17. Juni 2010

Sichere Rente Die erzwungene Wanderschaft ins kalte Wasser

Die Geschichte von Billy Six, der auszog, den Bürokratismus zu bekämpfen

Der Gedanke an eine Portion Pommes, eine Tafel Schokolade oder ein Salamibrötchen ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Aber Billy Six blieb standhaft. Er hungerte und hungerte und hungerte.

Und lief und lief und lief. Der 23-jährige Vermögensberater aus Neuenhagen bei Berlin ist im Mai einmal durch ganz Deutschland gelaufen. Angefangen in Flensburg an der dänischen Grenze über Hamburg, Hannover, Frankfurt, Heidelberg bis nach Konstanz. Insgesamt hat er 1010 Kilometer zurückgelegt. Als er am Bodensee ankam, in den er auch gleich noch hineingesprungen ist, hatte er ein Viertel seines Körpergewichts verloren und wog nur noch 46 Kilo – bei 1,71 Meter Körpergröße. Klingt wie die Geschichte von dem Opa, der aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrt ist, und die jeder in seinem Verwandten- oder Bekanntenkreis schon mal gehört hat.

Billy Six war aber weder in Sibirien, noch hat er eine Hape-Kerkeling-mäßige Jakobsweg-Selbsterfahrung gesucht, sondern er hat demonstriert. Sein Fastenmarsch – inspiriert von einem Hamburger Abenteurer aus den 80ern – war ein Protestzug gegen den deutschen Zwangsbeglückungssozialismus, in Form der Deutschen Rentenversicherung Bund, einer der größten legalen Betrugsorganisationen unseres Landes.

Billy Six ist Vermögensberater. Er und seine Kollegen werden drangsaliert und gezwungen, Rentenversicherungsbeiträge zu zahlen – und das, obwohl Vermögensberater noch besser als jeder andere wissen, dass das Umlagesystem der Rente am Ende ist. Vielleicht ist der Widerstand deswegen bei den Vermögensberatern so groß, dass Leute wie Billy Six zum Hungerstreik greifen.

Für und Wider des deutschen Rentenversicherungssystems müssen nicht lange debattiert werden. Aus Sicht der Alten ist es zwar nicht die perfekte Welt. Aber sie haben ihr Leben lang eingezahlt, sie kriegen jetzt ihre Rente. Für sie ist alles mehr oder weniger schön. Für die Jungen ist das Rentensystem Ausplünderung. Sie zahlen wahnsinnig viel ein, werden aber nichts herauskriegen, weil niemand mehr für sie die Renten zahlt. Das ist eine Tatsache, die jeder, der bis drei zählen kann, weiß. Nur ideologische Verblendung kann einem die Einsicht in diese simplen Zusammenhänge versperren. So etwas ist nicht neu. Es gab 1945 auch Leute in Ostpreußen, die sagten, es wird schon nicht so schlimm sein, wenn die Russen kommen und die dann nie wieder gesehen wurden.

Billy Six jedenfalls gehört zur wachsenden Zahl der Unter-50-Jährigen, die sehr unzufrieden mit diesem System sind. „Der deutsche Staat zockt seine Bürger ab und entmündigt sie“, klagt er. Außerdem ärgert er sich über die Zwangsmitgliedschaft in der IHK, die ja ähnlichen Mustern wie die DRV folgt. Und: „Mich empört es auch, welche Art und Weise unseriöse Abmahnanwälte im Verbund mit Juristen, die nicht mehr die Sprache des Volkes sprechen, ihre Mitmenschen zur Verzweiflung treiben können. Überhaupt enttäuscht mich die gesamte Arroganz von Ämtern und Behörden gegenüber jenen Menschen, die sie finanzieren: den Bürgern unseres Landes, vor allem dem deutschen Mittelstand.“ Seine Botschaft lautet daher: „Abspecken, aber bitteschön den Bürokratismus!“ Er selbst ernährt sich inzwischen nach eigenen Angaben wieder ordentlich, sieht aber sehr stark abgemagert aus.

Das war sicherlich die spektakulärste, wenn auch nicht erste Aktion von Billy Six. Der Brandenburger hatte vor einigen Jahren heftigen Streit in seiner Partei, der CDU. Die Union besteht in seinem Bundesland vor allem aus alten Seilschaften. Da haben sich haarsträubende Dinge abgespielt. Billy Six hat sich damals für die Erneuerung stark gemacht. Als er auf Granit biss, gründete er kurzerhand seine eigene Wählervereinigung und wurde bei der nächsten Kommunalwahl prompt in den Stadtrat von Neuenhagen gewählt.

Seine Leidenschaft ist aber nicht die Politik, sondern Afrika. Dahin ist er bereits mehrfach zu seinen persönlichen afrikanischen Spielen aufgebrochen. Six ist mit einem Schiff auf dem Nil gefahren, ist auf Eseln durch den Sudan geritten, hat Nomaden in Kenia begleitet, hat UN-Einsätze im Kongo beobachtet, hat in Namibia Leoparden gejagt und in Südafrika Gold geschürft. Andere überlegen mit 23, ob sie von Biologie nicht doch zu Erziehungswissenschaften wechseln – oder ob sie statt einer Playstation lieber eine Wii kaufen sollten.

Billy Six ist eine unglaubliche Ein-Mann-PR-Maschine, aber ohne jegliche Starallüren oder Geltungsdrang. Den meisten Politikern in Deutschland, die sich wegen irgendetwas zu Wort melden, denken zu 90 Prozent an sich und ihr eigenes Fortkommen und zu 10 Prozent an die Sache. Höchstens. (Aus Gründen, die ich nicht kenne, drängt sich beim Schreiben dieser Zeilen das Bild von Karl Lauterbach vor mein inneres Auge – er will einfach nicht mehr verschwinden.)

Billy Six ist anders. Wenn er seinen Fastenmarsch für einen Vergewaltiger in einer Todeszelle in Texas oder für einen von Abschiebung bedrohten Asylanten gemacht hätte, dann hätten ihn bei seinem Forrest-Gump-mäßigen Protestmarsch bestimmt alle Fernseh- und Radiostationen begleitet. Als Gegner des Sozialstaats wird seine Demonstration aber von den Zeitgeistmedien totgeschwiegen. Umso mehr verdient er unseren Respekt!

Quellen:

Mehr unter: www.billys-reisen.de


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