Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Banken, Zinsen und Pleiten: Einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche fassen

von Gérard Bökenkamp

Keine Kredite ohne Risiko

Die Kritiker des Zinssystems weisen oft daraufhin, dass selbst kleine Zinslasten langfristig zu absurd hoher Verschuldung führen und leiten daraus ab, dass das gesamte Zinssystem an sich nicht tragfähig sei. Dahinter verbirgt sich jedoch eine unklare Vorstellung vom Kreditsystem. Schulden werden als etwas Absolutes angesehen und Gläubiger grundsätzlich in der stärkeren Position gegenüber den Schuldnern. Diese Sichtweise führt aber in die Irre, und so plausibel das Argument von den explodierenden Zinslasten auch zu sein scheint, an der historischen Praxis geht das Argument vorbei. Es ist im Grunde ganz einfach: Zu keiner Zeit wurden und werden alle Schulden in voller Höhe zurückbezahlt. Punkt. Es ist ganz normal, dass ein bestimmter Anteil von Krediten platzt und ein bestimmter Anteil abgeschrieben werden muss.

Ein Kredit ist eine Spekulation, genauso wie der Erwerb einer Aktie eine Spekulation ist. Der Gläubiger spekuliert darauf, dass der Schuldner in Zukunft nicht nur in der Lage und willens sein wird, seinen Kredit zurückzuzahlen, sondern auch darauf, dass dieser in der Lage und willens sein wird, den fälligen Zins zu bedienen. Es liegt auf der Hand, dass es immer  Menschen, Unternehmen und erst recht Staaten geben wird, die ihre Schuld nicht begleichen können oder wollen. So ist das Leben. Sowenig wie jeder ein Filmstar werden kann, sowenig besitzt jeder die Begabung und das Fortune, ein erfolgreicher Unternehmer zu sein. Da jeder Mensch scheitern und nicht jedes Projekt auf der Welt von Erfolg gekrönt sein kann, wird immer nur ein Teil der Zinslast auch wirklich bedient und wird immer nur ein Teil der vergebenen Kredite wirklich in voller Höhe zurückbezahlt.

Und sowenig wie ein Unternehmer in die Zukunft sehen kann, sowenig kann es ein Bankier. Der Bankier prüft das Projekt des Unternehmers, und wenn dieser wie jener zu dem Ergebnis kommt, dass es ein erfolgversprechendes Projekt ist, aus dessen Gewinnen der Zins bezahlt und die Schuld getilgt werden kann, wird er ihm die entsprechende Summe zur Verfügung stellen. Wenn das Projekt aber scheitert und nicht den erwarteten Gewinn abwirft – was nun einmal mit vielen Projekten in der Welt passiert – dann ist sowohl der Unternehmer als auch sein Bankier in keiner guten Lage. Der Kreditgeber trägt sein Risiko, von diesem Risiko wird ihn kein schriftlich fixierter Anspruch je befreien. Allein schon der Umstand, dass der Zins sich nach dem angenommenen Risiko bemisst, zeigt, dass die Möglichkeit des Scheiterns immer einkalkuliert wird.

Denn einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche fassen. Wenn der Kreditnehmer zahlungsunfähig ist, kann der Kreditgeber noch so sehr auf seinem Recht beharren: Im Endeffekt hat er einfach Pech gehabt. Wenn der Kreditnehmer sich auf seine Hände setzt und gar nichts tut, dann ist das Geld mit großer Wahrscheinlichkeit für immer verschwunden. Also lohnt es sich für den Kreditgeber, einen Deal auszuhandeln: Zinsen werden gestundet, Teile der Schuld werden erlassen unter der Bedingung, dass sich der Schuldner wenigstens bemüht, diesen Teil der Abmachung zu erfüllen. Das Geschäft der Kreditvergabe ist also eine Risikoeinschätzung der Zuverlässigkeit des Schuldners. Der Erfolg eines Bankiers hängt von dieser Risikoeinschätzung ab.

Ein guter Bankier kennt deshalb seine Schuldner. Er hat eine fundierte Analyse darüber, was sie wahrscheinlich leisten können, und er kann einschätzen, ob sie verlässlich sind. Von John D. Rockefeller ist bekannt, dass er es einfach hatte, Startkapital zu erhalten, weil er in seiner Gemeinde als streng gläubiger, sparsamer und arbeitswütiger Mann galt. Von ihm glaubte niemand, dass er das Geld vertrinken oder sich über Nacht aus dem Staub machen würde. Einem stadtbekannten Trunkenbold hätte man keine Kredite gewährt. Ein Bankier, der dem Dorftrunkenbold einen großen Kredit gewährt, damit dieser die örtliche Gastwirtschaft ankurbelt, dieser Bankier muss eben damit leben, dass der Tag kommen wird, an dem der Dorftrunkenbold ihm seine leeren Taschen zeigt. Wenn der Schuldner scheitert, dann scheitert auch der Gläubiger. Beide haben mit Zitronen gehandelt, und keiner von beiden geht als Sieger aus dem Ring.

In einem Western aus den fünfziger Jahren schildert der Inhaber des örtlichen Bankhauses die Gründe für seinen Erfolg: Als ein Farmer bei ihm einen Kredit anfragte, begab er sich selbst zur Farm und begutachtete die als Sicherheit angebotene Kuh und ließ den Farmer diese vor seinen Augen melken, um selbst zu beurteilen, ob sie die behauptete Menge Milch pro Tag liefern würde und das Tier tatsächlich die veranschlagte Summe wert ist. In dieser kleinen filmischen Episode zeigt sich sehr schön, was traditionell das Kerngeschäft einer Bank ist: Ihre Schuldner und deren Geschäft zu kennen, am besten noch besser als der Schuldner selbst. Das war das Geheimnis des deutschen Aufstiegs zur Wirtschaftsmacht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Banken gingen mit der Industrie ein fast symbiotisches Verhältnis ein, sie kanalisierten die Ersparnisse, bauten eine enorme Expertise in den einzelnen Wirtschaftsbranchen auf, wirkten direkt bei Investitionsentscheidungen mit und halfen diese zu finanzieren.

Das Hauptproblem des heutigen Finanzwesens ist, dass Teile des Bankensektors offensichtlich ihr Kerngeschäft verlernt haben. Durch das aktuelle Geldsystem ist die Rolle der Banken obskur geworden, aus den Mittlern zwischen den Sparern und den Unternehmern wurden die Mittler zwischen den Zentralbanken und der Volkswirtschaft mit der Aufgabe, gedrucktes Geld ins System zu pumpen und mit dem Geschäftsmodell bei diesem Pumpvorgang möglich viel auf die eigenen Mühlen zu leiten. Dabei hat die zentrale Fähigkeit einer Bank, Informationen über die potentiellen Schuldner und ihre Projekte zusammenzutragen und die Branche, in der sie Geld verleihen, aus dem FF zu kennen, offenbar schwer gelitten.

Banken, die ihre Schuldner nicht kennen, sind – soweit sie nicht vom Staat herausgehauen werden – fast zwangsläufig zur Pleite verurteilt. Denn es wird immer weit mehr Menschen in der Welt geben, die bereit sind Geld zu nehmen, als es Menschen gibt, die bereit und in der Lage sind, es auch zurückzuzahlen. Statt an die potentiellen Rockefellers verleiht die Bank, die sich aufs Hörensagen verlässt, dann zwangsläufig das Geld an die „Trunkenbolde“. Eine Bank, die auf externe Ratings vertraut, und die nicht mehr weiß, wem sie was für welche Sicherheit leiht, hat ihre Kernkompetenz abgegeben und damit im Grunde ihre Daseinsberechtigung in einem freien Marktsystem verloren – ebenso wie ein Elektriker, der nichts von Elektrik versteht, und wie ein Schneider, der nicht nähen kann.

02. Juni 2010

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