16. Mai 2010

Wirtschaftstheorie Freigeld

Lösung unserer ökonomischen Probleme?

Eine Idee, die immer wieder als Lösung der Verteilungs-, Beschäftigungs- und Stabilitätsprobleme der aktuellen Wirtschaftsordnung gepriesen wird, ist das Frei- oder Schwundgeld. Ausgangsbasis ist eine Überlegung, die auch grundlegend für die keynesiansische Theorie der Geldhaltung ist: Dort wird die Bargeldhaltung in erster Linie durch ein Liquiditätsmotiv erklärt. Die Idee ist simpel: Es ist vorteilhaft, immer etwas Geld in Bar oder auf dem Girokonto zu haben, um jederzeit Transaktionen tätigen zu können und so von Sonderangeboten oder anderen Opportunitäten zu profitieren. Legt man Geld fest an, verzichtet man auf diesen Vorteil und wird dafür in der Regel eine Entschädigung verlangen. Die Entschädigung für das Fehlen von Liquidität ist die Liquditäsprämie. Im Rahmen der Freigeld-Theorien ist die Liquiditätsprämie der Urzins, der in einer Welt ohne Inflation, Risiken usw. immer an einen Gläubiger gezahlt werden muss. Freigeld verliert in etwa so viel an Wert, wie der Urzins groß ist.

Das Konzept der Liquiditätsprämie spielt nur in der keynsianischen, nicht aber in der neuklassischen oder der österreichischen Geldtheorie eine prominente Rolle. Für die beiden letzten Schulen ist Basis aller Theorie das Handeln einer Person bzw. eines Haushalts, das im Wesentlichen auf drei Axiomen basiert. Erstens, dass Jedermann ein „Mehr“ von etwas dem „Weniger“ vorzieht (Nichtsättigung). Zweitens, dass man einen Genuss heute dem gleichen Genuss morgen vorzieht, da die Möglichkeit des späteren Genusses mit mehr Unsicherheiten behaftet ist (Gegenwartspräferenz). Drittens, dass der zusätzliche Nutzen von etwas umso geringer wird, je mehr man davon schon hat (sinkender Grenznutzen). Stehen heute viele Ressourcen zur Verfügung, wäre der zusätzliche Genuss durch die letzten Einheiten größer, wenn man diese Einheiten erst in der Zukunft genießen könnte. Dies erfordert die Verschiebung von Ressourcen in die Zukunft. Da jedoch im Zweifel der Genuss heute vorgezogen wird, muss der heutige Genussverlust durch den morgen zusätzlich möglichen Genuss mehr als ausgeglichen werden. Das ist durch den sinkenden Grenznutzen für sehr große Unterschiede zwischen den heute und in der Zukunft zur Verfügung stehenden Ressourcen unproblematisch. Sind die Unterschiede eher gering, müssen durch die Verschiebung in der Zukunft deutlich größere Genussmöglichkeiten zur Verfügung stehen als heute. Dieser „Bonus“ ist der Realzins. Er lässt sich sogar in einer Robinson Crusoe Ökonomie ohne Geld und Staat begründen, siehe etwa Gene Callahan (unten).

Im Gegensatz dazu basiert die Liquiditätsprämie auf der Ad Hoc Annahme, dass fehlende Liquidität Opportunitäts- oder sonstige Kosten erzeugt. Sobald eine Mindestliquidität vorliegt, ist das aber nicht unbedingt plausibel. Zudem ist die Idee, dass es eine scharfe Grenze zwischen Liquidität und Nichtliquidität gibt, die eine Prämie für Nichtliquidität rechtfertigt, auch für Privathaushalte seit der Einführung von Tagesgeldkonten im Grunde absurd. Institutionelle Investoren und große Firmen nutzen schon seit Jahrzehnten einen internen „Cash-Pool“. Das sind Barreserven, die am Interbankenmarkt, bei der Zentralbank oder auf einem speziellen Bankkonto verzinslich angelegt sind und auf Tages- oder sogar Stundenbasis für Auszahlungen zur Verfügung stehen. Was soll in diesem Kontext eine Liquiditätsprämie sein?

Der Realzins der neuklassischen Geldtheorie kann näherungsweise über die Renditen inflationsindexierter Anleihen wie zum Beispiel TIPS (siehe unten) bestimmt werden. Er liegt damit zwischen 3 und 5 Prozent pro Jahr und entspricht in etwa dem, was Freigeld-Theoretiker als Urzins angeben. Tauschen wir für die weitere Betrachtung also Urzins gegen Realzins, um die Argumente pro Freigeld nicht an der unglücklichen Ausgangsbasis Liquiditätspräme scheitern zu lassen. Was wäre also der Vorteil einer Währung, die jedes Jahr soviel an Wert verliert wie der Realzins groß ist?

Das Argument pro Freigeld, so wie ich es bisher verstanden habe, geht in etwa so: Wenn sich jemand in einer Welt ohne Inflation, Risiko usw. Geld für eine sichere Investition leiht, so reicht es nicht, dass die Investition ihre Kosten wieder hereinbringt – vielmehr muss mehr zurück gezahlt werden, als ursprünglich geliehen wurde [Betrag mal (1 plus Realzins)]. Das zurückgezahlte Geld wird wiederum verliehen und wiederum muss mehr zurück gezahlt werden, was zu einem exponentiellen Wachstum des Geldvermögens führen würde. Zudem verliert normales Geld in einer Welt ohne Inflation, im Gegensatz zu allen realen Dingen, nicht an Wert, wenn man es für längere Zeit irgendwo hortet. Eine Lösung, um das exponentielle Wachstum und den fehlenden Wertverlust auszugleichen ist ein Geld, dass jedes Jahr so viel an Wert verliert, wie der Realzins groß ist – das Freigeld. Dieses hätte zur Folge, dass die Zinsen für risikolose Projekte Null sind und für risikoreichere Projekte kleiner werden. Damit lohnen sich mehr Investitionen als ohne Freigeld, durch vermehrte Investitionstätigkeit entstehen mehr Arbeitsplätze und damit mehr Wohlstand. Im Grunde ist Freigeld also nichts anderes als eine immerwährende expansive Geldpolitik, die Zinsen für Investitionen niedrig hält.

Leider ist die These, dass der Realzins eine relevante Größe für Investitionen ist, nur sehr bedingt haltbar. Erstens sind Kapitalkosten nur eine Kostenkomponente neben Lohn-, Material- und sonstigen Kosten. Zur Kostendeckung muss das Produkt aber hinreichend häufig verkauft werden – den stärksten Einfluss auf die Investitionen hat folglich die Entwicklung der Märkte und dies zeigt auch die empirische Wirtschaftsforschung: Der Einfluss des allgemeinen Zinsniveaus auf die Investitionstätigkeit ist ausgesprochen schwach, der des BIP-Wachstums dagegen erheblich. Zweitens ist der Anteil des Realzinses an den Kapitalkosten wiederum begrenzt. Investitionen in der realen Welt sind mit einer Vielzahl von Risiken behaftet, die bei der Diskontierung der zukünftigen Auszahlungen bzw. dem minimalen internen Zinsfuß berücksichtigt werden. Bei risikoreichen Projekten bzw. jungen Firmen mit Geschäftsmodellen, deren Bestand noch nicht gewährleistet ist, sind 25 Prozent und mehr ein durchaus üblicher Diskontzins. Relativ zu den sonstigen Einflüssen ist damit der Realzins auch bei den Kapitalkosten eine eher unbedeutende Größe.

Ein weiteres Argument, das man den Freigeld-Apologeten entgegen halten muss, ist: Wir haben durch Inflation bereits Schwundgeld. Diese Aussage führt in der Regel zu sofortigem Widerspruch, da Inflation ja nicht die Zinsen verringert, sondern sogar noch erhöht. Dieser Widerspruch weist jedoch nur auf die  fehlende Fundierung der Freigeld-Argumentation in der Entscheidung einzelner Personen oder Haushalte hin, denn: Geht man von den oben erläuterten Axiomen aus, sind die einzigen Gründe, Geld nicht sofort wieder auszugeben, der Wunsch, Konsum zu verschieben bzw. größere Konsumausgaben in der Zukunft vorzubereiten. Schwundgeld und Inflation haben bei dieser Entscheidung exakt die gleiche Wirkung. Um ein „Weniger“ beim späteren Konsum zu vermeiden, muss das Geld so angelegt werden, dass die heutige Kaufkraft des Geldes später immer noch in gleichem oder höherem Maß zur Verfügung steht. Beim Schwundgeld ohne Inflation reicht einem Haushalt eine Auszahlung des gleichen Betrages später, da das Geld unter dem Kopfkissen an Wert verliert. Bei Inflation verliert Geld in realer Kaufkraft (das heißt gemessen in Gütern) ebenfalls an Wert. Eine Investition muss also mindestens den investierten Geldbetrag, nur eben gemessen in Gütern, später wieder auszahlen.

Sind die Unterschiede zwischen den heute und später zur Verfügung stehenden Ressourcen nicht besonders groß, wird ein Haushalt in beiden Geldsystemen nur dann eine Konsumverschiebung in Erwägung ziehen, wenn der Genussverlust heute durch einen gewissen Bonus morgen ausgeglichen wird. Braucht ein Unternehmer Geld für eine vielversprechende Investition, wird er diesen Bonus zu zahlen bereit sein – auch eine besonders sichere Investition hätte in beiden Geldsystemen dann positive Zinsen. Das bedeutet, dass in einer relativ sicheren Welt (ähnliche Ressourcen heute und morgen) der Wertverlust von Freigeld ökonomisch nichts anderes ist als Inflation – die Realzinsen werden auf den Wertverlust aufgeschlagen. Erst, wenn die Welt (wie zu Zeiten der großen Freigeld-Experimente) unsicher ist und niemand sicher sein kann, ob es morgen noch nennenswerte Ressourcen gibt, gibt es Unterschiede zwischen Inflation und Freigeld. In einer Freigeld-Wirtschaft würden die Zinsen in einer unsicheren Welt auch bei konstanter Investitionstätigkeit gegen Null gehen und könnten für besonders sichere Investitionen sogar leicht negativ sein. In einer Inflationsgeld-Wirtschaft würden die Zinsen maximal auf der Höhe der Inflationsrate sinken. Da die Inflationsrate in Krisenzeiten aber ebenfalls absinkt, werden die Zinsen für besonders sichere Investitionen auch hier nicht sonderlich hoch sein...

Fazit: Freigeld hat in normalen Zeiten keinen nennenswerten ökonomischen Effekt, es wirkt wie Inflation. In Krisenzeiten ermöglicht Freigeld allerdings noch geringere Zinsen als Inflationsgeld.

Schließlich bleibt die Frage, ob, sofern ich falsch liege und die Zinsen durch Freigeld immer deutlich niedriger sind als ohne, ein positiver Beschäftigungseffekt tatsächlich die Folge sein wird. Viele Unternehmen können bei Investitionen in einem gewissen Rahmen zwischen Manpower und Maschinen wählen. Je geringer die Zinsen, desto geringer die Kapitalkosten – Maschinen werden relativ zu Menschen kostengünstiger. Neben einen positiven Beschäftigungseffekt durch zusätzliche Investitionen gibt es daher auch einen negativen Effekt: Investitionen werden noch kapitalintensiver. Überwiegt der letzte Effekt, gehen Arbeitsplätze verloren. Man könnte nun argumentieren, dass dieser Effekt in den letzten 30 Jahren häufig überwogen hat. Die strukturelle Arbeitslosigkeit wäre damit auch eine Folge eines durch ständiges Geldmengenwachstum verzerrten Preises von Kapital. Dies würde für ein goldgedecktes Währungssystem und Deflation – das heißt genau das Gegenteil eines Freigeldsystems sprechen.

Internet

Callahan, Gene: Economics for Real People

Nähere Informationen zu Treasury Inflation-Protected Securities (TIPS)


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Maximilian Ludwig

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