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Ungarn: Die Bewältigung des KommunismusWarum Deutschland magyarische Verhältnisse erspart geblieben sind Viele deutsche Beobachter wundern sich über die Zerrissenheit Ungarns, die erbitterten Wahlkämpfe in einer verrohten politischen Kultur, und fragen sich, woher das kommt. Jüngster Grund solcher Fragen war das Ergebnis der letzten Parlamentswahlen, die einer rechtsextremen Partei 12 Prozent der Sitze einbrachte, worauf sehr einseitig der Fokus der hiesigen Berichterstattung gerichtet war. Antisemitische Äußerungen und rassistische Ausschreitungen riefen hierzulande zurecht große Empörung hervor. Gleichzeitig muss aber festgestellt werden, dass die deutsche Breitenpresse ziemlich scheinheilig und oberlehrerhaft so tut, als ob das in Deutschland nie geschehen könnte. Oder anders gesagt: Es wird unterschlagen, warum solches hier nur eingeschränkt geschah. Am 25. April 2010 ergab der zweite Wahlgang in Ungarn folgende endgültige Sitzverteilung im ungarischen Parlament: Der konservative Fraktionsverband aus FIDESZ (Ungarischer Bürgerbund) und der Christlich-Demokratischen Volkspartei KDNP erhielt 68 Prozent der Stimmen (263 Sitze), die Ungarische Sozialistische Partei MSZP 15 Prozent (59 Sitze), die rechtsextreme „Bewegung für ein besseres Ungarn“ Jobbik 12 Prozent (47 Sitze), die linksökologische LMP („Die Politik kann anders sein“) schließlich 4 Prozent (15 Sitze). Ein Sitz ging an einen unabhängigen Kandidaten. André F. Lichtschlag hat in einem ironischen Kurzkommentar auf ef-online einen der wenigen unaufgeregten Beiträge zu dieser Wahl geschrieben: Eine nationalkonservative Partei hat eine Wahl gewonnen – na und? Dass die ehemaligen Bürger der DDR, die vom kommunistischen Regime profitiert haben, und das waren nicht wenige, die alten SED-Kader gewählt hätten, wenn diese sich zur freien Wahl hätten stellen können, mit Unterstützung der großen finanziellen Möglichkeiten, die einer ehemaligen, aber unbehelligten Staatspartei in einem Wahlkampf zur Verfügung gestanden wären, unterliegt wohl keinem Zweifel. Ohne die Mehrheit der westdeutschen Stimmen wären in einem selbständigen ostdeutschen Staat diese Stimmen für die ehemaligen Kommunisten auch nicht so verwässert worden. „Die Linke“ als die aus der PDS und damit der ehemaligen DDR-Staatspartei SED hervorgegangene Partei hat im Osten Deutschlands trotz der Eindämmung durch den „großen Bruder Bonner Republik“ und trotz vergleichsweise rosiger wirtschaftlicher Verhältnisse stetig ansteigenden Zuspruch. So lag ihr Anteil bei der Bundestagswahl 1990 noch bei 11,7 Prozent, aber bei der Bundestagswahl 2009 schon bei 28,5 Prozent. Was den Erfolg von 40 Jahren internationalistischer Zwangserziehung angeht, so haben wir das Ergebnis nicht nur in den Neunzigern in Hoyerswerda und Rostock beobachten können, sondern auch noch zu Zeiten des Sommermärchens musste Brandenburg als "no-go-area" für schwarze Fußballtouristen bezeichnet werden. Es gibt also auch hier wenig Grund für Deutsche, Ungarn, das leider keinen "großen Bruder" gehabt hat, als Sonderfall zu betrachten. Vierzig Jahre kommunistischer Diktatur hinterlassen ihre Spuren, und wenn die Kommunisten dann immer noch nicht entmachtet sind, können die Wellen der Leidenschaft schon höher schlagen. Gut, dass die DDR dem Geltungsbereich des Grundgesetzes beitreten musste und infolgedessen abgemeldet war. Die Erbitterung vieler Ungarn, die in den 20 Jahren nach dem Ende des Kommunismus erleben mussten, wie die schlauen Kommunisten der ehemaligen Staatspartei sich als MSZP politischen und wirtschaftlichen Einfluss sicherten, ist nur zu verständlich. Man hat nur ein Leben, und 20 Jahre sind lang. Die Altkommunisten sind jetzt auch biologisch alt und werden bald in Frieden sterben. Die Menschen, die von ihnen unterdrückt worden sind, aber leider ebenfalls. Eine Auseinandersetzung mit dem Unrechtsregime vor 1989 ist unter diesen Verhältnissen natürlich nicht in wünschenswerter Weise erfolgt, viele Weichen wurden falsch gestellt. Zu den politischen kommen ökonomische Schwierigkeiten in Ungarn, die zu einem Großteil auf das Konto der MSZP gehen. Man kann der neuen bürgerlichen Regierung Orbán wirklich nur viel Glück und Geschick wünschen, die notwendig sein werden, die 2/3-Mehrheit zum Wohle des Landes zu nutzen. Ihr Sieg zeigt vor allem, dass viele kommunistisch eingestellte Wähler endlich begriffen haben, dass sie sich von der Vergangenheit lösen müssen. Vielleicht verstehen die Leser jetzt ein wenig mehr, wie es zu der Zerrissenheit Ungarns gekommen ist. Dass die deutschen Breitenmedien diese Hintergründe kaum benennen, sondern in einseitiger und tendenziöser Weise die Konservativen herunterschreiben, ist ziemlich traurig. Es ist nicht der FIDESZ, der für die rassistischen und antisemitischen Auswüchse steht, die die rechtsextreme Partei Jobbik kennzeichnen, die wahrscheinlich bald wieder schrumpfen wird. Aber auch die Kommunisten waren ja immer für ihre kompromisslose Einhaltung der Menschenrechte bekannt – in Ungarn (wie auch in anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks) haben sie es nicht nur geschafft, ungestraft, sondern auch viel zu lange an der Macht zu bleiben, ohne dass die deutsche Presse besonders kritisch über sie geschrieben hätte. Das ist nicht mehr nur trist, sondern auf mindestens einem Auge blind, wahrscheinlich aber sogar beabsichtigt. Schlimm! Deutschland kann wirklich heilfroh sein, dass die Partei „Die Linke“ (und ihre Vorgänger), die noch 20 Jahre nach der Wende bei der Wahl des Bundespräsidenten es nicht fertig brachte, über ihren kommunistischen Schatten zu springen und einen verdienten Stasi-Jäger mitzutragen, und die die DDR nach wie vor für keinen Unrechtsstaat hält, in diesen so wichtigen 20 Jahren keinen wesentlichen Einfluss auf die deutsche Politik nehmen konnte. 19. Juli 2010 Unterstützen Sie ef-onlineHat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien. Testen Sie eigentümlich freiProminente Autoren und kantige Kolumnisten wie Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Jörg Guido Hülsmann, Michael Klonovsky oder Frank Schäffler schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht. 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