der politischen Korrektheit“ handele.

Die Historikerin Maria Schmidt, Direktorin vom „Haus des Terrors“ in Budapest, beklagte indessen den Hochmut Frankreichs, das Ungarn bis heute als „letzten Vasallen Hitlers“ diffamiere. Die Grande Nation spiele sich als „Sieger“ des Zweiten Weltkrieges auf, dabei sei sie in wenigen Wochen von Deutschland militärisch geschlagen worden. Horst Möller, Herausgeber des Debattenbandes „Der rote Holocaust“ zeigte indes auf, wie selektiv der französische Nachbar mit seiner Vergangenheit umgegangen ist: Bis 1995 hatte die französische Staatsführung jedes Jahr einen Kranz am Grab von Marschall Pétain als dem Sieger von Verdun niedergelegt. Ein halbiertes Geschichtsbild konstatierte auch Marianne Birthler, Leiterin der Stasi-Unterlagenbehörde, indem sie westdeutsche Historiker zitierte, denen zufolge die DDR-Geschichtspolitik Hitler „zu einem Westdeutschen erklärt“ hätten. Die Osterweiterung der Europäischen Union, so ihre Conclusio, benötige „die Westerweiterung der Erinnerung“. Dies unterstrich die ehemalige lettische Außenministerin und EU-Kommissarin Sandra Kalniete, die eine Neuschreibung der europäischen Geschichte unter Berücksichtigung des Kommunismus forderte. Fassungslos mache es sie, dass einstige ungarische Geheimdienstleute in EU-Gremien gewählt werden und sie im EU-Parlament neben Abgeordneten sitze, die seinerzeit aktiv am Putsch gegen Michail Gorbatschow beteiligt gewesen waren – Leute, die sie im „Erfolgsfall“ inhaftiert oder getötet hätten. In Deutschland hat sie freilich nicht nur in Salomon Korn vom Zentralrat der Juden einen Gegner.

Denn das Schicksal der Vertreibung findet hierzulande auch sonst nur wenig Verständnis. So bekannte Staatsminister Eckart von Klaeden (CDU), die Integrationsgeschichte der Vertriebenen sei eben „nicht die Erfolgsgeschichte, als die sie immer beschrieben wird.“ Nach seiner Erinnerung habe es zum Schicksal der Vertriebenen in seiner „Schulzeit am humanistischen Gymnasium in Niedersachsen nicht eine einzige Schulstunde“ gegeben. Der Theologe Richard Schröder (SPD) pflichtete dem bei und erinnerte sich scheinbar unbekümmert, wie man sich über die Klassenkameraden aus Vertriebenenfamilien lustig gemacht habe. Heute seien jedoch alle integriert, weshalb ihm die alljährlichen Pfingsttreffen der Vertriebenen nurmehr ein unsinniger „folkloristischer Scherz“ sind. Der polnische Botschafter Marek Prawda fasste den Sachverhalt wie folgt: Seine deutschen Gesprächspartner wüssten zwar, was sie von ihm wollten, aber nicht, was sie eigentlich selber wollten. In Bezug auf das Stereotyp von der „Vertreibernation“ Polen behauptete er, sein Land habe sich nach 1989 intensiv mit dem deutschen Feindbild der Polen auseinandergesetzt. In Deutschland habe eine solche Debatte noch nicht stattgefunden. Erfreulich sei allerdings die Presseberichterstattung zum 70. Jahrestag des Kriegesausbruchs gewesen, als – so Prawdas Fazit – die Bewertung der Historie in den deutschen und polnischen Medien einheitlich gewesen sei. Mit anderen Worten: Deutschland hat sich das Geschichtsbild Polens zu Eigen gemacht hat. Entsprechend müsste es heißen: Deutschland vergisst sich für die Zukunft Europas.

Doch damit ist es nicht allein. Eine bemerkenswerte Freudsche Fehlleistung erbrachte der Botschafter der Tschechischen Republik, Rudolf Jindrák. Ihm zufolge habe der tschechische Märtyrer Jan Pallach durch sein Opfer die Jugend von heute in die „Freizeit“ entlassen. Für den Historiker Andreas Wirsching von der Universität Augsburg war diese Äußerung symptomatischer Ausdruck eines allgemeinen Selbstbetrugs, der sich insbesondere in den Allgemeinplätzen der „jungen Europäer“ ausdrückte, die allesamt vom Glauben an die „Zivilgesellschaft“ beseelt waren. Laut Wirsching haben wir wohl „eine Demokratie, aber kaum mehr eine Zivilgesellschaft.“ Sein Kollege, der Historiker Joachim Scholtyseck von der Friedrich-Wilhlem-Universität Bonn, ergänzte die Beispiele der wohlfeilen Selbsttäuschung. In seinen Seminaren über die NS-Zeit frage er seine Studenten regelmäßig, wie viele von ihnen damals im Widerstand mitgemacht hätten. Mindestens ein Viertel der Arme ginge jedesmal hoch – Scholtysecks Kommentar: „Ein Wahnsinn, niemand von denen hätte mitgemacht.“

Die Schwedin Camilla Andersson, Gründerin und Geschäftsführerin des Instituts für Informationen über die Verbrechen des Kommunismus, unterstützte derweil die Forderung von Kalniete, Möller und anderen, denen zufolge die Geschichte Europas neu geschrieben werden müsse. Alarmierend in dieser Hinsicht seien die Zahlen einer schwedischen Umfrage aus dem Jahr 2007: Demnach hatten 90 Prozent der Jugendlichen noch niemals den Begriff „Gulag“ gehört, während 95 Prozent von ihnen über den „Holocaust“ bescheid wussten. 20 Prozent glaubten gar, dass der Kommunismus im 20 Jahrhundert – wenn überhaupt – maximal 10.000 Tote gefordert habe. Mit anderen Worten: „Unwissen 6.0“.

Was bleibt? Einmal das Diktum Richard Schröders, dass es zwar – siehe China – eine Marktwirtschaft ohne Demokratie geben könne, aber niemals eine Demokratie ohne Marktwirtschaft. Zum anderen die Erkenntnis, dass wir zur historischen Wahrhaftigkeit „Geschichtsmonopoly“ spielen müssen, zurück auf „Start, Erster Weltkrieg“. Wäre damals nicht Lenin über Deutschland nach Russland gelangt, hätte es vielleicht keinen Stalin gegeben, dessen Bildnis gestern in Moskau zum „Tag des Sieges über den Hitlerfaschismus“ wieder als Monstranz über den Köpfen der Kommunisten erschien. Nach Stalin wäre aber auch das keine Gefahr, denn nach ihm ist der politische Gegner bekanntlich dann am gefährlichsten, wenn er sich nicht offen zu erkennen gibt.

Internet

Debattenreihe: www.kultur-in-europa.de

Institut für Informationen über die Verbrechen des Kommunismus


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