14. September 2010

Erfolgreicher Tabubruch Thilo Sarrazin und die Medienmeute

Ein härteres Kaliber als frühere Kampagnenopfer

Der Pulverdampf hat sich fürs Erste verzogen. Die Diskussion fokussiert sich mittlerweile auf das Wesentliche, nämlich auf das Geld. Welche Bezüge Thilo Sarrazin in Zukunft erhält, ist für manche allemal interessanter als seine Beiträge zur Debatte über Integration und Sozialstaat. Mit typischen Neidreflexen kann man den SPD-Politiker madig machen.

Es ist also an der Zeit, sich einmal in Ruhe mit dem „Fall Sarrazin“ zu befassen. Die Analyse „Der Fall Sarrazin – Heft 15 der Wissenschaftlichen Reihe des Instituts für Staatspolitik“ ging jedenfalls weg wie „geschnitten Brot“. Angesichts der erhitzten Diskussion über das neue Buch des Bundesbankers schnellte die Nachfrage nach der Studie aus dem Hause von Kleinverleger Götz Kubitschek rasant in die Höhe. Das Produkt der geistigen Anstrengungen der Arbeitsgruppe „Zuwanderung und Integration“ des Instituts für Staatspolitik schaffte es sogar in die Bestsellerliste von Amazon.

„Der auf einem Rittergut in Schnellroda (Sachsen-Anhalt) lebende Kubitschek setzt fest auf eine größere Plattform für die neue Rechte durch die Sarrazin-Debatte. Sein kleiner Verlag Antaios profitiert schon davon: Die dort passend zu Sarrazins Buch erschienene 48-seitige Studie ‚Der Fall Sarrazin - Verlauf einer gescheiterten Tabuisierung’ hat dem Verlag für ihn ungewohnte Verkaufszahlen von mehreren tausend Stück beschert“, schreibt die Nachrichtenagentur „dpa“.

Die Lektüre des schmalen Bändchens lohnt schon deshalb, weil sie einmal wieder zeigt, dass große Teile der politischen Klasse Deutschlands nicht mehr in der Lage sind, ernsthafte Debatten in intellektueller und moralischer Redlichkeit zu führen. Den Aufschlag macht Ruprecht Polenz, der einen EU-Beitritt der Türkei geradezu herbeisehnt. Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ ist für ihn bloß ein neuer „Aufguss seiner islamfeindlichen und menschenverachtenden Tiraden gegen muslimische Migranten“. Dieser hohe Ton ist beispielgebend für die Sarrazin-Kritiker. Sie verzichten auf eine sachliche Auseinandersetzung mit dessen Thesen und setzen stattdessen voll und ganz auf moralische Empörung.

Zunächst widmet sich die Studie dem im Oktober 2009 geführten Interview Thilo Sarrazins mit der Zeitschrift „Lettre“. Schon damals konnte es sich kaum ein Politiker oder Journalist verkneifen, seinen Senf zu Sarrazin abzusondern. Eine besonders unrühmliche Rolle spielte in diesem Zusammenhang bereits der Dienstherr Sarrazins, denn dieser hatte den Text seines Interviews vorab an Bundesbankpräsident Weber „zur Freigabe“ weitergeleitet. Dies hinderte den ehrgeizigen Weber nicht daran, anschließend seine entschiedene Distanzierung zu den „diskriminierenden Äußerungen von Dr. Thilo Sarrazin“ zu Protokoll zu geben.

Schon bei der ersten Kampagne gegen den ehemaligen Finanzsenator von Berlin wurde deutlich, dass dieser kein so leichtes Opfer für die politische Korrektheit sein sollte, wie es der CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann oder die Tagesschau-Moderatorin Eva Herman noch gewesen waren. Außerdem zogen die Medien diesmal nicht einhellig mit, da einige Blätter des bürgerlichen Lagers nicht mitzogen. Volker Zastrow hatte in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS) den deutschen PC-Diskurs wie folgt beschrieben: „Es soll Redefreiheit nur im Rahmen dessen geben, was man hören möchte“. Auch die „Bild“-Zeitung schwenkte bald um, da das Massenblatt das Ohr an Volkes Stimme hat.

Sarrazin entpuppte sich überdies als ein härteres Kaliber als frühere Kampagnenopfer. „Er kann sich wehren und ist das Provozieren und das Aushalten von Widersprüchen gewohnt. Eine politische Karriere, mit der er erpressbar wäre und derentwegen er die Dolchstöße neidischer Parteifreunde fürchten müsste, braucht er nicht mehr“, so die Studie aus dem Institut für Staatspolitik.

Eine besonders unappetitliche Rolle spielte währenddessen der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, der Thilo Sarrazin in eine geistige Reihe mit Göring, Goebbels und Hitler gestellt hatte. Dem Kommentar von Michael Wolffsohn zur großen Moralkeule Kramers, der erst als Erwachsener zum Judentum übergetreten war, lässt sich nichts hinzufügen: „Will der Konvertit Kramer uns geborenen ‚Alt-Juden’ beweisen, dass er der bessere Jude ist? 100 Prozent reichen, 150 sind zuviel“.

Als Fazit der Debatte sowohl über das Interview Sarrazins mit „Lettre“ als auch über sein Buch lässt sich sagen, dass die Schere zwischen der schweigenden Mehrheit und der Politik immer weiter auseinanderdriftet. Die Unterdrückung des Offensichtlichen, dass nämlich Integration in weiten Teilen gescheitert ist, erzeugt Zorn bei der Mehrheitsbevölkerung, die mehr Integrationsanstrengungen von Seiten der Migranten erwartet.

Abseits der reflexhaften Eruptionen der deutschen Berufsempörten stellt sich die Frage, ob Sarrazins Behauptungen einer Überprüfung standhalten. „Sarrazin hat eine längst überfällige Debatte über Massenzuwanderung, Integrationsverweigerung, Parallelgesellschaften, den demographischen Wandel und den kurz vor dem Kollaps stehenden Sozialstaat in Deutschland angestoßen, die größte seit dem Streit um die Änderung des Asylrechts in den neunziger Jahren“, so die Studie. Zahlreiche „Behauptungen“ Sarrazins lassen sich wissenschaftlich belegen. Fest steht beispielsweise, dass Ausländer in Berlin wesentlich häufiger arbeitslos sind (20,7 Prozent) als Deutsche (14 Prozent). Deutschlandweit war die Arbeitslosenquote von Ausländern 2007 mit 20,3 Prozent etwa doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung.

Von den 2007 in Deutschland geborenen 684.862 Kindern hatte nachweislich rund die Hälfte (338.684) einen deutschen Vater und eine deutsche Mutter, der Rest hatte mindestens einen Elternteil mit Migrationshintergrund, beziehungsweise war die Nationalität des Vaters unbekannt. Eine gewisse demographische Dynamik, die Sarrazin mit den Worten „Die Türken erobern Deutschland, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate“ plastisch auf den Punkt gebracht hat, lässt sich also nicht abstreiten. Die Aufzählung von Städten, in denen die Unter-Fünfjährigen zu über 60 Prozent über einen Migrationshintergrund verfügen, macht dies noch einmal deutlich: Nürnberg (67 Prozent), Frankfurt am Main (64,6 Prozent), Düsseldorf (64,9 Prozent) und Stuttgart (63,6 Prozent).

„Im großen und ganzen hat Sarrazin recht“, lässt sich die Schlussfolgerung aus dem „Fall Sarrazin“ ziehen. Im Gespräch mit dem „Deutschlandradio Kultur“ hat der linke Sozialwissenschaftler und Journalist Andreas Speit das „kleine Büchlein“ aus der Edition Antaios damit abgetan, dass es „aus dem Spektrum der Neuen Rechten, also aus dem Spektrum der extremen Rechten der Bundesrepublik“, komme. Solche Verdikte aus der Perspektive des Hausmeisters für moralische und politische Hygiene sind viele Deutsche leid. Sie warten daher schon gespannt auf den 4. Oktober. Dann nämlich erscheint „Sarrazin lesen. Was steckt in ‚Deutschland schafft sich ab’?“. Weil nun eine sachliche Debatte aufgrund vielfach hysterischer Reaktionen nur langsam zustande komme, untersuchen die Autoren Götz Kubitschek, Karlheinz Weißmann, Thorsten Hinz, Markus Abt, Martin Lichtmesz und Andreas Vonderach ebenso das Verhältnis von öffentlicher zu veröffentlichter Meinung, wie die politischen Perspektiven einer „Liste Sarrazin“. Und sie fragen, warum frühere, oft weit über Sarrazin hinausgehende Warnungen vor einer Überfremdung kein Gehör fanden.


Literatur:

Der Fall Sarrazin. Verlauf einer gescheiterten Tabuisierung. Studie 15 des Instituts für Staatspolitik. Edition Antaios, 40 Seiten, geheftet, 5.00 Euro.


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