04. Oktober 2010

Oswald Kolle Sex und Politik

Dein Volksvertreter, das unbekannte Wesen

Am 24. September 2010 ist der Journalist, Autor und Filmproduzent Oswalt Kolle verstorben. Er war derjenige, so der Schweizer Publizist Armin Mohler, der den Deutschen den „ersten vollausgeleuchteten Farbfilm-Koitus“ beschert hat. Kolle war ein Wegbereiter der sogenannten Sexwelle und hat Drehbücher zu Dokumentarfilmen wie „Das Wunder der Liebe“, „Deine Frau, das unbekannte Wesen“, „Dein Mann, das unbekannte Wesen“ oder „Sexreport 2008 – So lieben die Deutschen“ geschrieben. Der Tod Kolles soll Anlass sein, sich einmal mit einer intelligenten konservativen Kritik der Sexwelle zu beschäftigen, die besagter Armin Mohler im Jahr 1972 unter dem Titel „Sex und Politik“ veröffentlicht hat.

Mohler näherte sich dem Thema damals „vom Standort des ‚Normalverbrauchers’“. Bekanntlich hatte der intime Kenner der „Konservativen Revolution“ in Deutschland und vormalige Privatsekretär Ernst Jüngers ein äußerst distanziertes Verhältnis zum Christentum. Für Mohler stand fest, dass ein Christ eigentlich nur auf der Seite der politischen Linken stehen könne. Die Haltung der Kirche zur Sexwelle bringt er in seinem Büchlein folgendermaßen auf den Punkt: „Es gibt Geistliche, die gegen sie wettern wie einst Abraham a Sancta Clara gegen die Sittenverderbnis. Und es gibt Geistliche, die es mit der Anpassung (aggiornamento) an den Zeitgeist so ernst meinen, dass sie eine Nudisten-Hochzeit zelebrieren oder gar ein homosexuelles Paar zusammengeben“.

Mohler näherte sich dem Phänomen, das in Deutschland insbesondere durch das Wirken Kolles um sich griff, nicht als konservativer Mucker, sondern mit gesundem Menschenverstand. Die vielgeschmähten viktorianischen Zeiten hätten doch auch ihr Gutes gehabt: „Was heute an Sexualia in den Illustrierten ausgebreitet wird, wurde damals in den sogenannten Gesundheitsbüchern nur lateinisch und erst noch kompliziert verschlüsselt beschrieben. So konnte man noch selber auf Entdeckungsreisen gehen; heute ist überall Beate Uhse schon dagewesen“. Die Sexwelle, so seine Erkenntnis, würde die „Konsumenten“ – entgegen ihrem Programm – um die Sache selbst bringen und mit Ersatz abspeisen.

In politischer Hinsicht deutete Mohler die Sexwelle als einen Ausschnitt des Generalangriffs auf Institutionen und Riten, auf Tabus und Gewohnheiten. Doch wenn alles erlaubt sei, verliere das Geschlecht jede Spannung: „Die beste Illustration dafür ist die Sexwelle und die von ihr erträumte und in Fragmenten auch verwirklichte ‚permissive society’. (Diese ‚gestattende Gesellschaft’, so wörtlich, ist eben die Gesellschaft, in der alles erlaubt ist.)“ Die Propagandisten der Sexwelle, denen die Leistungsgesellschaft verhasst gewesen sei, hätten aus dem Geschlecht den Sex als Leistungssport gemacht. Außer dem wirklichen Sport sei der Sex daher heute die einzige Domäne, wo man dem sonst so verabscheuten „Leistungsdruck“ gegenüber Ausnahmen mache, schrieb Mohler: „Sport und Sex sind die Domänen, wo ein Mitglied der ‚leisure class’ keuchen darf, ohne damit unter sein Niveau zu gehen. Das ist in der Tat von höherer Komik“.

Und auch für Liberale hatte Mohler in seiner Studie eine nette Episode parat, die er beim Studium der „Zeit“ vom 21. Januar 1972 aufgespürt hatte. Nach Angaben des linksliberalen Blattes hatte der schwedische Abgeordnete Sten Sjoeholm einen recht ungewöhnlichen Vorschlag gemacht. Um die freischaffenden Prostituierten von den Straßen zu bekommen, empfahl der Vater dreier unmündiger Kinder, die Prostitution entweder zu verbieten oder sie unter staatliche Kontrolle und Verwaltung zu stellen. Nach seiner Ansicht sollten die Männer und Frauen in den verstaatlichten Bordellen für eine gewisse Zeit Beamtenstatus mit Beförderungsmöglichkeiten und Pensionsberechtigung erhalten. Wie die Debatte über den verbeamteten Sex im schwedischen Parlament letztlich ausgegangen ist, verschweigt Mohler leider.

Vielleicht wäre dies ja mal eine gute Idee für den Oppositionsführer Sigmar Gabriel, der ja schon mal Pop-Beauftragter seiner Partei gewesen ist und seiner wieder stramm (Vorsicht: Phallussymbol!) nach links marschierenden SPD die Idee von verbeamteten Sexarbeiterinnen sicher populistisch schmackhaft machen könnte. Auch ein gesetzlicher Mindestlohn sollte sich rasch definieren lassen.


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