07. Juni 2010

Nach dem Bankrott Das Endspiel in Babylon

Reise in das bleiche Herz der Finsternis

Angesichts der Lage der Staatshaushalte in Europa und Amerika kommen mir die folgenden Sätze von Thomas Carlyle in den Sinn, die ich seinem, immer noch aktuellen, Werk von 1837 „Die Französische Revolution“ entnehme, in denen er die Lage des Königreichs vor der Revolution zusammenfasst:

„Umgibt uns die schwarze Nacht der Blindheit oder der Finsternis? Brechen wir denn unter den finsteren Schrecken des Nationalbankrotts zusammen?
Groß ist der Bankrott, er ist der große bodenlose Schlund, in dem alle Unwahrheiten, die öffentlichen und die privaten, versinken und verschwinden, wozu sie alle von Uranfang an verurteilt waren; denn die Natur ist wahr und keine Lüge. Du kannst dir weder in Worten noch durch Taten eine Lüge zu Schulden kommen lassen, ohne dass sie nach kürzerem oder längerem Umlauf wie ein Wechsel, der auf die Wirklichkeit gezogen war, zur Zahlung präsentiert, aber mit der Antwort: Nicht akzeptiert, zurückgewiesen wird.“

Ich möchte keineswegs andeuten, das uns nach dem Bankrott der westlichen Wohlfahrtsstaaten des 21. Jahrhunderts so etwas wie eine neue Revolution erwartet. Das braucht es nicht. Ist doch dieser unser Bankrott im wesentlichen das Ergebnis von Geisteshaltungen, welche im Verlauf der französischen Revolution zum ersten Mal die Machtfrage stellten und die sich im Westen in den verschiedensten Formen institutionalisiert haben und nun den öffentlichen Raum fast vollständig bestimmen und beherrschen. Das Grundcharakteristikum dieser Geisteshaltungen hat Eric Voegelin als „pneumapathologisch“ definiert, als eine Verirrung des Geistes, hier Realitätsleugnung und Wirklichkeitsverweigerung zu Gunsten einer Utopie, welche nicht funktionieren kann, weil sie die Schaffung eines „neuen Menschen“ zur Vorraussetzung hat, den aber weder der Gulag noch Gender Mainstreaming produzieren können. Alles was dabei herauskommt, sind deformierte Menschen.

Wir befinden uns mitten in einer permanenten Revolution des progressiven Gutmenschentums, der das Geld ausgeht. Nun müssen sich bald der in die Sozialsysteme ausgewanderte Migrant und sein liebster Freund, der Antifant, um die Staatsknete balgen. Und nicht nur die. Mögen sie alle auch schreien, der Kapitalismus wäre schuld. Selbst Sarah Wagenknecht weiß tief in ihrem Herzen, dass sie ihre Hummer nur weiter essen kann, wenn der kapitalistische Hilfsmotor läuft, der diesen ganzen Irrsinn finanziert.

Da der Wohlstandspuffer wegbricht, verwandelt sich die multikulturelle Idylle um so schneller in jene Hölle, die wir Babylon oder auch Ninive nennen können. In einen Moloch, eine Monstrosität von endloser Stadt, in der die Polizei eine Bande unter vielen ist, in der eine Unendlichkeit von Identitäten, deren Gemeinsamkeit die Kaputtheit ist, nicht miteinander sondern nebeneinander und gegeneinander existieren. In diesem Pandämonium, dieser unendlichen, chaotischen Metropole zerplatzt der gnostische Traum der Immanentisierung des Eschatons, der Verwirklichung des Reich Gottes auf Erden.

Diese Entwicklung beinhaltet Möglichkeiten. Neben den Megastädten des Alptraumes gibt es viel Platz. Der kapitalistische Hilfsmotor stellt uns darüber hinaus Technologien zur Verfügung, um widerstandsfähige Gemeinschaften aufzubauen, welche Energie-Unabhängigkeit und Ernährungssicherheit in einer blühenden lokalen Wirtschaft garantieren und die sich effektiv verteidigen können. Dahin ist es noch ein langer Weg, und neben der Technologie ist ein ordnungspolitischer Ansatz notwendig, den ich als Schlusspunkt mit einem Zitat von Leo Strauss skizzieren möchte:

„Der Mensch kann seine Vollkommenheit nur in einer Gesellschaft, genauer gesagt, in einer Zivilgesellschaft, erreichen. Eine Zivilgesellschaft, oder Stadt, wie die Klassiker sie gedacht hatten, ist eine geschlossene Gesellschaft, was heute als eine `kleine Gesellschaft (small society)´ bezeichnet werden würde. ... Eine solche Gesellschaft muss durch gegenseitiges Vertrauen zusammengehalten werden, und Vertrauen setzt Bekanntschaft voraus. Ohne ein solches Vertrauen, dachten die Klassiker, kann es keine Freiheit geben; die Alternative zu dieser Stadt, oder einer Vereinigung von Städten, war das despotisch regierte Reich ... oder ein Zustand, der sich der Anarchie nähert.“

Babylon ist übrigens keine schlechte Metapher für Südafrika. Und auf die Spiele dort ab nächster Woche und vor allem auf das was darum herum geschieht, können wir sehr gespannt sein.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Thomas Fink

Über Thomas Fink

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige