Ralph Janik

Studierte Rechtswissenschaften in Wien und Madrid. Mitarbeiter am Institut für Wertewirtschaft; seine Beiträge geben jedoch nicht unbedingt die Meinung des Instituts wieder.

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Unternehmer: Das Sterben der Videotheken

von Ralph Janik

Vom Umgang mit Veränderungen

Vor wenigen Tagen hatte ich den Newsletter einer beliebten Wiener Videothek (Alphaville) im Postkasten, in dem ich über deren bevorstehendes Ende unterrichtet wurde. Innerhalb von 13 Jahren hatte sich die Videothek, die sich auf oft äußerst schwer erhältliche Filme in Originalsprache spezialisiert hat, von einem Geheimtipp für Cineasten in einem mäßig attraktiven Viertel zu einem wesentlichen Bestandteil eines in den letzten Jahren zu einem durchaus als „hipp“, „trendy“ oder welches Wort man auch immer verwenden mag bezeichenbaren Wiener Stadtteils (dem Freihausviertel) gemausert.

Im Newsletter wird die simple Erkenntnis, dass Zeiten sich ändern, als Begründung für das Aus genannt. Mit anderen Worten durch das Internet, die Tauschbörsen, Streams, aber auch die vielfältigen legalen Wege, um billig und schnell an früher nur äußerst schwer erhältliche Filme zu gelangen, ist der Bedarf an einer Videothek, die sich eben jene Verfügbarkeit rarer Filme zum Ziel gesetzt hat, gesunken.

Doch im Gegensatz zu vielen anderen aus der Copyright-Branche schwingt keine Wut über illegale Downloads mit; vielmehr akzeptiert man anscheinend – im Gegensatz zum Großteil der Unterhaltungsindustrie – den Wandel der Zeiten, der die Videothek ums Eck obsolet mache. "Ich bin besonderen Filmen früher oft jahrelang hinterhergelaufen, heute habe ich sie innerhalb eines Tages im Postkastl. Die nachwachsende Generation braucht die Videothek ums Eck nicht mehr", wird der Betreiber des Verleihs, Norman Shetler, in der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ zitiert. Shetler war ein einer derjenigen Unternehmer, die sich ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben und denen es folglich nicht so sehr um die Einnahmen ging als vielmehr um das Hobby, das zum Beruf wurde. Und gerade jene, denen es um das Medium Film an sich geht, kann die bestmögliche Verfügbarkeit guter Filme nur recht sein, selbst wenn sie den eigenen Geschäftsinteressen zuwiderläuft.

Anhand des Videothekensterbens und dem Umgang der Betreiber mit selbigen zeigen lassen sich so manche Dinge beobachten. Auf zwei sei hierbei eingegangen:

Erstens gibt es seit je her zwei Arten, mit wirtschaftlichen Veränderungen, die einen selbst betreffen, umzugehen; entweder man stemmt sich gegen sie, will sie aufhalten oder zumindest maßgeblich verlangsamen, um dem Anpassungsprozess, den sie mit sich ziehen, zu entgehen. Zumeist schließt man sich dabei zu größeren (Personen-)Gemeinschaften zusammen, um Kräfte zu bündeln und letztlich mehr Gewicht zu erlangen. Bei Videotheken sind das etwa Bemühungen aller Art, illegale Downloads und Raubkopien einzudämmen und die Konsumenten zu kriminalisieren – Bemühungen seitens der von illegalen Tauschbörsen, Torrents und dergleichen hart getroffenen Unterhaltungsindustrie, an deren Rockzipfel die Videotheken hängen und die – um das eigene Geschäft bangend – den Irrsinn, der in den letzten Jahren im Namen des Copyrights aufgekommen ist, zumindest gutheißen (man denke etwa an die Einzelfälle horrend hoher Geldstrafen für einige wenige illegale MP3s). Dies ist nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass einen Videothekenbetreiber ein Film mit den Verleihrechten 25 bis 30 Euro kostet, die sich erst durch den Verleih rentieren; Rechte, die durch illegale Downloads ihren ökonomischen Nutzen einbüßen.

Zumeist ist das Ergebnis derartiger Anstrengungen, dass Ressourcen, die produktiv eingesetzt (hätten) werden können, in diesem mühsamen und zumeist langfristig erfolglosen Prozess pulverisiert werden – die genannten Anstrengungen der Unterhaltungsindustrie bringen mehr Nachteile mit sich als eine Adaptierung an die Veränderungen im Bereich des Copyright und dessen Umgang. Anstatt aufgrund der veränderten Situation neue Geschäfts- und Vermarktungsmodelle zu entwickeln wird starr am Prinzip Bildrechte festgehalten, bei aller Absurdität, die sich aus ihrer rigorosen Einhaltung ergeben.

Andere akzeptieren die Veränderung beziehungsweise finden sich mit ihr zumindest ab und reagieren entsprechend darauf; etwa, indem Videothekenbetreiber heute ihr Angebot erweitern, mit Pizza-Lieferanten kooperieren, die Auswahl an im Geschäft beziehbaren den Filmkonsum begleitenden Nahrungsmitteln erhöhen oder gar Solarien in ihren Räumlichkeiten aufstellen (!). Mit anderen Worten: Sie akzeptieren das Ende der Nische Filmverleih als gesondertes Geschäftsmodell und dehnen ihr Angebot auf andere Bereiche aus, um als Gesamteinheit überleben zu können. Der Unterhaltungsgütertempel im Kleinen also, in dem man zu später Stunde nach dem sich im Solarium toasten lassen noch einen Film mitsamt Chips und Cola heimnehmen kann und der sich nicht mehr unter einen Geschäftstyp subsumieren lässt. Oder aber, wie im Falle der Videothek „Alphaville“, indem sie drastischere Schritte setzen und sich komplett neu orientieren. Die Geschäftsmodelle, die sich nicht mehr als einträglich erweisen (zumindest nicht in ihrer ursprünglichen Form), auf sich beruhen lassen und ihre Energien im positiven Sinne in andere Richtungen lenken.

Mit anderen Worten – der wahre Unternehmer hat sich seit je her mit (unliebsamen) Veränderungen abgefunden, auf die er nur mäßig bis gar nicht Einfluss nehmen kann; sich nicht gefragt, wie er sie aufhalten oder wenigstens verlangsamen kann, sondern, wie er darauf zu reagieren hat, wenn er im Geschäft bleiben will. Oder ob sich aus den sich verändernden Umständen neue Chancen ergeben. Der weiß, dass kein Modell, bloß weil es eine Zeit lang ökonomisch erfolgreich war, Anspruch genießt, dies auch zu bleiben.

Diese zwei Arten, mit einem sich verändernden Umfeld umzugehen, kann man als die zwei Arten der Betrachtung eines halb angefüllten Glases sehen; wer es halbleer sieht, will dagegen ankämpfen, dass es sich weiter leert, indem er nichts trinkt. Wer es halbvoll sieht, bemüht sich, es ganz voll zu machen oder immer wieder neu auf die Hälfte anzufüllen, nachdem er einen Schluck genommen hat. In einer Zeit derart steten und rasanten Wandels wie der unsrigen ist es müßig zu sagen, welche Einstellung eher das Rüstzeug mit sich bringt, (unternehmerisch) zu bestehen.

Des weiteren zeigt sich anhand des Umgangs der Betreiber von Alphaville auch die Unterscheidung zweier Unternehmertypen in einem anderen Sinne – zwischen jenen, die ihr Hobby, ihre Leidenschaft zum Beruf machen und solchen, die eine erfolgsversprechende Lücke erkennen und für sich nutzen – die Übergänge zwischen ihnen sind fließend, und folglich gibt es diese zwei Typen meistens freilich nicht in Reinform.

So steht Arbeit als Mittel zum Zweck, bei dem die Arbeit als Weg zu einem Ziel (sei es die sichere, üppige Pension, die Versorgung der Familie, der nächste Urlaub oder die Anschaffung eines Neuwagens) wird, auf der einen Seite. Auf der anderen Seite der Beruf, bei dem der Weg selbst zum Ziel wird, die Berufung also den angenehmen Nebeneffekt hat, durch Vermischung mit den Mühen des Unternehmeralltags (auch ein Beruf, der mit den eigenen Interessen korreliert, ist ja nicht nur Freude) auch noch einträglich zu sein. Es sei nur am Rande angemerkt, dass meistens jene die erfolgreichsten oder zumindest besten sind, die ihrer Tätigkeit (zumindest maßgeblich) um der Tätigkeit willen nachgehen. Wer nicht zumindest einen Grundstock an Freude an dem, was er tut mitbringt, dem wird wenig Erfolg beschieden sein, egal, um welche Tätigkeit es sich handeln mag. Von der Aristoteles’schen Frage, ob sich damit ein glückliches Leben führen lässt, ganz zu schweigen.

Unternehmer, die ihr Geschäftsmodell des ökonomischen Erfolgs wegen verfolgen, brüsten sich oft damit, keinen Bezug zu den Dingen zu haben, mit denen sie Geld verdienen. Das ist nicht weiter schlimm, es handelt sich nur um einen anderen Zugang – viele Unternehmer empfinden weniger Freude an der Sache, mit der sie handeln, als am unternehmerischen Tätigsein an sich. Dennoch haben, wenn auch in entfernterem Sinne, auch solche Unternehmer in gewisser Hinsicht ihre Leidenschaft (selbstständig wirtschaftlich tätig zu sein) zum Beruf gemacht. So etwa der deutsche Unternehmer und Hochschullehrer Günter Faltin, dem größten Importeur von Darjeeling-Tee weltweit, der angibt, sich mit Tee nicht wirklich auszukennen.

Unternehmer, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben, würden ihrer Tätigkeit (wenn auch in anderer Form) auch nachgehen, wenn sie nicht einträglich wäre. Folglich schwindet die klare Trennung von Freizeit und Arbeitszeit, von Zweck und Mittel; sie fließen ineinander, etwa, wenn der Videothekenbetreiber im Urlaub in einer anderen Stadt in Filmgeschäften stöbert, auf Filmfestivals Austausch pflegt und Kontakte zu anderen Cineasten knüpft, Informationen rund um Filme und Menschen, die an ihnen beteiligt sind/waren, einholt oder ganz einfach selbst einen Film ansieht und sich somit in einer Zeit, die weder genuin Freizeit noch Arbeitszeit ist, Expertise aneignet, die ihm in seinem Berufsalltag zuträglich ist.

Und genau daraus ergibt sich auch eine Lücke, die etwa das Überleben einiger weniger Videotheken, wie etwa auch Alphaville, sichern könnte, allen legalen und illegalen Konkurrenten zum Trotz – denn für viele Konsumenten ist die Videothek nicht nur Bezugspunkt für Filme, sondern auch Ort des Austauschs über selbige. Es ist der persönliche Raum, in dem Erfahrungen, Präferenzen und Neuentdeckungen geteilt werden können. Gerade heute, in der die allgemeine Kälte vielerorts beklagt wird, in der eine Nachfrage nach persönlichem Austausch und Kontakt besteht, die gezeichnet ist von Massen-Abfertigung und Ent-Personalisierung, vor allem im städtischen Bereich, tun sich Lücken für kleinere Geschäfte auf.

Solange Internetforen diese kommunikative Funktion nicht vollends übernehmen (wobei sich die Frage stellt, ob sie das aufgrund ihres meta-persönlichen Charakters überhaupt können), besteht durchaus noch Platz für (um beim Eingangsbeispiel zu bleiben) einige wenige Videotheken, die über den Verleih hinaus auch Raum bieten für persönliche Kommunikation zum (eigentlichen) Thema des Geschäfts; wo man sich etwa einen Film zu jedem wie auch immer gearteten Thema empfehlen lassen kann oder einfach nur auf einen Plausch vorbeischaut.

Die Zeit der „Videothek um’s Eck“, in der ein gelangweilter Student hinter dem Tresen sitzt und auf jede Frage bezüglich des Bestands reflexartig mit einem „ich schau mal im Computer nach“ antwortet, die also Ausdruck der oben genannten unpersönlichen Massenabfertigung ist, scheint indes gewiss abgelaufen zu sein. Kein Grund zur Trauer.

09. September 2010

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