Ralph Janik

Studierte Rechtswissenschaften in Wien und Madrid. Mitarbeiter am Institut für Wertewirtschaft; seine Beiträge geben jedoch nicht unbedingt die Meinung des Instituts wieder.

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Rezension: Der Investmentpunk

von Ralph Janik

Warum Ihr schuftet und wir reich werden

In diesem Buch meldet sich, selten genug ist es der Fall, einer jener zu Wort, die gemeinhin gerne als Profiteure der Wirtschaftskrise bezeichnet werden, als Zocker, als jene, die das Wirtschaftssystem ins Wanken bringen und die mit Kontrollen, Regulierungen und was es alles in der Werkzeugkiste der Politik geben mag, unter Kontrolle gebracht werden sollen. Ein Gesicht zu den Anschuldigungen, wenn Politik und mit ihr Kulturschaffende, Vertreter aus dem Wissenschaftsbereich und die Mainstream-Medien auf der Suche nach Sündenböcken sind.

Doch Autor Gerald Hörhan weist diese Schuldzuweisung von sich und seinem Berufsstand (und damit all jenen, die oberflächlich als Spekulanten usw. tituliert werden, obwohl es sich um höchst unterschiedliche Tätigkeiten handelt, die gerne in einen großen Topf geworfen werden) und sieht den Auslöser der Finanzkrise vielmehr in der Mittelklasse und deren Verhalten – etwa durch den Wahn, Eigenheim, Neuwagen und sonstiges Konsumgut, das meistens schnell drastisch an Wert verliert, vermittels Kredite anzuschaffen, die oftmals nicht befriedigt werden können.

Gerald Hörhan schreibt von der Mittelklasse als aussterbendem Stand, der nicht begriffen hat, dass seine Existenz einen historischen Sonderfall darstellt. Einer Mittelklasse, deren nahendes Ende für jeden aufmerksamen Beobachter erkennbar ist, etwa daran, dass neue Geschäftsmodelle entweder auf die ärmsten (Discountmärkte) oder die Reichen (florierende Luxusgüter) abstellen.

Beim Mittelstand handelt es sich laut Hörhan um eine wenig kreative Schicht, die dem Herdentier-Mechanismus folgt, die folgsam Kredite aufnimmt, sich von schwindligen Finanzberatern, die ihrerseits keine Ahnung von der Materie haben (weil sie sonst nicht Finanzberater wären), schlechte, verlustbringende Produkte aufschwatzen lässt (in der Hoffnung, doch ein wenig vom großen Kuchen abzubekommen, den Aktien verheißen), Autos least, Häuser und Wohnungen über ihrem eigentlichen Wert kauft und vor allem das Gros der Steuerlast trägt und dennoch nicht murrt. Unter dem Deckmantel der vermeintlichen Sicherheit, die ein Wohlfahrtsstaat zu bieten behauptet, lässt sie sich zu modernen Sklaven machen, die durch Schulden zu Arbeit gezwungen wird, und wenn der Wohlfahrtsstaat immer mehr Risse zeigt, die Schuld bei anderen sucht (am liebsten bei der anonymen Personengruppe „Investment-Banker“), ohne auf die Idee zu kommen, dass gerade sie selbst es ist, die an der eigenen Verarmung arbeitet.

Das Faktum, dass die ungleiche Verteilung von Reichtum den historischen Regelfall darstellt, will der Mittelstand nicht akzeptieren, denn er ist selbst leistungsfeindlich und hängt der Illusion von Gleichheit als gesellschaftlichem Prinzip an und ist dafür bereit, Steuern zu löhnen, um damit unten wie oben zu stützen, selbst aber auf der Strecke zu bleiben.

So versucht der Mittelstand im Glauben an die Gleichheit und dem Nicht-Wahrhaben-Wollen seines unvermeidlichen Abstiegs als eigenständige Schicht vermittels der Logik von „kaufe (erwerbe) jetzt, zahle später“ am allgemeinen Konsumrausch als Ausdruck des Dazugehörens zur breiten Mittelschicht zu partizipieren, anstatt ökonomische Vorsicht walten zu lassen, von Krediten Abstand zu nehmen und die kollektiven Wünsche nach Neuwagen, HD-Fernseher, Eigenheim und Eigentum zumindest kritisch zu hinterfragen.

Hörhan pocht entgegen dem grassierenden Kreditwahn auf die simple Logik zweier ökonomischer Grundregeln: „Man muss auf Dauer mehr einnehmen, als man ausgibt“ und „Man muss Schulden bezahlen, und zwar nicht durch die Aufnahme neuer Schulden“ – wer sich nicht an diese Regeln hält, muss mit Konsequenzen rechnen. Diese sehen etwa so aus, dass Hörhan Firmen und deren Eigentümer, die in Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs finanziell über das Ziel hinausgeschossen haben, übernimmt, weil sie in Zeiten der Krise billig zu haben sind.

Zwischen die verbalen Angriffe auf die Mittelschicht und lapidare Beschreibungen dessen, was am Finanzmarkt vor sich geht, streut Hörhan Anekdoten aus dem Leben eines wohlhabenden Yuppies ein, der ab und zu ausbricht, indem er zu einem Punkmusik-Festival geht. Von Jetset über den Ankauf schneller Autos bis zu wechselnden, oberflächlichen Partnerschaften bedient er alle Klischees, die sich um das Leben der Reichen ranken – Klischees, die man gut und gerne als Angeberei abtun kann. Hörhan bedient sie wohl gerne, wohlwissend, damit das Feindbild zu bieten, das Hetzer wie Normalbürger so gerne suchen. Einerseits, um seiner Kritik Nachdruck zu verleihen, wohl aber auch, um per Aufsehenerregung die Auflage zu steigern.

So bildet er eine Brücke von der populistischen Anklage an die als „Heuschrecken“ titulierten Akteure des Finanzmarkts bis hin zur Feststellung, dass es eben nicht jene waren, die an der gegenwärtigen Krise schuld sind, sondern vielmehr der Mittelstand, der in die Falle getappt ist, die ihm die Institutionen des Finanzmarkts sowie die Politik durch falsche Anreize zur Verschuldung gestellt haben – „Ihr habt beharrlich auf Dauer mehr ausgegeben als eingenommen und eure Schulden nicht bezahlt, es sei denn durch Aufnahme neuer Schulden. Wenn in einem System dauerhaft gegen Grundregeln verstoßen wird, bricht es logischerweise zusammen. Es ist dann eine philosophische Frage, ob die Schafe schuld sind, die ins Feuer trotten, oder die Hirten, die sie nicht davon abhalten, in diesem Fall die Politiker, Banker, Rating-Agenturen und die Aufsichtsbehörden des Finanzmarktes. Ich jedenfalls gehe von der Eigenverantwortlichkeit des Individuums aus. Jeder Mensch ist am Ende für seine Schulden selbst verantwortlich.“

Der Mittelstand als Ergebnis eines normierenden Systems, das über Schule, Medien und Politik den zahmen Bürger en masse heranzüchtet, der an dieselben Dinge glaubt und dieselben Wünsche äußert (Neuwagen, HD-Fernseher, Eigenheim), ohne zu merken, dass er sich durch diese zu Sklaven eines Systems macht, das seinen gesellschaftlichen Stand verarmt, während einige wenige davon profitieren – und genau diese Normierung und Standardisierung des Menschen ist es, die Hörhan hinterfragt und weswegen er den Titel „Investmentpunk“ für sein Buch gewählt hat – denn wie Punks kritisiert er das herrschende System aufs schärfste, lehnt es ab, zieht daraus jedoch ganz andere Schlüsse, da er es sich untertan macht, anstatt zu versuchen, es zu boykottieren – „Ihr müsst bereit sein, wie Punks zu denken, aber nicht wie Anarcho-Punks, sondern wie Investment-Punks. Die Rebellion eines Investment-Punks basiert auf Kreativität und Leistung“.

Das kollektive Bedürfnis nach Sicherheit, eingebettet in Finanzprodukte wie dem Sparbuch, Pfandbriefen oder Bausparverträgen, führt dazu, dass Mittelständler sich unhinterfragt der Inflation (und damit der versteckten Besteuerung und darauf folgender Verarmung) aussetzen, der Wohlhabendere durch intelligente Formen der Veranlagung wie Immobilien in guten Lagen, Gold, Firmenbeteiligungen, Kunst oder Öl entgehen – eine Inflation, deren Eintritt unausweichlich ist, „denn Regierungen haben ein einfaches Mittel in der Hand, um sich das bei den Staatshilfen für die Wirtschaft ausgegebene Geld zurückzuholen: Sie drucken es einfach nach, um die Schulden zu bezahlen“.

Das Verlangen nach Neuwagen und Eigenheim ist es, das Menschen dazu bringt, diese per Kredit anzuschaffen, obwohl sie binnen kürzester Zeit drastisch an Wert verlieren, während der Käufer selbst den ursprünglichen (höheren) Wert ein Leben lang abbezahlen darf und durch die Kreditlast zum hörigen, willfährigen und abhängigen Lohnsklaven wird, aus Angst, seinen Arbeitsplatz und damit seine Existenzgrundlage zu verlieren und geradewegs in die Armut zu schlittern. Genau hier setzt Hörhans Kritik an – denn für ihn ist Reichtum ein Mittel zur Freiheit. Wer reich ist, hat mehrere Standbeine, die ihm Unabhängigkeit geben – das Gegenteil von dem Zustand, in dem sich die verschuldeten Lohnsklaven befinden, die auf ihren Arbeitsplatz bitter angewiesen sind, wollen sie nicht verelenden.

So kommt es, dass der Mittelstand nach jeder Finanzkrise durch das Anwerfen der staatlichen Notenpresse (was Hörhan selbst nicht explizit ausspricht) ein wenig ärmer dasteht, weil er keinerlei ökonomisches Wissen besitzt und wenig erfinderisch bei der Wahl seiner Anlagestrategien ist, da Schulwesen und gesellschaftliche Konventionen Kenntnisse von Ökonomie systematisch verhindern – im Interesse jener, die den Status quo (also ihren Reichtum) bewahren wollen und sich nach unten hin vor aufstrebenden kreativen Köpfen absichern wollen. Das herrschende System torpediert Leistung, Kreativität und vor allem die Suche nach Profit, es ist vielmehr darauf ausgerichtet, Erfolgshungrigen aus unteren sozialen Schichten den Weg nach oben zu versperren. Daraus ergibt sich der paradoxe Umstand, dass allgemein von der Wichtigkeit von Geld, (finanzieller Vorsorge) und dergleichen gesprochen wird, jedoch kaum jemand auch nur über ökonomische Grundkenntnisse verfügt. Und dass selbst die kreativsten und kritischsten Geister urplötzlich ein erstaunliches Lemminge-Verhalten aufweisen, wenn es um Geld geht.

Hörhans wichtigster Rat an die modernen Lohnsklaven der Mittelschicht ist – wie er selbst einräumt – kein sonderlich kreativer oder origineller, was die Sache noch schlimmer macht (weil sich daran zeigt, wie manipuliert das Denken des folgsamen Hundemenschen schon geworden ist); er pocht einerseits auf die Einhaltung der (oben genannten) zwei ökonomischen Grundregeln. Darüber hinaus empfiehlt er eigenständiges Denken, das man sich selbst, etwa durch langfristige Beobachtung von Aktienkursverläufen oder Wertentwicklungen auf dem Wohnungsmarkt, aneignen kann – „don’t believe the hype“ könnte man zusammenfassend sagen, wenn er von medial verbreiteten Trends und davon, dass er tendenziell das Gegenteil davon tut, was in den Medien angeraten wird, wenn diese posaunen, wann der ideale Zeitpunkt wäre, diese und jene Wertanlage zu erstehen; dazu passend seine Einsicht, dass man nicht (auch nicht auf dem Aktienmarkt) über Nacht reich wird (jene, die über Nacht reich werden, werden meist ebenso schnell wieder arm, weil sie nie gelernt haben, mit Geld umzugehen, etwa, es richtig zu veranlagen), sondern durch konsequentes Verfolgen einer klugen Strategie.

Am besten lernt man dabei von Profis, die ihrerseits Geld gemacht haben und nicht von Theoretikern oder Vermögensberatern. Und als Letztes gilt es, die Hände von (Finanz-) Produkten zu lassen, die man nicht versteht.

Fazit: Der „Investment Punkt“ mutet vielerorts besserwisserisch und prahlerisch an. Große Moral- und Wertvorstellungen wird man darin ebenso wenig finden wie ökonomisch fundierte Analysen der gegenwärtigen Geschehnisse in der Welt des Kapitals oder einen ausgeklügelten Investment-Ratgeber. Was bleibt, ist ein Konglomerat aus Selbstdarstellung, Anekdoten, scharfer Kritik am Verhalten so mancher (Klein-)Unternehmer und dem Mittelstand im allgemeinen (oftmals anhand von selbst erlebten Situationen), gepaart mit dem Appell an den Mittelstand, sein eigenes finanzielles Handeln zu überdenken und zu ändern.

Das Wichtigste am „Investment Punk“ ist, dass Hörhan frei von Wissenschaftsterminologie für jeden beobacht- und nachvollziehbare unangenehme simple Wahrheiten an- und ausspricht, die durch seinen Hintergrund als Mann der Praxis, der ökonomischen Erfolg und Aufstieg vorweisen kann, zusätzliches Gewicht erhalten. Wahrheiten und ökonomische Grundregeln, die heute vielfach in Vergessenheit geraten sind, obwohl, oder gerade weil sie so einfach sind.

Bittere Pillen also, die nötig und in Zeiten der Wirtschaftskrise äußerst berechtigt sind, jedoch, wie bei jedem kritischen Buch, ungehört bleiben dürften.


Literatur:

Gerald Hörhan, Der Investmentpunk: Warum Ihr schuftet und wir reich werden (Edition a)

07. Juli 2010

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