09. August 2010

Homo Absolutus Ein Fall von Schamlosigkeit

Über Gutmenschen und Heuchler

Wer sommers Badeseen oder Stände aufsucht, begegnet dem Phänomen, dass junge, schöne Menschen sich in der Regel viel schamhafter verhalten als alte und hässliche; denn es sind so gut wie nie die ansehnlichen, wohlgeformten Leiber, die sich nackt präsentieren, sondern eben jene, von denen keinerlei Anziehung (mehr) ausgeht, die sogar als „abstoßend“ bezeichnet werden dürfen, was ihre Schamgefühl zu minimieren scheint. Die Scham nun, die uns überkommt, wenn wir die – oft geradezu demonstrative – Schamlosigkeit solcher Leute ertragen müssen, ist vergleichbar mit der, die wir empfinden, wenn wir „missglückten“, oder wie man etwas euphemistisch sagt, „behinderten“ Menschen begegnen: Wir sind peinlich berührt, einmal ob des bedauerlichen Zustandes der Kreaturen, zum anderen, weil wir selber mehr Glück gehabt haben und vergleichsweise „gelungen“ sind, doch nicht genau wissen, ob wir uns gerade in diesem Moment darüber freuen dürfen... Zuletzt aber auch deshalb, weil wir womöglich sogar Ekel empfinden, wenn, sagen wir, ein Spastiker uns zu nahe kommt, oder sich ein verfallener Körper neben uns entkleidet.

Diese uns eigene Hemmschwelle soll nun deutlich gesenkt werden, indem man uns politisch wie ästhetisch dahingehend erziehen will, auch im „missglückten“ oder verwelkten Menschen nur noch den Menschen zu sehen, nicht mehr das „Unglück“ oder das Welke. Anders sind die „Sex-im-Alter-Kampagnen“ oder die Konjunktur von „Behindertenfilmen“ wie „Me too“ oder „Vom Fliegen und anderen Träumen“ (richtig krass!) kaum zu erklären. Wir haben es hier mit einer Ideologie zu tun, auch wenn deren Inhalte nicht mehr so platt und programmatisch daherkommen wie die der früheren. Doch ihr moralischer Anspruch ist eben kein geringerer: Er zielt darauf, die Grenzen zwischen „krank“ und „gesund“ aufzuheben. Nun gehört es aber zu den ganz großen Verlogenheiten, zu glauben, die Welt würde „gerechter“ werden, wenn man die Menschen einfach dazu zwingt, ihre evolutionär oder doch wenigstens kulturell gewachsenen Empfindungen zu ignorieren oder sogar zu bekämpfen. Schocktherapie und Gewöhnungsstrategie in einem: Umgebe dich solange mit Spastikern, bis du sie endlich als „gleich“ und als „schön“ empfindest. Natürlich funktioniert das nur im Kino und in den ethisch verquasten Köpfen der Gutmenschen, denn selbstverständlich werden auch weiterhin die schönen, jungen und gesunden Menschen sowohl biologisch als auch sozial im Vorteil sein. Und „menschenverachtend“ ist nicht derjenige, der das Menschliche, also das Unberechenbare, Ungerechte, Differente, das „Schicksalhafte“ am Menschen im Auge behält, sondern der Heuchler, der so tut, als ließen sich alle natürlichen Unterschiede einfach wegwischen. Das eigentlich Totalitäre solcher pseudohumanen Erziehungsmaßnahmen wird immer erst auf dem zweiten Blick sichtbar; der Mensch soll all seiner subjektiven Urteilskraft und damit auch seiner ästhetischen Vernunft beraubt werden, er soll all seinen Stolz, seinen menschlichen Hochmut, seine ihn zu besonderen Leistungen antreibende Eitelkeit, kurz: er soll all sein Natürliches aufgeben, um dem Modell des „gleichgültigen“, empfindungsneutralisierten Androiden nicht mehr im Wege zu stehen.

Die überaus heikle Frage, die sich aus solchen Beobachtungen ergibt, lautet: was steckt eigentlich dahinter? Warum wird ein solcher „entklassifizierter“ Mensch überhaupt angestrebt? Und könnte es sein, dass die politisch gewollte Schamlosigkeit uns die politisch offenbar ebenfalls gewollte, sagen wir ruhig etwas überspitzt: „Kretinisierung“ der Gesellschaft nur erleichtern soll...?


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