29. Juli 2010

Besteuerung Wir sind Spitzenverdiener

Wie die Mittelschicht ausgepresst wird

Wer in meiner Gegenwart den Satz ausspricht, die „starken Schultern müssen mehr tragen“, dem entziehe ich in der Regel sofort die Freundschaft. Diese linke Politfloskel verschleiert, dass die angeblich starken Schultern in diesem Land sowieso schon alles tragen und immer mehr und mehr leisten sollen, damit mehr nach oben und unten umverteilt werden kann. Der Mittelstand wird in Deutschland immer stärker ausgebeutet – jetzt haben wir das auch Schwarz auf Weiß.

Der Berliner Steuerexperte Volker Graffstädt hat eine Expertise zur Entwicklung der Einkommenssteuer in Deutschland erarbeitet, die beweist, wie sich der Steuerstaat immer tiefer in das Einkommen der Mittelschicht, in unser Leben hineinfrisst. Dazu hat er die Einkommensentwicklung, den Grundfreibetrag und die Steuerprogression miteinander verknüpft. Ergebnis: Heutzutage muss viel viel öfter der Spitzensteuersatz gezahlt werden als vor 50 Jahren.

En detail: 1958 lag das Durchschnitteinkommen in Deutschland bei 2.725 Euro jährlich. Der Grundfreibetrag betrug damals 859 Euro. Für diese 859 wurden also gar keine Steuern bezahlt. 31 Prozent des Einkommens waren steuerfrei. Auf der anderen Seite wurde der Spitzensteuersatz fällig bei einem Jahreseinkommen von 56.263 Euro. 1958 unglaublich viel Geld! Es entsprach dem 20fachen des Durchschnittseinkommens.

In den 70er Jahren durchbrach das Durchschnittseinkommen die 10.000-Euro-Marke. 1974 lag es bei 10.421 Euro (damals: 20.381 Mark). Am Grundfreibetrag hatte sich aber nichts geändert. Er lag immer noch bei 859 Euro. Dadurch waren nur noch acht Prozent des Einkommens steuerfrei. Auch am Spitzensteuersatz hatte sich nichts geändert. Er wurde inzwischen schon beim 5fachen des Durchschnittseinkommens fällig. Mit anderen Worten: Der höchste Steuersatz galt für immer mehr Menschen, der Staat kassierte immer mehr ab.

So ging es munter weiter, bis ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts die Politiker in den 90er Jahren dazu zwang, den Grundfreibetrag, der bereits einige Male halbherzig angehoben worden ist, mit einem Schlag massiv zu erhöhen. Ab 1996 stieg er auf mehr als das Doppelte, nämlich 6.184 Euro. Das Durchschnittseinkommen lag damals bei 26.423 Euro, wovon nun wieder 23 Prozent steuerfrei waren. Der Spitzensteuersatz wurde jedoch bereits beim 2,3-fachen des Durchschnittseinkommens fällig.

Heute beträgt das Durchschnittseinkommen 32.003 Euro (2010, geschätzt). Das Ende der Progressionszone, also der Punkt ab dem der Spitzensteuersatz fällig wird, liegt bei 52.882 Euro. Das ist nur noch das 1,6-fache des Durchschnittskommens.

52.000 Euro – das könnte das Gehalt eines Meisters bei Daimler Benz in Stuttgart sein oder das eines gut bezahlten Schlossers auf einer norddeutschen Spezialwerft. Ein Filialleiter einer Bank verdient soviel oder ein IT-Experte bei Siemens. Diese Leute zahlen heute den Spitzensteuersatz. 1958 hätte diesen höchsten Steuersatz nur derjenige gezahlt, der das Zwanzigfache des Durchschnittseinkommens verdient. Das entspräche heutzutage einem Jahreseinkommen von etwa 600.000 Euro, beträfe also nur die Manager in Dax-Konzernen oder sehr erfolgreiche Unternehmer.

Zu berücksichtigen ist, dass der Spitzensteuersatz damals bei 56 Prozent lag und jetzt „nur noch“ 42 ausmacht. Jedoch: 1958 gab es auch keinen Solidaritätsbeitrag, sehr viel niedrigere Sozialversicherungsbeiträge und eine viel niedrigere Mehrwertsteuer. Insgesamt ist die Belastung für die Mittelschicht also immer weiter gewachsen. Sollte jetzt eine stärkere Inflation einsetzen – wofür vieles spricht – dann wird der Staat bald vom Durchschnittsverdiener den Spitzensteuersatz verlangen. Der Tag ist nicht mehr weit


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