Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Die europäische Geldordnung einst und jetzt: Gold, Lohn und Papier

von Gérard Bökenkamp

Vom Goldstandard zum Euro

Gegen eine gemeinsame europäische Währung ist an sich nichts zu sagen. Es gab sie ja: Der Goldstandard vor dem Ersten Weltkrieg war faktisch sogar eine gemeinsame internationale Währung. Warum funktioniert die gemeinsame Währung damals und warum funktioniert sie heute nicht?  Der damalige Goldstandard funktionierte stark vereinfacht ausgedrückt so: Wenn ein Land mehr Güter exportierte als es importierte, dann floss Geld bzw. Gold über die Grenze in das Land. Das einströmende Gold trieb die Löhne und die Preise nach oben und die Produktion wurde teurer. Das bremste den Export und förderte den Import. Wenn ein Land mehr importierte als es exportierte verlief der Goldstrom in die umgekehrte Richtung, dann floss Gold über die Grenze ab und die Preise und Löhne fielen, so wurde der Export gefördert und der Import gebremst. Auf diese Weise gab es einen Automatismus, der ein zu großes Ungleichgewicht wie etwa das aktuelle Ungleichgewicht zwischen den USA und China oder Südeuropa und der Bundesrepublik verhinderte.

Vor dem Ersten Weltkrieg waren die Löhne flexibel und reagierten „seismographisch“ (Eichengreen), das heißt, wenn Gold abfloss, dann sanken die Löhne, wenn Gold in das Land floss, stiegen die Löhne. Die Anpassung erfolgte schnell und ohne unüberwindbare Widerstände. Diese flexible Reaktion sorgte dafür, dass selbst in schweren Wirtschaftskrisen nur ein sehr begrenzter Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verzeichnen war. Die damaligen Wirtschaftskrisen gingen auf Kosten der (gemessen an heutigen Maßstäben sehr bescheidenen) Lohnhöhe, dafür aber weniger auf Kosten der Beschäftigung. Schwierig war die Lage für die Betroffenen natürlich trotzdem – aber Massenarbeitslosigkeit wie in den Zeiten der Großen Depression und dann wieder seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts spielte kaum eine Rolle.

Nach dem Ersten Weltkrieg hörten die Arbeitsmärkte auf flexibel zu reagieren und sich „seismographisch“ anzupassen. Die kollektive Verhandlungsmacht der Gewerkschaften, die während des Weltkrieges durch die Kooperation mit den Administrationen ihre Position stark ausbauen konnten, führte dazu, dass Lohnabschlüsse nicht mehr ein Ergebnis von Verhandlungen zwischen den einzelnen Unternehmern und ihren Beschäftigen waren, sondern die Löhne wurden nun in zentralen Tarifverhandlungen festgesetzt. Damit wurde der „klassische“ Preisbildungsmechanismus auf dem Arbeitsmarkt außer Kraft gesetzt. In wirtschaftlich guten Zeiten stiegen die Nominalöhne schnell und in wirtschaftlich schlechten Zeiten stiegen die Nominallöhne langsam – aber sie stiegen. Gegen eine Absenkung der Nominallöhne existierte jetzt eine psychologisch-politische Hürde, die nur schwer zu überwinden war.

Der große Unterschied zwischen dem einheitlichen Währungsraum unter dem klassischen Goldstandard vor dem Ersten Weltkrieg und dem einheitlichen Währungsraum unter der Europäischen Zentralbank lässt sich also so auf den Punkt bringen: Vor dem Ersten Weltkrieg konnte man die Geldmenge kaum ausweiten, aber die Löhne konnten sinken, heute können die Löhne kaum mehr abgesenkt werden, dafür aber mit Leichtigkeit die Geldmenge ausgeweitet. Der Goldstandard erzwingt nicht mehr eine Anpassung der Löhne, sondern die Ausweitung der Geldmenge erlaubt die Absenkung der Kaufkraft, ohne dass die Nominallöhne angetastet werden müssen. Der große Nachteil des aktuellen Geldsystems besteht darin, dass es permanent die Ersparnisse entwertet und zu Fehlinvestitionen und Blasenbildung führt.

Der Vorteil für die politisch Verantwortlichen besteht hingegen im aktuellen System darin, dass sie sich nicht mit den Gewerkschaften und diversen anderen Interessengruppen anlegen müssen. Eine Regierung, die zum Beispiel Lohnsenkungen im öffentlichen Dienst durchsetzen will, riskiert in vielen Ländern – wie jetzt derzeit in Griechenland zu beobachten – fast bürgerkriegsähnliche Zustände. Wer öffentlich aus ökonomischen Gründen Lohnsenkungen fordert oder gar politisch durchsetzen will, kann sich schon vorher ausmalen, welche Hasstiraden er auf sich zieht. Die Festsetzung eines neuen Wechselkurses oder die Betätigung der Gelddruckmaschine geht hingegen sehr viel unkomplizierter und friedlicher von statten. Damit wir uns nicht täuschen: Das Ergebnis ist dasselbe. Am Ende können die Arbeitnehmer sich weniger kaufen als vorher. Nur wissen die Leute nicht so recht, wen sich dafür verantwortlich machen sollen.

Die Arbeitnehmer stehen also dadurch nicht besser da: Zwar sind die Löhne gestiegen, aber die Preise noch stärker. Dafür stehen aber die  politisch Verantwortlichen sehr viel besser da. Die Arbeitnehmer spüren, dass ihnen das Monatseinkommen früher ausgeht, dass der Lebensunterhalt teurer wird, aber anders als bei der direkten Lohnsenkung findet ihre Wut keine Projektionsfläche in der Regierung. Die Politiker verweisen als Sündenböcke für die Preissteigerungen auf die Spekulanten, die Ölscheichs, die Geschäftemacher usw. Da geht dann schon einmal eine Bank in Flammen auf und den Geschäften werden die Scheiben eingeschmissen. Die Regierung wäscht ihre Hände in Unschuld und solidarisiert sich sogar mit den aufgebrachten Massen, die den bösen Spekulanten ans Leder wollen.

Im Allgemeinen bleibt die schleichende Entwertung der Einkommen und Ersparnisse durch die Geldmanipulation für die meisten Zeitgenossen ein wenig verständlicher, nebulöser Prozess. Und genauso soll es ja aus Sicht der Politik auch sein. Denn dieser ganze Mechanismus hat das Ziel, die Bevölkerung über die eigentlichen Ursachen des Kaufkraftverlustes zu täuschen und die Gewerkschaften nicht zu provozieren – und bis zu einem gewissen Grad ist die Geldpolitik damit erfolgreich. Die Arbeitnehmer freuen sich über die schönen Lohnerhöhungen, die bei ihnen nie ankommen, weil sie durch die Inflation und den Wechselkursmechanismus kassiert werden. Die Gewerkschaftsfunktionäre können sich dafür auf die Schulter klopfen, dass sie für ihre Kolleginnen und Kollegen ordentlich etwas herausgeholt haben. Die Politik demonstriert ihr Wohlwollen und verteilt Geld.

Das ganze scheint erst einmal keine negativen Konsequenzen zu geben, weil das Geld, das da verteilt wurde, anschließend per Inflationspumpe wieder von den Sparkonten und der Haushaltskasse abgesaugt wird. Diese auf den ersten Blick harmonisch anmutende Geldordnung hat viele Ökonomen dazu verleitet, diesen Zustandt in dem man sich gegenseitig ein X für ein U vormacht, geradezu für ein perfektes System und Inflation für ein Instrument zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit zu halten. Das Dumme bei der ganzen Angelegenheit ist nur – die Leute merken auf Dauer, dass sie sich mit den tollen Lohnerhöhungen nicht mehr leisten können. Also werden die Lohnforderungen nach oben geschraubt, was wiederum einen neuen Druck auf den Wechselkurs und die Inflationsrate aufbaut. Es  ist wie mit starken Betäubungsmitteln, man muss die Dosis immer weiter erhöhen, um denselben Effekt zu erreichen. Im Extremfall kann man das Spiel solange treiben, bis der Wert des Geldes regelrecht verdunstet ist.

Durch die Euroeinführung war Ländern wie Griechenland, Portugal und Spanien der Weg zur kräftigen und kontinuierlichen Entwertung ihrer Währung, den sie ohne Euro beschritten hätten, versperrt. Also wurde die Inflation vorübergehend durch Kreditaufnahme ersetzt. Beschäftigung wurde im öffentlichen Dienst geschaffen, durch Frühverrentung und hohe Rüstungsausgaben usw. Mit der künstlich geschaffenen Schuldenwirtschaft konnte der Lebensstandard für eine Weile gehoben werden, ohne dass die entsprechende ökonomische Basis vorhanden gewesen wäre. Im Zeitalter des Goldstandards wäre das Gold schon früh aus diesen Staaten abgeflossen und die Party wäre vorbei gewesen, bevor sie überhaupt richtig beginnen konnte. Zur Zeit der D-Mark und der Bundesbank wäre es zu einer Inflationskrise der Drachme, der Peseten und der Lira gekommen. Im Zeitalter des Euro weitet es sich zu einer Inflationskrise auf ganz Europa aus.

Informationen:

Tamim Bayoumi, Barry Eichengreen, Mark Taylor: Modern Perspektives on the Gold Standard, Cambridge University Press 1996

Barry Eichengreen: Vom Goldstandard zum Euro. Die Geschichte des internationalen Währungssystems, Wagenbach 2000.

20. Mai 2010

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