Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Märkte und Mächte: Die Symmetrie des Marktes und die Asymmetrie der Politik

von Gérard Bökenkamp

Ansatz zu einer Philosophie der Geschichte

So komplex die Welt auch sein mag, sie beruht im Kern auf einfachen logischen Zusammenhängen. Mit knappen, allgemeinen, tautologischen Aussagen lassen sich Phänomene entschlüsseln, deren Beschreibung ganze Bibliotheken füllt. Die Marktkräfte von Angebot und Nachfrage verhalten sich als Größen zueinander symmetrisch. Beide haben unter der Bedingung freier Preisbildung die Tendenz sich anzugleichen. Keinem kommt ein natürliches Übergewicht gegenüber dem anderen zu. Anders verhält es sich mit Gewalt und Frieden. Gewalt und Frieden verhalten sich zueinander asymmetrisch. Der Gewalttäter kann mit den Mitteln der Gewalt einen Friedfertigen zum Einsatz von Gewalt zwingen. Der Friedfertige kann aber mit den Mitteln des Friedens den Gewalttäter nicht zum Frieden zwingen. Die Dominanz gewalttätigen Verhaltens und politischer Macht in der Geschichte lässt sich auf diesen Zusammenhang zurückführen. Darum ist ein pessimistisches Menschenbild, eine Theorie von natürlicher Aggression und genetischer Disposition (auch wenn es für ihre Existenz gute Belege gibt) nicht notwendig, um zu erklären, warum die Welt so wenig dem Ideal von Freiheit, Frieden und Selbstbestimmung entspricht.

Frieden und individuelle Freiheit sind zivilisatorische Leistungen, Gewalt und kollektiver Zwang entstehen fast von allein. Der Konfliktforscher Peter Waldmann schreibt: „Wenn innerhalb einer Gruppe einige wenige, im Extremfall nur ein Einzelner Gewalt zur Schlüsselressource der Machtverteilung erklärt, nützt es dem Rest der Gruppenmitglieder wenig, dagegen im Namen einer gütlichen Austragung von Meinungsverschiedenheiten und Konflikten zu protestieren. Letztlich können sie den Durchsetzungsanspruch des Gewaltbereiten nur in die Schranken weisen, wenn sie sich auf eine Auseinandersetzung einlassen, d. h. ihm wiederum mit Gewalt begegnen. Damit eine auf Konsens gegründete Ordnung funktioniert, müssen sich alle Beteiligten auf sie einlassen. Um dem Prinzip des Stärkeren zur Durchsetzung zu verhelfen, bedarf es nur der Initiative weniger.“ Daraus ergibt sich, so Waldmann, das Sicherheitsdilemma: „Das Dilemma besteht darin, dass es sich angesichts der von potentiellen Gewaltakteuren ausgehenden Bedrohung keine Gruppe oder Partei leisten kann, auf jeglichen Selbstschutz zu verzichten.“ Das ist der Grund, warum es zwar pazifistische Individuen, aber langfristig keine pazifistischen Gesellschaften gibt. So wie ein Teil der ökonomischen Ressourcen überall auf der Welt und zu jeder Zeit für Nahrung aufgewendet werden musste, müssen auch Ressourcen für Schutz und Sicherheit aufgewendet werden.

Die hier vorgestellte Herleitung ist streng tautologisch und deduktiv im Sinne der Praxeologie von Ludwig von Mises. Der Friedfertige ist dadurch definiert, dass er keine Gewalt ausübt und daher keinen Zwang. Da er keinen Zwang ausübt, kann er per Definition niemanden zu etwas zwingen. Daher kann er auch niemanden zwingen, auf Zwang zu verzichten. Daher kann der Friedfertige auch per Definition niemanden dazu zwingen, friedfertig zu sein, es sei denn, er greift auf das Mittel des Zwangs zurück und wird damit zwar nicht in seinen Intentionen, aber doch in seinen Methoden dem Aggressor ähnlich, wenn nicht – wie in vielen historischen Fällen geschehen, identisch. Diese Asymmetrie zwischen dem Gewaltanwender und dem Friedfertigen ist neben den Prinzipien der Ökonomie wohl das wichtigste konstitutive Prinzip, um den Lauf der Geschichte und die Entwicklung der Gesellschaft zu erklären. So wie die Symmetrie von Angebot und Nachfrage alles Marktgeschehen konstituiert, so konstituiert die Asymmetrie von Gewalt und Frieden die Politik. Diese Asymmetrie ist ursächlich für die Bildung von Staaten, Imperien und Bündnissystemen, für Diplomatie und Besteuerung. Sie erklärt, warum einige der frühesten urbanen Zeugnisse der Menschheit Stadtmauern sind.

Diese simple Asymmetrie ist der entscheidende Grund dafür, dass der Anarchokapitalismus als historisches Phänomen vor allem an der geopolitischen Peripherie wie im mittelalterlichen Island aufgetaucht ist. Ohne die Gewalt-Asymmetrie wäre eine libertäre Gesellschaft keine Theorie, sondern die historische Wirklichkeit seit Menschengedenken. Bei absoluter Gültigkeit des Antiagressionsgebotes wäre rein logisch gar keine andere Welt denkbar als eine libertäre, friedliche, herrschaftsfreie, auf Kooperation und Verträgen beruhende Ordnung. Ein kleines Gedankenexperiment verdeutlicht das: Würde in einem Paralleluniversum jeder Erdenmensch, der seine Hand gegen das Leben und Eigentum eines anderen erhebt oder überhaupt nur mit dem Gedanken spielt, von den Göttern sofort mit dem Blitz erschlagen werden, dann wäre eine anarchokapitalistische Ordnung nicht nur möglich, sie hätte sich wahrscheinlich sogar nur als solche und nicht anders entwickelt, ja nicht anders entwickeln können. Die Ordnung beruhend auf freiwilligen Verträgen wäre die einzige Ordnung, die überhaupt als Option übrig bliebe, wenn die Ausübung von Zwang schlicht unmöglich und damit die Gewalt-Asymmetrie aufgehoben wäre. Sie ist die Notwendigkeit als Folge von logischem Ausschluss. Wenn alle Gewalt ausgeschlossen ist, dann bleibt allein die Freiheit übrig.

Dies wäre in der Tat eine apolitische Welt. Sie wäre auch tatsächlich ahistorisch insofern, als dass es eine politische Geschichte gar nicht geben würde, sondern nur einen technischen Fortschritt und damit verbunden die Veränderung von Produktionsverhältnissen und Vertragsnetzwerken, die aus freien Entscheidungen resultierten. Die gesamte politische Geschichte beruht auf dem Prinzip der Asymmetrie zwischen Gewalt und Friedfertigkeit, so wie der Markt auf der Symmetrie von Angebot und Nachfrage beruht. Das vermittelnde Element des Marktes zwischen Angebot und Nachfrage ist der Tausch, das bestimmende Prinzip der politischen Welt ist der Zwang. Diese zwei Sphären, die sich aus Prinzipien a priori konstituieren, überlagern sich und durchdringen die gesamte Welt des Sozialen. Ein vollkommen freier Markt wird durch das Gewaltprinzip verhindert, die totale Herrschaft durch die permanente Wirksamkeit der Marktgesetze begrenzt. In welchem Bereich und in welchem Maße der freie Markt durch politische Eingriffe eingeschränkt wird, das heißt die Symmetrie des Marktes von der Asymmetrie der Macht überlagert wird, entscheidet über die konkrete historische Ausgestaltung der Wirtschaft und über das Maß von Freiheit und Wohlstand. Um die Welt, wie sie war und wie sie ist, zu verstehen muss man Einsicht in beide Sphären gewinnen: in die ökonomischen Prinzipien und die Prinzipien der politischen Herrschaft. Geschichte ist daher die Geschichte von Märkten und Mächten.


Literatur:

Ludwig von Mises: Human Action. A Treatise on Economics.

Peter Waldmann: Zur Asymmetrie von Gewaltdynamik und Friedensdynamik am Beispiel von Bürgerkriegen und bürgerkriegsähnlichen Konflikten, in: Gewalt, hrsg. von W. Heitmeyer, H.-G. Soeffner, Frankfurt a. Main 2004.

14. September 2010

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