Ralph Janik

Studierte Rechtswissenschaften in Wien und Madrid. Mitarbeiter am Institut für Wertewirtschaft; seine Beiträge geben jedoch nicht unbedingt die Meinung des Instituts wieder.

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Männliche Abhängigkeit in Beziehungen: Emotionale und finanzielle Stricke

von Ralph Janik

Sollte Ulrich Beck Recht behalten?

Ulrich Beck hat in seinem Klassiker aus dem Bereich der Soziologie „Risikogesellschaft“ aus den 1980-Jahren Tendenzen im Verhalten der Geschlechter untereinander aufgezeigt, deren Aktualitätsgehalt Thema der nachfolgenden Zeilen sein soll.

Zunächst beschreibt er die heute wohl weiter denn je fortgeschrittene emotionale Abhängigkeit des nach außen hin starken, innerlich jedoch verletzlichen Mannes an seinen Partner mit den folgenden Worten: „Männer entwickeln eine beachtliche Fähigkeit, die sich zusammenbrauenden Konflikte nicht zur Kenntnis zu nehmen. Im gleichen Maße werden sie verletzbar durch dosierten oder endgültigen Entzug des in ihrem Partnerschaftsverständnis enthaltenden emotionalen Austauschs.“

Eine Tendenz, die sich bis heute verstärkt hat – so wird heute oft vom „verletzten/verletzbaren Mann“ gesprochen: Männer töten sich drei Mal so oft wie Frauen und neigen dazu, ihre Depressionen und ihr Leid in Alkohol und Gewalt zu kanalisieren – Anzeichen dafür, dass Männer schlechter dabei abschneiden, mit ihren Gefühlen und ihrem Leid umzugehen.

Durch die Änderung des Frauenbildes und des Selbstverständnisses der Frau als unabhängiges Wesen, individualisiert und nicht zwangsläufig Familienmensch, musste sich zwangsläufig auch das Selbstverständnis des Mannes ändern – baute es doch lange Zeit gerade auf der Abhängigkeit der Frau von ihm auf. Durch diesen Wandel, der dieser Tage weiter fortgeschritten denn je ist, findet sich der Mann in der Tat in einer Zwickmühle wieder – seiner Rolle als starker, oftmals einziger Ernährer der Familie beraubt, finden sich viele Männer ihrer Identität entledigt oder haben eine solche erst gar nicht aufgebaut (vor allem jüngere Jahrgänge). Die neue Rolle des Mannes ist ebenso wenig wie die der Frau definiert. Doch während Frauen zumindest wissen, dass sie aus überkommenen Geschlechterrollen oftmals ausbrechen wollen, ist es für Männer vergleichsweise schwieriger, die neue Situation einzuordnen. Denn Frauen haben in den letzten Jahrzehnten dieselben Vorteile wie etwa eine Oppositionspartei in der Politik – sie wissen, was sie nicht (mehr) wollen und das reicht vorerst um ein Selbstbild zu schaffen. Die Frage nach dem Zustand in der Post-Abhängigkeit vom Manne wird uneinheitlich, eben individualisiert, beantwortet. Manche machen Karriere und fühlen sich auf dem Höhepunkt selbiger nicht erfüllt. Oftmals bekommen Sie dann zu hören, sie seien emotional kalt, haben ihre Familie geopfert oder im Stich gelassen oder gar, dass sie „einfach keinen Mann abbekommen“ hätten. Karrierefrauen erscheinen insofern oftmals nicht als Vorbild, sondern werden zu abschreckenden Beispielen stilisiert.

Doch auch Frauen, die Familien gründen, beziehungsweise ihre beruflichen Ansprüche dieser anpassen, ernten viel Kritik. Sie seien gefangen in althergebrachten, überkommenen Mustern. Würden von ihren Männern genötigt, die Pflege der Familie zu übernehmen und insofern unterdrückt. Wie Frau es macht, sie macht es wohl in den Augen sehr vieler falsch.

Doch dies soll nicht davon ablenken, dass sie immer noch den Vorteil haben zu wissen, was sie nicht wollen – nämlich zurück in die Zeit, in der die Frau bloßer Zusatz zu ihrem Mann war. In Anbetracht dieser Zeit lassen viele Frauen die uneinheitliche Kritik an jeder Lebensweise, die sie wählen gerne über sich ergehen.

Doch was ist mit dem Mann? Der Mann scheint orientierungs- und perspektivlos. Noch nicht daran gewöhnt, einen gleichberechtigten Partner zu haben, der unabhängig von ihm ist, weiß er ebenso wenig wie die Frau, wohin die Reise geht. Doch im Gegensatz zu ihr blickt er oftmals – wenn auch verstohlen – mit Wehmut zurück in die Zeit, als seine Rolle als „Ernährer“ als natürliche galt. Er sagt sich nicht, „egal, was kommt, Hauptsache nicht zurück“, sondern ist nach wie vor dabei, sich neu zu definieren, mit dem Nachteil, kein abschreckendes Negativ-Beispiel aus der Geschichte zu haben, das er überwinden will. Der Prozentsatz der Männer, die wirklich froh sind über das neue Selbstbewusstsein der Frau, dürfte auf die Gesamtbevölkerung bezogen bei näherer Betrachtung gering sein. Gewiss, öffentlich wünscht sich kaum ein Mann zurück – aber es scheint ein unausgesprochener Geist der Wehmut vorzuherrschen.

Dies jedoch nicht, weil sämtliche Männer frauenverachtende Chauvinisten wären, sondern vielmehr, weil es ihnen an Orientierung fehlt. Es gibt kein neues männliches Rollen- oder Idealbild, das allgemein akzeptiert wäre. Männer sind hin- und hergerissen zwischen Wesen, die sich als stark und belastbar zeigen auf der einen und Wesen, die Gefühle und Emotionen zeigen, zu diesen stehen, auf der anderen. Junge Männer von heute stehen zwischen den Fronten einer Generation, die ausstirbt und einer neuen Generation, die nicht weiß, was sie will und wer sie ist. So ist es nach wie vor so, dass Männer andere Strategien bei der Bewältigung ihrer Konflikte wählen als Frauen – sie gehen seltener zum Psychotherapeuten, weil das einer Urkunde über eigene Schwäche gleichkäme. Ebensowenig sprechen sie mit ihren Freunden, und wenn, dann sind sie dabei nicht ganz ehrlich. Zu groß die potentielle Schmach, doch Schwäche zu zeigen. So ist es heute nach wie vor so, dass Männer sich von ihren Frauen emotional abhängig machen, wie Ulrich Beck es so treffend formuliert hat.

Sie öffnen sich ihnen, sprechen mit diesen über ihre Gefühle, Ängste und Zweifel. Doch während Frauen verschiedene Gesprächspartner haben, ein Netz aus Menschen aufbauen, denen sie sich anvertrauen können, begeben Männer sich bis heute in die emotionale Abhängigkeit eines einzigen Menschen – ihrer Partnerin. Insofern verlieren sie heute, in einer Welt weiblicher Unabhängigkeit, bei Scheidungen und Beziehungsenden mehr als ihre Frauen; denn Frauen verlieren nicht mehr ihre finanzielle Absicherung und auch nicht ihren einzigen emotionalen Bezugspunkt, sondern einen – wenn auch enorm wichtigen – unter mehreren. Männer dagegen verlieren, so sie keinen „weiblichen Ansatz“ gewählt haben (also mehrere enge emotionale Bande geknüpft haben), ungleich mehr – im Grunde genommen alles, was sie an emotionalem Halt hatten. „Ältere Männer, die lebenslang gewohnt waren, Konflikte heldenhaft zu lösen, können unvermeidbare Kränkungen und Verluste kaum verarbeiten“, sagt Teising von der Fachhochschule Frankfurt. So sehen viele Männer die suizidale Flucht als einzige Möglichkeit, die Situation zu beherrschen“ sagt Teising als Erklärung, wieso Männer im höheren Alter stärker dazu neigen, sich umzubringen.

Denn Männer liefern sich durch die emotionale Abhängigkeit ihren Frauen, wenn auch für beide unbewusst, aus, begeben sich in eine Position der Schwäche und nicht der Gleichberechtigung. Man kann somit sagen, dass die Gleichberechtigung der Frau, gepaart mit ihrer finanziellen Unabhängigkeit, das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern in Beziehungen ausgehebelt hat – es liegt am Mann, dieses wiederherzustellen, indem er akzeptiert, dass emotionaler Austausch zwar höchstpersönlich ist und sein sollte, jedoch nicht zwangsläufig das Exklusivrecht seiner Partnerin zu sein hat, beziehungsweise sein sollte. Ebenso, indem Gefühle, Emotionen und Ängste nicht mehr als verpönt oder dezidiert weibliche Angelegenheit gelten, wo sie dies doch nie waren.

Insofern muss – als konsequenter nächster Schritt – der finanziellen Unabhängigkeit der Frau die emotionale Unabhängigkeit des Mannes folgen, wenn Paare eine gleichberechtigte Beziehung zu beiderlei Nutzen führen wollen.

Internet

http://www.welt.de/wissenschaft/article1202453/Maenner_fuehren_beim_Phaenomen_Selbstmord.html

http://www.amazon.de/Risikogesellschaft-Auf-eine-andere-Moderne/dp/3518113658/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1274371729&sr=8-1

25. Mai 2010

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