01. Juli 2010

Behördenprofil Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Nichts sehen, nichts wissen, nichts unterscheiden

Seit August 2006 gibt es die „Antidiskriminierungsstelle des Bundes“ in Berlin, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Diskriminierungsfälle zu erfassen und dem Antidiskriminierungsgesetz Geltung zu verschaffen. Genaue Mitarbeiterzahlen sind der Webseite dieser steuerfinanzierten, aber nach Selbstauskunft „unabhängigen“ Behörde nicht zu entnehmen, die „FAZ“ spricht von 22 Mitarbeitern und einem Jahresetat von 2,8 Millionen Euro. Wenn man für Miete und andere Unkosten großzügigerweise die Hälfte dieses Betrags wegnimmt, bleiben immerhin über 63.000 Euro Jahresgehalt pro Mitarbeiter übrig.

Die Antidiskriminierungsstelle leistet sich auch einen inklusive Stellvertretern achtundzwanzigköpfigen Beirat aus Funktionären klassischer diskriminierungsanfälliger Interessengruppen sowie Gewerkschaften, Vertretern aus Industrie und Gemeinden und nicht weiter spezifizierten Einzelpersonen. Ob diese für ihr Beiratdasein eine Aufwandsentschädigung bekommen, ist nicht ersichtlich.

Untätigkeit kann man der Antidiskriminierungsstelle indes nicht vorwerfen. Bereits über 10.000 Beschwerden hat sie nach eigenen Angaben seit ihrem Bestehen schon erfasst. Das sind bislang umgerechnet monatlich 7,5 registrierte Beschwerden pro Mitarbeiter, die aber offensichtlich immer noch nicht ganz ausgelastet sind.

Denn in einem Gespräch mit der „FAZ“ vom 30.06.2010 kündigte die Behördenleiterin und gelernte Sozialkundelehrerin und Integrationsfachfrau Christine Lüders (56) nun ein ganz besonderes „Pilotprojekt mit anonymisierten Stellenbewerbungen“ an. Die an diesem Projekt beteiligten Unternehmen, darunter (Aktienbesitzer aufgemerkt!) L’Oréal und Procter&Gamble und drei möglicherweise aus guten Gründen nicht namentlich genannte Dax-Unternehmen, sollen in ihren Stellenanzeigen darauf hinweisen, dass die Bewerber auf ein Foto sowie auf persönliche Daten wie Namen, Anschrift, Geburtsdatum, Geburtsort und Familienstand verzichten sollen.

Für Frau Lüders kann das nur ein erster Schritt sein: „Wenn ein Arbeitgeber letztlich bei seiner Personalentscheidung trotzdem jemanden diskriminiere, komme allenfalls eine Klage wegen Verstoßes gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) in Betracht.“ Über eine besondere Disposition, mehrfach diskriminiert zu werden, verfügen Frau Lüders zufolge Frauen mit Kopftuch und schlechten Deutschkenntnissen. Explizit nennt sie auch junge männliche Afrikaner und Araber, denen der Diskozutritt verweigert wird. Offenbar hat die Behörde aus diesem Bereich besonders viele Beschwerden entgegennehmen müssen.

Ziel der entpersonalisierten Bewerbungen soll es sein, arbeitgeberseitige Vorurteile auszuhebeln. Wenn sich etwa ein 21-jähriger vollbärtiger und einäugiger junger Mann namens Osama Bozkurttürk aus Köln-Meschenich unter Preisgabe seiner persönlichen Daten für die Stelle als Systemadministrator/-in für das Frauen-Fitness-Studio „Sappho“ bewirbt, könnten bei der Arbeitgeberin gleich mehrere vorurteilsbeladene Alarmglocken läuten: „Das ist doch bestimmt ein junger Orientale, der im Rahmen seiner Sozialisation in einem Problembezirk bei einer Schlägerei ein Auge verloren hat und der aufgrund seiner Religionszugehörigkeit gewisse Vorbehalte gegenüber gleichberechtigten und gleichgeschlechtlichen Frauen hat. Und der soll trotzdem ein Computerfachmann sein? Der hat doch allenfalls irgendwelche Bombenbau-Webseiten programmiert.“

Bei einer entpersonalisierten Bewerbung würden alle diese Vorurteile nicht zum Tragen kommen, der bärtige junge Mann würde zum Vorstellungsgespräch erscheinen und alle etwaigen Bedenken kraft seines unwiderstehlichen Charmes sofort hinwegfegen. Er würde also eine echte Chance bekommen, und wenn nicht, könnte er immer noch wegen Verstoßes gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz klagen.


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Naomi Braun-Ferenczi

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