10. Juli 2010

Berufsqualifikation Bieten Sie unentgeltliche Arbeit an

Gute Referenzen sind weit mehr wert als ein guter Lebenslauf

Dossierbild

Weil junge Leute – vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen werden, möchte ich das Undenkbare aussprechen: Junge Leute sollten unentgeltlich arbeiten, wo und wann immer sie können. Der Grund besteht darin, sich einen guten Ruf und gute Referenzen anzueignen. Jemand, der Ihnen bei Bedarf eine gute Referenz gibt, ist Gold wert, sicher mehr, als das Geld, das Sie anderweitig verdient hätten.

Es hat sich herausgestellt, dass in vielen Essays in meinem Buch, „Bourbon for Breakfast“ sowohl der aktuelle Schlamassel als auch diese Lösung dafür vorausgesagt wurde. Aber lassen Sie mich zuerst eine Geschichte zweier diesbezüglicher Fälle erzählen, die erste ein Beispiel für die schlechteste Art von Arbeiter, die zweite ein Beispiel für glänzenden Weitblick.

Den ersten Fall erlebte ich in einem Job, den ich als Jugendlicher hatte. Zusammen mit einigen anderen Angestellten stand ich in einem Bekleidungsladen herum. Der Chef kam vorbei und sagte zu meinem Kollegen: „Bitte richten Sie diese Krawatten auf dem Tisch aus.“ Mein Kollege wartete bis der Chef weggegangen war, und murmelte dann leise vor sich hin: „Das mache ich doch nicht für den Mindestlohn.“

Dieser Kommentar ging mir durch Mark und Bein, und ich habe sehr lange über ihn nachgedacht. Der Arbeiter hat im Endeffekt, bevor er überhaupt gearbeitet hat, im Voraus Geld gefordert, obwohl er für Dinge wie das Herrichten von Krawatten angestellt worden war. Das war schlimmer als Arbeitsverweigerung. Er war der Meinung, dass der Wert mit dem er die Firma unterstützt, niemals den Wert des von ihm verdienten Geldes überschreiten dürfe. Wenn das wahr ist, fragt man sich, warum überhaupt jemand ihn anstellen sollte.

Das Ziel jedes Arbeitgebers ist es, mehr Wert von den Arbeitern zu erhalten, als die Firma an Gehältern auszahlt, sonst gibt es kein Wachstum, keinen Fortschritt und keinen Vorteil für den Arbeitgeber. Umgekehrt sollte das Ziel jedes Angestellten sein, der Firma mehr zu geben, als er oder sie an Gehalt bekommt und dadurch für eine solide Basis für weitere Steigerungen und Fortschritt in der Firma zu sorgen.

Ich muss Ihnen nicht weiter erzählen, dass dieser Drückeberger nicht lange in diesem Job geblieben ist.

Als Kontrast dazu hier eine Geschichte von letzter Woche. Mein Telefon klingelte. Es war die Personalabteilung einer großen Universität. Der Mann am Telefon erkundigte sich über die Leistung einer Person, die im letzten Jahr einige Arbeiten an der Webseite mises.org übernommen hatte. Ich habe ihm von einem bemerkenswerten jungen Mann berichtet, der sich inmitten einer Krise voll in die Arbeit stürzte und wie er 19 Stunden täglich an drei aufeinander folgenden Tagen damit verbrachte, eifrig neue Software kennenzulernen, wie belastbar er war, wie er bereitwillig und fachmännisch inmitten von 80 verschiedenen Anschlüssen und Datenbanken manövrierte, wie er mit den unvermeidlichen Problemen umging, wie er Verantwortung für die Ergebnisse übernommen hat, und vieles mehr.

Was ich dem Interviewer nicht erzählte war, dass diese Person diese ganzen Arbeiten ausgeführt hatte, ohne nach einer Bezahlung zu fragen. Hat diese Tatsache meinen Bericht über seine Leistung beeinflusst? Ich bin nicht ganz sicher, aber der Interviewer hat wahrscheinlich meiner Stimme entnommen, wie begeistert ich davon war, was diese Person für das Mises Institute geleistet hat. Mein Gesprächspartner sagte mir, er habe sich 15 Fragen aufgeschrieben, die er mir stellen wollte, aber dass ich ihm diese schon mit meinen Ausführungen beantwortet hätte und dass er von diesen Einzelheiten sehr begeistert sei.

Dem jungen Mann wurde die Stelle angeboten. Er hatte sehr weise gehandelt: Er hat einen lebenslangen, begeisterten Fürsprecher gewonnen.

Je schwerer die wirtschaftlichen Zeiten, desto mehr müssen Arbeitgeber wissen, was sie bekommen, wenn sie jemanden anstellen. Die Bewerbungen kommen eimerweise herein, alle mit Zeugnissen und so eindrucksvoll wie möglich gestaltet. Es ist alles nur Papier. Heute zählt, was jemand für eine Firma tun kann. Unter diesen Bedingungen wird der Lebenslauf zur Formalie und ist nicht entscheidend. Aber ein ehemaliger Chef oder Manager, der über Sie gegenüber einem potentiellen Arbeitgeber schwärmt? Das ist mehr wert als alles andere.

Leider haben viele junge Menschen, die keine Arbeit finden können, keine Arbeitserfahrung vorzuweisen. Sie wurden damit in die Irre geführt, dass jemand, der in der Schule einen guten Abschluss gemacht hat, später hohe Anerkennung bekommen würde. Es gibt unzählige Luftfahrt-Ingenieure, Mathematiker und sogar Anwälte, die sich in dieser Situation befinden, ganz zu schweigen von Soziologen, Historikern und Leuten mit Abschlüssen in Kommunikationswissenschaften und Marketing.

Zu diesem Problem kommt auch noch das der Studentenkredite hinzu. Wenn junge Leute heute ihre Abschlüsse machen, haben sie Schulden in 6-stelliger Höhe, die sie sofort bedienen müssen sobald sie eine Arbeitsstelle annehmen. Aber ohne Aussicht jenseits von Wal-Mart und Starbucks bleiben sie lieber in der Hochschule, um einen weiteren Abschluss zu machen, in der Hoffnung, dass der Arbeitsmarkt sich wieder erholt. Dies ist eine gefährliche Falle.

Sie haben ihr Leben darauf ausgerichtet, dass auf eine gute Ausbildung ein gut bezahlter Job folgt. Aber das entspricht nicht der Realität. Ein Job mit niedrigem Einkommen reicht aber nicht, die Miete und die Schulden zu bezahlen.

Das ganze war eine sehr schlechte Spekulation. Ein angespannter Arbeitsmarkt wird die Träume all derer, die keine Berufserfahrung oder irgendwelche Referenzen haben, zerstören. Die Lösung unter diesen Bedingungen ist, dass man das ergattert, das den höchsten Wert hat. Das bedeutet unentgeltliches Arbeiten. Der Staat kann Sie nicht auffordern, das Studentendarlehen zurückzuzahlen und Sie werden Leute kennenlernen, die später Ihre Unterstützer sein werden.

Wo unentgeltlich arbeiten? Eine gemeinnützige Einrichtung wie eine Kirche oder eine Bildungseinrichtung wäre gut. Auch eine örtliche Baumschule, Rasen-Service, Postdienst oder sogar eine Anwaltskanzlei wäre geeignet. Man kann eine formlose Bewerbung abschicken, sollte aber klar machen, dass man keine Bezahlung verlangt. Falls es rechtliche Probleme gibt, sollte man versuchen, sie zu umschiffen. Wenn Sie angenommen werden (was keine Selbstverständlichkeit ist), legen Sie für sich die Arbeitsstunden fest und halten Sie sich daran. Machen Sie sich so nützlich und so unverzichtbar wie Sie können. Lernen Sie so viele Leute wie möglich kennen. Erklären Sie ihnen, dass Sie allein deswegen arbeiten, um Erfahrungen zu sammeln – etwas, das Sie schätzen. Machen Sie das 6 Monate bis zu einem Jahr lang. Dann werden Sie etwas interessantes und großartiges haben, das Sie Ihrem zukünftigen Arbeitgebern erzählen können.

Es wird der Tag kommen, an dem jemand den Sie kennengelernt haben einen Anruf bekommen wird. Er oder sie wird nach seiner Meinung über Sie und Ihre Arbeit gefragt werden. Das ist der Zeitpunkt, an dem das Tief in Ihrem Leben sich zum besseren wenden wird. Sind die 6 Monate bis ein Jahr unbezahlter Arbeit dann diesen Moment wert? Das ist mehr wert als alles andere.

Andererseits können Sie Ihr Leben auch damit verbringen, die Herrichtung von Krawatten abzulehnen, weil Sie nicht genug dafür bezahlt werden. Diese Person wird niemals dafür bezahlt werden, irgendetwas zu tun.

Information:

Der Autor ist für die Redaktion zuständiger Vizepräsident des amerikanischen Mises Institute.

Dieser Artikel wurde am 05.07.2010 auf der Webseite mises.org unter dem Titel "Work for Free" veröffentlicht und von Robert Grözinger für ef-online übersetzt.


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Jeffrey A. Tucker

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