12. Juli 2010

Der Ghostwriter Die Macht und die Wahrheit

Nach Polanskis Haftentlassung ist der Blick wieder frei auf seinen jüngsten Film

Polanskis jüngster Spielfilm „Der Ghostwriter“ wurde bei den Berliner Filmfestspielen uraufgeführt, kurz nach seiner Verhaftung in der Schweiz. Wie immer, wenn die deutsche Kritik sich nicht an angelsächsischen Kritiken orientieren kann, blieb sie an Äußerlichkeiten kleben. Es wurde die Abrechnung des Buch- und Drehbuchautors Harris („The Ghost“) mit dem ehemaligen britischen Premier Blair betont, die im fertigen Film Polanskis vollkommen gleichgültig ist; die absolut zufälligen Parallelen zwischen der Situation der Filmfigur Adam Lang (Pierce Brosnan) auf Martha´s Vineyard und dem Hausarrest Polanskis in Gstaad wurden endlos herausgekehrt; die Rezensenten betonten die angebliche Ähnlichkeit des Films mit Hitchcocks Werken, die kaum existiert (es sei denn, jeder Thriller ähnelte dessen Thrillern).

Bezüge zu Polanskis früheren Filmen wurden zwar gesucht, die Analysen blieben aber oberflächlich und kurzatmig. Meist wurde die zwar naheliegende, aber irreleitende Ähnlichkeit mit der „Wohnungstrilogie“ Polanskis bemüht – während in „Ekel“, „Rosemarys Baby“ und dem „Mieter“ die Protagonisten an der Klaustrophobie ihrer unheimlichen Wohnungen zerbrechen, ist dies im neuen Film Polanskis keineswegs der Fall – ebenso wenig wie in der Realität Polanskis selbst.

Es handelt sich bei dem Feriendomizil des Ex-Premiers Lang um eine düstere Variante der Villa des Kunstsammlers Noblart aus Polanskis Film „Was?“ von 1972, die an einem mediterranen Strand lag. Während damals alles in Helligkeit und Sonne getaucht war, regnet es praktisch pausenlos im „Ghostwriter“, die See ist rauh. Wie damals Nancy, die naive Heldin, über eine Seilbahn in die Abgeschiedenheit einer seltsamen Gesellschaft von einigen wenigen Sexmaniacs gerät, so kommt der namenlose, aber ebenso naive Ghostwriter (Ewan McGregor) mit der Fähre zum abgeschotteten Strandhaus des Ex-Premiers, das eine weniger komische, aber mindestens vergleichbar seltsame Gruppe von Macht-Maniacs bewohnt. Noblarts luftige Villa ist mit bekannten Kunstwerken Bacons, Lichtensteins, Braques geschmückt; der kühle Bunker Langs ist mit offensichtlich teuren Werken der abstrakten Moderne vollgehängt. Beide Male ist Kunst zur Dekoration verkümmert, die Reichtum oder Macht demonstriert. Wie in „Was?“ wiederholen sich leicht verändert Ereignisse; am deutlichsten sind dies im „Ghostwriter“ die Ereignisse um das zweimalige Anlegen der Fähre mit dem leeren Auto, das Mädchen an der Rezeption des Hotels, in dem der Ghostwriter untergebracht wird sowie die Tode der beiden Ghostwriter, der eine ertrunken am Strand in der Brandung treibend, der andere von einem Auto überfahren. Die Tode rahmen den Film gewissermaßen ein: Die zirkuläre Form der Filme Polanskis, die praktisch alle enden, wie sie begannen, wird auch hier erreicht, worin sich ein gewisser Fatalismus des Regisseurs, was die Ordnung der Welt angeht, spiegelt. Ist aber „Was?“ von spielerischer, heiterer Absurdität erfüllt, die sich auch in der warmen Farbgestaltung äußert, kann die Absurdität des jüngsten Films, die in stählerne Bläue gefasst ist, nur erschrecken.

Nannte ein Kritiker wie Karsten Visarius schon die Welt von „Was?“ eine „Hadeswelt der Schatten“, von einem Cerberus bewacht, so erweist sich die Reise des Ghostwriters, die er schlafend zurücklegt, wie der Film in langen Einstellungen geradezu betont, als mythische Fahrt in die Hölle der Macht. Das Element des Mythos verweist auch auf den „Mieter“, in dem Tote weiterleben in einem Kreislauf der tragisch scheiternden Mieter ihrer eigenen Existenz, so wie hier offensichtlich ein austauschbarer Ghostwriter nach dem anderen beim Versuch scheitert, die Wahrheit aus dieser Hölle der Macht zu bergen.

Was den Film aber einzigartig macht, ist sein Umgang mit der Zeit. Das hat nichts zu tun mit einer von der deutschen Kritik monierten altmodischen Langsamkeit. Immer schon hat Polanski versucht, besonders am Beginn seiner Filme ein retardierendes Moment einzufügen. Im „Ghostwriter“ führt er dieses retardierende Moment zur Perfektion. Nach der Ankunft des Ghostwriters auf Martha´s Vineyard passiert praktisch eine Stunde lang nichts, wenn man damit äußerliche Ereignisse meint. Polanski dehnt diese Phase des Films bis an die Grenze des Möglichen. Hier ist nur Atmosphäre, Suggestion durch Blicke, Gesten, Bewegungen. Die Figur, die dieses „ beinahe Nichts“, in dem sich höchste Kunst offenbart, verkörpert, ist die Sekretärin Langs Amelia Bly (Kim Cattrall). Sie macht den ganzen Film über kaum etwas Anderes als Zimmer zuweisen, die Treppen auf und ab gehen, Akten halten, am PC sitzen oder Fernsehbilder kommentieren. Wie diese Figur durch Cattralls Schauspielkunst und Polanskis Regie eine beunruhigende, undurchsichtige erotische Präsenz erhält, ist meisterhaft. In dieser Hinsicht kann man sagen, man hat einen experimentellen Film gesehen und es nicht einmal bemerkt.

Diese „negative“ Darstellung des Erhabenen kann als das Thema des Films, nämlich die Suche nach Wahrheit, angesehen werden, definiert Lyotard diese doch im Rückgriff auf Kants Begriff des Erhabenen als eine Ästhetik des „presque rien“ (des „fast nichts“) und setzt sie in einen Gegensatz zu einer Ästhetik des „beaucoup trop“ (des „viel zu viel“). Wenn Schönheit als Ausdruck ästhetischer Ideen tatsächlich in symbolischer Weise das Nicht-Darstellbare selbst darstelle und ihr dies dank eines extremen Reichtums gelinge, könne das Erhabene nur die Unverhältnismäßigkeit des Darstellbaren im Verhältnis zum Nicht-Darstellbaren darstellen – nämlich als extreme Armut. Auch in dieser Hinsicht ist „Ghostwriter“ mit „Was?“ verwandt. War der Film von 1972 nach dem Großprojekt „Macbeth“ der erstaunliche Beweis, dass Polanski noch mit vierzig angesichts seiner Reduktion der materiellen Ressourcen so etwas wie einen Studentenfilm drehen konnte, so ist sein jüngster Film ein Meisterwerk der Reduktion an äußerlicher Handlung. Diese Reduktion bringt das Erhabene des Inhalts erst richtig zum Tragen und erhebt den Film weit über seine Vorlage.

Der silberne Bär durch die Jury der Berliner Filmfestspiele war keine Solidaritätsadresse dekadenter Filmschaffender an den Regisseur mit der Fußfessel, der auf seine Auslieferung wartete, wie dies weite Teile der deutschen Kritik argwöhnten. Der Preis war vollkommen berechtigt. Polanski hat es vermocht, aus einer Romanvorlage mit ziemlich kurzfristig aktuellen Bezügen einen sehr persönlichen und künstlerisch anspruchsvollen Film zu machen. Seine Freilassung heute um 12:30 Uhr sollte vor allem Anlass sein, sich wieder mit dem wesentlichen im Leben Roman Polanskis zu befassen – diesem hervorragenden politischen Film eines Meisters.


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