Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Daten als private Parallelwährung: Weder Wohltäter noch Datenkraken

von Gérard Bökenkamp

Über das Geschäftsmodell von Google, Facebook, Amazon und Co

22. August 2010

Einerseits scheinen im Internet viele Dienstleistungen umsonst angeboten zu werden: Wir können kommunizieren, recherchieren, die Welt aus der Ferne und von Nahem betrachten, Bilder und Filme sehen und alles, ohne einen Cent zu bezahlen. Andererseits erscheinen uns die großen Wohltäter – die Anbieter, die das über ihre Portale möglich machen – auch als Datenkraken, die sich illegitimerweise unsere persönlichen Daten aneignen. Datenschützer schlagen Alarm und möchten diesen „Datensumpf“ am liebsten trockenlegen. Weil sie eben noch als Wohltäter galten, die ihr Angebot scheinbar umsonst zur Verfügung stellen, scheint die Enttäuschung über ihre „dunkle Seite“ besonders groß.

Online-Unternehmen sind aber weder Wohltäter, noch bösartige Datenkraken. Sie sind Unternehmen, die für ihre Leistungen eine Bezahlung erwarten, ganz so wie Unternehmen außerhalb des globalen Netzes auch. Beide Eindrücke, der vom Wohltäter und der von der Datenkrake, gehen gleichermaßen an der Sache vorbei und drängen sich auf, weil die Phänomene in der Regel nicht als Einheit betrachtet werden. Bezieht man beides aufeinander, den Umstand, dass diese Unternehmen scheinbar kostenlose Dienstleistungen anbieten und gleichzeitig unbedingt die möglichst vollständige Verwertung unserer Daten wollen, dann löst sich der Widerspruch in Luft auf. Die Online-Dienste sind nicht umsonst, und wir werden auch nicht um unsere Daten betrogen. Daten sind vielmehr eine Währung, mit denen die Online-Dienste bezahlt werden. So wie wir bei unserem Friseur, unserer Tankstelle oder unseren Steuerberater mit Euros bezahlen, so bezahlen wir im Internet mit Daten. Daten stellen im Netz eine Art privater Parallelwährung dar, und wir sind die Emittenten.

Die Online-Unternehmen bieten also einen Tausch an, sie stellen ihren Kunden Dienstleistungen und Informationen zum großen Teil unentgeltlich (aber eben nicht kostenlos) oder zu einem ermäßigten (Geld-) Preis zur Verfügung und erhalten ihre „Bezahlung“ in Form expliziter oder impliziter Zustimmung zur Verwertung der personenbezogenen Daten. Ein solcher Tausch ist aus liberaler Perspektive unproblematisch – soweit dieses Bezahlsystem transparent gemacht wird und den Regeln der Vertragsfreiheit entspricht. Ein wichtiger Schritt in Richtung Transparenz ist, wenn sich das Bewusstsein dafür durchsetzt, dass es sich um einen Tauschvorgang mit Leistung und Gegenleistung handelt.

Ein Tausch in einem freien Marktsystem muss nicht zwangsläufig in Geld abgewickelt werden, sondern dieser kann auch in der Abtretung von Verfügungsmöglichkeiten bestehen. Ob man eine Dienstleistung mit Papiergeld bezahlt oder mit Gold, Muscheln, Zigaretten, anderen Dienstleistungen, Nutzungsrechten an Grundstücken oder eben mit Daten, das ist für die Beurteilung der Legitimität des Tauschvorganges als solchen nicht relevant. Entscheidend ist, dass beide Parteien freiwillig und nicht unter Zwang handeln. Solange also niemand mit einer geladenen Pistole hinter dem Nutzer steht und diesen dazu zwingt, eine bestimmte Suchmaschine zu verwenden oder sich in einem sozialen Netzwerk anzumelden, können die privaten Anbieter ihre Nutzungsbedingungen ausgestalten, wie sie es für richtig halten und für ihr Geschäftsmodell als förderlich erachten.

Aus der Perspektive der Geldtheorie ist dieser täglich zigmal durchgeführte Tausch von Daten für Dienstleistungen ein sehr interessanter Vorgang. Ludwig von Mises hat das sogenannte Regressionstheorem aufgestellt. Danach ist Geld aus einem Sachgut mit einem Gebrauchswert entstanden. Daten sind ein Sachgut. Für viele Firmen ist es von großem Vorteil, über Daten von potentiellen Kunden zu verfügen. Der Datenhandel wurde schon betrieben, lange bevor es das Internet gab. Im Internet ist dieses Sachgut entsprechend der Annahmen von Ludwig von Mises zu Geld geworden. Man kann mit Daten Dienstleistungen bezahlen, ganz unabhängig davon, ob in diesem konkreten Fall die Information für den Dienstanbieter selbst einen Mehrwert darstellt oder nicht. Durch den Aufbau eines Datenpools, die Handelbarkeit von Daten und dadurch, dass die Online-Anbieter aus diesem Grund die Daten als Zahlungsmittel akzeptieren oder sogar bevorzugen, werden die Daten zu Geld.

Es handelt sich also um eine evolutionär entstandene Form von Privatwährung. Eine Währung umfasst eine Tauschfunktion und eine Wertaufbewahrungsfunktion. Durch die Hingabe von Daten tauscht der Kunde seine Informationen gegen bestimmte Services, Informations- und Kommunikationsdienstleistungen. Die Informationen werden vom Anbieter gespeichert und können zu einem späteren Zeitpunkt abgerufen werden. Dies bezeichnet eine Wertaufbewahrungsfunktion. Allerdings können Informationen veralten und damit ihren Wert verlieren, so wie auch andere Sachgüter, die im Laufe der Geschichte zum Tausch verwendet wurden, verdarben oder wie auch das Papiergeld, das durch Inflation mit der Zeit an Wert verliert. Daten sind also als Zahlungsmittel geeignet, zur Wertaufbewahrung aber nur begrenzt tauglich. Wer über einen entsprechend großen Datenpool verfügt, kann sich jedoch als ebenso reich ansehen, wie derjenige, der Aktien, Anleihen oder Goldmünzen sein eigen nennt.

Marktpreise spiegeln Informationen über die Präferenzen von Millionen von Marktteilnehmern wider. Dies gilt für den Preis, der sich in offiziellem Geld ausdrückt, ebenso wie für den Preis, der sich in der Forderung nach anderen Gütern wie etwa Daten ausdrückt, die diese Tauschfunktion partiell übernehmen. Dass viele Serviceangebote im Internet mit Informationen statt mit Geld bezahlt werden, spiegelt die Präferenzen von Millionen Kunden wider. Sie bevorzugen für viele Transaktionen wie zum Beispiel die Nutzung einer Suchmaschine eine Bezahlung mit ihren Daten gegenüber der Bezahlung mit Geld. Wäre dies nicht so, dann hätten sich am Markt schlicht andere auf direkten Zahlungen beruhende Geschäftsmodelle durchgesetzt. Bezahlt werden müssen die Angebote so oder so auf die eine oder die andere Weise – wenn man sie denn nutzen will.

Gerade weil es sich bei den Internetanbietern um gewinnorientierte Unternehmen handelt, kann man davon ausgehen, dass es ihnen letztlich egal ist, ob sie ihre Gewinne durch ein Online-Bezahlsystem oder durch das Versilbern von Informationen machen. Ein Internet auf der Basis von Geldzahlungen als Alternative zur Datenzahlung wäre unschwer vorstellbar. Die Bezahlsysteme wären noch besser ausgebaut, und für den Zugang zu qualitativ hochwertigen Suchmaschinen oder zu sozialen Netzwerken müsste man wahrscheinlich eine Gebühr in Form von Geld entrichten. Diese Gebühr wäre äquivalent zu dem Tauschwert, den heute die Daten besitzen, die man in diesen Netzwerken hinterlässt und die von den Anbietern verwertet werden können.

Dass sie sich dafür entschieden haben, ihr Geschäftsmodell auf Informationshandel statt auf Gebühren aufzubauen, spricht dafür, dass die Kunden ihre Dienstleistungen lieber mit Informationen als mit dem offiziellen Zahlungsmittel entgelten. Es ist offensichtlich, dass die persönlichen Präferenzen zum Schutz der eigenen Daten beim Durchschnittsbürger geringer ausgeprägt sind als bei den Datenschützern, die damit professionell befasst sind und vor allen anderen daran interessiert sind, das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen. Die große Mehrheit tauscht lieber eine Information über das besondere Interesse des Kunden an Bionahrung oder Autozubehör für den gewünschten Service ein, als das entsprechende Angebot äquivalent dazu mit Geld zu bezahlen.

Der Vorwurf gegen das Profitstreben der großen Online-Firmen ist nicht weniger albern, als in anderen ökonomischen Zusammenhängen, in denen sich private Unternehmen bewegen auch. Man kann von dem Anbieter einer Suchmaschine oder eines sozialen Netzwerkes genauso wenig erwarten, dass er seine Dienstleistung ohne Gegenleistung zur Verfügung stellt, wie man vom Besitzer einer Imbissbude erwarten kann, dass er aus lauter Freundlichkeit jeden Tag zum Hotdog-Essen einlädt. Worin diese Gegenleistung besteht, kann der Anbieter selbst festlegen. Am Nutzer liegt es dann zu entscheiden, ob er auf dieses Angebot eingehen will oder nicht. Wenn einem das Geschäftsmodell nicht zusagt, dann muss man sich eben etwas anderes suchen. Denn Leistungen müssen bezahlt werden, in welcher Form auch immer. Die Programmierer, Webdesigner, Entwickler, Buchhalter und Aktionäre der Online-Unternehmen können (und wollen) ihre Arbeit und ihr investiertes Kapital nicht zum Nulltarif anbieten. Die Internetgiganten und die Legionen anderer Online-Dienste sind keine Wohlfahrtsorganisationen, sondern betriebswirtschaftlich rechnende Unternehmen. Ihre Leistung muss der Kunde in irgendeiner Form bezahlen, sonst werden sie nicht mehr angeboten.

Wer Google, Facebook, Amazon und Co nutzt, der demonstriert damit, dass diese Dienstleistung einen gewissen Wert für ihn hat, sonst würde er sie nicht in Anspruch nehmen und Zeit in ihre Nutzung investieren. Niemand ist gezwungen, auf die Dienste einer Suchmaschine, eines sozialen Netzwerkes oder einen Bestellservice zurückzugreifen. Wer Informationen braucht, kann auch Zeitung lesen oder in die Bibliothek oder ins Archiv fahren. Wer mit Freunden in Kontakt bleiben will, der kann telefonieren und Briefe schreiben. Wer Bücher oder andere Gegenstände erwerben will, der braucht nur in das nächste Einkaufscenter gehen und kann sich dort nach Belieben eindecken. Das Argument, dass das natürlich viel zeitaufwendiger und arbeitsaufwendiger ist, als kurz einmal online zu gehen, ist kein Argument dagegen.

„Der Spiegel“ kritisierte an Google, der Dienst mache es den Nutzern schwer, ihre Daten für sich zu behalten. „Denn sie müssten dafür ja auf die ganzen schönen Angebote verzichten.“ So zu argumentieren ist so, als wenn man mit dem Verweis darauf, dass die Wohnung selbst zu renovieren zu arbeits- und zeitaufwendig ist, sich weigert den Maler zu bezahlen. Oder wenn man das Kaufhaus dafür verantwortlich macht, dass man wegen des wohl sortierten Sortiments zu viel Geld ausgibt. Wenn man die von dem Anbieter geforderte Gegenleistung nicht erbringen will, dann muss man eben auf das Angebot verzichten.

Würden sich morgen alle Staaten der Welt zusammenschließen und die bisherige Nutzung der Daten durch die Online-Anbieter untersagen, dann hieße das, dass es diese Angebote entweder nicht mehr geben würde oder alles, was bisher durch die Abgabe von Daten bezahlt wurde, in Zukunft mit Geld beglichen werden muss. Was die Unternehmen durch die Verwendung und Weitergabe von Informationen nicht mehr verdienen können, müssten sie auf die Preise umlegen. Hier kommt auch noch der so oft in den Vordergrund gerückte soziale Aspekt zum Tragen. Die Suchmaschinen im Internet kann jeder nutzen, egal ob Bill Gates von seinem Büro aus oder ein indischer Hilfsarbeiter von einem Internetcafé in Kalkutta aus. Ein System, das sich neben der Werbung nur aus Gebühren finanzierte, würde den egalitären Charakter des Internet zurückdrängen. Die so oft geforderte soziale Gleichheit und Teilhabe, die im Internet sehr weitgehend verwirklicht ist, wird gerade durch den Umstand, dass Angebote oft mit Daten statt mit Geldzahlungen beglichen werden, befördert. Denn Daten hat jeder, Geld eben nicht.

Im Grunde ist bei der Produktion von Daten jeder einzelne Marktteilnehmer so etwas wie seine eigene Privatbank, die eine private Daten-Währung emittiert, mit der Internetdienstleistungen bezahlt werden können. Diese private Datenwährung ist eine faszinierende Innovation im dicken Buch der Geldgeschichte. Sie ermöglicht es, dass selbst die Armen der Welt, soweit sie sich Zugang zum Netz verschaffen können, an eine Fülle von Informationen gelangen, die früher allenfalls Magnaten oder Nachrichtendiensten zugänglich waren. Große Bankhäuser haben im 19. Jahrhundert noch ein teures Informantennetz in Europa und Amerika unterhalten, um an Informationen zu kommen, die heute eben auch dem Hilfsarbeiter in Kalkutta nach zwei Mausklicks zur Verfügung stehen. Diese private Daten-Währung ist durch nichts anderes gedeckt als durch die Erwartung des Anbieters von Online-Diensten, aus diesen Daten Kapital schlagen zu können. Ihre Kaufkraft entsteht durch die Zukunftserwartung der Online-Anbieter, und diese übernehmen auch das Umtauschrisiko der Daten in Geld oder besser gesagt in die normale Form von Geld.

Dass sich ohne Intervention von außen eine private Daten-Währung herausgebildet hat, die es jedem Erdenbürger mit Netzzugang ermöglicht, weitgehend ohne finanzielle Barrieren auf gigantische Informationsnetze zurückzugreifen und die Dienstleistungen von Weltkonzernen in Anspruch zu nehmen, die diese Informationen und Kommunikationsverbindungen mit großem Aufwand zur Verfügung stellen, ist ein Beweis für die enorme Innovationsfähigkeit sich evolutionär entwickelnder Tauschsysteme.

 

Informationen:

ef-magazin, November 2005, Nr. 57: Der Irrtum der „Bürgerrechtsliberalen“. Warum der gesetzliche Schutz der Daten scheitern muss.

Google Street View II: Ein Panorama ist kein Privateigentum

Die Doppel-Moral der Google-Kritiker: Eine Lex Google darf es nicht geben

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