02. Juli 2010

Galoppierender Realitätsverlust Dresden und der Fall Marwa

Wie Medien und dubiose Vereine eine Stadt stigmatisieren

Dieser Tage jährt sich zum ersten Mal das Tötungsverbrechen an der Ägypterin Marwa El-Sherbini. Im Anschluss an eine Berufungsverhandlung wegen einer Beleidigungsklage stach der aus Russland stammende Spätaussiedler Alex W. am 1. Juli 2009 auf die im dritten Monat schwangere Marwa El-Sherbini ein, als diese nach ihrer Zeugenaussage den Gerichtssaal verlassen wollte, und tötete sie mit 18 Messerstichen. Ihr Mann wollte ihr zu Hilfe eilen und wurde durch drei Messerstiche lebensgefährlich verletzt. Ein furchtbares Verbrechen zweifellos, das angesichts fehlender Sicherheitsmaßnahmen und dem tragischen Irrtum eines Polizisten, der einen gezielten Schuss auf den Ehemann abgab, da er ihn für den Angreifer hielt, noch eine besondere Dimension erhielt.

Natürlich erhob sich angesichts des fahrlässigen Verhaltens und des fehlenden Risikobewusstseins der Behörden die Frage nach den Konsequenzen, die mittlerweile durch den Einbau einer Sicherheitsschleuse und verstärkte Polizeipräsenz bei anhängigen Gerichtsverfahren – wenn auch zu spät – gezogen wurden. Dies alles und auch die Verurteilung des Täters zu lebenslanger Haft mit Feststellung der besonderem Schwere des Falls, also der absoluten Höchststrafe, vermochte die aufgebrachte bundesdeutsche Öffentlichkeit jedoch nicht beruhigen, denn irgendwie hatte man doch immer gewusst, dass der Osten insgesamt und damit natürlich auch die Stadt Dresden ein Hort von Rassismus und Ausländerfeindlichkeit sind, den es entsprechend an den Pranger zu stellen gilt.

Dass weder der oben beschriebene Vorfall selbst, noch die Person des Täters (ein wegen Schizophrenie ausgemusterter, arbeitsloser Spätaussiedler aus dem russischen Perm) von den Fakten her für die gängige These eines mörderisch entarteten „Alltagsrassismus“ sprach, war und ist dabei nur von untergeordnetem Interesse.

So fühlte sich angesichts des Jahrestags auch eine Autorin des „Tagesspiegels“ namens Andrea Dernbach bemüßigt, sich des Themas in der medienüblichen Weise anzunehmen, was dann in einem Beitrag unter der bezeichnenden Überschrift: „Lehrstück in Rassismus“ mündete, der wegen seiner hohen inhaltlichen Qualität auch sofort von der intellektuell immer armseligeren „Zeit“ übernommen wurde. Die „Islam-Expertin“ Dernbach, die sich erst unlängst zu der These verstieg, die intellektuelle Zukunft des Landes gehöre den Migranten, erinnert mich in ihrem agitatorischen Eifer fatal an die FDJ-Sekretärinnen meiner längst entschwundenen Jugend, die ebenfalls bar jeder Sachkenntnis zeitgeistkompatible Statements abzusondern pflegten, bis die Realität sie schließlich einholte.

Mit der Realität hat auch der Dernbach’sche Tagesspiegel-Artikel recht wenig zu tun, der sich zunächst darüber echauffiert, dass die Dresdener Oberbürgermeisterin seinerzeit nicht sofort ihren Urlaub abgebrochen hatte, als das Verbrechen bekannt wurde. Man fragt sich, ob diese anmaßende Forderung dem Verbrechen selbst geschuldet ist oder der Nationalität des Opfers. Seltsamerweise werden solche Ansinnen bei Ehrenmorden oder von Migranten verübten Verbrechen mit deutschen Todesopfern (wie unlängst der Hamburger Pascal E.) nicht erhoben, vielleicht weil es anderenfalls mit Politikerurlauben generell vorbei wäre, denn umgekehrten Rassismus (gegen die eigene Bevölkerung) wollen wir den hiesigen Qualitätsmedien nun wirklich nicht unterstellen.

Danach zitiert die Autorin den britischen Molekularbiologen Anthony Hyman vom Dresdner Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik, an dem der Ehemann des Opfers arbeitete, unter anderem mit der abenteuerlichen These: „Der Wissenschaftsstandort Dresden wurde nach der Wende mit ausländischem Geld aufgebaut, die Hälfte der Leute an meinem Institut sind keine Deutschen.“ Der zweite Teil dieser Behauptung ist sicherlich zutreffend, der erste falsch. Der Wissenschaftsstandort Dresden existierte schon seit vielen Jahrzehnten, und die Max-Planck-Gesellschaft, zu der Herrn Hymans Institut gehört, wird fast ausschließlich aus Bundes- und Landesmitteln finanziert (2006 82%), also vom deutschen Steuerzahler, der also auch Herrn Hymans Lebensunterhalt und den seiner ausländischen Kollegen bestreitet. Zu Dank tritt der britische Wissenschaftler, der auch Mitglied des Dresdner „Ausländerbeirats“ ist, seine Gastgeber ordentlich vors Schienbein, indem er sich über „so viele Plakate von Rechtsradikalen“ beschwert und auch sonst im Alltag das Gefühle habe „doch nichts wert zu sein.“ Hier könnte ein Psychologe helfen oder vielleicht die Erinnerung an die heimatliche BNP, die vermutlich auch zu Wahlkampfzeiten Plakate klebt und erst kürzlich mit mehreren Abgeordneten ins Europaparlament eingezogen ist. In punkto Rassismus dürfte Dresden zudem weitaus beschaulicher sein als britische Städte wie Birmingham oder Oldham. Aber das hat der Gast wohl verdrängt.

Noch schwerere Geschütze fährt der nächste Interviewpartner auf, ein akademischer Westimport namens Wolfgang Donsbach, Professor für Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden. Der unterstellt seinen Landsleuten Ost gleich einmal pauschal rassistische Ressentiments, indem er behauptet: „Das größere Problem sind die, die vielleicht nicht gewalttätig sind, die aber schweigen oder stillschweigend billigen.“ Derlei Unverfrorenheit verwundert allerdings nicht, wenn man weiß, dass der umtriebige Professor schon vorher mit „offenen Briefen“ seiner moralischen Entrüstung über die zögerliche Haltung der politisch Verantwortlichen und die mangelnde Demut der Dresdner Bevölkerung medialen Ausdruck verliehen hat. Zitat Tagesspiegel: „Donsbach und seine Mitarbeiter hatten in einer Umfrage unter ausländischen Studenten in Dresden feststellen müssen, dass der weitaus größte Teil schon rassistische Erfahrungen gemacht hatte.“ Wenn man weiß, wie und mit welcher Motivation derartige Umfragen geführt werden, kann das „Ergebnis“ kaum verwundern. Oder ist dem Leser eine Umfrage bekannt, die Gegenteiliges zum Ergebnis hätte? Würde hier der Wahrheit die Ehre gegeben, drohten ja die Geldtöpfe zu versiegen, aus denen ungezählte mehr oder weniger fragwürdige Vereine (meist mit Verbindungen ins linksextreme Spektrum) im „Kampf gegen Rechts“ mit Steuermitteln finanziert werden.

Einer dieser Vereine heißt „Bürger Courage“ und der Vorsitzende Christian Demuth ist Friedrich-Ebert-Stipendiat und (soweit recherchierbar) ebenfalls ein Westimport, der sich der Eingeborenendisziplinierung im ostdeutschen Busch verschrieben hat. Dieser Verein hat sich etwas ganz tolles ausgedacht, und die eingeschüchterten Dresdner Behörden mussten wohl zähneknirschend zustimmen: 18 überdimensionale Betonmesser, gefertigt von einem offenbar ebenso unterbeschäftigten wie PR-bedürftigen „Künstler“, die überall in der Innenstadt aufgestellt werden und gemäß der Intention des Vereins „an den alltäglichen Rassismus in Dresden“ erinnern sollen!

Angesichts dieser fast schon masochistisch erscheinenden Zumutung (eine Gedenktafel wurde ja bereits vor dem Landgericht aufgestellt) stellt sich nicht nur die Frage nach der Geduld der Dresdner Bevölkerung, die mit dem Verbrechen nicht das geringste zu tun hatte, sondern auch die nach der Gleichbehandlung von Opfern von Straftaten in diesem Lande. Sind für den erst kürzlich von einem türkischen Wiederholungstäter, der von der Hamburger Justiz trotz eines anderen Messerangriffs auf freiem Fuß belassen wurde, getöteten Pascal E. auch so dekorative betonierte Denkanstöße angedacht, oder ist er wie schon so viele andere vor ihm ein Opfer zweiter Klasse, über das Politik und Medien mit einem Schulterzucken hinweggehen? Ich fürchte, die Antwort liegt auf der Hand.

Internet:

Artikel im „Tagesspiegel“ vom 01.07.2010: Lehrstück in Rassismus


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