14. Mai 2010

Psychoanalyse Warum alles gesagt werden darf

Ein Plädoyer für uneingeschränkte Meinungsfreiheit

In Zeiten der „political correctness“ darf über bestimmte Individuen und Gruppen nur auf bestimmte Art und Weise gesprochen werden. Wieviel Rücksicht muss man auf Individuen und Gruppen nehmen, ohne dass dabei die Meinungsfreiheit eingeschränkt wird? Wo liegen die Grenzen der freien Meinungsäußerung? Oder lassen sich Argumente für eine uneingeschränkte Meinungsfreiheit finden?

Meinungsfreiheit kann von zwei Seiten aus betrachtet werden: Von demjenigen, der eine Meinung äußert, dem Adressanten, und demjenigen, der eine Meinung empfängt, dem Adressaten. Schauen wir uns die beiden Seiten genauer an.

Die Psychoanalyse fordert, dass ein Mensch alles frei, offen und somit tabulos aussprechen soll. Nur auf diese Weise kann er seine unbewussten Konflikte und Probleme bewusst machen und sie gegebenenfalls lösen. Tut er das nicht, wirken diese Konflikte im Unbewussten weiter und äußern sich früher oder später auf irgendeine pathologische Art und Weise, etwa in Gewaltausbrüchen.

Diese Erkenntnis der Psychoanalyse wurde auch auf psychosoziale Phänomene übertragen. Vorurteile, die Menschen gegenüber anderen Menschen oder Gruppen von Menschen haben, sollten geäußert und genau thematisiert werden, andernfalls leben sie im Unbewussten weiter und brechen irgendwann auf destruktive Weise auf. In diesem Sinne dürften auch die als extremistisch bezeichneten politischen Meinungen öffentlich geäußert werden, weil man sich dann mit ihnen rational und argumentativ auseinandersetzen und sie so widerlegen kann. Andernfalls werden sie verdrängt, leben im Unbewussten weiter und brechen dann irgendwann unkontrolliert auf.

Ob rationale Argumente Extremisten von ihrem Weg abbringen können, ist eine offene Frage. Auf jeden Fall ist der rationale Diskurs sinnvoller als Verdrängung. Meinungen zu tabuisieren, ist daher – folgt man der Psychoanalyse – auf jeden Fall falsch. Mit anderen Worten: Alle Meinungen dürften öffentlich geäußert werden.

Betrachten wir jetzt die Seite des Adressaten einer Meinung. Man argumentiert, dass bestimmte Meinungen nicht geäußert werden dürfen, weil man mit ihnen andere Menschen oder Gruppen von Menschen verletzen oder beleidigen könnte. Hier muss gesagt werden, dass es von den Adressaten selbst abhängt, wie sie Meinungen auffassen und auf sie reagieren, das heißt, ob sie sich durch Meinungen verletzen oder beleidigen lassen. 

Der griechische Philosoph Epiktet behauptet in seinem „Handbuch der Moral“, dass eine Meinung an sich weder gut noch schlecht ist. Nur unsere Auffassung dieser Meinung kann gut oder schlecht sein. Wie ein Adressat eine Meinung auffasst und auf sie reagiert, ist allein seine Sache. Der Meister selbst: „Sei dir dessen bewusst, dass dich derjenige nicht verletzen kann, der dich beschimpft oder schlägt; es ist vielmehr deine Meinung, dass diese Leute dich verletzen. Wenn dich also jemand reizt, dann wisse, dass es deine eigene Auffassung ist, die dich gereizt hat.“ Wie ich die Äußerung „Du bist ein Idiot!“ auffasse und auf sie reagiere, hängt nur von mir ab. Ich muss diese Äußerung nicht als eine Beleidigung auffassen.

Bezogen zum Beispiel auf religionsfeindliche Meinungen könnte mit Epiktet folgendermaßen argumentiert werden: Wie ein religiöser Mensch religionsfeindliche Äußerungen auffasst und auf sie reagiert, ist allein seine Sache. Solche Äußerungen müssen nicht seine religiösen Gefühle verletzen. Ist sein Glaube stark, gehen solche Äußerungen an ihm spurlos vorbei. Und ein letztes Beispiel: Wenn sich jemand abwertend über eine andere Nation äußert, müssen die Angehörigen dieser Nation nicht gleich beleidigt sein und mit Redeverboten drohen. Sie können diese Äußerung auch als Ausdruck von Minderwertigkeitskomplexen des Adressanten auffassen und ihn einfach ignorieren.

Für freiheitsliebende Menschen ist Meinungsfreiheit viel zu kostbar, um in irgendeiner Form eingeschränkt zu sein. Meinungsfreiheit sollte uneingeschränkt gelten.


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