07. November 2010

Deutschland-Safari Mit Halali zum Holocaust-Mahnmal

Henryk M. Broder und Hamed Abdel-Samad "treiben die Dialog-Kultur auf die Spitze"

(BERLIN, Anfang November 2010). Noch ist es in diesem Land nicht 5 vor Zwölf, sondern 25: Um 23.35 Uhr (jeweils sonntags, ab 07. November 2010) startet die ARD die 5-teilige Reportage "Entweder Broder – Die Deutschland-Safari". Auf dieser wird der provokante jüdische Publizist Henryk M. Broder von dem "renitenten Moslem" Hamed Abdel-Samad begleitet. Letzterer wurde 1972 als Sohn eines Imams in einem Dorf bei Gizeh in Ägypten geboren. Noch bevor er lesen und schreiben konnte, so Abdel-Samads Selbstdarstellung, kannte er den Koran auswendig, mit 18 hatte er gar beschlossen, Islamist zu werden. Inzwischen jedoch ist er vom "vom Glauben zum Wissen konvertiert", deutscher Staatsbürger und Mitglied der 2. Deutschen Islamkonferenz. Dabei ist die Botschaft seines aktuellen Werkes "Der Untergang der islamischen Welt" (Droemer/Knaur) nicht unbedingt positiv, denn – so der ebenfalls provokante Abdel-Samad – das schlechte an dieser Nachricht sei, dass die deutsche Gesellschaft das nicht mehr erleben werde. Was nun aber erlebt der Zuschauer?

Eine ebenso respektlose und befreiende Abräumung beinahe sämtlicher potemkinschen Dörfer der politischen Korrektheit. Die erste Folge, "Von Adolf bis Allah", bietet hierfür zahlreiche Beispiele. Dies beginnt bei der grotesken wie auch prototypischen Erklärung eines türkischen Backstubenverkäufers, der vollkommen unislamisch lebt, aber gleichwohl mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit archaische Ehrbegriffe zu definieren versucht. "Der Chip ist drin", so das Fazit des "renitenten Moslems" Abdel-Samad, das Phänomen erscheine ihm wie ein Apple mit Atari-Programm. Unterhaltsam ist auch der Besuch auf einer Schulungsveranstaltung der NPD. Durch ein Spalier von Gegendemonstranten mit "Nazis raus!"-Rufen gelangt das Duo zu einem Häuflein von etwa einem Dutzend Personen – und ist ernüchtert. Abdel-Hamad: "Davor sollen wir Angst haben?". Wie später bei den ehemaligen SED-Eliten – die die beiden im Gebäude der Tageszeitung "Neues Deutschland" empfangen, und die Flucht über die DDR-Grenze mit dem Kick des S-Bahn-Surfens vergleichen – sieht Hamed auch hier lediglich "ganz normale Menschen, die in ihrer Rolle gefangen sind – so wie Broder in seiner Rolle." Es ist die Rolle des notorischen Clowns und Provokateurs.

Deutlich wird dies auf der Fahrt zum Holocaust-Mahnmal, als dort – anlässlich des fünfjährigen Jubiläums – ein Bürgerfest gefeiert wird. Broder kommentiert die Versammlung bereits, indem er als wandelnde Holocaust-Stele hinzutritt. Die Äußerung des Historikers Eberhard Jäckel, dass andere Länder die Deutschen um dieses Denkmal beneiden würden, sieht Broder – nicht zuletzt mit Blick auf den Schuldfaselbart Thierse – als typisches Beispiel für den "Sündenstolz" (Hermann Lübbe). "Diese Leute", so Broder weiter, "feiern den Holocaust, als wäre es Woodstock." Dabei, so fügt er an, wären schon mehr Besucher zum Mahnmal gekommen, als im Holocaust umgekommen seien. Auch stünde das Mahnmal nun schon länger, als der Holocaust überhaupt gedauert habe. Ein Abstecher zur KZ-Gedenkstätte Dachau unterstreicht indes Broders Fazit vom "Sündenstolz". O-Ton: "Die toten Juden sind in Deutschland prima integriert", an einem lebenden könne man dagegen schlecht einen Kranz niederlegen. Die Beurteilung des Besuches in der Gedenkstätten-Kantine, bei dem Broder zu viel zu sich nimmt, kokettiert schließlich mit dem moralischen Imperativ des Gedenkzirkus, als Broder mit ironischem Unterton mahnt: "Das darf nie wieder passieren!".

Aus libertärer Sicht interessant ist auch Broders Bekenntnis zu dem "klugen" Satz "Arbeit macht frei". Denn erst durch die eigene Arbeit, so Broder, werde der Mensch frei. Freilich weiß er zugleich, daß dieser Satz durch den Nationalsozialismus kontaminiert ist. Doch auch Abdel-Samad weiß zu provozieren, als beide in ihrem aufgemotzten Auto "Kurt" an einer Bahnstrecke vorbeikommen. Auf Broders Kommentar "Hier waren wir schon mal", entgegnet sein Partner trocken: "Das sagen Juden immer, wenn sie Gleise sehen." Dennoch ist Abdel-Samad niemals so provozierend wie sein Partner, wie das Beispiel "Menschenverachtung" zeigt. O-Ton Broder: "Was heißt menschenverachtend? Wen sollen wir denn sonst verachten, Surfbretter?". Dementsprechend erscheint auch der Begriff "Integration" nicht länger ominös. Denn, so wiederum Broder, "wenn du dich scheiße benimmst und keiner nimmt es dir übel, dann bist du integriert."


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