Lion Edler

Lion Edler, Jahrgang 1987, studiert in Berlin und arbeitet nebenher als freier Journalist.

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Schulpflicht: Wer hirnwäscht am meisten?

von Lion Edler

Realität und Realitätswahrnehmung in der Schulbürokratie

Die Schule sei ,,eine Welt in einer Welt", mit Ansprüchen und Zielen fern jeglicher üblicher Kategorien, hörte ich einmal einen grünen Kommunalpolitiker aus meiner Umgebung sagen. Dass es diese ,,Welt in einer Welt" ist, die es in keiner anderen Branche gibt, führt dazu, dass in der Gesellschaft überhaupt keine Vorstellungskraft und keine Begriffe für das existieren, was Tausende Schüler allein in Deutschland tagtäglich für ein Grauen erleben müssen, aus dem es keinen Ausweg gibt. Auch jeder Lehrer weiß grundsätzlich nichts und wieder nichts über seine Schule, weil er nicht die geringste Ahnung hat, was unzählige Schüler erleiden müssen, denn er steht auf der anderen Seite der Welt.

Versuchen wir deshalb zunächst überhaupt erst einmal, uns auch nur annähernd die Grundvoraussetzungen vor Augen zu halten, die das Grauendasein des Schülers fundamental von jedem Beruf unterscheiden. Da wäre die skandalöse, aber erstaunlicherweise kaum Empörung hervorrufende Tatsache, dass der Schüler schon mit einem Alter von zumeist sechs oder sieben Jahren den Eltern entrissen und auf staatlichen Befehl hin für mindestens 10 Jahre in eine Irrenanstalt eingesperrt wird, die als ,,Schule" betitelt wird. Bei Missachtung drohen den Eltern Gefängnisstrafen.

Nicht zu vergessen bei allzu zähem Widersetzen gegen die Staatsmacht auch die medialen und politischen Verleumdungen und Diffamierungen, wie etwa im Falle der Familie Romeike, die wegen der staatlichen Schulpflicht aus der BRD in die USA flüchtete. Ein US-Gericht attestierte ihr eine „gut begründete Furcht vor Verfolgung", weshalb die USA, die sich nicht selten beunruhigt über die Entwicklung von Rechtsstaat und bürgerlicher Freiheit in der BRD zeigen, der Familie Asyl gaben. Dieser staatlich befohlene Schulzwang ist auch ein entscheidender Unterschied zwischen der Zeit des angeblichen ,,Ernsts des Lebens" und der Schulzeit. Während der Erwachsene bei Unbehagen über seinen Arbeitgeber problemlos kündigen und sich einen neuen Job suchen kann (denn davon gibt es wahrlich zur Genüge), ist der Schüler den Machenschaften und der Willkür der Lehrerkaste wehrlos und aussichtslos ausgeliefert. Diese Wehrlosigkeit und die Daumenschraube des Noten-Erpressungsmittels (bist du nicht folgsam, gehen deine Noten in den Keller und wird dein Schulabschluss versaut, und du wirst allenfalls als Kloputze oder Hartz-IV-Empfänger enden) sind in Wahrheit die beiden Hauptgründe dafür, warum die Schule jene ,,Welt in einer Welt" ist.

Denn aufgrund dieser beiden Faktoren verfügen die Funktionäre dieser ,,Welt in einer Welt" über eine gesellschaftliche Quasi-Unangreifbarkeit und verfolgen jeden Kritiker als Ketzer, der ,,alle Lehrer über einen Kamm schert", nur ,,Einzelfälle" aufbauscht oder gar ,,Hetze" betreibt. Die Buch-Autorin Lotte Kühn etwa wurde nach Veröffentlichung des ,,Lehrerhasserbuch" von einem Berliner Schulleiter angezeigt, obwohl dieser das Buch zu diesem Zeitpunkt noch nicht gelesen hatte – er störte sich allein am Titel. Im Laufe der Zeit hat sich in dieser Lehrerkaste ein Ausmaß an gottgleicher Selbstgerechtigkeit, Arroganz und hohepriesterlichem Habitus angesammelt, das sprachlos macht. Die Einschüchterung und tiefgreifende Konditionierung aller außerschulischen Kräfte geht so weit, dass selbst erwachsene Menschen sich bei Elternabenden nicht trauen, Lehrer zu kritisieren, weil sie noch durch ihre Erinnerungen an ihre eigene Kindheit verängstigt und zu Duckmäusern konditioniert sind. Daher wird sich freilich auch von der Schulmafia mit Händen und Füßen gegen die Abschaffung der Schulpflicht gewehrt. ,,Homeschooling" wird als Horrorszenario einer in Chaos und Anarchie versinkenden und durch Sekten und Extremisten terrorisierten Gesellschaft an die Wand gemalt. Dass der deutsche Schulzwang ein Relikt des 1938 von den Nationalsozialisten beschlossenen ,,Reichsschulpflichtgesetz" ist, daran stört sich hierbei niemand.


Auch Privatschulen sind als eine die Allmacht des staatlichen Schulkartells in Frage stellenden Faktors natürlich schreckliches Teufelszeug und werden daher mit allen Mitteln politisch schikaniert. Wie die ,,Welt" im März 2007 berichtete, werden Privatschulen auch finanziell vom Staat benachteiligt. Voll auf sozialistische Neidreflexe setzend, werden die Privatschulen von der politisch-medialen Klasse stereotyp als eine Einrichtung dargestellt, die ja nur den ,,reichen Eltern" (die ideologischen Vorgänger der Anti-Privatschul-Politik hätten vor 1989 gesagt: ,,Bourgeoisie") dient, die nur vom Feindbild der sozial grausamen ,,Neoliberalen" (vor 1989: ,,Imperialisten" respektive ,,Faschisten") gefordert werden. Eine Lehrerin an der Schule meines Bruders zeigte unmissverständlich das dahinterstehende Denken, als sie meinte, sie würde ja nie an einer Privatschule unterrichten, denn dort sei man ja ,,wie eine Prostituierte, man muss machen, was die Eltern wollen." In eigentlich schier unfassbarer Weise zeigt dieser Spruch genau jenes typische hohepriesterliche Selbstverständnis der Lehrerkaste. Vermutlich hält diese Dame auch alle nicht-verbeamteten und nicht im Staatsapparat beschäftigten Menschen für entwürdigte Prostituierte, die erst durch den Kommunismus von ihrer elenden Lage befreit werden können.


Die Unantastbarkeit der Lehrer und das weitgehende Ausbleiben von Kritik an Ihnen durch Schüler führt dazu, dass die Verhältnisse sich stetig noch weiter vergrausamen, weil schlicht das „Feedback“ fehlt. Lehrer können zudem infolgedessen mit den seltenen Fällen von Kritik gar nicht mehr umgehen. Es wird sich in einen Wahn hineingesteigert, der die geringste Kritik sofort als Verschwörung einer lehrerfeindlichen Gesellschaft gegen die geknechteten und entrechteten Pädagogen betrachtet. Es ist gerade in totalitären Systemen ein wiederkehrendes Phänomen, dass die Totalitaristen eine Paranoia entwickeln, bei der sie sich von einer Gruppierung verfolgt fühlen, die in Wahrheit umgekehrt von den Totalitaristen selbst ständig bedrängt und bekämpft wird. Ein Beispiel dafür war etwa die „taz“, die von ,,konservativem Gesinnungsterror" sprach, weil „FAZ“ und „BILD“ den Feuilleton-Chef der ,,Zeit", Jens Jessen, kritisierten. Jessen hatte nach einem brutalen Überfall auf einen Rentner in einer Münchner U-Bahn darüber philosophiert, welchen Anteil die Zumutungen des ,,deutschen Spießers" an der Tat hatten. Die „taz“ spricht von ,,konservativem Gesinnungsterror" in einem Land, wo man bereits ein ,,Rechtspopulist" ist, wenn man dafür ist, dass Verbrecher ins Gefängnis sollen und Arbeitende mehr Geld haben sollen als Arbeitslose – und die „taz“ hat erheblichen Anteil an dieser Situation.


In ähnlicher Weise fühlten sich auch die SED-Medien von westlichen antikommunistischen Meinungsmachern verfolgt, obwohl in Wirklichkeit die politischen Verhältnisse im Westen durch die Ost-Medien umgekrempelt wurden und nicht umgekehrt. Während Politik und Medien im Westen von SDS bis CSU und von „taz“ bis „FAZ“ den Begriff ,,Antikommunismus" zum Schimpfwort und die deutsche Einheit zum Unwort machten, trieb die SED mit ihrer Propaganda vom ,,KZ-Baumeister Lübke" das Bürgertum im Westen vor sich her. Dennoch witterte die vierte Gewalt in der ,,DDR" überall nur bösartige antikommunistische Propaganda, wie der Protagonist Johannes Schönbach in Michael Klonovskys Roman ,,Land der Wunder" erkennt: ,,Parallel dazu entlarvten verdiente Leitartikler die Hetze der West-Medien gegen die Errungenschaften des Sozialismus. Dabei hetzten die West-Medien gar nicht, wie Schönbach fand; viele Medienvertreter schienen die DDR sogar mehr zu mögen als beispielsweise er selber, was daran liegen mochte, dass sie nicht in ihr lebten."


Exakt an diesen parallelweltlichen Realitätsverlust der Kommunisten erinnerte mich auch eine ehemalige Mathelehrerin von mir, die anlässlich der Diskussion über Deutschlands Versagen bei einem PISA-Test jammerte: ,,Es sind natürlich immer die Lehrer schuld!" Als ob man nicht mit allen Mitteln versucht hätte, die Schuld an der PISA-Pleite in allen möglichen Quellen zu sehen, vom lieben Gott über das angeblich wilhelminische Schulsystem bis hin zur Respektlosigkeit der bösen Schüler gegenüber den Lehrern, nur nicht naheliegenderweise bei denen, die das ganze Grauen de facto zu verantworten haben: den Paukern. Die Äußerung dieser Mathelehrerin spiegelt eben das alte Lied der Totalitaristen, ob in der Ära des Kommunismus oder in der des pathologischen BRD-Schulwahns: Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Sozialismus und Schule sind Bildung und Menschenwürde.

Oftmals haben es Lehrer schon gar nicht mehr nötig, ihren totalitären Ungeist noch zu verhehlen. Eine Lehrerin an meiner Schule meinte einmal zu einer Kritik einer Schülerin an einer Benotung und zu ihrer Forderung nach einer Verbesserung der Zensur, dies hätte sie sich ,,jetzt verbaut" durch ihre Bemerkungen. Als mein Bruder eine kritische Internetseite über seine Schule publizierte, beklagte sich die Schulleiterin darüber, dass er nicht der Sprecher der Schule sei und so etwas wie diese Internetseite daher nicht angehe. Unumwunden eröffnete sie ihm: ,,Ich kann auch dafür sorgen, dass deine Noten immer im Keller sind." Ein Klassenkamerad von mir bekam eine Strafarbeit aufgebrummt, weil er im Pädagogikunterricht gesagt hatte, Intuition könne nicht rational ablaufen. Auch mir gegenüber meinte eine Lehrerin unverblümt vor versammeltem Geschichtskurs nach meiner Kritik: ,,Ob du es akzeptieren willst, oder nicht, du bist mir rhetorisch einfach nicht gewachsen. Ich kann dich rhetorisch jederzeit an die Wand spielen."


Es herrschte im Klassenverband durch das Noten-Erpressungsmittel und auch durch befürchteten Psychoterror ein für Außenstehende unvorstellbar bedrückendes und demütigendes Klima der Angst und Einschüchterung, welches auch das geringste Aufmucken schon im Vorfeld unmöglich machte. Bedenklich ist dies nicht nur mit Blick auf die Schüler, sondern auch mit Blick auf die letzten Reste von Freiheit und Zivilität in unserer Gesellschaft. Die dafür verantwortlichen Leute sollen von mir aus die Verantwortung für ein Fließband oder für einen Aktenberg in irgendeinem Amt tragen, aber doch bitte nicht für die Kindheit von unschuldigen Menschen!

Die Gefahr für die Freiheit scheint die Schulmafia aber vor allem in der Abschaffung der Schulpflicht zu sehen. Dann, so wird nimmermüde das Schreckgespenst an die Wand gemalt, gewinnen Sekten und politische Extremisten die Oberhand. Nun vermeldeten aber beispielsweise die Medien im Juni 2007, dass laut eines Behördensprechers eine Hamburger Lehrerin, die Mitglied der NPD ist, nicht entlassen werden konnte. Erst nach der darauffolgenden Diskussion konnte ihr Ausschluss mit dem Argument ,,Störung des Schulfriedens" doch noch erfolgen. In einer Bremer Grundschule unterrichtet eine ehemalige RAF-Terroristin. In Berlin und Thüringen behielten bis 1999 nach einem Bericht der Berliner Zeitung etwa 80% der stasi-belasteten Lehrer ihren Job. Der Berichterstatter der zweiten Enquete-Kommission ,,Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit" des Bundestages befürchtete, dass an vielen Schulen ,,der alte Stil mit Erziehung zur Denunziation, mit drillähnlichen Veranstaltungen, mit Missachtung der christlich-abendländischen Tradition" weitergepflegt würde. Wer beherbergt denn also die Extremisten – die Familien oder dieser Staat, der Eltern ihre Kinder klaut, und dann noch nicht einmal in der Lage ist, für deren Sicherheit zu sorgen, geschweige denn für die Abwesenheit von Psychoterror, Angst und Demütigung?

Darum versuchen wir wenigstens für einen kurzen Augenblick, uns hineinzuversetzen in all die Tausende von Schülern, die jeden Tag den Dreck erleben müssen, der bei an die DDR erinnernden Orwell’schen Propagandaveranstaltungen als ,,Lebensraum Schule" verkauft wird. Versuchen wir kurz das unermüdlich wiederholte Geschwätz darüber auszublenden, wie gut es Kinder – und zumal Schüler – ja eigentlich hätten, und das erst danach im Erwachsenen-Lebensabschnitt der ,,Ernst des Lebens" begänne, über deren tatsächlichen Gehalt das tägliche Fernsehprogramm nun wahrlich zur Genüge Aufschluss gibt.

Nach etwa sechs Jahren zumeist relativ unbeschwertem Leben ist erst einmal mit der Einsperrung in die Anstalt alles aus. Für ein paar Wochen oder vielleicht Monate in der ersten Klasse kann noch durch mit großem Tamtam durchgeführte Einschulungs-Zeremonien die Illusion einer nun anbrechenden schönen und interessanten Zeit eingetrichtert werden. ,,Hurra, ich bin ein Schulkind, und nicht mehr klein!" - jeder kennt diese Schul-Lebenslüge in Liedform, die als Vaterunser der Schulreligion die Kleinsten schon von Anfang an verhöhnt und verkohlt. Nach kurzer Zeit merken die Ärmsten dann, dass Erwachsene nicht nur beim Thema Weihnachtsmann frech lügen. Ebenso wie kurz nach der Oktoberrevolution und nach dem Regierungsantritt der Nazis ist die Freude über die Glücksverheißung nur kurz. Spätestens in der zweiten Klasse denken die meisten, auch wenn sie es nicht so offen sagen oder es sich noch nicht eingestehen wollen: ,,Oh mein Gott, und diesen Dreck noch etwa 10 Jahre!"

Etwa zehn Jahre also Stumpfsinn und militärischer Drill, eingesperrt und gegängelt mit nervtötenden kleinkariertesten Vorschriften. Diese Vorschriften mögen sich auf den ersten Blick nicht grausam anhören, doch auf die Dauer können sie für Freiraum liebende Schüler vor allem aufgrund der in diesem Artikel später noch erläuterten extrem ungünstigen Begleitumstände wie eine ätzende Säure zermürben und krank machen. Zumal der Schüler sich immer wieder nach dem Sinn solcher Vorschriften fragt: ,,Warum nur, warum?". Es fängt an mit dem Aufenthaltsort: man muss sich in der Pause auf dem Schulhof aufhalten. An meiner Schule gingen ständig Suchtrupps von Lehrern durch die Klassenzimmer, um zu stöbern, ob sich nicht irgendwo noch ein Schüler dem Schulhof zu entziehen suchte – was manche schlicht taten, um den Demütigungen und dem körperlichem Terror durch Mitschüler zu entgehen. Zumal bei letzterem die Lehrer ja weder in der Lage noch willens waren, dem Einhalt zu gebieten, obwohl die Schüler in diese Einrichtungen zwangsweise einquartiert werden.

Weiterhin wäre da das Elend des ,,Vorklingelns", mit dem die Schüler schon einige Minuten vor Ende der ,,Pausen" in die Klassenräume komplimentiert werden. Sobald es dann zur Stunde klingelt, darf in der Regel weder gegessen noch getrunken werden, Toiletten-Gänge müssen angekündigt werden (,,Wir sind hier nicht in einer Uni oder in einer U-Bahn", wie ein Geschichtslehrer einen ehemaligen Mitschüler von mir belehrte, weil dieser gegen die Vorschrift verstieß). Zuweilen bis zu neun mal täglich muss dann 45 Minuten lang häufig einem Vortrag gelauscht werden. Allein das schon ist für Kinder diesen Alters ein Ding der Unmöglichkeit, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass es auch die meisten Lehrer überfordern würde.

Jahrelang beschäftigt man sich dann etwa vom siebten Lebensjahr an tagein, tagaus mit den ganz besonders wichtigen Dingen des Lebens, die für ein gedeihliches späteres Berufsleben natürlich völlig unabdingbar sind: etwa in Biologie, wie eine Kuh von innen aufgebaut ist; in Deutsch Details über Goethes Frauenleben und feministische Sprache, in Geschichte die sogenannten ,,Revolutionstheorien" Lenins; in Chemie Informationen über Sulfite und Sulfate; in Sport Aerobik und Schwimmen; dazu in der Schule Trockenschwimmen in zwei Fremdsprachen. Unvergessen ist mir die Absurdität der Situation, als ich wenige Wochen vor den Abiturprüfungen mit meinem Kunstkurs über mehrere Unterrichtseinheiten damit beschäftigt war, einen Eierbecher zu produzieren. Mir wurde hier noch einmal bewusst, wozu die mir gestohlene Jugend nun eigentlich nützlich war, und dass man auch in der Phase der Vorbereitung auf Abiturprüfungen noch locker Zeit für Eierbecher hat. Denn schließlich geht es ja auch bei den Eierbechern um die verdammten Noten und Zeugnisse, und somit um den einzigen Grund meines Aufenthalts hier und um den einzigen Grund für die Opferung der Kindheit für ein in Aussicht gestelltes dadurch angeblich besseres Leben danach.

Wer die eben aufgezählten Kenntnisse in bis zu etwa 15 Fächern hat, gehört natürlich zweifellos zur Elite des Landes. Dass eine Schülerin, die an besagter Schule ihr Abitur gemacht hat und auch ganz sicher nicht zum geistigen Bodensatz der Schule zählt, nicht wusste, ob DDR oder BRD die Mauer gebaut haben, ist natürlich aufgrund der Einzigartigkeit des Nationalsozialismus, die den Schülern permanent eingehämmert wird, nicht weiter dramatisch. Ohnehin aber bleibt selbst der in der Schule gelernte Blödsinn in der Regel nicht lange im Hirn haften. Dass es überhaupt kurz in den entfernten Wahrnehmungsbereich gerät, ist eben jenen Noten zu verdanken. Wer sich fragt, was er in der Schule gelernt hat, wird meistens das Lesen, Schreiben und Rechnen anführen können, der Rest ist in maximal einer halben Stunde abgehandelt und besteht überwiegend nur aus dunklen Ahnungen von Informationen. Jeder Schüler kennt das Phänomen, dass nur wenige Tage nach einer Klausur oder einem Test bereits 99% des Stoffs wieder völlig vergessen sind und wie von einem anderen Stern erscheinen. Die jahrelange Konditionierung auf Noten als einzigen Sinn des ganzen Elends hat sich hier bereits verselbständigt – meine ehemalige Schulleiterin bezeichnete die Sicht zahlreicher Schüler auf ihre Schulzeit als ,,Tunneldenken". Allein schon diese demütigende Gewissheit, dass man hier Jahre lang nur sitzen muss, um Sinnloses zu tun, außer dass der arge Schnitter etwa um 10 Jahr näher rückt, macht jegliche Motivation zunichte.

Ich habe es manchmal ausprobiert, in einer der ,,Morphiumstunden", wie die Unterrichtseinheiten bei manchen Lehrern von einigen Schülern liebevoll genannt wurden, mich aufrecht auf meinen Stuhl hinzusetzen. Ich stellte sogleich fest, dass ich mit der Spitze meiner Stirn plötzlich mit Abstand den höchsten Punkt im Raume in Anspruch nahm, mit Ausnahme der Lehrerin, sofern sie gerade stand. Es war so auffällig, dass ich mich nie getraut hätte, dieses Experiment in einem anderen Kurs, wo ich in der ersten Reihe saß, sichtbar zu wiederholen. Denn natürlich würden die Lehrer dann denken, dass ich sie mit meiner auffallenden Körperhaltung provozieren und veräppeln will. ,,Die Leistungsbereitschaft einiger Schüler könnte üppiger ausfallen", schreibt dazu ein Lehrer in einer Abizeitung euphemistisch. In der DDR hätte man gesagt: Die Versorgungslage der Bevölkerung kann durch Optimierung der Planerfüllungen ,,noch besser" werden als ohnehin schon!

Erörterungen von Gedichten oder Diskussionen über Texte im Deutschunterricht wirken daher auch ,,nur für den Laien" als tatsächliche Erörterung und Diskussion, wie es ein ehemaliger Klassenkamerad einmal formulierte. In Wirklichkeit handelt es sich nämlich nur um die Inszenierung von Kompetenz, möglichst durch rhetorisch optimal vorgetragenes Statement, um bessere Noten erhaschen zu können. Es ist vergleichbar mit einem Politiker, der um Wählerstimmen buhlt: Was an Kompetenz und Wissen fehlt, wird durch rhetorisches Geschick sowie durch die Andeutung und Suggerierung, dass man etwas weiß, ausgeglichen. Wunderbar entlarvt hatte dies der Hochstapler Gert Postel, der es ohne Ausbildung zum viel geachteten Oberarzt einer psychiatrischen Klinik brachte. ,,Als Hochstapler unter Hochstaplern!", wie Postel im Nachhinein höhnisch anmerkte. Dieses Bonmot kann man wunderbar auch auf Gymnasiasten, Studenten und eben Lehrkräfte übertragen.

Angenommen nun, zum Stumpfsinn des Lernens von Dingen, deren Sinn man nicht erahnen kann und zum erwähnten Vorschriftswahn käme drittens ein alltäglicher massivster Psychoterror durch diverse Klassenkameraden – dieser dritte Punkt erfolgt schließlich tausendfach. Durch den erwähnten Stumpfsinn verschärft sich das Problem noch und das Mobbing muss von den Mitschülern ständig verstärkt werden, die Dosis der Sadismus- und Demütigungs-Droge ständig erhöht werden, um die Welt (Schule) nicht mehr bewusst mitzubekommen. Wenn das alles jedoch nicht ausreicht, um das Schulleben zu ertragen, wird der Mobbingterror noch durch Flucht ins innere Exil, sowie in Parallelwelten (Hassmusik, exzessives Computerspielen, Drogen und Alkohol) als weitere Betäubungsmittel ergänzt. Und wer sich am Mobbing nicht beteiligt, ist sofort als nächster dran, da er als langweilig gilt, nicht mehr genug abwirft an Betäubungsmitteln, und daher diszipliniert werden muss (übrigens: die in Rede stehende Schule hat einen sehr guten Ruf, Eltern schicken ihre Kinder mit Vorliebe dorthin, ihre Lehrer loben in Abi-Zeitungen das ,,familiäre Klima" der Schule).

Es gibt tatsächlich solche Leute, die schon das Klagen über diese drei Punkte als Gejammer einer Wohlstandsgeneration abtun, der es zu gut gehe. Im Berufsleben habe man doch auch Probleme mit Vorgesetzten, dann fange der ,,Ernst des Lebens" erst an, und überhaupt, bei uns früher gab es ja noch ganz andere Probleme, die Lehrer müssten noch viel autoritärer sein und weniger kritisiert werden, so heißt es. Diese Leute würden anders urteilen, wenn sie einmal ein halbes Jahr lang erleben müssten, was täglich an Tausenden von Schulen allein in Deutschland geschieht. Der Verweis auf die Zwänge des Berufslebens und die dort nötige Unterwerfung unter den Arbeitgeber ist eben hohl, weil es eben Jeder notfalls bei Problemen mit dem Chef auf den Job wechseln kann, dagegen ist dies den Schülern dank Schulpflicht nicht möglich.

Als vierter Grauensfaktor kommt nämlich nun vielerorts zu allem Überfluss auch noch ein ganzer Sack voller nervlich und seelisch zerfallener Frustziegen als Vorgesetzte hinzu, die ihre Verbitterung über ihre persönliche Lebenssituation an Schülern auslassen zu müssen meinen. Auch hier werden wiederum zwischen mobbenden Schülern und verbitterten Lehrern Zynismus und Menschenverachtung gegenseitig bestärkt. Eine Spirale der Vernichtung der letzten Reste an Konzentration, Wahrnehmungsfähigkeit, Emotionalität, Empathie und Skrupel bricht sich Bahn, bis mit Erreichen des angepeilten Schulabschlusses die emotionalen Leichen aus dem Schultor geschmissen werden. Die logische, zwingende Konsequenz aus diesen vier Faktoren beschreibt Marga Bayerwaltes in ihrem Buch ,,Große Pause – Nachdenken über Schule" daher denn auch sehr treffend: ,,Wissen sie [die Sozialdemokraten] denn, was sich in solch einer Unterrichtsstunde abspielt? Was das heißt: Unterricht? Es heißt für die Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen vor allem eins: sich daran zu gewöhnen, lautes Getöse und tödliche Langeweile über Stunden auszuhalten und ihre kostbare Lebenszeit sinnlos zu vergeuden. In solchen Unterrichtsstunden kriegen die braven Kinder manchmal Lust, sich mit spitzen Bleistiften in die Arme zu stechen, um festzustellen, ob sie noch leben, und die weniger braven springen auf, rasen herum und schreien. Oder sie reißen ihrem Vordermann den Stuhl unterm Hintern weg, damit endlich mal was passiert. Wir können heilfroh sein, dass Wahlversprechen von niemandem ernst genommen werden, denn wenn es keinen Unterrichtsausfall mehr gäbe, würde wahrscheinlich die Selbstmordrate steigen."

In der Tat ist es nicht verwunderlich, dass in einer solchen Verzweiflung viele Schüler nicht mehr leben wollen, und bei ihrem Scheiden aus dem Leben wie Robert Steinhäuser, Sebastian Bosse oder Tim Kretschmer der Welt wenigstens noch zeigen wollen, was sie von Schule halten, und koste es auch unschuldige Menschenleben. Über solche Amokläufe war ich zwar immer traurig, aber nie entsetzt, weil ich eher verwundert darüber war, dass sie so selten stattfanden. Während in ihrer verzweifelten Lage Jahr für Jahr ungezählte Schüler von Brücken springen, sich vor Züge schmeißen oder die Pulsadern aufschneiden, schwafelt der Präsident des Deutschen Lehrerverbands davon, dass ,,Das Schlechtreden von Schule" heute ,,zum Kern des Bildungsproblems" werde, spricht ein brandenburgischer Bildungspolitiker davon dass das brandenburgische Bildungssystem sich ,,sehen lassen" könne und ruft ein Bremer Schulsenator den Lehrern zu: ,,Mensch, Leute, ihr seid gut!"

Das ist die Kluft in der Realitätswahrnehmung zwischen DDR-ähnlicher schulischer Orwellpropaganda und der grausamen und verbitterten Realität in Tausenden von Schulen, die man zur Kenntnis zu nehmen und mit der man sich intensiv auseinanderzusetzen hat, bevor man sich überhaupt zum Thema äußert. Während nämlich das Weinen, Bluten und Sterben in den deutschen Schulen weitergeht, beklagt sich eine CDU-Landtagsabgeordnete darüber, dass der schlechte gesellschaftliche Umgang mit Lehrern auch ein wesentlicher Grund für die Bildungsprobleme sei. In Finnland sei es undenkbar, dass Lehrer von Politikern als ,,faule Säcke" betitelt würden. Dass der Unmut mancher Bürger in Deutschland über die Lehrer auch mit den weltweit wohl einzigartigen Machenschaften der Lehrermafia, mit ihren alltäglichen Demütigungen, Erniedrigungen und deren Deckung durch die Schulbürokratie, mit ihrer Selbstgerechtigkeit und Arroganz zu tun haben könnte, das liegt völlig außerhalb der Vorstellungskraft der schulisch-politischen Klasse. Dabei finden Schul-Amokläufe und in Zusammenhang mit Lehrern stehende schulische Gewalt auffallend häufig in der BRD statt, wo die Allmacht der Schulmafia in Folge des staatlichen Schulzwangs bekanntlich besonders stark ausgeprägt ist. Die nicht zur Schule gehenden, ganz auf ,,Nestwärme" vertrauenden und vielleicht auch deshalb keine Weltkriege führenden Spatzen pfeifen es längst wie wildgeworden von allen Dächern: Schule und Schulpflicht sind ein Wahn von tödlicher Dimension, der ein Meister aus Deutschland ist.

Angesichts dieser extremen Kluft zwischen Realität und Realitätswahrnehmung in Schulen ist es wahrlich kein Wunder, dass sich die Wissenschaft mit den Themen Lehrerwillkür und Lehrergewalt bislang so gut wie gar nicht beschäftigt hat, weil sich niemand mit der Schulmafia anlegen will. Der ,,Focus" zitierte kürzlich erstaunlich mutig die Kriminologin Wiebke Steffen: „Zwar sind Schüler tagtäglich der Willkür und Gewalt von Pädagogen ausgesetzt. Doch in der Wissenschaft findet das Thema de facto nicht statt.“ Empirische Arbeiten über Gewalt an der Schule befassten sich fast ausnahmslos mit der Gewalt unter Schülern. „Ganz eindeutig“, so die Wissenschaftlerin in ihrem Gutachten, „besteht hinsichtlich des Themas Lehrergewalt eine Forschungslücke – und ein Forschungsbedarf, auch und gerade im Interesse der Lehrer und Schulen“.

O Wunder! Nun haben wir es also Schwarz auf Weiß, dass durch die Gehirnwäsche von Wissenschaftlern die Einrichtung Schule schöngeredet und alles Übel systematisch und geplant auf Schüler und damit auf ihr Elternhaus geschoben wird, welches folglich durch die Schule entlastet werden müsse. Dass bezeichnenderweise auch in deutschen Schulbüchern der Familienalltag oftmals als absoluter Horror dargestellt wird, haben schon Klaus J. Groth und Joachim Schäfer in ihrem Buch ,,Eingetrichtert – die tägliche Manipulation unserer Kinder im Klassenzimmer" 1999 gezeigt. Und genau diese Gehirnwäsche und systematische Desinformation der Öffentlichkeit durch das Schulkartell sind der Grund dafür, dass die Schulpflicht noch immer so beliebt ist. Daher noch einmal die Frage: Die Verteidiger der Schulpflicht warnen vor Verwahrlosung, Kindesvernachlässigung, vor allem aber vor Sekten und politischer Indoktrination. Aber angesichts des hier Beschriebenen: Wer ist denn das wirkliche sektenartige System? Wer indoktriniert, unterdrückt und hirnwäscht die Wehrlosesten unserer Gesellschaft? Die Antwort auf diese Frage weist auf die Relevanz von Artikel 20 des Grundgesetzes.

21. Juni 2010

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