Lion Edler

Lion Edler, Jahrgang 1987, studiert in Berlin und arbeitet nebenher als freier Journalist.

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Demokratie: Über eine linke Idee

von Lion Edler

Die Alternative ist der liberale Rechtsstaat

25. August 2010

Die Aufregung war groß, als der RCDS-Bundesvorsitzende Gottfried Ludewig vor etwa zwei Jahren forderte, Steuerzahlern ein doppeltes Stimmrecht bei Wahlen einzuräumen. Allein mit Hartz-IV-Beziehern und Rentnern könne der „soziale Ausgleich“ nicht gelingen, gab der CDU-Mann zu bedenken. Ludewig würde Rentner „schmähen“, hieß es daraufhin empört in der „taz“. Von der FDP war zu hören, sein Vorschlag sei „ein Schlag ins Gesicht der Rentner unseres Landes und verhöhnen Menschen, die nach Arbeit suchen.“

Freilich waren Ludewigs Ausführungen ein offener Verstoß gegen diverse Parteiprogramme der CDU, sodass man sich über parteirechtliche Sanktionen gegen ihn nicht hätte beschweren dürfen, wobei diese erstaunlicherweise ausblieben. Doch warum andererseits diese Aggressivität, dieses moralische Aufplustern gegen ihn? Ludewig hatte nicht zur Gewalt aufgerufen, hatte keine Hetze verbreitet und nicht extremistisch argumentiert. Warum wurde er trotzdem nicht auf der inhaltlichen, sondern auf der moralischen Ebene so scharf attackiert, wenn er doch nichts verbrochen hatte? Die Antwort auf diese Frage ist, dass er einen Gott beleidigt hat: Den „Gott, der keiner ist“ (Hans-Hermann Hoppe). Daher war es klar, dass er als Ketzer gegen diesen Gott mit Bannsprüchen übersät werden musste, und dass selbstredend kurz darauf auch ein politisch korrekter Kotau nötig war. Der Begriff „Demokratie“ soll hierbei gemeint sein als ein Zustand, bei dem die Obrigkeit durch Wahlen legitimiert wird, bei denen jeder Bürger das gleiche Stimmrecht hat. Rechstaatlichkeit und Freiheit erscheinen mir hier nicht als die entscheidenden Kriterien, denn das Vorhandensein dieser Kriterien wird bereits mit dem Begriff „Rechtsstaat“ umschrieben. Auf das Verhältnis zwischen Demokratie und Rechtsstaat komme ich noch zurück.

Ludewigs Provokation und deren Widerspruch zu seiner RCDS-Mitgliedschaft spiegeln in typischer Weise ein immer wieder auftretendes Dilemma bei den Marktwirtschaftlern und Konservativen in der CDU: Auf der einen Seite ist man ehrlich und gutmeinend überzeugt von der Demokratie, sieht sie verständlicherweise vor allem als Gegenmodell zum roten und braunen Links-Totalitarismus des zwanzigsten und beginnenden 21.Jahrhunderts. Auf der anderen Seite beschleichen solche Politiker allmählich düstere Vorahnungen oder gar das Wissen, dass das von ihnen vertretenen demokratische Staatssystem automatisch genau zum Gegenteil jener freiheitlichen Gesellschaftsordnung führt, die sie sich wünschen: Das heißt, die Demokratie führt automatisch zum Sozialdemokratismus beziehungsweise zum Sozialismus. Dieses ergibt sich daraus, dass Parteien ihren Untertanen staatliche Transferleistungen versprechen, wofür diese gewählt werden, was zur Bereitstellung dieser Transferleistungen und somit zu noch mehr Transferempfängern führt. Somit entsteht ein größeres Wähler-Clientel für diese Umverteilungsparteien, weswegen immer mehr Parteien sich den Transferempfängern andienen, und ein Umverteilungs-Teufelskreis in Gang gesetzt wird.

Diese These ist insofern nicht abwegig, als sich aktuell eindeutig mit Vorliebe die linken politischen Kräfte die Demokratie auf ihre Fahnen schreiben. Die Grünen etwa pflegen das Bekenntnis zur „Basisdemokratie“ als eines der wichtigsten identitätsstiftenden Ideale der Partei, und auch für die ebenso totalitäre 68er-Bewegung war die „Demokratisierung“ der Gesellschaft ein Herzensanliegen. Heute fordern linke politische Jugend- und Studentenorganisationen permanent eine „Demokratisierung“ des Bildungswesens, insbesondere der Hochschulen, womit sie vor allem eine Nivellierung und Egalisierung desselben verbinden. Dieses linke Wesen der Demokratie ist früh erkannt worden. Schon Friedrich Engels war sich bewusst, dass die Schnittmengen zwischen linkem und demokratischem Gedankengut offenbar erheblich größer sind als jene zwischen rechtem und demokratischem Gedankengut: „Die Demokratie, das ist heutzutage der Kommunismus. Eine andre Demokratie kann nur noch in den Köpfen theoretischer Visionäre existieren, die sich nicht um die wirklichen Ereignisse kümmern, bei denen nicht die Menschen und die Umstände die Prinzipien, sondern die Prinzipien sich selbst entwickeln. Die Demokratie ist proletarisches Prinzip, Prinzip der Massen geworden. Die Massen mögen über diese einzig richtige Bedeutung der Demokratie mehr oder weniger klar sein, aber für alle liegt wenigstens das dunkle Gefühl der sozialen gleichen Berechtigung in der Demokratie. Die demokratischen Massen können bei der Berechnung der kommunistischen Streitkräfte ruhig mitgezählt werden. Und wenn sich die proletarischen Parteien verschiedener Nationen vereinigen, so haben sie ganz recht, das Wort Demokratie auf ihre Fahnen zu schreiben, denn mit Ausnahme derjenigen, die nicht zählen, sind im Jahre 1846 alle europäischen Demokraten mehr oder weniger klare Kommunisten.“ (Friedrich Engels, „Das Fest der Nationen in London“, 1845).

Auch die im Vergleich zu Friedrich Engels nicht minder kommunistische DDR bezeichnete sich bekanntlich als „Deutsche demokratische Republik“. In Teilen der Politikwissenschaft hat dies durchaus zu Denken gegeben. Also schrieb der konservative Politikwissenschaftler Hans-Helmuth Knütter über die kommunistischen Staaten: „Gerade an diesem Beispiel zeigt sich aber die Notwendigkeit einer kritischen Beschäftigung mit der Demokratie. Verstanden sich doch diese Ordnungen als Volks- oder sozialistische Demokratien.“ Und weiter: „Gefahr für die Demokratie liegt nicht so sehr in ihrer Beseitigung durch eine Diktatur, bedroht wird sie vielmehr durch ideologisch verblendeten Massenwahn. Demokratie kann durchaus auf scheinbar demokratischem Wege überwunden und in ihr Gegenteil, in eine Herrschaft ideologisch sich selbst rechtfertigenden Unrechts verwandelt werden. Diese Gefahr ist bereits in der Antike erkannt worden. (...) Hier besteht die Gefahr, dass die Beauftragten der Wähler, also die Abgeordneten und Parteien, die Verbindung zu ihren Wählern verlieren. Dann kann es zu einer Elitenherrschaft über das Volk, eventuell im Namen des Volkes, kommen. In der DDR und den anderen Staaten des ehemaligen Ostblocks gab es eine solche Form der Volksdemokratie, die in Wirklichkeit eine Herrschaft der Parteibürokratie war.“ Freilich will Knütter bei seiner Demokratiekritik noch nicht glauben, dass es sich bei Staaten wie den „Volksdemokratien“ des Kommunismus keinesfalls nur um eine Entartung der Demokratie, sondern vielmehr um eine zwangsläufige Folgeerscheinung der Demokratie handelt. In der Gegenwart bestätigt sich dies zunehmend, indem die ehemalige Staatspartei der DDR in der Bundesrepublik zu einer etablierten Volkspartei geworden ist, die wie keine andere die Richtung der restlichen Parteien und damit der Politik des Landes vorgibt. Quasi-Verstaatlichungen von Banken und Unternehmen, ein gigantischer 750-Milliarden-Euro schwerer „Rettungsschirm“ als größtes sozialistisches Umverteilungsprojekt der Weltgeschichte, neosowjetischer Krippensozialismus und Zerstörung der Familienstrukturen, antifaschistische Geschichts- und Extremismus-Politik, einseitige Kirchen- und Religionsfeindlichkeit, der Weg in die Einheitsschule, Meinungsterror und ein fast vollständig gleichgeschaltetes sozialistisch-antifaschistisches Medien- und Parteienkartell bilden die Pfeiler einer Entwicklung, die die Bundesrepublik zunehmend als eine „DDR light“ (Rainer Zitelmann) erscheinen lassen.

Nun wird behauptet, die westliche Demokratie im Sinne von freien, gleichen und geheimen Wahlen sei schon automatisch das Gegenteil des Totalitarismus; sie sei schon per Definition freiheitlicher als alle anderen Staatsformen. Betrachtet man die derzeitigen westlichen Demokratien und insbesondere die Bundesrepublik, kann davon jedoch kaum die Rede sein. So bringt beispielsweise die informelle Begrenzung der Meinungsfreiheit den Schriftsteller Michael Klonovsky zu der nicht abwegigen These, die größte geistige Freiheit habe in Deutschland „vermutlich im Kaiserreich bestanden.“ Und Rauch- und Glühlampenverbote, Feinstaubplaketten oder Frauenquoten gab es noch nicht einmal in der DDR. „Preußen-Deutschland war verglichen mit dem Tugendwächterstaat von heute ein wahres Paradies der Freiheit.“, urteilt der „Junge Freiheit“-Chefredakteur Dieter Stein denn auch zu Recht. Noch dramatischer sind die massiven staatlichen Repressionen gegen Schulpflicht-unterlaufende Eltern, oder etwa der Missbrauch des Sorgerechts-Entzugs, mit welchem durch die Willkür mancher Jugendämter faktisch ein staatlicher Kinderklau betrieben wird.

Die Rechtsstaatlichkeit wird sogar – scheinbar paradoxerweise – gerade mit dem Verweis auf die Notwendigkeit von Demokratie im Sinne von „Herrschaft des Volkes“ ausgehebelt, und dies wiederlegt die These vom angeblichen Zusammenhang zwischen Demokratie und Rechtsstaat. Deutlich wurde dies beispielsweise, als vor zwei Jahren eine angemeldete und legale Veranstaltung des rechtspopulistischen Vereins „Pro Köln“ durch den Druck einer Masse von Gegendemonstranten verhindert wurde. Der SPD-Politiker Wolfgang Thierse wurde vom „Deutschlandradio“ gefragt, ob es nicht „juristisch gesehen das gleiche“ gewesen wäre, wenn eine Demonstration für die Unterstützung der multikulturellen Gesellschaft von einer Mehrheit von Demonstranten verhindert worden wäre. Antwort Thierse: „Ja, aber man kann eben in der Politik und in der Demokratie nicht nur formaljuristisch argumentieren, sondern es geht schon darum, welches Anliegen welche Gruppierung vertritt, ob es dem friedlichen Zusammenleben der Gesellschaft dient, oder ob es stört, welche historische Erfahrung, welche historischen Erinnerungen wir mit welcher Art von Anliegen welcher politischen Position haben.“ Thorsten Hinz entgegnete in der „Jungen Freiheit“, dass der „Hohn über die Formaljuristerei des Rechtsstaates am Anfang jenes Weges“ stehe, „den Hilde Benjamin und Roland Freisler, das rot-braune Doppelgestirn einer zweckorientierten Rechtsprechung, so beherzt beschritten haben.“ Dies ist richtig, doch zu Denken geben muss weiterhin, dass Thierse jenen „Hohn über die Formaljuristerei des Rechtsstaates“ ausdrücklich mit dem Verweis auf die „Demokratie“ rechtfertigt! Dies ist kein Einzelfall. Auch der Linken-Politiker Oskar Lafontaine stößt in das Thierse-Horn: „Demokratie definiert sich nicht nur über das formal Politische, sondern auch über das Ergebnis.“ Und weiter: „Eine demokratische Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der sich die Interessen der Mehrheit durchsetzen. Bei fallenden Löhnen, fallenden Renten und sinkenden sozialen Leistungen sind wir keine Demokratie, auch wenn der neoliberale Mainstream natürlich erschrocken ist, wenn man das sagt.“ Und als die Bundesregierung gestohlene Schweizer Bankkundendaten kaufte, war in der „Süddeutschen Zeitung“ zu lesen, der Kanzlerin sei zwar klar gewesen, dass der Kauf der Daten widerrechtlich sei. Doch aufgrund der „aktuellen politischen Gemengelage“ habe sie entschieden, dass in diesem Fall die „reine juristische Lehre“ nicht relevant sein könne. Die Formulierungen bei Merkel, Thierse und Lafontaine gleichen sich, es ist dasselbe Lied von der CDU über die SPD bis zur DDR-Staatspartei: „nicht nur formaljuristisch argumentieren“, „Demokratie definiert sich nicht nur über das formal Politische“, die „reine juristische Lehre“ ist nicht relevant. Und die „aktuelle politische Gemengelage“, von der im Zusammenhang mit Merkel die Rede war, entspricht exakt dem, was bei Lafontaine und Thierse die „Demokratie“ ist: der Druck der Masse. Ob die Massen bedingungslos die Rechtsstaatlichkeit unterstützen, danach wird hierbei nicht gefragt. Es zeichnet sich somit ab, dass jener „Hohn über die Formaljuristerei des Rechtsstaates“, die von Hinz beklagt wird, offenbar eine demokratische Sitte ist.

Waren die Unionsparteien kurz nach der Gründung der Demokratie in Deutschland noch die klar dominierende Kraft, so schwanden die gesellschaftlichen Milieus des bürgerlichen und konservativen Denkens schnell immer mehr, was zum langsamen Abstieg der Union führte. Die 68er-Bewegung gab dann noch einmal einen kräftigen Anschub zu dieser Entwicklung, spätestens in den 80er Jahren waren gar keine sozialdemokratischen Wahlsiege mehr nötig, weil die Union sich von selbst an den sozialdemokratischen Mainstream anpasste. Seit Jahrzehnten befindet sich das Parteiensystem der Bundesrepublik nunmehr auf einem ebenso kontinuierlichen wie atemberaubenden Linksrutsch. Dies führte zur Etablierung der Grünen. Einst als die Schmuddelkinder des Parteienspektrums betrachtet, ist die 68er-Partei nun zum voll integrierten und voll akzeptierten Teil des bundesdeutschen Parteienspektrums geworden, obwohl sie seit jeher ein extrem gestörtes Verhältnis zum Rechtsstaat, zur Gewaltfreiheit sowie zur Meinungsfreiheit hat. In Hamburg probte die CDU bereits, wenn auch noch nicht erfolgreich, das inhaltliche Zusammenwachsen mit dieser linksradikalen Partei. Exakt der gleiche Prozess steht nun sogar bei der ehemaligen Staatspartei der DDR an. Auch diese wird zur Zeit noch teilweise verteufelt, doch die Dämme sind längst am Brechen. Für die SPD ist sie längst kein Problem mehr, und selbst bei der angeblich „konservativen“ CDU laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Sachsens CDU-Ministerpräsident Wolfgang Böhmer lobe die Linkspartei bereits für ihre „sehr intensive Basisarbeit“ und gab zu verstehen, dass er sich vorstellen könne, „in Notsituationen“ auch mit ihr zu koalieren. Bereits 2007 hatte der Fraktionschef der Linkspartei im sächsischen Landtag, Wulf Gallert, prognostiziert, ein Bündnis mit der CDU sei „in acht bis zehn Jahren“ möglich. Böhmer wiederum betonte, dies „nicht als unmoralisches Angebot bezeichnen“ zu wollen.

Sobald dieser zunehmende Linksdrift erst einmal die politische Hegemonie erreicht hatte und immer mehr festigte, konnte er immer selbstbewusster und problemloser anti-egalitäres Gedankengut ausgrenzen oder durch Einschüchterung schon im Vorfeld abwenden. Nirgendwo wird dies deutlicher als beim „Kampf gegen Rechts“, der schon in seinem Namen jegliches rechte Gedankengut mit Rechtsextremismus gleichsetzt und somit in die Sphäre des Staatsfeindlichen rückt, weshalb solches Gedankengut zum politischen Abschuss freigegeben ist. „Wir dulden keine anti-egalitären Ansätze“, bekannte freimütig schon im Jahr 2000 die damalige Grünen-Bundesvorsitzende Renate Künast in einem Interview. Über das Ergebnis berichtet der Meinungsforscher und „Emnid“-Chef Klaus-Peter Schöppner: „Vor 20 Jahren lag der Anteil der Leute, die sagten, es sei ein entscheidender Unterschied, ob die Union oder die SPD regiere, bei 70 Prozent. Heute sind es 30 Prozent. Das sagt einiges aus über die Lage der Volksparteien!“ Die Entwicklung des Parteienspektrums, dies sei hinzugefügt, läuft auf eine antifaschistisch-demokratische Blockparteien-Landschaft hinaus.

Um die Zwangsläufigkeit dieser Entwicklung in einer Demokratie zu erkennen, muss man die Mechanismen des Transferleistungsstaats verstehen. Der Soziologe Gunnar Heinsohn schrieb über die Sozialhilfe der USA bis zur Mitte der 90er Jahre: „Die nämlich zeigt widersinnige Auswirkungen. Immer reicher wird das Land und immer höhere Summen gehen an die Armen. Und dennoch werden die immer zahlreicher.“ Nachdem Bill Clintons Gesetz ab 1.Januar 1997 den körperlich gesunden US-Amerikanern den Rechtsanspruch auf Sozialhilfe auf einen Zeitraum von nur noch fünf Jahren kürzt, geschieht nach Heinsohn wiederum etwas „scheinbar Widersinniges“: „Obwohl die Ausgaben gegen Armut jetzt fallen, geht die Zahl der Armen zurück.“ Da aber Populismus und somit das Versprechen von möglichst hohen Transferleistungen das Prinzip der Demokratie ist, führt Demokratie folglich zwangsläufig zu einem immer höheren Prozentsatz von Transferempfängern. Dagegen spricht zwar die Tatsache, dass Clinton mit seinem Gesetz die Sozialhilfe kürzte. Doch dürfte es sich bei einer solch unpopulären Maßnahme in einer Demokratie um einen Ausnahmefall handeln, der mit wachsendem Alter einer Demokratie und der damit einhergehendem schon beschriebenen Gleichschaltung der Parteien immer unmöglicher wird. Schon jetzt sind die USA unter der Führung eines Pardebeispiels eines radikalen Demokraten – weil radikalen Populisten –, Barack Obama, wieder auf dem Weg zurück in den sozialdemokratischen Schlendrian. Um die Unbestechlichkeit der Sozialdemokratisierung durch die Demokratie zu zeigen, bedenke man auch, dass kaum ein Politiker etwas Oskar Lafontaine entgegenzusetzen hatte, als dieser den bereits erwähnten Satz formulierte: „Bei fallenden Löhnen, fallenden Renten und sinkenden sozialen Leistungen sind wir keine Demokratie, auch wenn der neoliberale Mainstream natürlich erschrocken ist, wenn man das sagt.“ Der bemerkenswerte Umkehrschluss zu der Lafontaine-These lautet: Eine Demokratie besteht nur, wenn es mindestens gleichbleibende Löhne, Renten und soziale Leistungen gibt. Da es hier jedoch einen völligen Stillstand nie geben kann, können die Werte hier eigentlich nur beständig ansteigen, wenn man noch von einer Demokratie reden will.

Und was ist nun die Alternative? Es sollte zu Denken geben, was ausgerechnet ein ehemaliger DDR-Bürgerrechtler, Jörg Drieselmann, kürzlich im Interview mit „eigentümlich frei“ zu Protokoll gab: „Das Gegenteil einer Diktatur ist nicht Demokratie. Tatsächlich ist es doch, theoretisch wenigstens, gleichgültig, wie Großkollektive ihre Entscheidungen fällen, ob per Mehrheitsbeschluss, durch Münzewerfen oder durch den Ratschluss der Ältesten, sofern davon die institutionell gesicherte Freiheit des Einzelnen nicht beeinträchtigt wird. Insofern ist das Gegenteil einer Diktatur die Freiheit des Einzelnen.“ Wie dargelegt wurde, wird jedoch die Einhaltung dieser institutionellen Verteidigung der Freiheit des Einzelnen durch die „Massendemokratie“ untergraben. Will man hier Abhilfe verschaffen, muss das Rad so neu gar nicht erfunden werden. Das Grundgesetz etwa ist als moralischer und rechtlicher Rahmen schonmal weitgehend gar keine schlechte Orientierung. Es kann jedoch nicht angehen, dass jeder nichtsnutzige Prolet bei Wahlen ein genauso starkes Stimmrecht hat wie jemand, der kompetent ist und sich mit seinen Steuergeldern am Gemeinwesen beteiligt. Kürzlich diskutierte Deutschland in der Frage der Einwanderungspolitik die mögliche Einführung eines IQ-Tests für potentielle Einwanderer. Auch hier wurde wegen des anti-egalitären Ansatzes genauso hysterisch reagiert, wie es der RCDS-Vorsitzende Gottfried Ludewig erfahren musste. Doch ebenso wie in der Einwanderungspolitik darf man auch bei der Demokratiepolitik das gute Gewissen nicht vor die Macht des Faktischen schieben, denn die Folgen der fehlgeleiteten Politik werden tagtäglich immer verheerender. Das IQ-Kriterium muss freilich mit dem Geldgeber-Kriterium verbunden werden. Nur ein kleiner elitärer Kreis sollte über die Geschicke des Staates bestimmen, wobei jedoch im Gegenzug dessen Handlungsspielraum durch die absolute Garantie von Rechtsstaatlichkeit und sehr hoher individueller Freiheit begrenzt sein sollte. Dies ist nicht entwürdigend gegenüber denen, die dann kein Stimmrecht mehr haben. Entwürdigend ist, wenn man diesen Menschen eine Freiheit vorgaukelt, die darin besteht, zwischen sechs sozialistischen Kartellparteien wählen zu können, deren Kandidaten schon zuvor von der Parteienbürokratie ausgekungelt wurden.

Die Wesensverwandtschaft von Sozialismus und Demokratie, die wie gesagt bereits von Engels gesehen wurde, ist auch insofern nicht verwunderlich, als die Demokratie ebenso wie der rote und braune Sozialismus meist in Revolutionen ihren Ausgangspunkt hatte. Über die „Revolution“ aber heißt es bei „Wikipedia“: „Eine Revolution bezeichnet in der Soziologie sowie umgangssprachlich einen radikalen und meist, jedoch nicht immer gewalttätigen sozialen Wandel (Umsturz) der bestehenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse. Eine Revolution wird entweder von einer organisierten, möglicherweise geheimen, Gruppierung von Neuerern (vgl. Avantgarde, Elite) getragen und findet die Unterstützung größerer Bevölkerungsteile, oder sie ist von vornherein eine Massenbewegung.“ Kurzum: Entweder wird die Revolution erst später zur Massenbewegung, oder sie ist es bereits von Beginn an, auf jeden Fall aber endet eine Revolution immer in einer Massenbewegung – und das ist das Problem. Im „Ökonomischen Lexikon L-Z“, veröffentlicht 1967 in der DDR vom Verlag „Die Wirtschaft“ und mit Vervielfältigungsgenehmigung des Ministeriums des Innern der DDR ausgestattet, ist beim Stichwort „Revolution“ zu lesen: „Grundlegende gesellschaftliche Umwälzung, bei der die Macht der überlebten Klassen gestürzt und die Macht der fortschrittlichen, revolutionären Klassen errichtet wird. R. sind der höchste Ausdruck des Klassenkampfes und ein ebensolches historisches Gesetz wie dieser. Das bedeutet, dass die sozialistische R. als die gründlichste und umfassendste Umwälzung aller bisherigen gesellschaftlichen Verhältnisse die letzte soziale R. in der Geschichte ist. Die bürgerlich-demokratische R. im Imperialismus wird, wenn es dem Proletariat gelingt, zum Hegemon der R. zu werden, zu einer R., die sich vor allem im Interesse der Volksmassen vollzieht. Die Staatsmacht, die im Verlaufe einer solchen R. errichtet wird, ist die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft. Die von der marxistisch-leninistischen Partei geführte Arbeiterklasse ist auf Grund ihrer weltgeschichtlichen Mission die führende Kraft in der sozialistischen R. Die sozialistische R. setzt solche gigantischen Massen des Volkes in Bewegung wie keine andere R.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

„Schließlich haben die letzten Menschen, deren Heraufkunft Friedrich Nietzsche durch den Mund seines Zarathustra angekündigt hatte, das aristokratische Lebensziel des Ruhmes längst durch das demokratische des Glücks ersetzt.“, schreibt Michael Klonovsky. Um diese Entwicklung in die rückgängige Richtung zu versetzen, falls dies doch noch möglich sein sollte, bedarf es einer demokratiekritischen und zugleich Rechtsstaats-freundlichen Bewegung, die nicht unbedingt dem Namen nach, unbedingt jedoch im Geiste aristokratisch ist. Welche historischen Vorbilder sich hierbei anbieten, ist bekannt.

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